Don’t Imitate – Innovate!

Frauenpower im Islam: Ein Tagungsbericht

 

Frauenpower: Fitness-Studio für muslimische Frauen in Köln. Foto: dpa

Unermüdliche Gelehrsamkeit und der Glaube gehören zum Islam, doch in Köln ermöglichte die Berliner Friedrich-Ebert-Stiftung Anfang Juni eine frauenspezifische und damit eher ungewöhnliche Kombination aus beidem. Kein Schleier, kein Dschihad, kein Kalifat! Das ist ein Grundsatz von Irshad Manji, kanadischer Publizistin und politischer Islam-Aktivistin, die offen lesbisch lebt und als Kind aus dem Uganda des Diktators Idi Amin geflohen war. Auf der bereits 2. Frauen-Islamkonferenz, die unter dem Motto «Woman Power im Islam - Frauenrechtliche Orientierungen für das 21. Jahrhundert» stand, referierte die praktizierende liberale Muslima vor rund 150 Frauen und einer Handvoll Männer. Die Autorin von «Der Aufbruch - Plädoyer für einen aufgeklärten Islam», bekannt durch ihre beißende Kritik an der erstarrten männlichen Religionsdeutung, sprach von der westlichen Islam-Erfahrung. Seit Erscheinen ihres Buches im Jahr 2003 und ihren Erkenntnissen zu Israels Palästina-Geschichte, Demokratie und Dissensfähigkeit, hat sie in fast 30 Ländern und vielen Sprachen die innerislamische Debatte auch dank Internet belebt. Noch vor Beginn hatte die Kölner Presse die Schirmherrin der Tagung und Bundestagsabgeordnete Lale Atgün (SPD) zitiert, die den türkischen Staat vorführte, weil dieser in Deutschland mit einem Staatssekretär, 13 Religionsattachés und 700 Imamen die Moschee-Vereine über die Türkisch-Islamische Union DITIB frauenfeindlich steuere. Wie nicht anders zu erwarten widersprachen ihr Tagungsteilnehmerinnen vom Türkischen Amt für Religiöse Angelegenheiten (Diyanet) heftig, während andere darin einen weiteren Beleg für die Politisierung des Islam sahen.

Treffen wie diese beleuchten ganz plötzlich die kontroverse, auch inner-islamische Diskussion, die religiösen Grundfragen von höchster Brisanz können sich zu politischem Dissens steigern. Der Koran, hieß es, sei als oberste Instanz auch die Methodik für muslimische Menschen, dennoch zählten kritische Hermeneutik, weibliche Standpunkte und feministische Textexegese nicht minder, denn der islamische Feminismus gewinnt seine Beweiskraft aus den Schriften. In Richtung der Ex-Muslime wurde nicht Abkehr, sondern Erneuerung als Ziel formuliert. Das brachte muslimische Bildungsexpertinnen auf den Plan.

Die sich mit oder ohne Kopftuch religiös bekennenden Aktivistinnen aus den USA, Kanada, Jordanien, Marokko, Sudan, Jemen, Luxemburg, Serbien, den Niederlanden, Bulgarien und natürlich Deutschland, waren wie a- und anti-religiöse westliche und nichtwestliche Frauen vorwiegend Islam- oder andere Wissenschaftlerinnen, Politikerinnen, Anwältinnen, Ärztinnen oder Journalistinnen, also hochgebildet und auf ihre Weisen emanzipiert. Mit dem Terrain vertraut, gewohnt, Differenzen und Gemeinsamkeiten zu Islam und Frauenpower offensiv gegen patriarchalische Interpretationen von Koran und Traditionen zu vertreten, bastelten sie während und im Anschluss an Podiumsdebatten und Workshops an globalisierten Netzwerken künftiger Kommunikation. Konsens war, dass eine Frauendiskriminierung weder gottgewollt noch sozial akzeptabel ist. Manche leiteten dies aus Koran oder Sunna und dem Prophetenwort ab, denn der Glaube an Allah sei die Gewissheit, dass dieser Männer und Frauen gleichermaßen und als Gleiche liebe. Andere argumentierten historisch, kulturell, sozial- oder politökonomisch. Notwendig sei es, muslimische Frauen in der Dritten und Vierten Welt aus traditionellen Fesseln zu befreien; strittig blieb, ob es um Modernisierung des Islams oder Islamisierung der Moderne, um Kritik des Korans oder kritische Analyse der Korandeutungen gehe, ob islamische Traditionen Authentizität schaffen und was Gründe für die islamische Radikalisierung sein könnten.

Der Islam ist eine Zeitreise, darum verändert sich die Botschaft. Die seit 1.400 Jahren verstummten weiblichen Stimmen müssen im Sinne des pluralistischen Korans wieder zu hören sein. Gleichzeitig waren archaische Auslegungen und extrem frauenfeindliche Missdeutungen der Scharia nicht nur für Nigeria, Teile Indonesiens und den Sudan Thema. Dass sei nicht Islam, wurde eingewandt, sondern Abkehr. Das Patriarchat verhindere die Modernisierung. Alles folgt aus Quellen, auch das Verschweigen, und doch müsse Kritik politisch sein, selbst wenn die Hin- wie Abwendung von Glauben, Regeln und Symbolen ideologisch interpretiert wird. Das Dilemma der Buchstabengetreuen liegt wohl auch darin, dass Zitate einander widersprechen, so bei der Verortung des Platzes für Mädchen und Frauen in Paradies und Hölle.

Zur innermuslimischen Debatte, ob und wie die seit Mitte des 10. Jahrhunderts nach den Offenbarungen für immer verschlossen geglaubte Tür der Korandeutungen geöffnet werden könne, meinten nicht-muslimische Expertinnen, dass alle Tore dem heutigen islamischen Wissen entsprechend weit offen wären. Blind für Veränderungen ist die Islamfeindschaft. Eine muslimische Welt gibt es nicht, aber weltweit leben muslimische Mehr- und Minderheiten, die einerseits grundverschieden, andererseits auf Dialog angewiesen sind. «Ist Gleichberechtigung mehr als Gerechtigkeit?» wurde gefragt und auch, was die Frau für den Islam wichtig mache. Im Umkehrschluss ging es um die Rolle muslimischer Männer.

Im Eröffnungsreferat diskutierte die USAmerikanerin Amina Wahdu, eine in der streng islamischen Männerwelt angefeindete feministische Professorin für Islamwissenschaften, die Menschen- als Frauenrechte und den Reformislam als „muslimische Antwort auf die Erfordernisse der Zeit". Der Affront der korantreuen Gelehrten, die mit Vehemenz das fünfmalige tägliche Gebet als die Stufen ritueller Findung pries, bestand darin, vor Männern und Frauen öffentlich ein Freitagsgebet zu leiten. Nach ihrem Koranverständnis wird das durch islamisches Frauenrecht legitimiert. In Köln wurde ihr Islamweltbild skeptisch aufgenommen.

Als Sinnbild der Freiheit des und im Islam der westlichen Welt erhitzte immer wieder die Kopftuchdebatte das Klima. Ein Teil der Frauen nannte das Verbot in der Türkei und Tunesien eines Verletzung des Menschenrechts auf freie Religionsausübung, im Gegenzug argumentierten andere, ein Kopftuchzwang wie in Saudi- Arabien und im Iran behindere die Menschenrechte nicht minder. Dafür wurde das jüngst modernisierte marokkanische Familienrecht als ein Beginn familiärer Angleichungen und Vorstufe zur Emanzipation begrüßt. Don't imitate - innovate! «Es fehlt uns an Vorbildern », sagte die junge korangelehrte Anwältin aus Amsterdam, die jährlich zehn muslimische Mädchen aus anatolischen Dörfern unterstützt, denen sonst Bildung verwehrt bliebe. Kein Weg führt an klaren Strategien zur Schulbildung für Mädchen, gegen fremdbestimmte Ehemündigkeit und Ausgrenzungen aus dem öffentlichen Leben, für Gesundheitsvorsorge, gegen Analphabetentum, Armut und häusliche Gewalt in vielen Teilen der Welt vorbei. Auffällig war, wie homosexuelle Belange ausgespart blieben; interessant, dass Mädchen und Frauen aller Lebensalter in den 50er und 60er Jahren im Irak durch Gesetz zu elementarer Bildung verpflichtet waren, doch Krieg, Terror und Sanktionen haben das längst beendet.

Allein im heutigen Europa leben zwischen 15 und 30 Millionen Muslime, Ex-UdSSR und Balkan nicht mitgezählt. Die Hälfte ist weiblich. Eine junge Frau aus Deutschland, erfolgreich zum Lehrberuf Naturwissenschaften ausgebildet, wird wegen Kopftuch am Berufseinstieg gehindert. Junge Männer gleich starker religiöser Bindung, lachte sie, haben kein solches Problem. Selbst Atatürk wäre heute Feminist und würde das Verbot des für manche überflüssigen und für andere unerlässlichen Kopftuchs aufheben. Schließlich ließen selbst die islamischen Quellen zweierlei Deutung zu. Das alles wird zu bedenken sein in diesem Europa, das Raum für den Diskurs schafft, der in islamischen Staaten fehlt. Ob und wie sich westliche Muslima in ihren afrikanischen, asiatischen und nahöstlichen Schwestern spiegeln, das hängt - wie in Köln zu erleben - nicht zuletzt von Bildung, soziokultureller Positionierung und wechselseitiger Sympathie ab. Religion erklärt so manches, aber eben nicht alles.

Irene Runge

«Jüdische Zeitung», August 2008