«Wir alle glauben an einen Gott»

Weltkonferenz für den interreligiösen Dialog verurteilt den Terror

 

Der Generalsekretär der Islamischen Weltliga, Abdullah Mohsen Al-Turki, in Madrid. Foto: dpa

Mit einem Aufruf zum gemeinsamen Einsatz gegen Terrorismus ist am 18. Juli die «Weltkonferenz für den interreligiösen Dialog» in Madrid zu Ende gegangen. An der dreitägigen Dialog-Konferenz, die auf Initiative des saudischen Königs Abdullah stattfand, nahmen über 200 Vertreter von Judentum, Christentum und Islam, aber auch von fernöstlichen Religionen teil. «Meine Brüder, wir sollten der Welt klarmachen, dass Unterschiede nicht notwendigerweise zu Streitigkeiten führen müssen», sagte der saudische König Abdullah bei der Eröffnung der Weltkonferenz. Unter den prominenten Teilnehmern waren unter anderen der Präsident des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog, Kardinal Jean-Louis Tauran, der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, der Generalsekretär des Jüdischen Weltkongresses, Michael Schneider, und der Vorsitzende des Al-Azhar-Rates für den interreligiösen Dialog, Ali Samman. Organisiert wurde die Begegnung von der Muslim World League; vorher war vereinbart worden, dass politische Fragen, wie etwa die Situation im Irak, der israelisch-palästinensische Konflikt oder die nuklearen Ambitionen der iranischen Regierung nicht zur Debatte stehen sollten.

Kardinal Tauran bekräftigte in Madrid, dass Christen, Juden und Muslimen der Glaube an den einen Gott, die Verantwortung zur Bewahrung der Schöpfung und die Überzeugung von der Heiligkeit der menschlichen Person gemeinsam seien. Zugleich dürfe Dialog aber nicht zu einem Synkretismus führen, also zu einer Vermischung der Religionen und einem Profilverlust. Es sei nicht richtig, «dass alle Religionen mehr oder weniger gleich sind», so Tauran. Allerdings hätten alle Menschen, die aufrichtig Gott suchen, die gleiche Würde. «Wir hoffen, dass diese Begegnung die Basis für einen ständigen Dialog zwischen Islam, Christentum und Judentum legen kann», erklärte der saudiarabische Informationsminister Jaled Al-Qasibi. Es gehe darum, die Hindernisse für die gegenseitige Verständigung zwischen Religionen, Kulturen und Gesellschaften zu überwinden. Der Generalsekretär der Muslim World League, Abdullah Mohsen al-Turki, bekräftigte, dass es das Ziel sei, gemeinsame Fragen «wie Ethik, Familie und Bewahrung der Schöpfung» zu behandeln. Gesellschaftliche Probleme wie Terrorismus, die Zerstörung von Familien und die Ausbeutung der Schwachen seien das Ergebnis einer «spirituellen Leere», hatte zuvor König Abdullah betont, der als Hüter der Heiligen Stätten in Mekka besonderes Gewicht in der islamischen Welt hat.

Vor der Zusammenkunft argwöhnten Skeptiker, dass es sich dabei womöglich nur um PR handeln würde, die von denjenigen Kräften im Islam ablenken sollte, die für Terror und Gewalt gegenüber Zivilisten verantwortlich sind. In voreiliger Kritik hieß es auch, das Ganze wäre eine antizionistische Veranstaltung ohne israelische Beteiligung; sie ließ aber außer Acht, dass mit Rabbiner David Rosen, dem Vorsitzenden des International Jewish Committee on Interreligious Consultations aus Jerusalem, auch ein anerkannter israelischer Repräsentant anwesend war. Unter vielen weiteren jüdischen Teilnehmern waren die orthodoxe, die konservative, die Reform- und die Jewish-Renewal-Bewegung aus den USA vertreten; man sah mit Rabbiner Michael Paley auch einen hochrangigen Mitarbeiter des United Jewish Appeal aus New York, außerdem eine Reihe jüdischer Experten für interreligiösen Dialog, den Stellvertreter des Oberrabbiners von Großbritannien, Rabbiner David Lister, den Direktor des Latin American Jewish Congress, Claudio Epelman, sowie einen jüdischen Republikaner, der seit Jahren im Gespräch mit religiösen Führern im Iran ist: Kurzum, ein breites Spektrum jüdischen Lebens.

Rabbiner Rosen erinnerte in Madrid mit Bezug auf muslimische Fragen zu Judentum und Zionismus daran, dass wirklicher Dialog auch Verständnis dafür erfordert, wie der Andere sich selbst betrachtet, und erklärte, dass der Großteil der jüdischen Gemeinschaft eine religiös begründete Verbindung zwischen dem Volk Israel und dem Land Israel sieht, auch wenn manch ein Jude seine Schwierigkeiten damit haben mag, wie die israelische Regierung und ihre Politik diese Verbindung zum Ausdruck bringen. Rabbiner Rosen, der auch Director of Interreligious Affairs des American Jewish Committee ist, zeigte sich sehr zufrieden mit der Eröffnungsrede des saudischen Königs: Man könne nur hoffen, dass der hier eingeschlagene Weg fortgesetzt und zum Erfolg geführt werden könne. Dialog sei wichtig, Abgrenzung hingegen fördere nur gegenseitige Radikalisierung. Für den Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses, Ronald S. Lauder, war die Konferenz in Madrid ein «aussagekräftiges und zeitgemäßes Vorhaben». «Die religiösen Führer haben die Pflicht, zusammen zu arbeiten,, um den Respekt vor ethischen Werten wieder herzustellen und einen „Clash of Civilizations" zu verhindern.»

Der Terror gegen Andersdenkende sei eines der entscheidenden Hindernisse für Dialog und Zusammenleben, heißt es in der Schlusserklärung der Weltkonferenz. Terrorismus sei ein umfassendes Problem, dessen Bekämpfung gemeinsame internationale Anstrengungen erfordere. Das Problem müsse klar umrissen und von seinen Wurzeln her bekämpft werden. Zugleich kündigten die Teilnehmer weitere regelmäßige interkulturelle und -religiöse Treffen an. In der Vergangenheit seien alle Dialogversuche zwischen den Glaubensrichtungen gescheitert, sagte König Abdullah in Madrid. Er forderte einen «konstruktiven Dialog» zur Eröffnung eines neuen Kapitels der Versöhnung.

Hartmut Bomhoff

«Jüdische Zeitung», August 2008