Hochzeit mit Hindernissen

Mazal tov? Ein Erfahrungsbericht aus Baden

 

Trotz allem: "Mazal tov" für den Bund fürs Leben. Foto: privat

«Kol sasson we'kol simcha, kol chatan we'kol kalla», stand auf der Einladung zur ihrer Hochzeit am 1. Mai dieses Jahres: «Stimme der Wonne und Stimme der Freude, Stimme des Bräutigams und Stimme der Braut.» Ein frommer Wunsch, doch für die jungen Brautleute, C. und J., war die Harmonie auf ihrem Weg hin zur Chuppa bald getrübt. In einem Brief an den Oberrat der Israeliten Badens haben die beiden Anfang Juni ihre Erfahrungen mit den beteiligten Kultusbeamten und deren Kompetenzgerangel beschrieben. Eine Antwort oder gar ein Zeichen des Bedauerns steht aber noch immer aus.

Die Trauung von C. und J. sollte die erste Chuppa seit Jahrzehnten in ihrer Verwandtschaft sein, außerdem - der Bräutigam stammt aus den Niederlanden - die erste in Deutschland. Eigentlich ein rundum freudiger Anlass, auch für die Jüdische Kultusgemeinde Karlsruhe, die Heimatgemeinde der Braut, in der schon ewig lang keine jüdische Hochzeit stattgefunden hatte. Man einigte sich auf eine Chuppa in Karlsruhe, wo C. ihr bisheriges Leben lang Gemeindemitglied war und wo sich das Paar kennengelernt hatte. Sie wandten sich nun an verschiedene Ansprechpartner, um zu fragen, wann das Ereignis denn stattfinden könnte. Die Vorschläge, unter anderem vom früheren Kantor und Religionslehrer der Karlsruher Kultusgemeinde, Pierre Nauciciel (jetzt Straßburg) liefen auf einen Termin zwischen Pessachende und Rosch Chodesch hinaus. Eine Chuppa in der Omer-Zeit? Möglichen Vorbehalten konnten die Experten den lokalen Minhag entgegenhalten. Schon Ende Oktober wandte man sich an die Gemeinderrabbiner der Gegend, um zu erfragen, wer denn am 1. Mai bei einer Chuppa in Karlsruhe amtieren würde. So kam das Paar zu Rabbiner Michael Bar-Lev in Pforzheim.

Beim ersten und einigen Treffen Anfang November 2007 in Pforzheim brachten C. und J. alle ihre jüdischen Dokumente und Nachweise mit. Mit den Nachweisen vom zukünftigen Bräutigam war Rabbiner Bar-Lev sofort zufrieden. Die Braut zeigte ihm den Nachweis ihrer Mitgliedschaft in der Jüdischen Kultusgemeinde Karlsruhe, ihre Geburtsurkunde, in der auch ihre jüdische Religionszugehörigkeit steht, sowie die Geburtsurkunde der Mutter. «Letztere interessierte Rabbiner Bar-Lev nicht», erinnert sich die Braut. «Zugleich wiesen wir auch darauf hin, dass die Groß- sowie Urgroßeltern der Braut im Jüdischen Adressbuch für Groß-Berlin aus den 30er Jahren verzeichnet seien.» Auch diese Information interessierte den Rabbiner nicht. Er gab sich mit den Nachweisen zufrieden und sagte zu, die Chuppa am 1. Mai durchzuführen. Dass das Überprüfen der jüdischen Identität nötig ist, versteht sich von selbst. «Wir können im Nachhinein jedoch auch darauf hinweisen, dass Rabbiner Bar-Lev sich bei den Terminen, die wir bei ihm hatten, ausschließlich um diese Überprüfung kümmerte. Es fand keinerlei der Situation einer Hochzeit gemäßes stimmungsvolles Gespräch statt.»

Drei Monate vor der Chuppa, als das Paar schon mitten in den Hochzeitsvorbereitungen steckte und einige Gäste bereits ihre Reise organisiert hatten, begannen dann die ersten Probleme: Rabbiner Bar-Lev stellte auf einmal alles in Frage und schien die Chuppa nicht mehr durchführen zu wollen. Er sprach lauter Nebensächlichkeiten an, unter anderem, dass der Saal, in dem die Chuppa stattfinden würde, möglicherweise nicht koscher sei. Ausreden? Oder mangelndes Zutrauen zu sich selbst? C. und J. waren daraufhin soweit, eine andere Person zu nehmen, auch außerhalb Baden-Württembergs. Die Karlsruher Gemeinde wünschte jedoch keinen liberalen Rabbiner und auch nicht, dass ein befugter Kantor aus Heidelberg die Chuppa durchführen würde. Ende Januar gab das Paar dem Karlsruher Kantor alle Dokumente, für den Fall, dass Bar-Lev die Chuppa nicht durchführen würde. Unter den Dokumenten befand sich die Ketubba der Tante, die erst später eingetroffen war.

Michael Bar-Lev erklärte sich schließlich Anfang Februar bereit, die Chuppa zu leiten, und teilte dies dem Kantor aus Karlsruhe sowie dem Vorstand der Jüdischen Gemeinden Karlsruhe und Pforzheim mit. In den Wochen vor der Chuppa sprach sich das Paar telefonisch mit dem Rabbiner ab, und alles schien in Ordnung zu sein. Am Schabbat vor der Chuppa erhielt der zukünftige Bräutigam den traditionellen Toraaufruf in der Karlsruher Synagoge. Anwesend war auch Rabbiner Mordechai Mendelson (Chabad Lubawitsch Baden), der von der Familie selbst bei den Planungen der Chuppa nicht involviert worden war. «Mendelson ging zum Bräutigam sowie zu den Familienmitgliedern und gratulierte, was uns rückblickend als heuchlerisch erschien.» Denn zwei Tage später, drei Tage vor der Hochzeit, erhielten sie von Rabbiner Bar-Lev die Information, dass dieser soeben von Rabbiner Mendelson angerufen worden war, der in Frage stellte, ob die Mutter der Braut überhaupt jüdisch sei. «Die Überprüfung der Dokumente war dabei das erste gewesen, was Bar-Lev bereits beim ersten Treffen ein halbes Jahr zuvor gemacht hatte. Hätten nötige Papiere doch noch gefehlt, so hätte er monatelang Zeit gehabt, sie einzufordern!»

Die Frage, warum ein Chabad-Vertreter, der nicht als Gemeinderabbiner fungiert, überhaupt für diese Statusfragen zuständig sein sollte, sei dahin gestellt. Was nun aber geschah, war, dass sich beim Brautpaar und der bereits angereisten Verwandtschaft eine katastrophale Stimmung breitmachte. Der Rabbiner verlangte von der Braut erneut Dokumente, auch einige, die er bereits gesehen hatte: etwa die Geburtsurkunde der Mutter, die ihn anfangs nicht interessiert hatte, sowie die Ketubba der Tante. Er verlangte, diese ihm unverzüglich zukommen zu lassen. Dabei vergriff er sich dem Vernehmen nach im Ton und drohte noch zwei Tage vor der Chuppa, die Trauung nicht durchzuführen, sollte er diese Papiere nicht sofort erhalten. Noch spät in die Nacht vor der standesamtlichen Trauung am Tag vor der Chuppa musste mitgeteilt werden, welche Urgroßeltern in welchem Konzentrationslager umgebracht wurden und auf welchem jüdischen Friedhof die Groß- und Urgroßeltern liegen, auf dass sich dieser Rabbiner schließlich zufrieden gab.

«Ein Rabbiner sollte eigentlich nicht nur ein Gelehrter sein, sondern auch einen gewissen Menschenverstand und psychisches Einfühlungsvermögen haben», resümieren C. und J. Wochen später. Der Hinweis etwa des Kultusdezernenten des Zentralrats, dass grundsätzlich doch ein jeder Jude als Messader Kidduschin diese jüdische Trauung hätte vornehmen können, hilft da im Nachhinein wenig weiter.

Aus Briefen und Gesprächen nach der Chuppa ergeben sich für das Paar neue Ungereimtheiten. So behauptet Rabbiner Mendelson im Nachhinein in einem Brief an den Vorsitzenden des Oberrats, dass der Karlsruher Kantor bereit gewesen sein sollte, die Chuppa selbst zu leiten. Der Bräutigam bemerkt: «Der Kantor sagte uns, er hatte mit Mendelson über unsere Chuppa im Vorfeld nicht gesprochen und habe ihm auch unsere Dokumente nicht gegeben. Er war selbst überrascht, dass der Chabad-Rabbiner sie gesehen hatte. Für uns stellt sich somit die Frage, woher Mendelson die Papiere hatte und ob er sie sich unerlaubt selbst verschafft hat.» Für die beteiligten Familien und besonders für die Eheleute war diese Zeit äußerst nervenaufreibend. Einige Vorbereitungen für die Hochzeitsfeier konnten nicht abgeschlossen werden: «Entsprechend angespannt und erschöpft waren dann alle am Tag der Chuppa, nicht im Stande einen glücklichen Tag zu erleben! Auch die Zeremonie selbst fand anders statt als abgesprochen.» Das Resümee von C. und J.: «Für uns bleibt eine traurige Erinnerung an unsere Chuppa. Schock und Enttäuschung sind bis jetzt noch zu spüren.» Nach diesem Bericht bleibt nur eines zu hoffen: «Gam zu l'towa», möge dies trotz allem sein Gutes haben.

Gideon Wollberg

«Jüdische Zeitung», August 2008