Diesseits und Jenseits

Wie ein kleiner Ort in Israel sich zu schützen versucht

 

Die Mauer, dahinter illegal errichtete Gebäude. Foto: T. Bedrack

Düster hängen die Wolken über Israel. Vom grauen Himmel fallen daumendicke Tropfen und lassen die zwei Meter hohe unfertige Mauer zwischen der kleinen Ortschaft Nir-Zvi und dem arabischen Viertel der Stadt Lod, Pardes-Snir, dunkel und fleckig erscheinen. Die Menschen auf der einen Seite der Barriere gehören der jüdischen Gründergeneration an, die bis heute den Ethos der Landwirtschaft verfolgt und sich zumeist aus Familien zusammensetzt, die aus Lateinamerika eingewandert sind. Auf der anderen Seite wohnen muslimische Araber, die auf eigenem Boden illegal gebaut haben. In ihrer Siedlung ist die Kriminalität so hoch wie sonst nirgends im Land. Bei der Mauer handelt es sich nicht um die große und allseits bekannte Sperranlage, die der jüdische Staat in der Westbank errichtet hat und die das Kernland schützen soll. Die hiesige soll nur anderthalb Kilometer lang werden und um einiges schmaler, sie trennt aber ebenso wie die große Sperranlage zwei Welten, verläuft im Herzen Israels - und hat mit Besatzung nichts zu tun.

Die Mauer ist nur die Ursache, der Grund ist vor sechzig Jahren zu suchen, im Jahr 1948, als der junge Staat entstand und mit ihm neue Städte auf altem Land. Diese wurden oft auf vormals arabischem Grund und Boden errichtet, die Besitzer umgesiedelt und mit entsprechenden Grundstücken entschädigt. So ist es auch mit der Familie von Salach geschehen, die aus dem Dörfchen Scheich Munes stammt, das der Universität von Tel Aviv weichen musste. «Wir wurden hier mit rund zweieinhalb Hektar Land entschädigt», meint der freundliche Mittfünfziger, «die Familie, auf deren Boden Petach-Tikva steht, wurde mit 38 Hektar abgegolten. Der Staat gab uns allen Farmland, auf dem wir anbauen sollten.» Es kam aber nicht ganz so, wie die Politik es sich wünschte, denn die Familien beackerten nicht nur die Felder, sie bauten auch ihre Häuser darauf - die allesamt erst Anfang des neuen Jahrhunderts genehmigt wurden. Auch entwickelte sich die sozioökonomische Situation nicht so, wie es sich die jüdischen Gründungsväter erhofften. Mit der Zeit wandten sich die Einwohner der Kleinkriminalität zu, die heute erschreckende Ausmaße angenommen hat: Pardes-Snir ist polizeiliches Niemandsland, in der sich die Gesetzeshüter nur in Hundertschaften bewegen. Hier werden sämtliche Drogenwünsche der knapp zwanzig Kilometer entfernten Großstadt Tel Aviv erfüllt.

Auf der anderen Seite gestaltet sich der Lauf der Geschichte derweil positiver: 1954 gründen Einwanderer aus Argentinien die ländliche Ortschaft mit dem Ziel, das fruchtbare Land zu bewirtschaften und es so mit sozialistischem Leben zu füllen. Mit der Zeit wurden aus einfachen Landwirten wohlhabende Rentner, das Durchschnittsalter bewegt sich jenseits der fünfzig, der gemeinschaftliche Geist von einst hat sich erhalten: Nur die wenigsten Häuser besitzen Zäune, die meisten Grundstücke sind einsehbar, das nachbarschaftliche Verhältnis ist hervorragend, man kennt sich nicht nur vom Grüßen. Das soll auch so bleiben, weswegen der Wall hochgezogen wird und mehr abhalten soll, als nur lästigen Motorenlärm. «Über unser Grundstück stapfen täglich lichtscheue Gestalten, um dort drüben Drogen zu kaufen», meint der rüstige Bauern-Rentner, dem seine spanische Muttersprache sogar noch nach über fünfzig Jahren im Land anzuhören ist. Er fügt hinzu, dass «auf dem Rückweg diese noch versuchen was mitgehen zu lassen und oft handgreiflich werden. Das ist uns zu gefährlich.» Auch haben sich die nachbarschaftlichen Verhältnisse so weit verschlechtert, dass die jüdischen Farmer Einbußen bei der Ernte hinnehmen müssen, die auf Brände zurück zuführen sind, die «die dort» gelegt haben, so eine Bäuerin. «Wir sind freundliche Menschen. So haben wir anfangs versucht, uns im Guten vor ihnen zu schützen und haben an der Grenze zu Nir-Zvi eine Kaktushecke gepflanzt. Sie sollte ungebetene Gäste davon abhalten unser Land zu betreten - am Tag darauf wurde sie ausgerissen. Wir sehen keine andere Möglichkeit, als uns mit dieser Mauer zu schützen», meint Ruti Schachar, die ebenfalls diesseits der Mauer lebt.

Von der anderen Seite sieht es Aref Muharib. Der 47-jährige Ingenieur, der in Pardes-Snir geboren wurde und bis heute in seinem Geburthaus wohnt, meint den genauen Grund des Mauerbaus zu kennen: «Die Mauer wird aus rassistischen Gründen gebaut, basta. Dass die Farmer sie als „Schallschutzmauer" bezeichnen, ist reine Wortspielerei.» Darüber hinaus ist Muharib der Auffassung, dass das Gebilde einer doppelten Bestrafung gleichkommt. Zum einen lässt der Staat es gewollt zu, dass sich hier eine Drogenszene gebildet hat, zum anderen genehmigt er die Einzäunung der Bewohner. «Man kommt nicht umhin anzunehmen, dass hier aus denselben Gründen eine Mauer gebaut wird, wie bei der Sicherheitsmauer in der Westbank, die die Palästinenser einsperren soll.» Weiterhin klagt der Ingenieur, dass dieses Bollwerk die Bezeichnung «Schallschutzmauer» gar nicht verdient. Entlang der besagten Mauer verkehrten kaum Autos und die nächstgelegenen Häuser der jüdischen Gemeinde seien rund 50 Meter entfernt. «Die Bürger von Nir-Zvi betrachten sich als die israelische Linke, die ja bekanntermaßen nach Ausgleich strebt. Aus diesem Grund können sie es nicht eingestehen, dass es sich lediglich um schiere Trennung handelt.»

Salach indes, verweist auf die berechtigten Sorgen von Nir-Zvi, findet es jedoch befremdlich, dass zuerst die Mauer hochgezogen wurde, bevor die mit Schlaglöchern gepflasterte Strasse ausgebaut war. «Warum wird nicht zuerst in unsere Infrastruktur investiert? Selbstverständlich ist unsere Jugend kriminell, sie weiß ja nicht, was sie mit sich anstellen, wo sie spielen und wo sie sich aufhalten soll. Wen wundert es, wenn unsere Kids rüber gehen und dort Unfug treiben.» Auch kann er nicht verstehen, dass der Wall Vorbedingung für den Bau just dieser neuen Strasse sein soll. Ansonsten hätten die wenigsten Einwohner von Pardes-Snir ein Problem damit. Auf die Frage, weshalb Nir-Zvi nicht hilft, die urbanen Infrastrukturen von Pardes-Snir zu verbessern, um so für mehr Sicherheit zu sorgen, entgegnet Benzi Scheffer, der Rechtsbeistand von Nir-Zvi, dass es weder die Aufgabe der Gemeinde, noch sie dazu in der Lage sei. «Eine Stadt will sich illegal erweitern und ein Dorf hält dagegen. Darüber hinaus hat die Gemeinde rund 900.000 Schekel Sicherheitsausgaben pro Jahr. Das ist einzigartig in Israel und nur um diese Themen geht es. So hoffen wir unsere unbebauten Felder zu erhalten und die Kosten zu senken.» Und auf den Vorwurf der Vorbedingung meint der Anwalt, dass die Straße auf dem Boden der Gemeinde gebaut werden soll. Da wäre es ja nur recht und billig, wenn sie als Entschädigung eine Mauer gegen den Lärm bekäme.

Ob ihr Tun rassistisch motiviert sei, fragt Schachar rhetorisch. «Ganz und gar nicht», entgegnet sie. Nicht die Nachbarn seien Schuld an dieser Lage, es ist der Staat der die arabische Bevölkerung jahrelang vernachlässigt habe. «Wieso kann ich meinen Besitz nicht schützen, wenn es die Polizei nicht tut? Auch wenn es so aussehen mag, als ob unsere Nachbarn die Schwachen und Unterdrückten in dieser Auseinandersetzung sind, ist es nicht so. Ich fühle mich so schwach, wie seit Jahren nicht mehr.» Derzeit entscheidet ein Gericht darüber, ob die Arbeiten an der Mauer zu Ende geführt werden.

Oren Geller

«Jüdische Zeitung», April 2007