«Ein Klagelied ist aus Zion zu hören…»

Der 9. Aw ist zum Symbol jüdischen Schicksals geworden

 

Die Nacht von Tischa be'Aw an der Westmauer in Jerusalem. Foto: dpa

In der Woche von Tischa be‘Aw, des neunten Aw, werden die Torarollen nicht geschmückt: der Trauertag, der nach unserem bürgerlichen Kalender dieses Jahr auf den 10. August fällt, erinnert uns an die Zerstörung Jerusalems und des Tempels: Beide Tempelzerstörungen, die erste 586 vor Chr. durch den Babylonier Nebukadnezar und die zweite 70 nach Chr. durch den Römer Titus, fielen auf den 9. Aw. Der Tag, an dem von Abend bis Abend gefastet wird, ist Abschluss und Zugleich trauriger Höhepunkt der dreiwöchigen Trauer um Jerusalem, die mit dem 17. Tammus begonnen hat. Die Mischna berichtet zudem von drei weiteren Katastrophen, die mit diesem Datum verbunden sind, darunter die Eroberung von Betar durch die Römer im Jahr 135, wonach Jerusalem dem Erdboden gleichgemacht wurde (Mischna Ta'anit 4:6).

Der venezianische Rabbiner Leon Modena (1571-1648), dessen «Jüdische Riten, Sitten und Gebräuche» 2007 von Rafael Arnold auf Deutsch herausgegeben worden sind, beschreibt das Verhalten seiner jüdischen Zeitgenossen zu Tischa be'Aw folgendermaßen: «Am 9. Tag des Monats Aw, der in den August fällt, halten sie ein besonders feierliches Fasten, weil an diesem Tag der Tempel zweimal zerstört wurde und in Flammen stand und Jerusalem erobert wurde. Er beginnt am Vortag eine Stunde vor Sonnenuntergang, oder wenig später. Und sie essen nicht und sie trinken nicht bis zum Abend des folgenden Tages, wenn die Sterne aufgehen. Sie gehen barfuss, oder zumindest ohne Lederschuhe umher. Und sie dürfen sich nicht waschen. Und am Abend gehen sie in die Synagoge und sitzen auf dem Boden und lesen mit viel Wehmut die Klagelieder des Propheten Jeremias. Und so flehen sie am Morgen nach dem Gebet zu Gott. Und an diesem Tag ist es verboten, die Tora oder damit zusammenhängende Dinge zur Erbauung zu studieren, außer Hiob und Jeremias und ähnliches Melancholisches. Nach der abendlichen Mahlzeit verhalten sie sich wie oben beschrieben. Der Sabbat, der auf dieses Fasten folgt, wird Nachamu genannt, was Trost bedeutet, denn mit der Lesung der Haftara aus Jesaja Kapitel 40, ‚Tröstet, tröstet mein Volk! Spricht euer Gott' trösten sie sich und schöpfen Hoffnung auf die Wiedererrichtung des Tempels und Jerusalems. » Die sieben Wochen des Trostes, die auf den Trauertag folgen, führen hin zum Neujahrsfest, zu Rosch Haschana.

Sefardische Juden verbinden den 9. Aw mit dem Stichtag im Jahr 1492, als man sich für den Übertritt zum Christentum oder aber die Vertreibung aus Spanien entscheiden musste. In aschkenasischen Gemeinden enthält die Liturgie mittelalterliche Klagelieder, die die Not und das Morden während der Kreuzzüge beschreiben, unter anderem in Speyer, Worms und Mainz.

Andere schildern das Leiden der Juden von Lemberg und Krakow während des Kreuzzugs gegen die Türken von 1463. Im Talmud heißt es: «Wer am neunten Tag von Aw isst oder trinkt, muss als ebenso schuldig gelten wie der, der zu Jom Kippur isst.»

Hartmut Bomhoff

«Jüdische Zeitung», August 2008