Füßewaschen statt Brit Mila

Männer im Zentrum, Frauen am Rand? Eine Podiumsdiskussion

 

v.l.n.r. Dvora Weisberg, Ruth Sohn, Karen Margolis und Dalia Marx. Foto: dpa

Rabbinerinnen, Kantorinnen, Frauen, die aus der Tora lesen, die Kippa und Talit tragen, gleichberechtigte Gottesdienste: all das ist in den letzten Jahrzehnten möglich geworden. Und zwar in allen jüdischen Bewegungen, die nicht orthodox sind: bei den Reformjuden, bei den Konservativen, bei den Rekonstruktionisten. Aber wie können Frauen mit den Texten umgehen: mit Tora und Talmud, mit Liturgie und Gebeten? Etwa mit dem Morgengebet, in dem Männer Gott danken, «der mich nicht als Frau geschaffen hat»? Diesen Fragen gingen Rabbinerinnen und jüdische Theologinnen aus den Vereinigten Staaten und Israel Anfang Juli bei der Podiumsdiskussion «Our Voices, Our Selves» nach, zu der das Abraham-Geiger-Kolleg und die Synagogengemeinde Sukkat Schalom ins Berliner Jüdische Gemeindehaus geladen hatten.

Lot, heißt es in der Tora, flehte die Männer von Sodom an, doch bitte nicht seine Gäste zu vergewaltigen. Stattdessen bot er kurzerhand seine Töchter an und wies noch darauf hin, dass sie Jungfrauen waren. Heutige Rabbinerinnen fragen sich: Was hielten die Töchter wohl selbst von dem Vorschlag? Die Tora interessierte sich für diese Frage nicht. Sie ist von Männern für Männer geschrieben, so der Tenor der jüdischen Theologinnen. Abraham und seine Söhne wurden als Zeichen des Bundes mit Gott beschnitten. ««Diese biblische Erzählung von damals hat Folgen bis heute», sagt Ruth Sohn, Reform-Rabbinerin aus Los Angeles. «Die Beschneidung ist das allererste, was Gott fordert, und das grundlegende Zeichen des Bundes.» Sie richte sich per definitionem nur an den männlichen Teil des Volkes. Die Konsequenz: Männer stehen beim Initiationsritual im Zentrum, Frauen am Rand. Das gelte zumindest für die Zeit der Tora und für die Anfänge des jüdischen Volkes. Die Frage sei nur: «Wie gehen wir heute damit um? Machen wir so weiter oder ändern wir etwas?»

Schon vor 25 Jahren suchte Ruth Sohn zusammen mit anderen jüdischen Männern und Frauen nach einem Ritual für neugeborene Mädchen, das der Brit Mila gleichwertig sein sollte. Schließlich beschlossen sie, den Mädchen die Füße zu waschen. Die Idee dazu kam ebenfalls aus der Tora: Nach der Beschneidung Abrahams und seiner Söhne erscheint ihm Gott in Begleitung dreier Männer. Denen wäscht er die Füße. Zudem werden Frauen in der Tora oft mit Wasser in Verbindung gebracht. «Das erste Mal habe ich das Ritual des Füßewaschens mit unserer eigenen Tochter erlebt», erzählt die Rabbinerin. «Das war wunderbar.» Seitdem hat sie es mit vielen Familien gefeiert. Es gebe in den Vereinigten Staaten große Reformgemeinden, in denen das Füßewaschen Standard ist, gleichwertig der Brit Mila für Jungen. „Ich habe sogar von einem orthodoxen Ehepaar gehört, das es mit seiner Tochter das Ritual gefeiert und sie so in den Bund mit Gott eingeführt hat», sagt Ruth Sohn, die auch an der Milken Community High School des Stephen Wise Temple in Los Angeles unterrichtet. Solche Säuglingsrituale gibt es in Deutschland noch nicht, wenngleich auch Simchat-Bat-Feiern zur Namensgebung immer mehr Beachtung finden. Und als weibliches Pendant zur Bar Mizwa, zum Übergang in die religiöse Mündigkeit, hat sich in liberalen Gemeinden die Bat Mizwa etabliert: Das Mädchen liest aus der Tora vor und wird so zum vollgültigen Gemeindemitglied. Die erste derartige Einsegnung für Mädchen ist dabei in Berlin bereits für das Jahr 1817 belegt.

Männer stehen im Zentrum und Frauen am Rand - das treffe nicht nur auf die Tora zu, sondern auch auf den Talmud, sagt Professorin Dvora Weisberg vom Hebrew Union College in Los Angeles. Nicht erstaunlich sei es, dass der Talmud die männliche Form benutzt, wenn Männer und Frauen gemeint sein können. Doch selbst wenn über damals typische Frauentätigkeiten gesprochen wird, gebraucht der Text männliche Formen. Im Hebräischen und Aramäischen zeigen nämlich auch die Verben an, ob von einem Mann oder einer Frau die Rede ist. «Es gibt da eine Textstelle, in der jemand seine Wäsche machen lässt. Und der Text tut so, als würden Männer waschen», erklärt Dvora Weisberg. «An einer anderen Stelle wird ein Kind geboren, und obwohl wir alle wissen, dass auch damals die Kinder von Frauen geboren wurden, wird ein Verb benutzt, das den Eindruck erweckt, ein Mann hätte das Kind geboren. Die Beispiele zeigen: Frauen kommen selbst da nicht vor, wo wir sie eigentlich erwarten würden.» Männer seien im Talmud die Aktiven: Sie heiraten oder fassen den Entschluss zu einer Scheidung. Frauen würden hingegen als passiv dargestellt. Sie werden geheiratet, sie werden geschieden. Für die Rabbinen seien Frauen «problematisch» gewesen: begehrenswert, aber gefährlich. «Manche Talmudstellen bewundere ich, und manche finde ich zutiefst verstörend» sagt Dvora Weisberg, die am Hebrew Union College Rabbinische Studien lehrt. Eines kommt für sie aber nicht in Frage: mit der Tradition zu brechen.

Weisberg will die Texte stattdessen anders lesen. «Meine Aufgabe als Frau, als Wissenschaftlerin und als Hochschullehrerin ist es, den Frauen zu helfen, sich in der Tradition wieder finden, sich gleichsam wieder in die Tradition hineinzulesen, damit sie ihren Platz im modernen Judentum einnehmen können», sagt sie. Wer die Texte anders lesen will, könne getrost bei Adam und Eva anfangen. „Traditionell wird Eva kritisiert, weil sie Gottes Gebot umformuliert. Gott sagt, ihr sollt nicht von dem Baum essen, und Eva sagt der Schlange, wir dürfen nicht von dem Baum essen und ihn nicht mal anfassen. Aber wenn Sie sich den Text ansehen, richtet Gott sein Gebot an Adam. Wir können uns also fragen, ob Adam das Gebot falsch wiedergegeben hat, ob die Schuld bei Adam liegt», sagt die Professorin. Frauen brächten beim Lesen von Talmud und Tora eine gehörige Portion Distanz mit, und diese Distanz sei fruchtbar. So seien Frauen eher bereit, die Texte aus der Perspektive der Außenseiter, der «anderen» zu lesen. Aus der Perspektive derer, die von der Tradition vernachlässigt würden. Man müsse sich zum Beispiel fragen, ob Esau in dem Streit mit seinem Bruder Jakob wirklich der Bösewicht ist, so wie es die traditionelle Lesart will. Oder ob sein Ärger nicht verständlich ist: sein Ärger darüber, dass ihm sein Bruder mit List und Tücke das Erstgeborenenrecht abgejagt hat.

Während es bei Tora und Talmud um anderes Lesen geht, ist der Text des Gebetsbuchs im liberalen Judentum verändert worden. Gestrichen worden ist etwa der traditionelle Dank der Männer im Morgengebet, dass Gott sie nicht als Frau geschaffen hat. Neben den Urvätern Abraham, Isaak und Jakob werden auch die Urmütter bedacht: Sara, Rivka, Rachel und Lea.

Jüdische Feministinnen und Rabbinerinnen haben eine Fülle von Segenssprüchen und Gebeten für die Lebenssituationen von Frauen verfasst. So heißt es in einem Text von Rabbinerin Ruth Duvdevani, der nach einer Fehlgeburt gesprochen werden kann: «Ich entspanne meinen Körper und wachse im Wasser/ Soll meine Seele geheilt sein vom lebenden Wasser.» Einen Text, den die Mutter der Braut bei ihrem Bad in der Mikwe anlässlich einer Heirat sprechen kann, haben die Rabbinerinnen Maya Leibowitz und Alona Lisitsa verfasst. «Eigentlich habe ich meinen Studenten immer gesagt, dass wir im Judentum für wirklich jede Situation ein Gebet oder einen Segen haben, sogar wenn man zur Toilette geht», sagt Rabbinerin Dalia Marx, Liturgiedozentin am Hebrew Union College in Jerusalem, die als DAAD-Gastprofessorin derzeit an der Universität Potsdam und am Abraham-Geiger-Kolleg unterrichtet. Doch das mit dem Segen für jede Gelegenheit sei nicht ganz richtig, denn für viele Lebenslagen von Frauen gab es bislang weder Segen noch Gebet.

Bleibt die Frage nach der Anrede Gottes: In den USA gab es Versuche, nur noch weibliche oder geschlechtsneutrale Formen zu verwenden. Eine Zeitlang wollten Reformerinnen alle männlich konnotierten Gottesattribute löschen: Auf keinen Fall sollte er (oder sie oder es) mehr Herr, Vater, Richter, König oder Krieger sein. Rabbinerin Dalia Marx spricht angesichts solcher Verbote von einer «Gedankenpolizei» und plädiert für behutsamere Änderungen. «Sie können im Gebetbuch keine völlige Geschlechtergleichheit einführen. Denn sonst geben Sie viel von den Inhalten preis», gibt sie zu bedenken. Zudem müsse man mit dem Siddur anders umgehen als etwa mit juristischen Texten. Als Beispiel verweist sie auf das Beispiel des Avinu Malkenu, ein wichtiges Gebet in der Liturgie der Hohen Feiertage. «Was wollen Sie machen? Es heißt ‚avinu' -‚unser Vater' und nicht ‚unsere Mutter' und auch nicht ‚unser Elternteil'.» Viele Feministinnen hätten sich an dem Text nicht gestoßen, aber die zahlreichen Änderungsversuche, die folgten, hätten allesamt nicht funktioniert. Denn das Avinu Malkenu sei ein wichtiger Teil der Liturgie und ein sehr emotionaler zudem. «Unsere Ahnen haben es schon rezitiert», sagt Dalia Marx. «Manchmal müssen wir einfach zugestehen, dass in der Liturgie nicht alles gleichberechtigt und ideologisch koscher ist. Aber wir tun, was wir können. » Für die Schriftstellerin Karen Margolis, die in Südafrika aufwuchs, mit ihrer Familie in Berlin zu Hause ist, und die diese Gesprächsrunde im Jüdischen Gemeindehaus moderierte, brachte diese Diskussion eine Vielzahl von Impulsen mit sich: «Ich hätte nie gedacht, dass sich das Gespräch so fruchtbar entwickeln würde. Dies war Networking auf bester Ebene!»

Gerald Beyrodt

«Jüdische Zeitung», August 2008