Russlands sieben Wunder

Die Russen haben entschieden, was sie in ihrem Land für besonders sehenswert erachten

 

Basilius-Kathedrale Moskau. Foto: Archiv

Russland ist ein riesiges Land. Für jeden, der ins Land der Wälder, Wiesen und Flüsse reisen möchte, ergibt sich die Frage, wo man das richtige Russland finden kann? Niemand weiß es. Oder? Vor kurzem haben etwa 26 Millionen Russen darüber abgestimmt, welche Kulturund Naturdenkmäler zu den wahren Wundern ihres Landes zählen. Die landesweite Aktion begann im Herbst 2007 mit einer Internet-Abstimmung. In diesem Jahr wurden die «sieben Wunder Russlands» anlässlich des Nationalfeiertags am 12. Juni auf dem Roten Platz in Moskau verkündet.

 

Der Baikalsee

Der See in Sibirien kann mit vielen Superlativen aufwarten: Er ist der älteste See - 25 bis 30 Millionen Jahre alt, der tiefste - genau 1637 Meter am tiefsten Punkt, der größte - circa 31.500 Quadratkilometer, und noch dazu der reinste See der Welt. Trotz gegenteiliger Meinungen ist das Wasser im Sommer sehr warm. «Kein Wasser der Welt ist mit der Klarheit und Durchsichtigkeit des Baikals vergleichbar», schwärmt etwa Alexej Gontscharow, ein ehemaliger Anwohner des Sees.

Übrigens: Die meisten Russen, die für den Baikalsee als eins der «Wunder Russlands» gestimmt haben, hoffen, dass der neue Status dem einzigartigen Gewässer helfen wird, seine Reinheit und Schönheit zu behalten. Gefahr droht vor allem durch eine geplante Erdölleitung zwischen der russischen Stadt Angarsk und dem chinesischen Dazin, die in unmittelbarer Nähe des Sees vorbeiführen soll. Aber am meisten bedroht wilder Tourismus, der Müllberge am Ufer des Baikals hinterlässt, die Unberührtheit des Sees.

Wer den Baikal besuchen möchte, muss jedoch dessen Abgeschiedenheit berücksichtigen: Die nächste Großstadt, Irkutsk, liegt 70 Kilometer entfernt. Die meisten Touristen reisen daher mit der Transsibirischen Eisenbahn an, deren Haltepunkt Sljudjanka nah am See liegt.

 

Elbrus-Berg im Kaukasus

Extreme und Kontraste gefallen den Russen: von unten nach oben, vom tiefsten See zum höchsten Berg. Der Elbrus im Kaukasus gehört nun auch zur Hitparade russischer Wunder. Heute ist es kaum noch vorstellbar, dass innerhalb des grauen Riesen einst glühende Lava floss. Thermalquellen an den Hängen erinnern an die «heiße» Vergangenheit des Berges.

Der Elbrus liegt im Süden Russlands an der Grenze zwischen den russischen Teilrepubliken Karatschajewo-Tscherkessien und Kabardino-Balkarien. Er hat eine Doppelspitze und sieht so dem zweiköpfigen Adler, der auf dem russischen Staatswappen prangt, ähnlich.

Mit seinem westlichen, 5642 Meter hohen, und östlichen, 5621 Meter hohen, Gipfel ist der Elbrus der höchste Berg Russlands und Europas. Nichtsdestotrotz wurde er bereits im Sommer 1829 vom Kabardiner Kilar Khaschirow erstmalig erklommen. Khaschirow war der erste, aber bei weitem nicht der letzte Mensch, der von der Höhe des Elbrus aus die Erde gesehen hat.

 

Tal der Geysire auf der Halbinsel Kamtschatka

Wegen ihres hitzigen Gemüts haben die Russen vielleicht für die Naturdenkmäler gestimmt, die ihre Herkunft den Vulkanen verdanken. Das dritte Wunder des Landes, das Tal der Geysire, befindet sich in einer Vulkan-Region im Fernen Osten Russlands, auf der Halbinsel Kamtschatka. Es umfasst 200 Naturquellen. Allein 90 Geysire darunter schießen heiße Wasserfontänen in bis zu 30 Meter Höhe!

Als im Juni 2007 das Tal der Geysire von einem Erdrutsch stark beschädigt und zum Teil überflutet wurde, beobachtete ganz Russland atemlos die Vorgänge auf der Halbinsel. Zum Glück ist es diesem Wunder Russlands noch immer gelungen, sich selbst zu retten: Geysire sind auch ohne Menschenhand durch Muren, Materialmassenverlagerungen aus einem Gemisch von Wasser, Feinmaterial und tonnenschweren Blöcken, gedrungen, und wo ein Erdrutsch einem Fluss den Weg versperrt hat, ist ein schöner See entstanden. Im Mai dieses Jahres waren fast alle Geysire wieder aktiv.

 

Peterhof

Peterhof, die Sommerresidenz Peters des Großen in der Nähe von St. Petersburg. Foto: dpa

Obwohl der erste russische Imperator, Peter der Große, niemals in Kamtschatka war, zeigte er sich nicht gleichgültig gegenüber sprudelndem Wasser. In seiner Sommerresidenz in der Nähe von St. Petersburg ließ Peter nicht nur elegante Parkanlagen und prachtvolle Schlösser - nur eins davon ist z.B. das «russische Versailles» - bauen, sondern auch 150 Fontänen und drei Kaskaden, die bis zum heutigen Tag ohne eine einzige Pumpe funktionieren!

Ein Tag reicht nicht aus, um alle Fontänen des Peterhofs zu betrachten. Unter ihnen spenden die so genannten «Schutihi», vom Wort «Schutka», «Witz», hergeleitet, am meisten Freude: in der Gegend stehende, elegante Stahlbäume sprengen urplötzlich ihre Wasserstrahlen und Spritzer hervor. Der unvorbereitete Besucher erlebt dabei sein wahres feuchtes Wunder. Am 15. August feiern die Fontänen Geburtstag, weshalb an diesem Tag für gewöhnlich eine besonders märchenhafte Fontänenshow in Peterhof arrangiert wird.

 

Säulen der Verwitterung

Die geheimnisvolle russische Seele konnte nicht ohne ein rätselhaftes Wunder auskommen: das russische Stonehenge, die so genannten «Säulen der Verwitterung». Das Naturdenkmal im Nordwesten des Landes kam auch in die Hitliste. Die sieben Steinsäulen stehen auf dem Plateau Man-Pupu-Ner in der Republik Komi. Sie sind zwischen 30 und 42 Meter hoch.

Wissenschaftler erklären, dass diese Säulen vor etwa 400 Millionen Jahren hohe Berge gewesen sind. Doch Wind, Regen und Schnee haben sie allmählich zu skurrilen Steinfiguren werden lassen. Die wenigen glücklichen Menschen, die das einzigartige Naturdenkmal mit eigenen Augen gesehen haben - um das Plateau zu erreichen, braucht man ein paar Reisetage - erzählen, dass man in der Nähe hören kann, wie die Säulen tönen, als ob sie miteinander sprächen. Eine Sage lautet, dass einmal sieben Riesen entschieden hätten, das Volk der Mansen, das hier von alters her wohnte, zu überfallen. Aber ein mansischer Schamane habe das nicht zugelassen und die Riesen in Steine verwandelt. Wladimir Torlopow, der Gouverneur der Republik Komi, behauptet auch heute: «Wenn man neben den Säulen steht, fühlt man, dass etwas Überirdisches einen Druck ausübt, und man fühlt sich auf einmal ganz winzig auf der Welt».

 

Die Statue der Mutter Heimat

Die Statue «Mutter Heimat ruft» auf dem Mamajew-Hügel kann man die Verkörperung russischer Vaterlandsliebe nennen. Sie wurde im Gedenken an die Schlacht um Stalingrad, dem heutigen Wolgograd, errichtet. Dort verloren hunderttausende russische und deutsche Soldaten in den Jahren 1942 und 1943 durch erbitterte Kämpfe, Hunger und Kälte ihr Leben.

Das Denkmal ist 85 Meter hoch - zum Vergleich: die Höhe der Freiheitsstatue in New York ist 46 Meter - und der Hügel selbst stellt ein Ehrengrab dar, wo etwa 34.000 Soldaten ihre ewige Ruhe gefunden haben. Das Mahnmal ist bedeutungsbeladen. Die Figur der Mutter Heimat soll Russland verkörpern, ihr erhobenes Schwert die Bereitschaft symbolisieren, bis zum Ende für die Freiheit zu kämpfen. Nicht umsonst zählt der beeindruckende Komplex zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten in Russlands Binnentourismus.

Das Denkmal ist nicht nur wegen der patriotischen Gefühle, die es bei den Russen erweckt, ein wahres Wunder. Die Statue ist auch ein einzigartiges Zeugnis der Ingenieurskunst: die Amplitude der Schwingung des Schwertes kann an windigen Tagen bis zu zwei Meter erreichen. Trotzdem steht die Mutter Heimat, dank eines Systems aus Drahtseilen, völlig stabil.

 

Basilius-Kathedrale

Der letzte Ort auf der Wunder-Hitliste ist für den Touristen am leichtesten zu erreichen: die Kathedrale des Basilius des Glückseligen steht im Herzen Moskaus auf dem Roten Platz. Sie ist eher ein Wahrzeichen von ganz Russland und ein Symbol der sich widersprechenden russischen Seele, als ein richtiges «Wunder». Deshalb waren die Einen bei der Abstimmung der Meinung, es wäre zu banal, die Basilius-Kathedrale zu den sieben Wundern zu zählen, die Anderen behaupteten, dass sie sich nur in den Wänden des Gotteshauses als richtige Russen fühlen könnten.

Der Bau des Gebäudes ist jedoch einzigartig: Die Kathedrale besteht aus acht verschiedenen Kirchen, die um die neunte, die größte, gruppiert sind. Deshalb erscheint das Gotteshaus am Roten Platz in so einer bunten Farbenpracht, ganz so, als sei es ein russisches, nationales Festkleid.

Wer war eigentlich dieser Basilius, auf Russisch Vasilji, der Selige, dessen Namen jetzt die Hauptkirche des Kremls trägt? Laut einer Legende soll der Moskauer Asket und Narr Vasilji Geld für den Bau einer neuen Kathedrale gesammelt, es auf den Roten Platz gebracht und auf die Erde geworfen haben. Niemand habe aber den Mut gehabt, das Geld aufzuheben. So lag es da bis zu dem Tag, als Vasilji fühlte, dass die Stunde seines Todes gekommen war. Dann schenkte er das ganze Geld Zar Iwan dem Schrecklichen, damit dieser eine neue Kirche auf dem Roten Platz bauen könne.

Und es gibt noch eine Legende, wonach Zar Iwan der Schreckliche von der Schönheit der Basilius-Kathedrale so beeindruckt gewesen sein soll, dass er die beiden Baumeister blenden ließ, damit sie nichts Schöneres erschaffen konnten. Niemand weiß, ob es Wahrheit ist, aber in St. Petersburg befindet sich eine andere Kirche, die der Basilius-Kathedrale sehr ähnlich ist. Sie heißt «Erlöser auf dem Blute», wurde aber erst über zweihundert Jahre später erbaut.

Mehrmals drohte der Basilius-Kathedrale die Zerstörung: zuerst durch Napoleon, später wollten die Bolschewiki das Gotteshaus auf dem Roten Platz sprengen. Vor kurzem wurde die Kathedrale vollständig renoviert, Gottesdienste finden wieder regelmäßig statt, und es kommen immer mehr Touristen, um das siebte Wunder Russlands zu sehen.

Walentina Perewedenzewa

«Jüdische Zeitung», August 2008