August 2008

von Corina Teichert und Max Holtmann

 

3. August 1902

Regina Jonas

Regina Jonas         Foto: Archiv

«Ich kam zu meinem Beruf aus dem religiösen Gefühl, dass Gott keinen Menschen unterdrückt, dass also der Mann nicht die Frau beherrscht [...] vom Gedanken der letzten und restlosen geistigen, seelischen, sittlichen Gleichberechtigung beider Geschlechter.» Diese Aussage Regina Jonas', erschienen 1939 in der Frauenzeitung «Berna», kann als Credo der ersten Rabbinerin der Welt gelesen werden. Ihr beruflicher Aufstieg in diese Position sorgte auch im deutschen Judentum der 1930er Jahre für intensive öffentliche und interne Auseinandersetzungen. Die Tochter des Kaufmanns Wolf Jonas und seiner Frau Sara, geborene Hess, wurde im Berliner Scheunenviertel geboren. Zusammen mit ihrem Bruder Abraham wuchs sie in bescheidenen Verhältnissen in einem streng religiösen Elterhaus auf. Jonas besuchte das öffentliche Oberlyzeum in Berlin-Weißensee, erhielt dort im März 1924 die Lehrbefähigung für höhere Mädchenschulen und schrieb sich an der liberalen Hochschule für die Wissenschaft des Judentums ein. Gleichwohl nicht die einzige Studentin, war sie die einzige Frau mit dem Ziel, die Ordination zur Rabbinerin zu erhalten. Ihr Studium finanzierte sie als Lehrerin an verschiedenen Lyzeen. Nach zwölf Semestern bestand sie im Juli 1930 ihre mündliche Abschlussprüfung bei Leo Baeck, einem der damals maßgeblichen Repräsentanten des deutschen Judentums. Ein anderer Prüfer war Eduard Baneth, Professor für Talmudische Wissenschaft, bei dem Jonas zuvor ihre schriftliche Abschlussarbeit «Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?» eingereicht hatte. Er bewertete die Arbeit mit «Gut» und wollte ihr anscheinend die Ordination erteilen. Sein plötzlicher Tod verhinderte Jonas‘ Abschluss mit Rabbinatsdiplom, so dass sie nach ihrem Studium zunächst nur akademisch geprüfte Religionslehrerin war. Sie hielt einige Übungspredigten, aufgrund derer sie Baeck als «denkende und gewandte Predigerin» bezeichnete. Zudem gab sie seit Beginn der 1930er Jahre Religionsunterricht an öffentlichen Schulen sowie an jüdischen Gemeindeschulen. Im Rahmen verschiedener jüdischer Einrichtungen und Organisationen hielt sie Vorträge zu religiösen, biblischen und historischen Themen und zu Fragen der Stellung der Frau im Judentum. Auch vor jüdischen Frauenvereinigungen, wie der Women International Zionist Organization (WIZO) oder dem Jüdischen Frauenbund sprach sie. Dennoch war sie keine Feministin. Ebenso wenig eine Anhängerin des Reformjudentums. Nicht Gleichheit von Frau und Mann, sondern die Gleichwertigkeit der Geschlechter in unterschiedlicher Funktionalität wollte sie innerhalb des Judentums verwirklicht sehen. Nach ihrer endlich erfolgten Ordination am 27. Dezember 1935 beschäftigte sie die Jüdische Gemeinde zu Berlin dennoch nur als Religionslehrerin. Doch durfte sie zusätzlich die rabbinisch-seelsorgerische Betreuung in jüdischen und städtischen sozialen Einrichtungen übernehmen. Nach 1938 sollte Jonas immer häufiger Gemeinderabbiner vertreten, die emigriert oder verhaftet und deportiert worden waren. Bis zu ihrer eigenen Deportation am 6. November 1942 wirkte sie weiter als Rabbinerin, auch im Konzentrationslager Theresienstadt setzte sie ihre Arbeit fort. Innerhalb des von Viktor Emil Frankl geleiteten Referats «Psychische Hygiene» betreute sie Neuankömmlinge, verfasste Vorträge und hielt Predigten. Am 12. Oktober 1944 wurde Regina Jonas nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

 

6. August 1894

Paula Fürst

Die deutsche Reformpädagogin Paula Fürst wurde als zweites und jüngstes Kind des jüdischen Kaufmanns Otto Fürst und dessen Frau Malvine, geborene Rosenberg, im schlesischen Glogau geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters siedelte die Mutter mit ihren beiden Kindern 1906 nach Berlin um. Dort besuchte Fürst eine Höhere Töchterschule und anschießend das Victoria-Luise- Oberlyzeum, wo sie 1914 das Lehrerinnenexamen ablegte. Anschließend studierte sie Französisch und Geschichte an der Friedrich- Wilhelm- Universität zu Berlin. Während ihres Studiums war sie über Clara Grunwald mit der Montessoripädagogik in Berührung gekommen und wurde zu einer überzeugten Anhängerin dieser Erziehungsrichtung. Sie gab ihr Studium auf und widmete sich ganz der Montessoripädagogik. Durch Studien in Rom und Berlin erwarb Fürst ein Diplom, das sie zur Führung von Montessoriheimen und -schulen berechtigte. Ihr wurde die Leitung der ersten Montessoriklasse übertragen, die 1926 in Berlin-Wilmersdorf an der 9. Volksschule eröffnet wurde. Als Mitglied des «Vereins Montessori-Pädagogik Deutschland» hielt sie häufig öffentliche Vorträge über die Prinzipien der Reformpädagogik. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde die Montessoripädagogik als unvereinbar mit deren Ideologie verboten. Zudem wurde Fürst aufgrund ihrer jüdischen Herkunft gezwungen, ihre Stellung als Lehrerin aufzugeben. Noch im gleichen Jahr wurde ihr die Leitung der Theodor-Herzl-Schule angetragen. Diese bereits 1922 vom jüdischen Schulverein gegründete Schule war die einzige zionistisch ausgerichtete Privatschule Berlins. Die Schule erfuhr nach der Machtübernahme einen regelrechten Ansturm jüdischer Schüler. Innerhalb eines Jahres stieg die Zahl von knapp 200 auf 600 Schüler an. Die Theodor-Herzl-Schule war, wie alle der wenigen jüdischen Schulen, die von den Nationalsozialisten erlaubt waren, administrativ der «Reichsvereinigung der Juden in Deutschland» unterstellt. Der Vorsitzende der «Reichsvereinigung», Leo Baeck, bot Fürst die Leitung der Schulabteilung in dieser Institution an. Nach kurzer Bedenkzeit nahm Fürst die Position an, in der ihr sämtliche jüdischen Schulen in Deutschland unterstanden. Im August 1939 begleitete Paula Fürst einen Kindertransport nach London. Nachdem Großbritannien seine Einwanderungsbestimmungen gelockert hatte, konnten 10.000 jüdische Kinder aus Deutschland einreisen. Obwohl viele bereits emigrierte Freunde und Kollegen ihr abrieten, kehrte Fürst nach Deutschland zurück. Nach Kriegsausbruch verschlechterten sich die Verhältnisse an jüdischen Schulen immer drastischer. Die Gestapo forderte ständig, die Personalausgaben für das Erziehungswesen zu senken, so dass unter anderem die Klassengrößen erhöht wurden und bis zu 50 Kinder pro Klasse keine Seltenheit waren. Außerdem wurden ständig Statistiken und Berichte verlangt. Fürst wollte den Kindern wenigstens in der Schule einen Ort der Geborgenheit geben und erließ im März 1942 eine Verordnung, die den Unterricht am Sabbat einführte, um die Kinder länger in den Schulen zu halten, da die Eltern oft in Fabriken Zwangsarbeit leisten mussten. Die Schließung aller jüdischen Schulen Ende Juni 1942 erlebte Fürst nicht mehr. Sie wurde zusammen mit 50 anderen Angehörigen der «Reichsvereinigung» im 16. so genannten Osttransport nach Minsk deportiert. Vermutlich wurde sie in Auschwitz-Birkenau oder einem anderen Vernichtungslager in Polen ermordet.

 

15. August 1885

Edna Ferber

Edna Ferber          Foto: Archiv

Edna Ferber war eine populäre US-amerikanische Autorin. Aus ihrer Feder stammten vor allem die Vorlagen für einige Hollywoodklassiker wie den 1931 gedrehten und mit drei Oscars ausgezeichneter Film «Cimarro» oder den Kassenschlager «Giganten» mit James Dean. Ferber wurde am 15. August 1885 als einzige Tochter ungarisch-jüdischer Eltern in einer kleinen Stadt im US-Bundesstaat Michigan geboren. Sie besuchte die High School und studierte später Schauspiel. Bereits mit siebzehn Jahren schrieb sie für eine kleine Zeitung, die auch einige ihrer Kurzgeschichten druckte. Ab 1911 wurden viele ihrer Kurzgeschichten in gebundener Form veröffentlicht und 1915 folgte ihr erstes Theaterstück «Our Mrs. McChesney». Den zentralen Charakter der Geschichten bildet fast immer eine Frau, die allen möglichen Formen der Diskriminierung begegnet. Ferber pendelt dabei zwischen den sozialen Milieus Amerikas um die Jahrhundertwende und liefert dem Leser ein eindrucksvoll realistisches Bild der amerikanischen Gesellschaft dieser Zeit. Oft lassen die Erzählungen klare sozialkritische Tendenzen erkennen. Das Kernthema ihrer Werke sind historische, aber regional begrenzte Ereignisse in der amerikanischen Geschichte, wie die Besiedelung von Texas oder der Ölrausch in Oklahoma. Für den Roman «So Groß» erhielt Edna Ferber 1924 den Pulitzerpreis. Trotz dieses Erfolges: ihre Popularität begründet der Roman nicht. Vielmehr waren es die Serien und Kurzgeschichten in Zeitungen, die Ferber in allen Teilen der USA bekannt machten. Neben den Verfilmungen einiger ihrer Werke, schreibt sie 1939 und 1963 insgesamt zwei Autobiographien. Am 16. April 1968 erlag Edna Ferber in New York einem Krebsleiden. Die New York Times konstatierte: «Zwar waren ihre Bücher keine tiefschürfenden Werke, doch waren sie lebendig und hatten eine stichhaltige soziologische Basis. Sie war eine der meistgelesenen Autorinnen des Landes und Kritiker der 20er und 30er Jahre scheuten sich nicht, sie die größte amerikanische Schriftstellerin ihrer Tage zu nennen.»

 

17. August 1882

Samuel Goldwyn

Samuel Goldwyn   Foto: Archiv

Schmuel Gelbfisz wurde in Warschau geboren und war das älteste von sechs Kindern in einer Familie chassidischer Juden. Nach dem Tod des Vaters schien es für Schmuel keinen Grund mehr zu geben, in der polnischen Heimat zu bleiben. Zu Fuß macht sich der 16-Jährige 1895 zu einem Marsch durch Europa auf, der erst in England sein vorläufiges Ende finden sollte. Dort verdingte er sich als Gehilfe eines Hufschmieds und ändert seinen Namen in Samuel Goldfish. Mit genügend Rücklagen für einen Atlantiküberquerung verließ Goldfish 1898 England und begab sich nach Kanada. Ohne Hoffnung auf Anstellung und Auskommen, beschloss er bald, nach New York weiterzuziehen. Dort angekommen, fand er einen Job als Handschuhverkäufer. Innerhalb von fünf Jahren bewies sein Talent als Verkäufer und brachte er es in diesem Metier zu beachtlichem Erfolg. Als die Branche 1912 einen Einbruch erlebte, sah sich auch Goldfish zur Neuorientierung gezwungen. Ein Kinobesuch begeisterte ihn für das Filmgeschäft und so überredete er seinen Schwager Jesse L. Lasky, sich an seiner Idee zu beteiligen. Resultat war die Gründung der «Jesse L. Lasky Feature Play Company» im Jahr 1913. Die Firma konnte verschiedene Kassenschlager für sich verbuchen und produzierte bereits im ersten Jahr ihres Bestehens 21 Filme. An der Entstehung der Filme selbst war Goldfish hingegen kaum beteiligt. Er übernahm die schwierige Aufgabe, Geldgeber für Projekte zu finden, die bis dahin nur auf dem Papier existierten. Er bewältigte diese Aufgabe so meisterhaft, dass er auf Basis seines Erfolges bald mehr Einfluss forderte. Seine Ansprüche führten zum Konflikt mit seinem Schwager Lasky und dem später eingestiegenen Adolph Zukor. 1916 kam es schließlich zu einer Einigung und Goldfish wurde aus der gemeinsamen Firma ausgelöst. Aus ihr sollte später der Filmgigant Paramount Pictures erwachsen. Die Anteile, die er sich einst für 7.500 Dollar sicherte, gingen nun für 900.000 Dollar auf Lasky und Zukor über. Diese gewaltige Summe ermöglichte es Goldfish, die Zusammenarbeit mit der Familie Selwyn, die im Filmgeschäft bereits eine feste Größe war, aufzunehmen. Im Zusammenschluss der Kräfte - und der Namen - entstand 1917 die Produktionsfirma Goldwyn Pictures. Der Name gefiel Goldfish so gut, dass er ihn ab 1918 als seinen eigenen annahm. Doch der Erfolg hielt für Samuel Goldfish, fortan Samuel Goldwyn, neue Hürden bereit. Goldwyn Pictures expandierte schnell und so wuchs auch die Zahl der Entscheidungsträger innerhalb der Firma. Der Einzelgänger Goldwyn, oft als kauziger Griesgram verschrieen, kam mit den Strukturen des sich entwickelnden Großunternehmens nicht mehr zurecht. Einmal mehr stand er vor dem Ausschluss aus einer Firma, die er selbst mitbegründet hatte. Mit dem Plan, sich zu verselbstständigen, veräußerte Goldwyn seine Anteile 1923 an Metro Pictures Corporation. Später kauften sich zudem die Louis B. Mayer Pictures ein. So entstanden 1924 die legendären Metro-Goldwyn-Mayer Studios (MGM) in Los Angeles. Mit Gründung der Samuel Goldwyn, Inc. rief Goldwyn 1923 eine Produktionsfirma ins Leben, die vollständig ihm selbst unterstand. Ab 1925 begann die Firma, ihre ersten Filme über den Vertrieb von United Artists zu veröffentlichen. Es standen fast vierzig Jahre Filmgeschichte bevor, die ohne den Namen Samuel Goldwyn nicht hätten geschrieben werden können. Er war Freund oder Widersacher aller Hollywoodgrößen seiner Zeit. Manchmal auch beides, wie im Falle Charlie Chaplins. Goldwyn war ein Querdenker, der überall aneckte und gleichzeitig Unglaubliches vollbrachte. Die dreifach oskarprämierte Verfilmung der Oper Porgy and Bess mit Sidney Poitier und Sammy Davis jr. wurde 1959 sein letztes Projekt. Er zog sich daraufhin komplett aus dem Filmgeschäft zurück und starb 1974 in seinem Haus in Los Angeles. In Erinnerung bleiben wird er als der «Great Independent» und Wegbereiter des modernen Hollywoods.

 

21.August 1973

Sergej Brin

Sergej Brin           Foto: Archiv
Sergej Brin wurde in Moskau geboren. Sein Vater war Mathematiker und arbeitete für die Staatliche Planungskommission zur Erstellung der sowjetischen Fünf-Jahres-Pläne. Wegen antisemitischer Ressentiments im Staatsapparat unter Breschnjew sah er sich 1979 gezwungen samt seiner Frau und dem kleinen Sergej, damals sechs Jahre alt, in die USA zu emigrieren. Als Sohn russischjüdischer Einwanderer stellte Sergejs Biographie demnach nichts Besonderes dar, doch das sollte nicht so bleiben. Zunächst besuchte er die High School und schloss diese 1990 ab, um an der Universität Maryland Informatik und Mathematik zu studieren. Sein Vater, der an selbiger Universität einen Lehrstuhl für Mathematik innehatte, förderte ihn nach Kräften. 1993 schloss Brin das Studium mit Auszeichnung ab. Von familiärer Seite plante man eine wissenschaftliche Karriere, und so dürften Vater und Mutter den Beginn eines Master-Studiums an der renommierten Universität Stanford mit einiger Genugtuung aufgenommen haben. Doch das Schicksal entschied anders. In Stanford machte Brin 1995 die Bekanntschaft von Larry Page, ebenfalls ein junger IT-Student. Beide interessieren sich dafür, wie man bestimmte Informationen aus riesigen Datenmengen filtern kann. Ein Projekt, das wie geschaffen für den rasant wachsenden Internetmarkt Mitte der neunziger Jahre war. Ihre Dissertationen noch nicht abgeschlossen, gründeten Brin und Page 1997 die Firma Google Inc. Die einzige Aufgabe dieses Programms besteht darin, die scheinbar endlosen Datenmengen des Internets nach Stichwörtern zu durchsuchen, die vom Benutzer eingegeben werden. Das war zwar kein Novum, andere Anbieter hatten bereits seit Anfang der neunziger Jahre ähnliche Dienste angeboten, doch deren Effizienz reichte lange nicht an die von Google heran. Was folgte, war eine Beinahe- Monopolstellung auf dem Internetmarkt. Bis heute gibt es bei der Suche nach Inhalten im World Wide Web keine wirkliche Alternative zu «Google». Allein im Mai 2008 besuchten etwa 135 Millionen US-Amerikaner die Seite - fast die Hälfte der Bevölkerung. Die Benutzer haben die Möglichkeit, über Google auf fast acht Milliarden Dokumente zuzugreifen und diese einzusehen. Der heiß erwartete Börsengang 2004 bescherte dem Unternehmen einen dotierten Marktwert von über 50 Milliarden Euro. Sergej Brin wurde so über Nacht zum Multimilliardär. Sein Vermögen wird laut des Wirtschaftsmagazins «Forbes» auf 18,5 Milliarden Dollar geschätzt. Zur Fertigstellung seiner Doktorarbeit ist der junge Entrepreneur indes noch nicht gekommen. Angesichts des bahnbrechenden Erfolgs dürfte dies den Familiensegen jedoch kaum ins Wanken bringen.

von Corina Teichert und Max Holtmann

«Jüdische Zeitung», August 2008