Nichts wie raus... Foto: Filmverleih

Nur wer durchhält, kann out sein

Ein neuer Film lässt wenig Gutes an der alten Idee vom zionistischen Kollektiv. Tot ist die Idee der Kibbuzim aber noch lange nicht

Kaum ein gutes Haar am Kibbuz lässt der deutsch-israelische Film «Sweet Mud». Das Votum wiegt erst einmal schwer, basiert der Streifen doch auf authentischen Erlebnissen einer Jugend im Kibbuz: Regisseur Dror Shaul, so heißt es, ist selbst in einem solchen Kollektiv aufgewachsen. Zudem hat der 35-jährige Israeli für seinen zweiten Kinofilm den Gläsernen Bären der diesjährigen Berlinale eingeheimst - als «Bester Kinder- und Jugendfilm». Darüber kann man sich allerdings wundern, denn jugendfrei ist der Film wohl kaum zu nennen. Die Geschichte des zwölfjährigen Dvir und seiner depressiven Mutter Miri in einem Kibbuz der 70er Jahre eröffnet mit einem mehr oder weniger kultivierten Fall von Sodomie. Auch danach bleibt das Thema Sexualität präsent - Orgien zu Purim und fröhliches Durcheinander im Alltag. Dem größeren Bruder pressiert's auf seinem kurzen Heimurlaub vom Wehrdienst und Dvirs allein stehende Mutter scheint gleich Freiwild zu sein. Der Zuschauer gewinnt den Eindruck, dass man im Kibbuz seiner Unterwäsche nicht sicher sein konnte. Darüber hinaus scheinen Alkohol- und Medikamentenmissbrauch und Sterbehilfe das alltägliche Kibbuzleben zu prägen. Und das ist daher alles andere als rosig, vielmehr voller unausgesprochener Machtstrukturen, verlogener Moral und hinterfotziger Vergeltungen. Der Film zeigt eine Diktatur der Gemeinschaft, die dem einzelnen jedes kleine Glück missgönnt. Da hilft nur noch abhauen.

Eigentlich geht es um Dvirs Erwachsenwerden im Kibbuz, überschattet von der Verantwortung, die er für seine psychisch labile Mutter übernehmen muss. Der ältere Bruder drückt sich, die Großeltern begegnen der Schwiegertochter im besten Falle unterkühlt. Die hat mehrere Klinikaufenthalte hinter sich, kehrt jedoch stets in den Kibbuz zurück. Verbunden in Hass, so stellt sich heraus. Denn das totgeschwiegene Trauma, den Tod oder Selbstmord ihres Mannes, legt Dvirs Mutter der missgünstigen Kibbuzgemeinschaft zur Last. Das üble Image wird im Film nicht revidiert: «draußen» hat Miri Stephan kennen gelernt. In Briefen pflegen der frühere Schweizer Judomeister und die schüchterne Frau ihre Liebe. Zwei Wochen darf Stephan Miri im Kibbuz besuchen, so gewähren die Kibbuzniks in basisdemokratischer Abstimmung. Als statt eines fitten Jünglings ein alter Herr aus dem Bus steigt, ist Dvir schwer enttäuscht. Doch er lernt Stephans aufrichtige Liebe zu seiner Mutter bald schätzen, die Kibbuzbewohner sie neiden. Es kommt zu Handgreiflichkeiten, Stephan muss gehen. Die Mutter verfällt der Hoffnungslosigkeit, Dvirs einzige Verbündete ist seine halbwaise Freundin. Per Fahrrad, zwei Flugtickets in die Schweiz in der Tasche, gelingt ihnen am Ende des Films die Flucht aus der Kibbuz-Misere. Da hat Dvir eine tragische Entscheidung hinter sich: der Mutter den Selbstmord zu ermöglichen.

Das Ideal
Eine engstirnige, abgeschottete Welt - das ist der Kibbuz im Film. Nicht viel ist übrig geblieben vom Ideal, von der Idee, die Ende des 19. Jahrhunderts vor dem Hintergrund grassierender Pogrome in Osteuropa auftauchte: eine neue Lebensform in Arbeit und Gleichheit zu schaffen. Unterschiede sollten keine Rolle mehr spielen, nicht zwischen Mann und Frau, nicht zwischen Arbeiter und Akademiker, nicht zwischen bürgerlicher oder proletarischer Herkunft. Gleichberechtigt und gleichbesitzend sollten Menschen zusammenleben und mit harter landwirtschaftlicher Arbeit ihren Beitrag zu einer neuen Gesellschaft leisten, die basisdemokratisch funktionierte, jedoch auf individuellen Besitz und ausbeuterische Arbeits- und Lohnverhältnisse sowie traditionelle Familienstrukturen verzichtete. Sozialistisch, zionistisch, auch utopisch war die Idee vom Arbeiterstaat in Palästina am Anfang der Kibbuzbewegung. Es galt die «Wüste zum Blühen zu bringen». Und immerhin - trotz vieler Unzulänglichkeiten habe es der Kibbuz zur weltweit bisher größten Kommunebewegung gebracht, so informiert das israelische Landwirtschaftsministerium heute.

Die Gemeinschaftsform des Kibbuz entstand auch aus Notwendigkeit. Ab 1880 wanderten hauptsächlich Juden aus dem Süden Russlands nach Palästina aus. Das individuelle Bewirtschaften des Landes war nicht praktikabel. 1910 wurde deshalb mit «Kvutzat Degania» der erste Kibbuz gegründet. Vorhergehende Versuche gemeinschaftlichen Landwirtschaftsbetriebs waren gescheitert, die unerfahrenen Auswanderer hatten auf arabische Lohnarbeiter zurückgegriffen. In «Kvuzat Degania» war echter Idealismus gefragt - die Arbeit war hart, das Leben asketisch, Krankheiten an der Tagesordnung. Während der 20er Jahre, der Hoch-Zeit des Zionismus, wuchs die Anzahl der Kibbuzim. Für den Landerwerb wurde in aller Welt Geld gesammelt. Vertreibungen der arabischen Landbevölkerung legte die Saat für den Konflikt, der bis heute andauert. Bis zur Staatsgründung Israels 1948 kam den Kibbuzniks eine wichtige Rolle bei der Verteidigung des besiedelten Landes zu. Der junge Staat sah eine Welle von Kibbuzgründungen, bis zu 18 Prozent der Bevölkerung lebten zunächst in der Kollektivform. Während der 60er Jahren genossen die Kibbuzim einen höheren Lebensstandard als der Durchschnitt der übrigen Bevölkerung, denn Kibbuzim boten auch «Service»: Die Gemeinschaftsküche sorgte für Verpflegung, schmutzige Wäsche wanderte in die Wäscherei, für Strom und Wasser zahlte man nichts. Bis in die 70er Jahre wurden Kibbuzkinder zentralisiert in Kinderhäusern erzogen, die Zeit mit den leiblichen Eltern war auf drei Stunden täglich beschränkt. Anders im dorfähnlichen Moshavim: auch hier schlossen sich Menschen zusammen, um gemeinsam Landwirtschaft zu treiben. Das persönliche Leben jedoch blieb Privatsache.

Die Veränderung
Doch die einst strengen Kibbuzideale mussten sich dem Zeitgeist beugen. An der Universität Haifa beschäftigt sich ein ganzes Institut mit dem «Kibbuz und der Idee der Kooperative» und analysiert die Veränderungen der Kibbuzideale im Laufe der Jahrzehnte: Die Basisdemokratie erwies sich als wenig alltagstauglich, genauso das Prinzip der Job-Rotation. Man machte Zugeständnisse an Familienstruktur, Eigentum und Marktwirtschaft. Von der Landwirtschaft hin zur Manufaktur - schon in den 60ern produzierten Kibbuzim für die Nachfrage an Plastikbesteck, Diamantenschleifern oder Munition. Auch der Lohn fand wieder Einzug, denn der Unterschied zwischen Arbeitsamen und Geruhsamen ließ sich nicht aufheben. Faulenzerei, obschon geächtet im Kibbuz, sorgte für Zwist. Heute funktionieren an die 60 Prozent aller Kibbuze nach einem abgestuften Lohnsystem. Kürzlich ist der älteste Kibbuz, «Kvutzat Degania», der vollständigen Privatisierung einen entscheidenden Schritt näher gerückt. Die Bewohner dürfen ihre Gehälter nun gänzlich einstecken, an die Gemeinschaft ist nichts mehr abzuführen - vorerst für ein Probejahr. Allerdings zahlen sie nun eine Einkommenssteuer, die ein Mindesteinkommen für Geringverdiener garantieren soll. Die dortigen Veteranen glauben, nur so den Kibbuz in der heutigen Zeit erhalten zu können.

Besonders einschneidend wurden die Kibbuzkollektive von der israelischen Wirtschaftskrise während der 80er Jahre getroffen, die ohnehin meist am staatlichen Subventionstropf hingen und nicht Herr im eigenen Haus waren - das Land gehörte meist dem Jewish Nationel Fond. 1985 stieg die Inflation in den dreistelligen Bereich, und damit auch die Zinsen. Kibbuze - für ihre Investitionen in Landwirtschaftsgeräte oder Industrieproduktion bisher treue Kreditnehmer bei den Banken - fanden sich unter astronomischen Schuldenbergen wieder. Regierung, Banken und Kibbuzorganisationen schmiedeten zwei große Abkommen gegen das kollektive Finanzdesaster. Bei Verpflegung, Bildung und medizinischer Versorgung musste seither gespart, die Produktion bei gleichen Mitteln erhöht werden. Zum Opfer fiel vor allem ein eherner Wert: das Ideal der Gleichheit.

Heute arbeiten nur noch 13 Prozent der Kibbuzbeschäftigten in der Landwirtschaft, der größte Teil ist in der Industrie tätig. Die bringt 67 Prozent des Umsatzes und macht ganze zehn Prozent der gesamten israelischen Industrie aus. Manche Kollektive haben sich gänzlich umorientiert und bieten der Öffentlichkeit Dienstleistungen wie Anwaltstätigkeit oder Kinderbetreuung an. Der Tourismus hat sich zu einem festen Standbein entwickelt. Einhergehend ist eine zunehmend klassische Rollenteilung zwischen den Geschlechtern. Nach letzten Statistiken dominieren die Frauen in Erziehung, Gesundheitswesen, Tourismus und Hotellerie. Männer arbeiten vorrangig in der Landwirtschaft, der Verwaltung oder auf dem Bau.

Die Globalisierung, so konstatiert das israelische Landwirtschaftsministerium, hat ebenfalls am Kibbuz genagt, die neuen Kommunikationsmittel und zunehmende Mobilität, genauso der Zusammenbruch der Sowjetunion. Eine unvergleichliche Welle von individueller Sinnsuche habe dies ausgelöst und Werte gewandelt - eine Entwicklung, die bis heute am Kibbuz zehrt.

Weniger als zwei Prozent der israelischen Bevölkerung leben heute in Kibbuzim, Neugründungen erlebt die Form des landwirtschaftlichen Kollektivs nicht mehr, am «youth-drain» leidet der Kibbuz schon lange. Die Jugend wandert in die Städte, der Kibbuz altert und schrumpft.

Kibbuzkultur
Die Bedeutung des Kibbuzkollektivs in der Geschichte Israels jedoch wird hochgehalten. Berühmte Leute in Politik, Wirtschaft und Kultur habe der Kibbuz hervorgebracht, so heißt es allenthalben. Immerhin, das Israel Kibbuz-Orchester spielt bereits 36 Jahre und die «Kibbuz Contemporarian Dance Company» rekrutiert ihre Mitglieder ausschließlich aus Kollektiven. Auch der «Kibbuz Artzi Choir» wählt seine Mitglieder aus der Kollektivbewegung. 1958 gegründet gilt er als einer der besten Chöre Israels. Die Mitglieder aus allen Ecken des Landes proben meist an Wochenenden gemeinsam.

Als die «Israel-Erfahrung» findet man den Kibbuz heute oft für Volontäre angeboten. Dass blasse Freiwillige in schöner Kibbuzlandschaft bei harter Arbeit braun und erfahren werden - das hat eine über 40-jährige Tradition. Volontäre waren lange unabdingbar für die Kibbuzim. Meist gab es mehr Arbeit als Hände. Kühe melken und Hebräisch lernen - damit versucht die Kibbuzbewegung auch heute noch anzulocken. Kommen kann jeder zwischen 18 und 35 Jahren. Körperlich fit muss der Kibbuzkandidat allerdings sein, das ist Voraussetzung. Der Aufenthalt dauert von sechs Wochen bis zu sechs Monaten, eine Versicherung zum Beispiel von der Kibbuz-Bewegung ist dafür unbedingt erforderlich. Die Anreise zahlt der Kandidat aus eigener Rechnung, im Kibbuz selbst erhält er ein wöchentliches Taschengeld. Zuweilen wird vorab gewarnt: moderne Kommunikation sei eingeschränkt, es gibt nur wenige Computer für viele Leute. Ein persönliches Mobiltelefon sei daher die beste Möglichkeit für den Aspiranten mit der Außenwelt in Kontakt zu bleiben. Wen weder dies noch der Film abgeschreckt oder ganz im Gegenteil geradewegs angesprochen hat, der kann sich also noch heute auf den Weg machen. Versprochen wird ihm die «Gelegenheit, einen einzigartigen Lebensstil» kennen zu lernen. Die richtige Ausstattung für den Volontär gibt's im virtuellen Kibbuzstore - etwa den Anstecker «Official Kibbuz Virgin» oder das T-Shirt «Dishwashing Dude».

Nina Körner

«Jüdische Zeitung», April 2007