Der sanfte Klangperfektionist

Idan Raichel erschafft mit seinem Projekt emotionale Weltmusik aus Israel

 

Idan Raichel Foto: privat

Wenn die diesjährigen Jüdischen Kulturtage in Berlin am 21. September ihr Programm mit einem Konzert in der wiedereröffneten Synagoge in der Rykestraße schließen, dann spannen sie mit dem letzten Konzert den Bogen zum Festival vor drei Jahren. Damals stand eines der israelischen Ausnahmeprojekte erstmal auf einer Konzertbühne in Deutschland: The Idan Raichel Project. Die Band um den gleichnamigen 30-jährigen Musiker und Produzenten löste an jenem Abend wahre Begeisterungsstürme in Berlin aus. In Israel war der aus Kfar Saba, nördlich von Tel Aviv, stammende Raichel zu jener Zeit längst ein großer Star - gefeiert von Publikum und Medien gleichermaßen.

Der Musiker und Produzent bewegte schon Anfang der Jahrtausendwende, damals gerade Mitte 20, Meilensteine in Israels Musikgeschichte. Kaum ein Album von einem unbekannten Musiker wurde bis dahin in der israelischen Öffentlichkeit so euphorisch aufgenommen, wie Raichels Debüt «Idan Raichel's Project», das 2002 gleich bei einem der größten Plattenmogule Israels, «Helicon», erschien. Es stürmte die Charts, wurde schnell eines der meistverkauften Alben des Landes, mit drei Mal Platin ausgezeichnet. «Idan Raichels Project» wurden quasi über Nacht im ganzen Land bekannt. Songs, wie die Hitsingles «Bo'i» («Komm»), «Im Telech» («Wenn du gehst») und «Medabrim Bescheket» («Leise sprechend») kennt heute jeder in Israel.

 

Internationale Erfolge

Inzwischen ist er nicht nur viel außerhalb Israels auf Tournee, sondern auch eine erste internationale CD-Veröffentlichung «The Idan Raichel Project», eine Zusammenstellung seiner beiden in Israel veröffentlichten Alben, erschienen. Auch nach Deutschland führten ihn die Tourneen in den letzten Jahren zurück, wenngleich der große Durchbruch für Raichel hier noch auf sich warten lässt. Sehr gern komme er in die Heimat seiner Großmutter, wie der sympathische Musiker mit den langen Dreadlocks bei unserem Gespräch in Tel Aviv sagt. Das Publikum habe er hier stets als sehr offen und interessiert erlebt. Von der Großmutter bekam Raichel bei der ersten Reise nach Berlin mit auf den Weg, sich alles gut anzuschauen und ihr zu berichten, wie es heute in Berlin aussieht. Doch dafür ließ der kurze Berlin-Auftritt damals keine Zeit.

Inzwischen trat Raichel mehrmals in Deutschland auf: beim renommierten Masala-Festival in Hannover, in Frankfurt am Main, in Jena oder auch beim größten Weltmusikfestival Deutschlands, dem (TFF) im thüringischen Rudolstadt (die JZ berichtete). Immer gelang es Raichel und seinen Musikern, das Publikum in den Bann zu ziehen. Immer versetzte er es in Staunen, denn zu stark haftet der israelischen Musik das Klischee von Klesmer und zionistischen Gründerzeitweisen an. Zu wenig erwartet das europäische Publikum Musik aus Israel der Art, wie sie Raichel zum Klingen bringt. Inzwischen, so scheint es, haben auch Raichels Auftritte dazu beigetragen, dass das Interesse an israelischer Musik hierzulande zugenommen hat und auch andere Bands zu Konzerten eingeladen werden.

«Im Ausland zu spielen, ist natürlich eine große Chance für uns», sagt Raichel, der im Schnitt 150 Konzerte pro Jahr weltweit absolviert. «Die Leute im Ausland nehmen die Songs auch nicht als Pop wahr, wie in Israel.» Trotzdem ist Raichel vom internationalen Erfolg berührt. Ein großer Teil seiner über 300.000 verkauften CDs gingen in Europa und Nordamerika über den Ladentisch. Was in Israel schlicht unter «israelischem Pop» rangiert, wird im Ausland als «Weltmusik aus Israel» vermarktet, nicht selten mit dem Extravermerk, dass es «kein Klesmer» sei.

Musikfachwelt und Publikum haben auch dank der Fokussierung auf Israel anlässlich des 60. Jubiläums von dessen Staatsgründung in diesem Jahr eine kleine Ahnung von der Vielfalt und Dynamik der dortigen Musikszene bekommen. Bands wie Balkan Beat Box, Boom Pam oder jüngst auch Izabo oder die drei bezaubernden Stimmen von Habanot Nechama beflügeln diesen Trend mit ihren Tourneen oder ersten Auftritten in Europa. Es scheint, dass trotz oder vielleicht auch wegen des Nahost- Konfliktes die Musikszene rund um Tel Aviv gedeiht und endlich auch nach außen dringt. Israels Musikpalette ist bunt. Nahezu kein Musikstil, den es in dem kleinen Land nicht gibt - nahezu keine Mischung, die man hier nicht findet. Und Idan Raichel vereint einige dieser Stile in seiner Musik.

 

Musikerkarriere auf Umwegen

Dabei schwebte dem am 12. September seinen 30. Geburtstag feiernden Raichel nie eine Musikerkarriere im eigentlichen Sinne vor. Idan Raichel versuchte vielmehr nach all den Jahren, die er sich seit seinem 18. Lebensjahr als Session- und Studiomusiker für ganz unterschiedliche Produktionen - unter anderem war er Keyboarder beim populären Songwriter Ivri Lider - verdingte, als Musikproduzent Fuß zu fassen. «Ich wollte meiner eigenen Karriere eine neue Richtung geben und habe überlegt, was ich machen könnte. Ich dachte, es wäre vielleicht gut, ein Demo zu machen, als eine Art Visitenkarte», schildert er im Rückblick die Entstehung der ersten CD «Idan Raichel's Project». «Also nahm ich ein paar Songs auf, die ich selbst geschrieben hatte, engagierte dafür einige Sänger, um zu zeigen, dass ich Musik produzieren, Songs für andere schreiben und sie auch entsprechend umsetzen kann. Außerdem wollte ich zeigen, dass ich Songs covern und Traditionelles modern arrangieren kann.» Mit diesen Aufnahmen bewarb sich Raichel bei verschiedenen Plattenfirmen. Doch statt als Musikproduzent engagiert zu werden und sich mit seiner ganzen Kreativität in den Dienst anderer stellen zu können, war man beim israelischen Plattenlabel «Helicon» so begeistert vom Demo, dass man die Songs sofort und ohne weitere Bearbeitung auf CD pressen wollte. Was bei anderen vielleicht erste Höhenflüge ausgelöst hätte, ließ Raichel grübeln. Entgegen aller anderen Stimmen war er von seinen Aufnahmen, an denen bereits mehrere Dutzend Sänger und Musiker beteiligt waren, nicht hundertprozentig überzeugt. «Ich muss ehrlich sagen, dass ich an mein erstes Album nicht so geglaubt habe. Es wurde in meinem Heimstudio aufgenommen, und man hört am Ende auch eine Tür klappen und so. Es hat so etwas wie eine housliche Atmosphäre...»

Doch gerade das war es, was die Leute so an der Platte und an Raichels Musik faszinierte. Neben dem ganz eigenen Sound fiel der Plattenfirma auch sofort auf, dass hier ein Mann am Werk war, der von sich und den beteiligten Musikern und Sängern absolute Perfektion erwartete. Einer, der bis ins letzte Detail feilt, und für den es immer noch eine Steigerung dessen gibt, was bereits produziert wurde. Dabei gelingt Raichel das Kunststück, dass sein Sound trotzdem nicht abgehoben und künstlich ist. Auch wenn Kritiker ihm vorwerfen, sich immer mehr dem israelischen Mainstream anzupassen und auf seiner zweiten, im Jahr 2005 erschienenen CD «Mi'ma'amakim», «Aus den Tiefen», seinen Stil geglättet zu haben, verbogen hat der Musiker sich in seiner Arbeit nicht. «Es ist die Musik von der Straße. Es ist die Musik von den echten Leuten, keine Musik von Stars oder amerikanischen Berühmtheiten», versucht es Raichel zu erklären. Der jüngste Musiker bei Raichels Produktionen, Itamar Doari, war damals 16 Jahre alt und ist heute ein viel beachteter Perkussionist. Jüngst trat Doari beim TFF Rudolstadt zusammen mit dem arabisch-israelischen Ud-Virtuosen Sameer Makhoul auf und war auf dem Festival gefeierter Star des internationalen Instrumentalprojektes «Magic Tambourin Men». Der älteste Gast, der in Raichels Heimstudio den Aufnahmen seine Stimme lieh, war bereits 84 Jahre alt. Heute leben Raichels Produktionen immer noch von hochkarätigen Gästen. Auf der Bühne vereint er sieben Musiker um sich, einen Stamm von Virtuosen, der aber je nach Konzert auch variiert.

«Ich weiß noch nicht genau, welches Programm es diesmal sein wird», antwortet Raichel bei unserem Treffen, im Hinblick auf sein zweites Berlinkonzert im September. «Ich habe ein Akustik-Piano-Programm zusammengestellt, mit einer speziellen Interpretation meiner Songs, nur mit einem Akustik-Trio und drei Sängern.» Konzerte dieser Form hat Raichel bereits mit Sängern aus dem Senegal, Ruanda oder Kolumbien gespielt. Mit dabei wird neben dem Flötenmeister Eyal Sela auch Perkussionstalent und Zohar-Fresco-Schüler Itamar Doari sein. Raichel wird dazu am Grand Piano begleiten. Er bekommt glänzende Augen, wenn er von seinem Akustikprojekt erzählt: «Was diese Art von Konzerten für uns so interessant macht, ist, dass sie viel intimer sind, auch wenn vielleicht genau so viele Leute kommen wie sonst auch. Der Klang ist viel intimer, es gibt keine Computer und keine große Liveband», schwärmt Raichel.

 

Musik aus dem multikulturellen Schmelztiegel

Die Musik des Idan Raichel Projects ist wie ein Schmelztiegel, ein Abbild der israelischen Einwanderungsgesellschaft. Die Bandbreite reicht von traditionellen äthiopischen Klängen über Pop und Afrobeats bis hin zu Reggae, Downbeats, orientalischer und asiatischer Musik. In welcher Sprache das Idan Raichel Project auch immer agiert, ob Hebräisch, Arabisch oder Amharisch, der Sprache der Äthiopier, es schafft eine Musik, die so emotional ist, dass man sie auch so versteht. Sie ist voller Energie und wird mit modernen Grooves und Drum-Loops, Ambientsequenzen und poppiger Worldmusic kombiniert. Die schon fast wie Hymnen anmutenden Balladen und treibenden Dancebeats werden von den Sängern und Sängerinnen so gefühlsbetont interpretiert, als wären es deren eigene Kompositionen. Ein Sound, der wahrlich einzigartig und beinahe vollkommen ist. Doch fragt man dessen Erfinder, dann unterstreicht der Name Idan Raichel Project gerade dessen Unvollkommenheit und ständige Entwicklung: «Das „Project" ist für mich eher wie eine Umschreibung. In Israel ist es eigentlich undenkbar, dass ein Produzent ein Album unter seinem Namen veröffentlicht. Hätte ich die Platte als Idan Raichel herausgebracht, hätten die Leute gedacht, dass alle Songs von mir gesungen werden, aber das ist nicht so, denn es sind ganz viele Menschen involviert. Bei Auftritten und bei Sessions sind wir acht, aber bei den Aufnahmen sind es weit mehr Leute. Deshalb nenne ich es eben Idan Raichels Project.»

Ein bisschen erinnert die Machart von Raichels Musik an Musiker wie Peter Gabriel, mit dem ihn schon die «New York Times» verglich, oder den indisch-englischen Musiker und Produzenten Nitin Sawhney, den Raichel nach eigener Aussage sehr verehrt und auch imitiert. Trotzdem bleibt Raichels Musik eigenständig und kupfert nicht nur ab. Vergleichbar mit diesen beiden Größen der Weltmusik macht sich Raichel aber durchaus in seinem Talent, große Musiker zu entdecken und zu fördern. Die 34-jährige Sängerin Din Din Aviv, die inzwischen große Erfolge in Israel feiert, ist nur ein Beispiel dafür. Sie sang einen der größten Hits des Projects, «Im Telech», der im Jahr 2003 vom israelischen Armeeradio «Galei Tzahal» und «Radio 3» zum «Lied des Jahres» gewählt wurde.

 

Faszination Äthiopien

Bei «Im Telech» klingen deutlich die äthiopischen Themen in Raichels Musik mit. Die Liebe zu dieser Musik entstand dabei eher zufällig. Nach dem Armeedienst, in dem er mit der Armeerockband durch das Land tourte, wurde Raichel Sozialarbeiter an einem Internat für Immigranten und Jugendliche aus schwierigen Milieus, vor allem äthiopische Kinder. Diese führten ihn in äthiopischen Folk und Popmusik ein, von Mahmoud Ahmed über Aster Aweke bis hin zu Gigi. Raichels Familie dagegen weist deutsche und russische Wurzeln auf, afrikanische sucht man hier vergeblich. «Meine Eltern sind ebenso wie mein Großvater in Israel geboren, aber viele meiner Freunde haben ganz unterschiedliche Wurzeln, sind Immigranten, wie beispielsweise Cabra Casay, eine meiner Sängerinnen, die aus einem Flüchtlingslager im Sudan kommt, oder Maya Avraham aus Ägypten», sagt Raichel. «Andere Musiker, mit denen ich arbeite, kommen aus Äthiopien oder Südamerika. Sie alle haben starke Wurzeln anderswo. Ich - als in Israelgeborener - habe das nicht, aber ich bin sehr offen und habe all diese Sounds und Klänge eingefangen und zusammengetragen. » Raichel arbeitete in der Vergangenheit ebenso mit der arabisch-israelischen Sängerin Mira Anwar Awad für den Hit «Azini» zusammen und genießt auch in der arabischen Welt Popularität. Noch vor ein paar Wochen wurde Raichel bei einer US-Tournee vom katarischen Fernsehsender Al-Dschasira zu seiner Musik und seiner Person befragt.

Bei seiner musikalischen Ausbildung und der Hinwendung zur Weltmusik, so Raichel, sei ihm gerade das Akkordeon zu Hilfe gekommen, mit dem er in ganz verschiedene Kulturwelten eintauchen konnte. Mit neun Jahren lernt er es spielen, später kommt das Klavier dazu. «Das Akkordeon ist ein ziemlich globales Instrument und es klingt überall anders, wenn man an argentinischen Tango oder französischen Walzer oder die traditionelle israelische Musik, die Hora, denkt.» Doch zunächst wählte Raichel äthiopische Klangfarben. In seiner Zeit als Sozialarbeiter tauchte er in die äthiopischen Clubs und Parties nahe dem Busbahnhof in Tel Aviv ab, studierte die Musik dieser Neueinwanderer, saugte sie auf. Sie wurde zu einer Grundlage seiner eigenen Musik. Heute sagt Raichel, stehe sein Project als Symbol für die Einbindung der äthiopischen Juden. Trotzdem: Soziale Probleme der Einwanderer aus Äthiopien oder anderen Erdteilen seien auch innerhalb der musikalischen Arbeit ein Diskussionspunkt, erklärt der Musiker. Die gesellschaftlichen und politischen Debatten machen auch vor dem «Project» nicht Halt, auch wenn Raichel sich dagegen verwehrt, zu stark in einen politischen Kontext gezogen zu werden. Mit Fragen der Identität als Äthiopier und Israeli hat sich die Band Raichels im 2007 entstandenen Dokumentarfilm «Black Over White» beschäftigt. Der Film zeigt den Besuch und ersten Auftritt des Idan Raichel Projects in Äthiopien. «Die Reaktionen der Menschen auf unser Project waren damals sagenhaft», erzählt Raichel. Und er hat daraus eine wichtige Einsicht mitgenommen: «Pflegt eure Wurzeln und respektiert sie, seid glücklich damit und stolz auf das, was ihr habt». Das Thema Äthiopien beschäftigt Raichel weiterhin. Auch in den letzten Jahren hat er afrikanische Musik zu seiner musikalischen Hauptessenz gemacht.

Die Songs für sein neues Album sind weitestgehend fertig. Nächstes Jahr soll es erscheinen. «Auf dem Album sind großartige Musiker aus aller Welt dabei», schwärmt Raichel. Es beinhaltet Sänger aus Ruanda und Kolumbien. Große Namen der Weltmusikszene wie Mayra Andrade aus Kapverden oder Baba Maal aus dem Senegal sind auf dem Album vertreten. «Wann immer ich Zeit habe, bei dem vielen hin und her, nehme ich auf.» Nach den letzten Jahren, die Idan Raichel oft Monate im Ausland tourte, bleiben nicht viele Tage dafür. «Je mehr ich reise, desto häufiger stelle ich fest, dass ich gern zu Hause bleiben würde», sagt Raichel lachend. Vor allem nach den großen Erfolgen, die das Project in den USA feierte, könnte der Musiker seinen Wohnsitz, wie so mancher israelische Künstler auch für einige Zeit nach Los Angeles oder New York verlegen. Doch das steht für Raichel nicht zur Diskussion: «Ich will in meinem Appartement in Tel Aviv bleiben.» Viele der neuen Songs handeln, so erklärt Raichel, vom Reisen, vom Ankommen und von den Träumen, dass man weggeht. Eine Kostprobe dessen wird es bereits bei den Jüdischen Kulturtagen geben. Und vielleicht bleibt dieses Mal ja auch genügend Zeit für einen Berlin- Rundgang, damit Idan Raichel seiner Großmutter endlich berichten kann, wie sich die Stadt verändert hat.

 

Idan Raichel Project Konzert am 21. September, Synagoge Rykestraße 53, Berlin Mehr Informationen unter: www.idanraichelproject.com oder juedische-kulturtage.org

Claudia Frenzel

«Jüdische Zeitung», September 2008