Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Frau Merkel und ichOder: Einige Sommertage in Manhattan
«Welcome home!». Der lachende Grenzbeamte in Uniform will als erstes wissen, ob in Berlin alles in Ordnung sei. Und wie geht es Frau Merkel? Dazu fällt mir nur ein, dass sie mit einem Buch im Urlaub sein soll, woraufhin er zufrieden seinen Stempel in meinen Pass knallt. Das Glück beginnt, sogar der Bus wartet. Weil ich zu sagen vergesse, dass ich über 65 bin, zahle ich dann drauf. «Mam», murmelt ungerührt der Kassierer und gibt mir die teure Fahrkarte, das hätte ich sofort sagen müssen, Umtausch geht nicht. Und: «Es ist ungesetzlich, nach dem Alter zu fragen.» Manhattan ist für jede Überraschung gut. Der Bus rumpelt in eine Nebenstraße am Grand Central, dem Bahnhof mit fast 200 Bahnsteigen. Das Altbekannte hat mich wieder. Ich ziehe den Koffer in mein Quartier. Dichte Autoschlangen, hastende Menschenmassen, das ewige Rot der Ampeln, hier verlangsamt alles den Verkehr. Es gibt mehr Fahrräder als früher. In der Regel sind die innerstädtischen Busfahrer geduldig, die Fahrgäste nicht minder. Anders lässt sich diese Stadt kaum ertragen. Niemand geifert, wenn langsam noch ein zweiter Rollstuhl über die herauszufahrende Rampe eingeladen wird, und sich der Busfahrer um den neuen Passagier kümmert. Aus Sicherheitsgründen müssen die vorn sitzenden Fahrgäste sich nach hinten quetschen. Nicht weniger eisgekühlt wie die meisten Busse sind auch die Züge der Subway, nur auf den Bahnsteigen herrscht heißer Sommerrekord. Flippt jemand irgendwo wutentbrannt aus, halten die anderen gebührend Distanz. Auch in dieser Stadt ist das Wetter ein beliebtes Gesprächsthema.
«Angie» In dieser Saison scheint Deutschlands Hauptstadt Mode zu sein. Kaum bestätige ich, dass meine Schuhe dort gekauft sind, schwärmt eine Verkäuferin von der Berlinreise einer Kundin und seufzt, sie selber werde hoffentlich im übernächsten Jahr endlich fahren, der schwache Dollar sei das Hindernis. Kommt nicht auch Frau Merkel aus East-Germany wie ich, heißt es, und so wird mir ihr analytischer Verstand unterstellt. Seit «Das Leben der Anderen» meinen Manhattans Kinogänger, den grusligen Osten gut zu kennen. Meine jüdischen Freunde hingegen interessiert - wenn überhaupt - eher Merkels protestantisches Arbeitsethos. Habe ich Vertrauen zu ihr? Und was macht die Linke? Es ist nicht leicht, die Berliner Republik in drei Sätzen zusammenzufassen. Dafür scheint die Standardfrage nach dem aktuellen deutschen Antisemitismus im Moment auf Eis zu liegen. Also erzähle ich ungefragt auch von deutscher Islamophobie und dem faktischen Ende der russischsprachigen jüdischen Einwanderung. Meine neuen Bekannten, die sich im nächsten Moment friends nennen, haben Verwandte, die Deutschland, das Land des Judenmords, niemals, Wien hingegen gern besuchen. Im Anschluss an diese Reisen wettern sie dann über das dortige Beschweigen des spürbaren Wiener Antisemitismus. Im Gegensatz zu ihnen träumt der Nachwuchs verunsichert ob der vielen Vergangenheit von Berlins alter und längst veränderter Mitte, den Prenzlauer und den Kreuzberg inbegriffen. Nicht nur die hiesigen Medien, vor allem die jüdischen Touristen haben dafür den Boden bereitet.
Obama Und wie war es mit Obama? Fast alle, die mit mir ins Gespräch kommen, wollen es genauer wissen. Sie sind erfüllt von den Berliner Fernsehbildern und den Zeitungsmeldungen, sie fragen nicht nur neugierig nach Frau Merkel, keineswegs vertraulich nach Angela oder respektlos nach Angi, und sie wundern sich, warum Berlins Bürgermeister Wowi genannt wird. Mangels Alternative wollen auch jene Obama wählen, die noch heute giftig sagen, Obama, das stünde vor allem für das System Obama. Ich schwärme ein wenig von seiner jungen Eleganz, seiner Art zu gehen, doch mehr als das hätte mir in Berlin sein Charme, seine Rhetorik, sein pointierter Scharfsinn und ein Großteil seiner freien Rede gefallen. Zwei der nachfragenden Freunde gestehen bei einem erstklassigen Luxus- Inder-Essen, sie würden, obgleich schwul und liberal und trotz dieser Rede auch weiterhin republikanisch wählen. Der Banker und der Anwalt hoffen wie alle auf tiefgreifende Veränderungen und einen neuen ökonomischen Verstand. Obamas Biographie halten sie hingegen für kein besonderes Privileg. Andere nennen seine Jahre als Sozialarbeiter in Chicago die Hoffnung schlechthin. Weil er das städtische Elend gründlich kennen lernte, werde er das Sozialsystem politisch umsteuern. Und obgleich sie nicht alle Aspekte seiner Philosophie teile, sagt eine eigentlich auf Hillary Clinton eingeschworene Demokratin, Obama werde versuchen, Amerikas Zukunft und Geschichte neu zu definieren, auch das Verhältnis von Krieg und Frieden.
Der aktuelle Sommer Manhattan ist in diesem Sommer kaum anders als in den vorangegangenen. Ich genieße den häufigen Platzregen und kaufe mir einen gelbgrünen Schal gegen die Eiseskälte der geschlossenen Räume. Allerorten wird mehr als in den Jahren zuvor hoch hinauf gebaut, tief und breitflächig gegraben, zugeschüttet, ausgebessert und gestaltet. Manche der Läden und Restaurants, die ich mochte, sind spurlos verschwunden, an ihrer Stelle machen andere auf sich aufmerksam. Die scharfe Immobilienkrise, das sagen betuchtere Wohneigentümer, findet vor allem außerhalb Manhattans auf dem flachen Land statt. Sie rechnen nervös vor, warum in guter Wohnlage monatlich bis weit über 1.000 Dollar allein für Grundsteuern und Betriebskosten als Eigentümer anfallen. Derzeit könne es länger als letztes Jahr dauern, ein Haus zu verkaufen, bis zu 12.000 Dollar Monatsmiete für eine Wohnung mit vier oder fünf Räumen in zentraler Lage, auch das ist hier Alltag. Es lebe es sich besser, weil steuerminimiert, in den Kooperativen, also Genossenschaften, in die kauft sich ein, wer das Geld hat, aber vor allem muss man vorher als Mitglied aufgenommen werden. Die Sorgen des oberen Mittelstands, der geübt im Verdrängen unangenehmer Wahrheiten ist, werden spürbarer. Man redet über Heiz- und Energiekosten, über Öl und den Krieg und über gestiegene Lebensmittelpreise. Für jene, die wegen der angesagten Sanierungen in den vormals verkommenen Wohngebieten bis hoch nach Harlem und runter an die östlichen Avenuen A, B, C und D an festgesetzten Stichtagen weichen müssen, gibt es kaum Angebote und Auswege. Wohin, wenn der Wohnraum auf der Insel verknappt und spekulativ verteuert ist? Niemand kann diese Frage beantworten, staatliche Regulative sind rar, die Verdrängung hier verschiebt ein paar Kilometer weiter die nächsten der ärmeren Bewohner an den noch ferneren Rand. Am späteren Abend sehen viele der Fahrgäste in Subwayzügen, die in die Stadtteile jenseits von Manhattan fahren, erheblich angespannter und ärmlicher aus als am hellen Tag oder in den vielen sauberen Bussen, die parallel zum verwinkelten Untergrundbahnnetz die belebten Straßen vertikal und horizontal durchqueren. Von Manhattans Spitze sind gigantische neuen Wolkenkratzersiedlungen in Brooklyn, Queens und New Jersey zu sehen. Es ist wie überall: Wird gehobelt, fallen Späne. Wo immer noch vor Jahren Drogen und Armut den Kiez prägten, haben sich mittlerweile feine Shops, Galerien, kleine Restaurants, Modegeschäfte und Delikatessenläden eingerichtet. Die innerstädtische Umwandlung ist im Sinne der Investoren erfolgreich und schafft zugleich angenehme Nebeneffekte. Wer teuer wohnt, will auch die Natur, also heißt Urbanisierung Whole Food, Bioläden und innerstädtisches Grün. Man könnte sogar weitgehend gradlinig von der noch vor Jahren durch Industriebrachen bestimmten westlichen Spitze im Süden bis Uptown im nördlichen Westen promenieren. Mit einem Fingerzeig auf Berlin sagt eine junge Frau, sie würde täglich auf der teilweise im japanischen Gartenstil gesäumten öffentlichen Uferstraße zur Arbeit in die Nähe der Wallstreet radeln.
Ground Zero Nicht nur am Ground Zero ist der Schock vom 11. September sichtbar präsent. Auf einer Dachterrasse in Midtown werde ich auf die in der Ferne fehlenden Zwillingstürme aufmerksam gemacht. In einem riesigen Loch, der Baugrube, wühlen am Ort des noch immer unfassbaren Grauens, auch im Flutlicht der Nacht die Bagger. Hier entsteht die architektonische Antwort auf den Terror. Sie wird viel eindrücklicher, höher, viel heller und viel herausfordernder ausfallen, als je in der Angst der Erinnerung vermutet worden war. Fast wäre zu meinen, Daniel Libeskind sei ein Berliner, so wichtig ist allen der Hinweis, er habe Berlins Jüdisches Museum entworfen. Überhaupt Berlin. Im MoMa gehören Ernst Ludwig Kirchners Berlinzeichnungen und -bilder zu den Leckerbissen der Saison, im Museumsshop sind Reste einer vergangenen Show neuer Berliner Künstler zu kaufen. Beim Eintritt ins teure Museum zahlen Senioren wie anderswo erheblich weniger, freitags ist der Zugang für alle frei. Das Metropolitan Museum überlässt es den Besuchern, wieviel sie von den empfohlenen 20 Dollar Eintritt freiwillig geben wollen. Wer kann, kauft sich in dieser Stadt Jahreskarten, für jedes Museum eine. Es ist Ehrensache, die Künste auf diese Weise zu fördern. Aber nicht nur Museen, auch Stadtrundfahrten, der Nahverkehr, die Circle Line zu Wasser und Kinos sind für über 63-Jährige preiswerter. Dank solcher Angebote ist die Mobilität in den Altengenerationen bemerkenswert weit gediehen. New Yorker im Ruhestand sind überall Volunteers, stellen ehrenamtlich das Aufsichts- und Museumsverkaufspersonal, arbeiten ohne Entgelt in Bibliotheken und Archiven, helfen Neueinwanderern, Kindern und Armen. Derart viele gut gekleidete, neugierige, gewiss auch einsame, aber immer am Leben interessierte Ältere, sehr Alte, auch Gebrechliche sieht man im Straßenbild wohl nur in Manhattan. Geht es nicht anders, werden sie begleitet, gestützt, geschoben und geführt, oft von dunkelhäutigeren Männern und Frauen, die sich so ihr Brot verdienen. Alle anderen sind so unsichtbar wie alte arme Menschen in aller Welt. In den Gesichtern vieler dieser Altgewordenen meine ich noch immer das verlorene Europa zu erkennen. Sie sind die letzten, bei denen der Sprachklang der deutschen, jiddischen oder polnischen Emigration unüberhörbar an die deutsche Vergangenheit der Verfolgung und Vertreibung mahnt. Im Leo-Baeck-Archiv suche ich meine Familiengeschichte und ein reizender alter Herr weiß, wie diese Dokumente zu finden sind. Wie meine Eltern floh er auf einem Schiff aus Europa, montags kommt er zum Helfen ins Archiv und erzählt dabei aus seinem Leben. Das ist nur ein Teil jener städtischen Vielfalt, die niemand angesichts der vielen ethnischen, sprachlichen, religiösen und politischen Enklaven als schädliche Parallelgesellschaften bezeichnet. Im Gegenteil, es wird davon ausgegangen, dass jede Gemeinschaft das große Gemeinwohl stärkt, auch wenn die üblichen Vorurteile stabil und die Kreise weit weniger vermischt sind, als wohlmeinend angenommen werden könnte. Während am Samstag fromm gewordene oder fromm erzogene Nachfahren der europäischen Einwanderer angemessen gekleidet in ihre Betstuben und Synagogen spazieren, sieht man auch sie sonntags zwischen den legerer Gekleideten im Central Park laufen, liegen, spazieren, rudern, Rad fahren, auf Rollschuhen tanzen oder kleine Segelboote aussetzen und mit Kindern und Hunden beim Picknick. Für jung und alt, eher Weiße und weniger Schwarze, Massen von Asiaten und sogar für fromme Juden ist dieser Park ein riesiges gepflegtes innerstädtisches Refugium. Auch oder gerade am Wochenende fahren kleine Müllautos herum, sind Ordnungskräfte zu Pferd, Auto und zu Fuß unterwegs, werden die großen Plastiktüten mit dem Abfall ausgewechselt, sobald sie etwas voller sind. Bänke, Wege, Strauch- und Blumenrabatte tragen kleine Metallschilder mit den Namen der Lebenden und Verstorbenen, die ihren Park in ihrer Stadt auf diese Art unterstützen, beschützen und nutzen. Immer mehr Blumenbeete werden sichtbar mit den Namen von Anwohnern oder Wohngemeinschaften versehen an den Straßenrand gepflanzt. Nicht die öffentliche Hand, sondern die Bürger kümmern sich um ihre Umwelt.
Das Manhattan-Gefühl Manches vom üppigen und angestrengten New Yorker Lebensgefühl hat dank der jungen Neuberliner aus Übersee auch in Deutschlands Hauptstadt Einzug gehalten. Nicht nur in Manhattan trifft man sich am Sonntag zum öffentlichen Brunch, ist in der Woche das Chillen angesagt, allein Berlins Straßendreck bleibt allen unverständlich. In Manhattan ist die dritte Generation Hundehalter abgerichtet, alle Exkremente der Lieblinge in niemals überquellende öffentliche Abfallkörbe zu entsorgen. Im Urland des Graffiti sind diese kaum mehr zu sehen, und heute flößt weder der über noch der unterirdische Verkehr Ängste ein. Die Stadtverwaltung hat kraft einiger gnadenlos auf Lebensqualität setzender Bürgermeister durchaus im Sinne der Bewohner Unrat, Kriminalität, Prostitution, Betteln, Hupen und Falschparken und den öffentlichen Alkoholkonsum unter empfindliche Strafen gestellt. Das Heer von Ordnungshütern, Polizisten, Sicherheitsleuten kontrolliert und greift ohne viel Gerede durch. In den verschiedenen Sprachen werden an vielen Orten auch Neueinwanderer und Erwerbslose aufgefordert, sich für solche Jobs zu bewerben. Manchmal sind lange Schlangen Wartender zu sehen, beispielsweise, wenn die Polizei rekrutiert.
Upper West- und Eastside Von wegen Eurovorteil! In den Restaurants sind die Preise deutlich gestiegen, die Steuer und das Trinkgeld gleichen den schwachen Dollar zusätzlich aus. Nach wie vor muss bei besseren Gastronomen frühzeitig reserviert werden, korrekte Kleidung ist vorausgesetzt, für Männer sind das Schlips und Jackett. In allen Restaurants, selbst in den asiatischen Garküchen wartet der Gast geduldig darauf, platziert zu werden. Tag und Nacht lässt sich nicht nur auf der Upper West- und Eastside öffentlich essen und einkaufen, das 24-Stunden-Angebot der Drugstores, mancher Supermarktketten und koreanischer Einzelhändler verschiebt unweigerlich jegliches Zeitgefühl. Im East- und im Westvillage wirken manche der Straßen abgenutzt, Pizza essende Jugendliche erinnern mich an den Prenzlauer Berg von früher, doch die betrunken grölenden Gruppen gibt es hier nicht. Wie immer sind auch in diesem Sommer teure und Restkarten für den Broadway und die vielen Off-Shows vergriffen. Nicht, dass ich gehen wollte, aber es hat mich interessiert. Die Kinos zeigen derweil das Sommerprogramm. Was für ein Vergnügen, sich in Manhattans Menschenströmen zu verlieren! Ich kann nie genug davon bekommen. Oft wird es eng, die Leute gehen schnell, ohne je aneinander anzustoßen. Und wenn, dann entschuldigt sich der Anstoßende, dass er oder sie im Wege war. Im räumlich erweiterten Chinatown, das einen Großteil von Little Italy und von der jüdischen Lower Eastside übernommen und auch die nachgezogenen Latinos wieder verdrängt hat, werden manche Zeichen der Vergangenheit einfach übertüncht, andere hingegen denkmalsgerecht als Landmarks herausgestellt. Ein sächselnder deutscher Tourist schreit im Wirrwarr der Kulturen auf seine Begleitung ein, die vielen Ausländer in der Stadt würden ihn durchaus beeindrucken. Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall weiß er offenbar noch nicht, dass Manhattan, dass Amerikas Bevölkerung aus dem Gemisch der Nationalitäten, Rassen, Ethnien, Hautfarben, Religionen und Lebensweisen zusammengesetzt ist, was Konflikte und Diskriminierungen nicht verhindert, was auch ein Antidiskriminierungsgesetz nur teilweise auffangen kann. Das aber ist die andere Geschichte, der sich auch Berlin und Deutschland insgesamt zu stellen haben. Nach einer Woche Manhattan bin ich glücklich wieder daheim, überall redet man Spanisch und Italienisch, sofort habe ich Sehnsucht nach dort und denke darüber nach, wann die nächste Reise möglich sein wird. Manhattan ist mit den Freunden, der gewaltigen Architektur, gemütlichen Nischen, dem Irrsinn des Alltags und gutem Essen meine beste Erholung. Wahrscheinlich, weil dort anders als hier und trotz der Härte des Alltags weit seltener über den Stress und das Unausweichliche geklagt und dafür mehr gelacht wird. |