Wir sind nicht einverstanden!

Offener Brief des Forums "Die Zukunft der Juden in Deutschland" und Appell an die Juden, die sich für das heutige Leben unserer Gemeinde schämen

 

Die Satzung des Zentralrats der Juden in Deutschland deklariert, dass die Mitglieder des Zentralrates die jüdischen Gemeinden Deutschlands und deren Landesverbände sind und dass der Zentralrat deren Hauptorganisation ist, die jedoch die Autonomie der Gemeinden und der Landesverbände unantastbar lässt. Auf der Website des Zentralrates steht geschrieben: «Die größte Sorge der Gründer des Zentralrates ist die Unterstützung der religiösen und kulturellen Entwicklung der jüdischen Gemeinden sowie die Vertretung der politischen Interessen der jüdischen Gesellschaft. Diese Aufgaben sind heute noch aktuell. Darüber hinaus nimmt der Zentralrat der Juden aktiv an dem politischen und gesellschaftlichen Leben Deutschlands teil.» Obwohl die oben angegebenen Tätigkeiten des Zentralrates in der Tat nachzuweisen ist, werden sie mit Ergebnissen geleistet, die für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland eher schädlich als nützlich sind. Es sieht so aus, also ob die deutsche Regierung den Dialog mit den Juden und deren Familien einzig über den Zentralrat führt. Dieser Dialog ist unserer Meinung nach aus mehreren Gründen absurd:

1. Die Satzung des Zentralrates sieht für seine Leitung nicht das Recht vor, den Mitgliedern gegenüber rechtsverbindliche Anordnungen auszusprechen. Der Zentralrat ist nicht berechtigt, regionale Gemeindeleitungen der Macht zu entheben, gleich, was diese getan haben. Im Ergebnis ist der Zentralrat eine machtlose Organisation.

2. Obwohl der Rat sich als «Zentralrat der Juden» bezeichnet, ignoriert er die Juden, die ihn um Hilfe bitten. Sowohl beim Schieds- als auch beim Verwaltungsgericht bleiben Anträge und Klagen verschiedener Juden, die sich gegen eklatante Rechtsverletzungen seitens der Gemeindeleitungen wenden, oft monate- oder jahrelang liegen.

3. Der Zentralrat vereint nicht einfach jüdische Organisationen, sondern Organisationen, deren Bezeichnungen fast immer die Bezeichnungen «Kultusgemeinde», «religiöse Gemeinde», «israelitische Gemeinde», «Synagogalgemeinde » enthalten. Die Gründer des Zentralrates haben in ihrer Bezeichnung keine Bezeichnung aufgenommen, die auf seine Zugehörigkeit zum Judentum hinweist: Lediglich in der Satzung ist festgehalten, dass der Zentralrat «Hilfe und Unterstützung bei der Ausführung religiöser Aufgaben leistet». Das erscheint uns merkwürdig, vor allem im Hinblick darauf, dass verschiedene Organisationen der zwei größten deutschen christlichen Kirchen in ihren Bezeichnungen auf die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Konfession hinweisen.

4. Es scheint zweifelhaft, dass der Zentralrat de facto ein Verband religiöser Gemeinden ist. Mit der Zuwanderung von zahlreichen russischsprachigen jüdischen Emigranten sind die Gemeinden faktisch zu weltlichen Organisationen geworden, die nur vereinzelt über religiöse Ausrichtungen verfügen. Dies wird sowohl durch die fast leeren Betsäle zu Gottesdiensten als auch durch die Tatsache belegt, dass die jüdischen Gemeinden im Unterschied zu anderen religiösen Vereinigungen in Deutschland von nichtreligiösen Menschen geleitet werden.

5. Zwei Drittel aller Gemeinden haben keine Rabbiner. Einige Gemeinden besitzen weder Rabbiner noch Kantoren. Wir meinen, dass die Leitung des Zentralrates bewusst eine Erhöhung der Zahl der Rabbiner vermeiden will. Viel lieber verschwendet sie Steuergelder für den Bau von neuen, unnützen Gemeindezentren. Dabei sorgt sich der Zentralrat der Juden nicht darum, ob die neuen Synagogen während der Gottesdienste von einer repräsentativen Anzahl von Mitgliederin besucht sind. Die Leitung legt dagegen viel größeren Wert auf die Darstellung in der Presse.

6. Die Rabbiner Deutschlands sind in der Deutschen Rabbinerkonferenz vereint, die aus zwei Teilen - der Orthodoxie und dem progressiven Judentum - besteht. Wir sind uns sicher, dass die absolute Mehrheit der Gemeindemitglieder nie von diesen Organisationen gehört hat, weil diese Konferenzen nur auf eine «geschlossene Gesellschaft» orientiert sind. Keineswegs handelt es sich dabei also um Strukturen, die für alle Gemeindemitglieder, unabhängig vom Grad deren Gläubigkeit, offen zugänglich sind. Wenn sich jemand aus Naivität mit einem akuten Problem an die Orthodoxe Rabbinerkonferenz oder den ihr angeschlossenen Gerichtshof, das Bet Din, wendet, hört er mehrere Monate nichts von denen. Es gibt Beispiele dafür, wonach sich die Rabbiner erst nach Rücksprache mit der Gemeindeleitung zu religiösen Fragen äußerten.

7. Der Zentralrat der Juden hat dank der gewählten Bezeichnung das Recht erworben, die Interessen aller jüdischen Immigranten vor der deutschen Regierung zu vertreten. Der Zentralrat betreut die Gemeindemitglieder sowie deren nichtjüdische Familienangehörige in religiösen, kulturellen, sozialen und integrationsspezifischen Fragen. Diejenigen Personen, die im Zuge der jüdischen Immigration nach Deutschland gekommen, aber aus verschiedenen Gründen keine Mitglieder einer Gemeinde sind, fallen aus dem Betreuungsfeld heraus. Darüber hinaus gibt es in Deutschland mehrere Gemeinden, die nicht dem Zentralrat angehören und ohne staatliche Mittel existieren. Die Gemeinden des Zentralrates, die mit diesen Gemeinden ein Territorium teilen, leisten diesen nicht nur keine Unterstützung, sondern bekämpfen sie sogar und versuchen, ihre Schließung zu erreichen.

8. Für einen Politiker, einen Leiter einer öffentlichen Organisation, ist die Anzahl der Mitglieder von großer Bedeutung. Die Zahl der Immigranten sinkt jedes Jahr. Damit reduzieren sich auch die Zahlen der Mitglieder in diesen Organisationen. Wir sind der Meinung, dass die Leitung des Zentralrates planmäßig versucht, eine Besprechung dieser Frage zu vermeiden.

Man kann viel über die verantwortungslose Einstellung der Leitung der jüdischen Gemeinden in Bezug auf die Zukunft der Gemeinden diskutieren. Auch darüber, dass die Leitung nicht demokratisch, und Doppelmoral an der Tagesordnung ist. Leider ignorieren jüdische «Politiker» kritische Bemerkungen und führen die jüdische Karawane ins Nichts.

Wir hegen die begründete Vermutung, dass die absolute Mehrheit der Juden in Deutschland eine negative bzw. gleichgültige Haltung hinsichtlich der Tätigkeit des Zentralrates hat. Wir fordern Sie daher auf: «Genug damit, sich auf die Publizistik zu beschränken.» Wir sind der Meinung, dass die Tätigkeit des Zentralrates und seiner Mitglieder nach den Gesetzen der Thora und nach demokratischen Anforderungen des uns aufgenommenen Landes reformiert werden muss. Wir behaupten, dass die Mehrheit der jüdischen Gemeinden aufgehört hat, eine für Juden und für Deutschland nützliche Organisation zu sein. Entweder dürfen diese Gemeinden sich nicht als Körperschaften des öffentlichen Rechts bezeichnen oder sie müssen ihre Tätigkeit an die Anforderungen an diese Rechtsform anpassen. Diejenigen Juden, die dem Schicksal der jüdischen Gemeinschaft Deutschlands nicht gleichgültig gegenüber stehen, laden wir herzlich zu einer Zusammenarbeit ein. Wir haben vor, uns mit allen legalen Mitteln für die Reformierung der jüdischen Gemeinden und für deren Zukunft einzusetzen.

Leonid Melamud, Vladimir Vainberg, Polina Bartenbaum, Boris Riskin, Doroti Bogachyk, Arkadij Katznelson, Boris Hochfeld, Mark Khanin, Alla Samarina, Vladimir Bartenbaum, Anatoliy Kreiman, Alex Schneider, Mark Itskovich

«Jüdische Zeitung», September 2008