Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Leserbrief zu JZ 08/2008: «Wann und wie das jüdische Volk erfunden wurde»:
Die schwierige politische Situation in Israel treibt immer neue seltsame Blüten innerhalb des Landes, aber auch unter den vor allem linken, jüdischen Intellektuellen in Ausland. Das Linkssein dieser «neuen» Marxisten und Revisionisten besteht vor allem in einer altbackenen, rücksichtslosen Kritik an allem, was mit dem Staat Israel, mit dem eigenem Volk und seiner Geschichte zu tun hat. Wir kennen solche merkwürdigen Ausbrüche von jüdischen Intellektuellen in der Vergangenheit zu Genüge. Viele jüdische Sozialisten und Kommunisten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts behaupteten angesichts der aufkommenden europäischen Reaktion des Faschismus und Nationalsozialismus, dass das jüdische Volk nicht existent sei, und sahen den einzigen Ausweg in einer Massenassimilation. Das neue Buch des israelischen Professors Sand «Wann und wie wurde das jüdische Volk erfunden? » platziert sich problemlos in diese Ecke. Die Juden haben sich immer wieder massiv vermischt. Davon spricht schon die Genealogie des Stammes Juda in der Thora und die Geschichten der biblischen Könige. In Europa waren es zum Beispiel die Vermischungen mit den Völkern mongolider Ethnien aus Zentralasien und dem Altai, die sich später das verbrämte hebräisch-kanaanitische Ethnonym «Turken» zulegten. Dies passierte zwischen Dnjestr und Wolga im Chasarischen und in Mitteleuropa im Karpatenbecken, im Awarischen Kaganat. Viele alte europäische und jüdische Friedhöfe beherbergen Gräber mit dem Hinweis «Ger», Proselyt, und dem Patronym «Sohn Abrahams». Eine spezielle Untersuchung von Skeletten aus dem 14. Jahrhundert auf dem jüdischen Friedhof in Basel ergab zwei verschiedene Rasse-Typen. Die genetischen Untersuchungen, von denen Sand so wenig hält, sind moderne und präzise Methoden. Das jüdische Gen «CMH», «Cohanim Modal Haplotyp», mit den spezifischen Y- Chromosom-Markern, besonders dem «R1a1 NRY», konnte man auch bei den Griechen, Armeniern, Georgiern, Italienern, Kurden, Arabern, Franzosen, Deutschen, Sorben aus der Lausitz und Weißrussen feststellen, ferner bei den Bantu sprechenden schwarzhäutigen Lembas in Simbabwe und Südafrika, sowie bei den Bene, auch Bnej, in Israel und Shing Long in Indien, den Wolga-Tataren, bei Kosaken an der Wolga, Don, Kuban, Dnjepr und um den Aralsee. Überdurchschnittlich hoch waren diese Werte bei den Kurden, was wahrscheinlich noch an die archaischen, vor-indoeuropäischen Zeiten anknüpft. Die breite Streuung dieser und anderer Gene hat viel mit den Wanderungen und dem «Verschwinden» der zehn «verschollenen» Stämme Israels zu tun. Auch einige der Beduinenstämme in Israel gehören zu den Nachfahren der islamisierten Israeliten. Etwa 60 Prozent der 650.000 palästinensischen Flüchtlinge, nach anderen Angaben etwa um 400.000 Menschen, gehörten Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts zu den Einwanderern der ersten Generation in Eretz Israel. Das das Judentum folglich zu wichtigen Teilen aus Konvertiten, Proselyten und deren Nachkommen besteht, ist also eine ganz große «Entdeckung» von Schlomo Sand. Die seriösen Historiker und Publizisten wussten dies schon lange und da bedarf es keiner Provokation. Das Judentum Deutschlands definierte sich vor dem Zweiten Weltkrieg als «Kulturvolk », was ein sehr weiter Begriff ist. Die jüdische Liturgie bestimmte die jüdische und die christliche Musik inklusive der gregorianischen Choräle, katholischen und griechischorthodoxen Hymnen. Die jüdische Kunst, die Witze und die jüdische Küche begeistern die Welt. Die Juden waren Pioniere der Kinoindustrie und gründeten Hollywood. Viele jüdische Sportler in der ganzen Welt schrieben durch ihre Erfolge goldene Seiten in die Geschichte ihrer Länder. Die fragwürdige These Sands über die fehlende jüdische Kultur kann man einfach nicht ernst nehmen. Das neue revisionistische Buch Schlomo Sands wirft wieder alte Fragen der ethnoreligiösen Ethnogenese des Volkes der Juden auf, auf die es schon längst Antworten gibt. Die über 3.300 Jahre alte Geschichte des Juden müsste einfach als Argument ausreichen.
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