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Auf dem Sofa des Nahen OstensKorrespondenten als Mittler von Nahost nach West (5) – Felix Zimmermann
Hani Amer wohnt in einem Gefängnis. Aber immerhin, man hat ihm den Schlüssel für die einzige Tür gegeben. Da kann er durchgehen, genauso wie seine Frau und seine acht Kinder. Wenn jemand die Familie Amer besuchen will, dann muss er, wenn er die Tür erreicht hat, laut rufen. Es ist die absurdeste Wohnlage, die jemand haben kann, dessen Leben die Mauer geändert hat. Acht Meter hoch und grau. Sie wurde ihm direkt vor das Haus gebaut.» Leben in Palästina. Hani Amer und seine Familie sind Schicksale, die die Berichterstatter in Israel in den letzten Jahren aufmerksam gemacht haben. Das Absurde, Grauenhafte, Traurige und Kuriose der Lebensgeschichten der Menschen zur Zeit des Mauerbaus machte Felix Zimmermann zum Gegenstand seiner journalistischen Arbeit. Der 32-Jährige war in den Jahren 2003 bis 2005 Israel- und Nahost-Korrespondent der «Berliner Zeitung» und hat in der Zeit viele solcher Schicksale in den Notizblock gesammelt. In seinem Buch «Schauplatz Palästina: Leben auf beiden Seiten der Mauer» schildert er lebendig den Alltag der Menschen und wie sich dieser mit dem Bau der israelischen Sperranlagen während der letzten fünf Jahre verändert. Ihm gelingt dabei ein tiefer und sensibler Einblick in die Leben der Menschen, Israelis und Palästinenser, in ihre Hoffnungen, Enttäuschungen, Ängste und Wünsche. Zimmermann beschreibt die einfachen Menschen, deren Ohnmacht: die Zerstörung des Hauses der palästinensischen Familie Sneineh aus Silwan, das Engagement des Herrn al-Hammouri um Ausweise für palästinensische Bürger Ost-Jerusalems, die allwöchentlichen Demonstrationen der Bewohner des Dorfes Bil'in gegen die Mauer. Mit einem alten Palästinenser aus einem Flüchtlingslager bei Ramallah fuhr er in das 1948 zerstörte Dorf seiner Kindheit, das heute im israelischen Staatsgebiet liegt. Zimmermann besuchte auch Militante, die die Gewalt als Widerstand wählten: Al-Aqsa-Brigadisten im Gaza-Streifen und die Familie eines Selbstmordattentäters. Auch viele jüdisch-israelische Stimmen kommen bei Zimmermanns exklusiv für das Buch recherchierten Geschichten zu Wort, wie die des Chefplaners der Mauer, Danni Tirza oder des Friedensaktivisten von «Das Schweigen Brechen», Yehuda Scha'ul. Der Journalist traf sich mit Kritikern des Mauerbaus und der Besatzungspolitik, so zum Beispiel mit Dror Etkes, dem personifizierten «Settlement- watch- team». Auf der anderen Seite besuchte er jüdische Siedler, wie die Bürgermeisterin von Kedumim, Daniella Weiß, und beschreibt stichhaltig die Geschichte der Siedlerbewegung. Die anschaulichen Porträts und tiefen Einblicke in beide Gesellschaften verdankt Zimmermann einer für Israel- Korrespondenten eher unüblichen Entscheidung. Er lebte auf beiden Seiten der Mauer. Für jeweils ein Jahr schrieb er aus Tel Aviv und aus Ramallah. Zimmermann, studierter Historiker und Absolvent der Hamburger Henri-Nannen-Journalistenschule, wurde dafür in seiner Zeit von den meisten ausländischen Journalisten als Kuriosum wahrgenommen. Israel-Korrespondenten leben zumeist im israelischen Kernland, in Tel Aviv oder Jerusalem, so weiß Zimmermann im Gespräch mit der JZ zu berichten. Die besetzten Gebiete sehen sie so nur während kurzer Tagestrips. Kontrollen an den festen und fliegenden Checkpoints gehörten zu Zimmermanns Alltag. Und warten zu müssen, wie seine palästinensischen Mitmenschen, damit hatte er sich arrangiert. Wenn die Staus am Checkpoint Qalandiya, auf der Straße von Ramallah nach Jerusalem, zu lang wurden, konnte Zimmermann, im Gegensatz zu den Palästinensern, immer noch die Siedlerstraßen benutzen. Die kontrollierenden israelischen Soldaten auf den Ausfallstraßen, die nur für jüdische Siedler und für Ausländer mit diplomatischen Pässen und Journalisten zugänglich sind, kannten den Deutschen mit den freundlichen Augen und dem verschmitzten Lächeln bald. «Ich habe viele sympathische Soldaten erlebt, die keine große Lust auf die Checkpoints hatten und sich einfach nur nett mit mir unterhalten wollten», meint Zimmermann zu seinen alltäglichen Begegnungen aus Sicht eines Palästina-Residenten. Als Journalist in den palästinensischen Gebieten zu arbeiten, gestaltete sich manchmal etwas mühsamer, so Zimmermann, da die Büros der Verwaltung der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) so gut wie nie besetzt waren. Der Journalist dazu: «Wenn ich Nachrichten-Texte über die PA recherchieren wollte, musste ich die Informationen über andere, weniger offizielle Kanäle einholen. Die Palästinenser müssen noch viel in der Informationspolitik tun.» Die israelische Seite, speziell die Militärverwaltung, hat er als sehr kooperativ und professionell im Umgang mit ausländischen Journalisten erlebt. Eine Einreise-Genehmigung etwa für den 75-jährigen Flüchtling von 1948 bekam Zimmermann ohne große behördliche Komplikationen. Gegenüber israelischen Sicherheitsbehörden hat Zimmermann seinen Aufenthaltsort nicht gern thematisiert. Häufige Reaktionen seitens der Israelis auf Ausländer, die in die Besetzten Gebiete gehen, fasst Zimmermann zusammen: «Wenn du in Ramallah mit all den vielen Checkpoints lebst, kannst du denn da neutral bleiben?» Er ist es geblieben. Häufig wurde der Grenzgänger von Freunden und Bekannten in Tel Aviv oder Ramallah über die jeweils andere Seite ausgefragt. In politischen Diskussionen nahm er immer die jeweils andere Position in Schutz. Zimmermann: «Ich glaube, da ich auf beiden Seiten gewesen bin, auch beide Seiten verstehen zu können. Sich als deutscher Journalist für eine Seite zu positionieren, ist der Sache nicht dienlich.» Zimmermann war viel unterwegs, hörte viele Meinungen. Den Konflikt hat er nie zu seinem eigenen gemacht. Er sieht sich als Vermittler. In brenzlige Situationen ist Zimmermann glücklicherweise nie geraten. Egal ob bei den Al-Aqsa-Brigadisten in Gaza zur Zeit der Journalistenentführungen oder beim Besuch in jüdischen Siedlungen. «Ich wurde als Journalist nie als Störenfried behandelt, sondern mir wurde immer bei der Recherche geholfen», so Zimmermann. Die Familie von Hani Amer im eingemauerten Haus beispielsweise besuchte er ohne Voranmeldung, saß ein paar Stunden bei ihnen auf dem Sofa und bekam Tee und ihre Lebensgeschichte in freundlicher Atmosphäre serviert. Seine Rolle als Auslandsjournalist sieht Zimmermann darin, den Leuten ein Adressat für ihre Sorgen und ihr Leid zu sein. Laut Zimmerman geschieht es zu selten, dass Korrespondenten sich die Zeit nehmen, sich zu den Leuten auf die Sofas zu setzen. Die klassische Reportage, in der die Welt beobachtet und beschrieben wird, verliere gegenüber der tagesaktuellen politischen Berichterstattung an Bedeutung. «Dabei ist das das Schönste an dem Beruf», meint Zimmermann. In seinen Begegnungen hat der Deutsche aber auch immer wieder feststellen müssen, wie traurig und aussichtslos die Lage der Menschen auf beiden Seiten der Mauer anmutet. Die größte Ernüchterung für Zimmermann während seiner zweijährigen Arbeit war die allerorts verlorene Hoffnung: «Die Menschen wissen so wenig voneinander, vor allem die Jungen. Sie begegnen sich kaum noch. Es herrscht großes Mistrauen. Dabei sind die Wünsche an das Leben so ähnlich. Angesichts der gescheiterten Politik macht sich aber aller Orten Resignation breit. Nichts Entscheidendes bewegt sich.» Auf den Lesungen seines Buches «Schauplatz Palästina» erntet das von Zimmermann Beschriebene oft Kopfschütteln. Dass es auf den Veranstaltungen zu Angriffen sowohl von israelischer als auch palästinensischer Seite komme, deutet der Autor als Zeichen für seine Ausgewogenheit. Den Menschen in Deutschland legt er ans Herz, selbst einmal nach Israel und in die besetzten palästinensischen Gebiete zu reisen: «Die Leute auf beiden Seiten der Mauer sind einfach herzlich und haben viel zu erzählen.» Zimmermann lebt heute in Oldenburg und ist als freier Journalist und im Autorennetzwerk «weltreporter.de» tätig. Mit «Schauplatz Palästina» ist er im Mai 2007 auf Lesereise in Süddeutschland. |