Wo du warst und wo du bist

Ein Nationaldichter ohne Nation. Zum Tod des Poeten Mahmud Darwisch

 

Gedenken an Mahmud Darwisch in Amman     Foto: dpa

Wer dieser Tage die Website des Mitte August verstorbenen palästinensischen Dichters Mahmud Darwisch aufruft, der wird von dem Gedicht «Belagerungszustand» begrüßt - vorgetragen vom Dichter selbst. Die Stimme, die Verkörperung des abwesend Anwesenden schlechthin, beschwört noch einmal die Präsenz des Verstorbenen. Wer sich die Gedichtzeilen anhört, der hört zugleich noch einmal die Stimme, die über Jahrzehnte hinweg als «die Stimme Palästinas» galt: Weil sie, wie kaum eine andere, dem Schmerz und Hoffen der Palästinenser Ausdruck verleihen konnte. Weil sie Bilder für Entrechtung und Exil im eigenen Land, für Verlust und Vertreibung fand, und die Welt beharrlich an die «Wunde Palästina» erinnerte: An dieses Land im lähmenden Belagerungszustand, in dem, so Darwisch, das Gestern verwundet und das Heute vom ewigen Warten zerdehnt erschien.

Wer weiter auf der Website streunt, der kann etwas erahnen von der Wertschätzung, der Popularität, die diesem Superstar der Lyrik und wegweisenden Dichter arabischer Sprache zukam: «Er war ein wunderbarer Mensch, fähig, das zu sehen, was kein anderer sehen konnte: im Leben, in der Politik und in den Menschen. Er fand für seine Visionen eine Sprache, die allein dafür geschaffen schien, dass er in ihr schreiben könne», heißt es dort hymnisch. In der ganzen arabischen Welt wurden seine Gedichte in Liedern besungen, seine Lesungen wurden bisweilen zu wahren Massenveranstaltungen. Der Vorsitzende der palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, rief eine dreitägige Staatstrauer für den 67-jährig nach einer Herzoperation Verstorbenen aus.

 

Ikone des Widerstands

Dem Westen ist der Dichter weitgehend ein Unbekannter geblieben, im deutschsprachigen Raum erschienen in den letzten Jahren die Lyrikbände «Weniger Rosen», «Wir haben ein Land aus Worten», «Wo du warst und wo du bist», sowie «Warum hast du das Pferd allein gelassen?» und «Belagerungszustand» vor allem in Kleinstund Liebhaberverlagen. Dennoch ist er auch hier, neben Arafat, als eine der Ikonen der palästinensischen Sache wahrgenommen worden - eine Rolle, in der sich der stets politisch aktive Dichter Darwisch zunehmend unwohler fühlte: Wollte er doch weniger als Symbolfigur denn als Dichter wahrgenommen werden, dem eine rein politische Lesart seiner Texte als unrechtmäßige Reduktion erschien. So verwies er immer wieder auf die allgemein menschliche Dimension seiner Themen Exil, Rastlosigkeit, Hoffnung und Liebe. Gerade in den letzten Jahren waren an biblischer und historischer Metaphorik reiche Gedichte erschienen, die sich, wenn überhaupt, nur als äußerst verschlüsselte Antworten auf äußere Ereignisse deuten lassen.

Dass er sich nicht vollständig gegen eine politische Vereinnahmung wehren konnte, mag an dem stark appellativen, fast agitatorischen Charakter seiner frühen Gedichte, vor allem aber an der schmerzhaften Beispielhaftigkeit von Darwischs eigener Lebensgeschichte liegen. Zu eng ist in dieser die Person des Dichters mit der des politisch Engagierten und Verfolgten verbunden. 1941 in einem Dorf östlich der Stadt Akko zur Welt gekommen, musste die Familie 1948 vor der israelischen Armee fliehen. Als sie sich ein Jahr später heimlich zurückstahl, war das Dorf vollständig zerstört worden. Als Dichter wurde Darwisch, früh Mitglied der Kommunistischen Partei, in den 1960er Jahren mit der Veröffentlichung seines Gedichtbandes «Ölbaumblätter» bekannt. 1970 musste Darwisch, nach einem Gefängnisaufenthalt und Hausarrest, das Land erneut verlassen. Eine lange Exilzeit mit Stationen in Kairo, Beirut, Zypern, Tunis und Paris folgte. Während dieser Zeit wurde der Dichter in den Zentralrat der PLO berufen, aus der er 1993 aus Protest gegen die Unterzeichnung der Osloer Friedensabkommen wieder austrat. 1996 kehrte Darwisch nach über 25 Jahren Exil nach Israel, in die Westbank zurück und lebte bis zu seinem Tode zwischen Ramallah und Amman.

 

Das Exil als Quelle

Obwohl er die israelische Politik hart kritisierte und zum radikalen Umdenken aufforderte, war Darwisch, der fließend Hebräisch sprach, eine der raren Vermittlerfiguren zwischen der arabischen Welt und Israel. Sein Engagement für ein friedliches Zusammenleben, etwa in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift «Al Karmel», wurde mehrfach mit internationalen Auszeichnungen gewürdigt.

Eine Heimat, ein «private homeland», sei die Westbank ihm dennoch nie gewesen, bekannte Darwisch, und dass die Last des Exils stets auch Quelle seiner Literatur gewesen sei: «Exil ist mehr als ein geographisches Konzept». «Derjenige, der in Harmonie mit seiner Gesellschaft, seiner Kultur, mit sich selbst lebt, kann nicht schöpferisch werden.» «Was wäre ich ohne Exil?» Vielleicht ist genau dies die Kraft seiner Dichtung, dass sie dem Heimatlosen ein imaginäres, ein fragiles «Land aus Worten» schuf, einen Ort der Zuflucht, der Selbstbehauptung, aber auch der Selbstbefragung. Oder, wie der Darwisch-Übersetzer und Herausgeber Stefan Weidner es ausdrückte: Darwischs Gedichte sind ein «Laboratorium des palästinensischen Selbstverständnisses». Sie beschwören nicht weniger als die innige Beziehung zu einem Land, das nach wie vor auf den politischen Weltkarten nicht als autonomer Staat verzeichnet ist: ein Land, «zur Morgendämmerung bereit».

Sonja Galler

«Jüdische Zeitung», September 2008