Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() In der Tat zu verurteilenWidersinnig aber wahr: Auch in Israel gibt es Neonazis«Würde ich mich nicht schämen, Angst zu haben, würde ich mich fürchten», meint Salman Gilitschinski. Er ist orthodoxer Jude aus Jerusalem und Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins «Demir», der sich dem Kampf gegen israelischen Neonazismus verschrieben hat. Was auf den ersten Blick wie ein schlechter Witz klingt, ist zum Albtraum mancher Israelis geworden. So kann Wladimir, ein 30-jähriger Israeli, der aus Russland eingewandert ist, seine Begegnung mit den Skinheads bis heute nicht richtig begreifen. «Letztes Jahr, als ZSKA Moskau hier in Israel zu Gast war, waren meine Freunde und ich im Stadion», erinnert er sich. Anfangs fand er es nur hässlich, dass junge Männer mit schwarzen Hosen und Springerstiefeln im Stadion standen und rumpöbelten. Als einer von ihnen jedoch sein Hemd auszog und Wladimir den Reichsadler quer über dessen Schulterblätter tätowiert sah, wollte er seinen Augen nicht trauen. «Diese Gruppe fing eine Schlägerei an und dieser Kerl flüchtete zu uns auf die Tribüne. Von da oben fluchte und beschimpfte er uns Juden, wie ich es nur aus dem Ausland kenne», berichtet er. Als ein älterer Fußballfan den Skinhead aufforderte, endlich Ruhe zu geben, mussten Wladimir und seine Freunde dazwischen gehen. Auch Andrej, ebenfalls aus Russland eingewandert, hat Bekanntschaft mit der Skin-Szene machen können - jedoch von der anderen Seite. «Einer von den Skins war mit mir zusammen in der Schule», erzählt der 19-Jährige, der kurz vor seiner Einberufung steht, «und eines Abends sind wir zusammen ausgegangen. Am Anfang fand ich den Abend ganz okay. Erst später, als ich merkte, wie viel die trinken und dass sie auf Schlägereien aus sind, habe ich mich von ihnen abgekapselt. Auch weil ich nichts mit Politik am Hut habe.» Solche und ähnliche Begebenheiten sind keine Seltenheit mehr in Israel. Von der offiziellen Politik wird das Phänomen jedoch weitgehend tot geschwiegen. Wie der Vorsitzende von «Demir», der das braune Geschehen auch im Internet und in den Zeitungen verfolgt und Betroffenen juristischen Rechtsbeistand zur Verfügung stellt, erläutert, verschließen so gut wie alle Politiker des Landes beide Augen vor dem Problem. Die erste Zeitung, die dieses Thema Ende der neunziger Jahre aufgriff, war mit dem britischen «Guardian» eine ausländische Zeitung. Und die seit damals von Gilitschinski an Parlamentsabgeordnete verschickten Briefe werden in der Regel nicht beantwortet - egal welcher politischen Fraktion die Adressaten angehören. Und wenn ein Minister zurück schreibe, werde er im besten Fall darauf hingewiesen, dass das betreffende Ressort nicht für diese Angelegenheit zuständig sei. Als er einmal den Staatspräsidenten aufgefordert habe, gegen dieses Phänomen resoluter vorzugehen, sei die Antwort der Präsidentenberaterin für Diaspora-Angelegenheiten doch etwas blutarm ausgefallen: «Der Präsident bat mich Ihnen mitzuteilen, dass er solche Begebenheiten in der Tat verurteilt.» Auch die Polizei sei auf beiden Augen blind. Sie würde sich nicht dahinter klemmen und wenn er nachfrage, in welchem Ausmaß die Szene in Israel agiert, kriegt er keine Antwort, klagt Gilitschinski. Auch kenne er einige Israelis persönlich, die Opfer antisemitischer Überfälle waren, sich bei der Polizei beschweren wollten, jedoch abgewimmelt oder zu anderen Dienststellen geschickt wurden. Da Zahlen und Statistiken unter Verschluss gehalten werden, kann «Demir» nur schätzen, wie groß die kahlköpfige Szene in Israel ist. Anhand von den Verkaufszahlen einer russischen Rassisten-Band, die ihre CDs auch nach Israel verschickt hat, geht Gilitschinski von einer einigen hundert Mann starken Szene aus. Auch weiß er, das im Norden des Landes oft Rituale abgehalten werden, aber genaues könne er nicht sagen: „Ich werde zu solchen Feiern nicht eingeladen." Ob die einzelnen Gruppen unter sich vernetzt sind, wisse er nicht. Er weiß nur, dass es eine Internetseite gab, auf der weitere junge russische Einwanderer dazu aufgerufen wurden, zum Militär zu gehen, um so den Umgang mit Waffen zu erlernen. In diesem Aspekt würden sich die israelischen Neonazis von ihren ausländischen Kameraden unterscheiden: «Wenn in Russland diese Männer meist mit Rohren und Stöcken hantieren, kann dies hierzulande ganz anders aussehen. Da hier jeder zum Militär muss, fällt der Zugang zu Waffen sehr leicht.» Obwohl der orthodoxe Jude diesen Auswüchsen seit Jahren seine freie Zeit widmet, hat er die Entscheidungsträger nicht dazu bringen können, ihre Augen zu öffnen. Er ist der Meinung, dass dies vom jüdischen Establishment auch gar nicht gewollt sei, da dies bedeuten würde, man müsse die Einwanderungspolitik in Osteuropa ändern. «Seit Anfang des neuen Jahrzehnts», so Gilitschinski, «ist die Anzahl der Juden unter den bis zu zehn Jahre alten Einwanderer gleich null. In den in Russland ausgelegten Broschüren, in denen man über Einwanderung nach Israel nachlesen kann, steht nichts mehr über die jüdische Heimstätte. Israel will lediglich große Kontingente von Einwanderern ins Land lassen, da wundert es mich nicht, dass auch solche faulen Eier darunter sind.» |