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Peggy, da Du Augenzeugin furchtbarer Zeiten bist, wollte ich Dir am Anfang ein paar Fragen stellen, die kein leichtes Gespräch versprechen.... ... ich bin Augenzeugin von schrecklichen Zeiten und wunderbaren Zeiten. Zu den wunderbaren Zeiten kommen wir später.
Dem tragischen Schicksal Deiner Familie kann man beim Lesen Deiner autobiografischen Bücher auf keinen Fall gleichgültig gegenüberstehen. Beide Eltern kamen über das Warschauer Ghetto nach Auschwitz, wo sie ermordet wurden. Nein, in Treblinka, ich dachte zwar immer, dass sie in Auschwitz ermordet wurden, aber vor kurzem, als ich in Israel im Yad Vashem danach fragte, sagte man mir, dass damals alle aus dem Warschauer Ghetto direkt nach Treblinka kamen und dort sofort umgebracht wurden. Auch meine Tante Flora, die Schwester meiner Mutter. In Treblinka konnte keiner überleben...
Wieso hast Du Dich entschlossen, als Du beinahe erwachsen warst, wieder nach Deutschland, in Deine Heimatstadt Hamburg zurückzukehren? Es war keine Rückkehr. Ich war auf der Durchreise und bin hiergeblieben. Nach sechs Jahren Stockholm, drei Jahren London und wieder zwei Jahren Stockholm habe ich dort sehr jung ein Kind bekommen: meinen Sohn Kim Simon - Simon wie mein Vater. Ich hatte in Schweden keine Arbeit, keine Wohnung, keinen Ernährer, gar nichts. Ich wollte nach London zu meinem Onkel, dem Bruder meines Vaters, der einzige der zwölf Geschwister, der die Schoa überlebt hat, und zu meinem kleinen Bruder Gady. Das hat aber leider nicht geklappt. Danach wollte ich zu meiner Tante Flora, die nach Auschwitz fünf Jahre in einem jüdischen Waisenhaus in Belgien arbeitete. Diese Möglichkeit habe ich durch eine Peinlichkeit selbst verdorben. So kam ich, eigentlich um meine Cousine Urselchen zu besuchen, nach elf Jahren Pause wieder nach Hamburg. Meine Cousine fing gerade ihr Studium an der Uni an. Ich ging mit ihr am ersten Vorlesungstag mit und lernte sofort viele interessante junge Leute kennen. Natürlich alles Linke und Antifaschisten, viele waren richtige Widerstandskämpfer. Ich war fasziniert, und bin an der Uni geblieben. Erst als Schwarzhörerin, dann als Gaststudentin. Mit Peter Rühmkorf, dem großen Poeten, der gerade gestorben ist, Klaus Rainer Röhl und Dick Busse habe ich eine eigene Studentenbühne gegründet. Ich lebte mit diesen drei Jungs auch in einer Wohngemeinschaft, und wir machten sehr erfolgreich politisches Kabarett. Das war eine schöne Zeit. Dadurch bin ich in Deutschland geblieben. Es war keine Rückkehr.
Wie konntest Du Dich mit den Erinnerungen von der Nazi-Zeit abfinden? Quälen Dich die furchtbaren Erniedrigungen, die Du und Deine Angehörigen damals erlebt habt, nicht bis heute? Natürlich, das kann man nicht ausradieren.
An einem Dir gewidmeten Abend im Metropolis- Kino in Hamburg im Juni 2008 wurde auch der Film «Von Richtern und anderen Sympathisanten» von 1981/82 gezeigt. Als Gerichtsreporterin hast Du die bittere Situation erlebt und beschrieben, in der «kein mörderischer, verbrecherischer, arschkriechender Richter aus der Nazizeit jemals zur Rechenschaft gezogen worden ist». Zunächst möchte ich hervorheben, dass es ein wichtiger Film nach einer Kolumne von mir ist, die genau «Von Richtern und anderen Sympathisanten» hieß. Der Film wurde mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet und wurde in der letzten zwei Jahren mehrmals gezeigt. Da geht es um die Nazi-Richter, die alle Massenmörder waren. Keiner von denen wurde vor Gericht gestellt, keiner wurde bestraft. Sie konnten alle nach dem Krieg ihre Karriere fortsetzen und ihre Ansichten an die nächsten Generationen der jungen Juristen weitergeben, die dann selbst Richter wurden. Ich bin im ganzen Film mit all dem, was ich zu sagen habe. Auch ein NS-Oberstaatsanwalt wird im Film gezeigt, einer, der die ganzen Todesurteile forderte. Er meinte, er hätte sie nur beantragt und die Richter hätten sie dann bewilligt. Er war immer selbst dabei, wenn die Leute umgebracht wurden. Nach dem Krieg blieb er Oberstaatsanwalt. Im Film sagte er, dass er weiter Todesurteile beantragen würde, wenn er es dürfte, zum Beispiel gegen Kriegsdienstverweigerer. Entnazifizierung bedeutete gar nichts, weil diese Richter und Staatsanwälte vom Staat geschützt wurden. Der gefilmte Oberstaatsanwalt sagte: «Ich habe mich selbst entnazifiziert, musste ich ja.» Es hieß immer: «Was damals recht war, kann heute nicht unrecht sein».
Der «Spiegel» schrieb 1990 über Dein damals neu veröffentlichtes Buch «Süchtig nach Leben»: «Die Verdrängung und Verleugnung der Hitler-Ära, die „zweite Schuld" der Deutschen, komprimiert die Autorin auf einer Länge von noch nicht zwei Seiten so bündig, dass die zur Pflichtlektüre an unseren Schulen werden sollten - um dann zu fragen: „Was wäre ein Hitler ohne Helfer und Helfershelfer gewesen? Ohne die Hilfe von Justiz, Wissenschaft, Industrie und anderen Ländern?"» Ein Hitler ohne Helfer wäre niemand. Wenn er Kunst weiterstudiert hätte, wäre er wahrscheinlich ein guter Maler oder ein Durchschnittsmaler geworden, vielleicht ein enttäuschter Künstler. Ohne Helfer wäre er natürlich nicht gefährlich geworden.
Das war eigentlich nicht meine Frage an Dich, sondern eine rhetorische Frage in Deinem Buch. Was ich Dich fragen wollte: Deines Erachtens, gibt es heutzutage genug Aufklärung über das Thema Holocaust in der Schule? Es ist von Schule zur Schule anders. Mit Sicherheit ist es heute besser als früher. Es gibt inzwischen Lehrer, die engagiert sind und mit ihren Schülern darüber sprechen. Was ich gar nicht verstehen kann, ist, dass Juden, die den Holocaust überlebt haben, jedes Jahr unermüdlich in deutsche Schulen gehen, um Kindern was klarzumachen. Ich habe mich auch einige Male darauf eingelassen, aber sehr selten. Das regt mich zu sehr auf und macht mich krank. Ich bin sicher, es macht alle anderen auch krank. Ich weiß nicht, warum sie es jahraus jahrein machen. Das ist so verstörend und kaputtmachend. Obwohl wir alle schon längst vor solchen Auftritten kaputt sind. Und manche tun sich auch andere Dinge an, die ich nicht kann und nicht will: Sie fahren jedes Jahr nach Auschwitz oder nach Bergen- Belsen. Ich weiß nicht, wie sie es ertragen, wie sie die Kraft und Lust dazu haben. Ich sollte einmal einen Vortrag in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme halten. Ich habe es getan, aber es war grauenhaft und hat mich für Wochen krankgemacht. Und ich dachte: Nie wieder.
In Berlin gibt es ein Zentrum für Antisemitismusforschung, das sich intensiv mit dem Antisemitismus befasst und einen Wahlkurs über die aktuellen Formen der Judenfeindschaft in der Schule anbietet. Glaubst Du nicht, dass so ein Kurs zum Pflichtfach werden sollte? Wenn Aufklärung in der Schule betrieben werden soll, was ich auch für sehr wichtig halte, dann bestimmt nicht nur über Juden. Es werden auch andere diskriminiert. Also es muss meiner Meinung nach nicht nur über Judenfeindschaft, sondern ganz allgemein um Diskriminierung, Missachtung, Gemeinheit gehen. Um all das, was überall stattfindet. Übrigens auch in Israel. Es muss überall dagegen angekämpft werden. Selbstverständlich auch hier. Wenn etwas Schlimmes in Deutschland passiert, bin ich nicht überrascht. Aber ich freue mich auch, wenn etwas Gutes stattfindet. Von uns Juden verlange ich mehr, weil wir mehr erlebt haben. Wenn ich höre, dass wir Juden ein Volk wie alle anderen sind, denke ich: Nein, danke schön! Wahrscheinlich ist es so, aber Juden nehme ich es sehr übel. Ich kenne alle möglichen Leute, unter anderem auch Juden, die wunderbar sind und die etwas im Kopf haben. Aber nicht nur im Kopf, sondern auch im Gefühl. Die menschlich und mitmenschlich sind. Solche Menschen liebe ich und solche Juden natürlich auch. Nur wie gesagt, meine Ansprüche an uns sind größer. Das habe ich von meinem Vater gelernt. Aber damit meine ich nicht überheblich und arrogant zu sein, sondern mehr Qualität zu haben.
Hast Du Dich jemals unmittelbar oder indirekt von Neonazis bedroht gefühlt? Ich habe über zwanzig Jahre lang jedes Mal, wenn ich den Mund aufmachte, das bedeutet bei mir meistens Schreiben oder öffentliches Sprechen, ständig Drohbriefe und Drohanrufe bekommen. Ich wurde als Frau, als Jüdin und als Linke bedroht.
Du hast Dich immer gegen Holocaustleugnung und den wachsenden Einfluss rechtsradikaler Parteien wie der NPD eingesetzt... Ich habe nur geschrieben, was ich weiß. Das ist ja Kampf. Ich wurde erst neulich gebeten, einen Kommentar über die NPD zu schreiben. Dann äußere ich mich. Aber zur Holocaustleugnung könnte ich höchstens sagen, dass es Menschen gibt, die nicht ertragen können, dass ihre Eltern, Großeltern und andere Verwandte Verbrecher waren. Dass sie nur leben können, wenn sie glauben, dass alles erfunden und gelogen ist. Meine Oma? Mein Vater? Meine Mutter? Niemals!
Du hast ein sehr buntes Leben gehabt, warst mehrfach preisgekrönte Publizistin, Autorin, Gerichtsreporterin, Filmemacherin und Schauspielerin, von Deinem unermüdlichen Kampf für Menschenrechte ganz zu schweigen. Was hältst Du für Deine größte Errungenschaft und was bereust Du am meisten in Deinem Leben? Ich bin stolz darauf, dass ich - obwohl ich keine Eltern oder Männer hatte, die für mich gesorgt haben - nicht auf der Straße gelandet bin oder Prostituierte geworden bin, sondern dass ich, seitdem ich 14 Jahre war, immer gearbeitet habe. Vor allem mit allem, was Sprache ist - ich konnte ja nichts anderes. Ich habe keine Bildung und konnte immer nur Sprachen, die ich wie Musik gelernt habe. Also habe ich Sprachunterricht gegeben, gedolmetscht, tausend Sachen gemacht, die damit zusammenhängen. Und ich bin auch stolz darauf, dass ich sehr viel durch andere Menschen gelernt habe. Ich hatte das Glück, Menschen kennenzulernen, die mehr als ich wussten und konnten. Und ich bin sehr stolz darauf, dass ich mich nie verkauft habe. Für mich war Geld nie das Wichtigste. Nun willst Du wissen, was ich bereut habe. Vieles, ganz vieles. Ich habe viele Fehler begangen und habe auch ganz viel falsch gemacht, wenn ich dachte, ich mache es richtig und besser als andere. Ich bereue sehr, dass ich mit meinem Sohn fast alles falsch gemacht habe. Ich bereue, dass ich ihn aus Egoismus nach Deutschland geholt habe, weil ich ihn bei mir haben wollte. Dass ich nicht so großzügig war, um ihn woanders zu lassen, wo er es schöner und leichter gehabt hätte. Das bereue ich am meisten, aber auch viele, viele andere Dinge.
In einem Kapitel Deines Buches «Kleine radikale Minderheit» (1985) gestehst Du, dass Du in Israel hättest politisch arbeiten müssen, um alles für Verständigung und Gerechtigkeit einsetzen zu können: «Was hat mich bloß hier gehalten? Vergeudete Jahre». Betrachtest Du die Zeit in Deutschland wirklich als vergeudet? Ich denke, dass es wichtiger gewesen wäre, Hebräisch zu lernen und in der israelischen Friedensbewegung - wo viele meiner Freunde aktiv sind - politisch zu arbeiten, anstatt hier die Deutschen aufzuklären. Ich weiß nicht, ob es irgendjemanden interessiert hätte, was die kleine Peggy zu sagen hat. Vielleicht aber doch. Ich habe mich überall politisch geäußert, seitdem ich halbwüchsig war. Ich habe immer den Mund aufgemacht, wenn jemand unterdrückt wurde: Schwule, Farbige, egal wer. Und in Deutschland habe ich vom ersten Moment für alles, was ich für richtig halte, und gegen alles, was mich empört, gekämpft.
Wie sieht heute der typische Tagesablauf von Peggy Parnass aus? Ich nehme an, dass Du nach wie vor politisch engagiert bist... Ja selbstverständlich, das bin ich von Kindheit an. Nicht erst mit vierzehn, sondern immer. Was meinen Tagesablauf anbelangt, gibt es momentan nichts Regelmäßiges. Seitdem ich vor vier Jahren einen Unfall hatte, brauche ich Hilfe. Deswegen gibt es Dinge, vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben, die sich wiederholen. Also kommen jede Woche Leute ins Haus, die mir helfen. Dadurch lebe ich sehr gut. Ich habe sogar das Gefühl, noch nie so gut gelebt zu haben. Ansonsten habe ich viele Verabredungen, viele Leute kommen zu mir, um ein Gespräch mit mir zu führen oder einen Film über mich zu drehen. Im Moment beschäftige ich mich intensiv mit meinem Archiv.
Machst Du noch ab und zu Lesungen und Vorträge? In der letzten Zeit habe ich eine immer stärkere Reisephobie. Ich habe einen Horror vor Bahnhöfen. Das letzte Mal, dass ich meine Mutter gesehen habe, war hier auf dem Hamburger Hauptbahnhof. Seitdem hasse ich Trennungen, finde sie unerträglich. Als ich Lesungen machte, habe ich viel verdient. Ganz im Gegensatz zu den 17 Jahren Gerichtsreportagen 16 Stunden am Tag. Acht Stunden im Gericht, danach mit allen Beteiligten weiter. Niemand würde für so wenig Geld arbeiten, auch keine Putzfrau. Doch meine Arbeit in den Gerichten war mir unendlich wichtig. Ein Kollege rechnete mal aus, dass ich all diese Jahre 1 Mark 36 Pfennig pro Stunde bekam. Aber als die 17 Jahre Schreiben für «Konkret» zu Ende waren, habe ich für Lesungen soviel Geld verlangt, dass Leute mich für geldgierig hielten. Günter Grass und ich sind die Teuersten im Land, heißt es. Dadurch habe ich sehr schnell so viel verdient, dass ich meine wenige Verwandten wunderbar beschenken konnte. Klar, auch jetzt muss ich arbeiten, damit ich weiter existieren kann, anders geht es nicht. Außerdem ist es für mich eine Freude. Ich arbeite immer gerne.
Welche Themen reizen Dich jetzt als Publizistin? Immer das Gleiche: Menschen. Ich finde das Leben so aufregend. Ich würde nie Romane schreiben, ich wüsste nicht warum. Ich finde das Leben und Menschen viel spannender, als alles, was man erfinden kann.
Auch politische Themen? Das ist politisch. Alles, was ich mache, ist politisch.
Was hält Dich trotz aller Schwierigkeiten und Ungerechtigkeiten am Leben? In mir ist eine Menge Wut und Hass, aber ich liebe das Leben. Ich liebe Menschen. Ich liebe das Meer, ich liebe den Himmel, ich liebe Musik und Tanz. Ich liebe Blumen, Pflanzen, alles was wächst. Liebe und Freundschaft sind für mich das Wichtigste.
Zur Person Ruth Peggy Sophie Parnass wurde am 11. Oktober 1934 in Hamburg geboren. Ihr Vater war Pole, ihre Mutter Hertha portugiesischer Abstammung. Beide Eltern wurden im KZ Treblinka ermordet. 1939 wurde Parnass gemeinsam mit ihrem vierjährigen Bruder Gady mit einem Kindertransport nach Schweden verbracht, wo sie in insgesamt zwölf verschiedenen Pflegefamilien die Zeit des Nationalsozialismus überlebte. Kurz vor Kriegende kamen die Geschwister zu einem Onkel nach London, der als einziger der Familie durch Flucht überlebt hatte. Parnass nahm die schwedische Staatsbürgerschaft an und studierte in Stockholm, London, Hamburg und Paris. Seit ihrem 14. Lebensjahr erarbeitete sie sich ihren Lebensunterhalt durch ihre Sprachkenntnisse, als Sprachlehrerin, Filmkritikerin, Kolumnistin und Dolmetscherin für die Kriminalpolizei. Sie arbeitete zudem als Schauspielerin in Film und Fernsehen und übersetzte Märchen. 17 Jahre lang schrieb sie Gerichtsreportagen für die Monatszeitschrift «Konkret», die auch in ihrem preisgekrönten Buch «Prozesse» (1978) veröffentlicht wurden. Für hervorragende Leistungen im Journalismus wurde sie mit dem Joseph-Drexel-Preis (1979), dem Fritz-Bauer-Preis (1980) und mit der Biermann-Ratjen-Medaille (1998) ausgezeichnet. Im August 2008 wurde ihr das Bundesverdienstkreuz verliehen. Peggy Parnass lebt heute in Hamburg. JZ |