Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Perusch» kämpft um AnerkennungLev Schwarzmann über die Liberale Jüdische Gemeinde Ruhrgebiet
Fragt man Lev Schwarzmann, wie lange er schon in Deutschland lebt, antwortet er in Monaten: «Das hört sich nicht so lange an und man muss sich nicht immer für die schlechten Sprachkenntnisse entschuldigen », schmunzelt der Oberhausener. Vor 156 Monaten, sprich 13 Jahren, kam er aus Moldawien nach Deutschland und Fakt ist, dass er die deutsche Sprache anstandslos beherrscht. Lev Schwarzmann ist der Vorstandsvorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde Ruhrgebiet «Perusch», die vor drei Jahren, im August 2005, mit Sitz in Oberhausen ins Leben gerufen wurde und sich der Union Progressiver Juden in Deutschland (UPJ) anschloss. «Perusch» bedeutet übersetzt «Auslegung» und trifft damit ein Anliegen des liberalen Judentums im Kern: «Wir wollen unsere Religion nicht einfach hinnehmen, sondern uns mit ihr auseinandersetzen, wir wollen Formen finden, das Judentum in unser aktuelles Leben sinnvoll einzubinden», sieht der Vorsitzende seine Gemeinde als Angebot an alle Juden im Ruhrgebiet, sich dem liberalen Judentum anzuschließen. «Die progressive Bewegung vereint mehr als 1,6 Millionen Juden in der ganzen Welt, und auch die nach 1990 in Deutschland entstandenen Gemeinden knüpfen an diese Tradition an». Lev Schwarzmann ist davon überzeugt, dass dieser Richtung die Zukunft gehört, und seit Juli ist er auch Vorstandsmitglied der UPJ. Wie kam er dazu, «Perusch» zu gründen? «Als ich nach Deutschland kam, habe ich der jüdischen Gemeinde Duisburg/Mülheim/ Oberhausen angeboten, meine Fähigkeiten ehrenamtlich einzubringen. Ich bin Journalist, Moderator, habe als Sozialarbeiter in den Sprachkursen für die russischen Auswanderer gearbeitet, aber der Vorstand wollte mich nicht haben.» Enttäuscht über die Abfuhr trat Schwarzmann aus der orthodox geführten Duisburger Gemeinde aus und gründete mit Gleichgesinnten das Deutsch-Russisch-Jüdische Kulturzentrum «Trio». Die Partei der Grünen vor Ort habe «Trio» einen Raum zur Verfügung gestellt, in dem russische Juden aus dem gesamten Ruhrgebiet zusammengekommen seien, um jüdische Feiertage zu begehen und sich in der Gemeinschaft auszutauschen. Als die Räumlichkeiten 1998 gekündigt wurden, habe einige Jahre Funkstille geherrscht, bis im Juni 2005 ein Freund auf Schwarzmann zugekommen sei mit der Bitte: «Lass uns eine Gemeinde gründen!» Lev Schwarzmann gab sofort Gas und stellte jede Menge auf die Beine. Bibliothek und Chor, Literaturclub und Gymnastikgruppe, Diskussionsrunde, Kinderclub und Theatergruppe, Schach- und Kochclub - mittlerweile herrscht jede Menge Leben in der neuen Gemeinde, die kürzlich in angemietete Räumlichkeiten in Oberhausen, Havensteinstraße 52, gezogen ist. Besonders stolz ist die Gemeinde auf ihr gutes Orchester, das den Namen «Keschet » (Regenbogen) trägt. «Wir haben eine Vereinszeitschrift und einen Internetauftritt und feiern einmal wöchentlich Gottesdienst», freut sich Schwarzmann. Über die aktuelle Mitgliederstärke mag er keine konkrete Auskunft geben: «Es könnten mehr sein, aber unsere Veranstaltungen sind immer sehr gut besucht.» Einen Grund für die verhaltene Beitrittbereitschaft sieht der Vorsitzende in dem Umstand, dass russische Juden in ihrer Heimat von ihren Wurzeln getrennt waren. «Wenn diese Menschen „Religion" hören, halten sie erst einmal Abstand.» Aber die offene, liberale Richtung gebe ihnen die Möglichkeiten, doch noch den Zugang zum Judentum zu finden. Außer mehr Mitgliedern wünscht sich der Vorsitzende vor allem eine bessere finanzielle Ausstattung für sein bislang ehrenamtlich arbeitendes Team, um noch erfolgreicher arbeiten zu können. «Zurzeit klagen wir gegen den Landesverband der Jüdischen Gemeinden Nordrhein, der uns eine Anerkennung als Gemeinde verweigert », konstatiert er. Auf die abschließende Frage nach seinem Alter antwortet Lev Schwarzmann ebenfalls in seiner eigenen Art: «Ich lese mein Alter hebräisch, von hinten nach vorne», schmunzelt er. Demnach ist er 16 Jahre alt.
Kontakt: Liberale Jüdische Gemeinde Ruhrgebiet «Perusch», Tel. 0208/807160, www.ruhr-ju.de, E-Mail: perusch@t-online.de
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