Ruth Jacoby. Foto: Schwedische Botschaft

Porträt einer erfolgreichen Weltbürgerin

Ruth Jacoby, Schwedens Botschafterin in Berlin

Früher, sagt Ruth Jacoby, habe sie sich weniger mit ihrer Herkunft auseinandergesetzt, doch mit zunehmendem Alter interessiere sie sich mehr und mehr für ihre Familiengeschichte. Dies ist einer der Gründe, weswegen es die ehemalige Ministerialdirektorin für Internationale Entwicklungszusammenarbeit des schwedischen Außenministeriums und derzeitige Botschafterin Schwedens in Deutschland nach Berlin zog.

«Ich weiß nicht», zweifelt sie, «ob ich den Lesern einer jüdischen Zeitung wirklich etwas Interessantes zu erzählen habe.» Dann lehnt sich die 58-Jährige im senfgelben Sofa ihres gastfreundlichen Büros zurück, nimmt einen Schluck aus der IKEA-Kaffeetasse und erzählt die fesselnde Lebensgeschichte ihres Vaters, eines gebürtigen Berliners.

Als jüdischer Anwalt der Eisenbahngewerkschaft hatte Erich H. Jacoby die Eisenbahnarbeiter der Proteststreiks von 1932 verteidigt und musste Deutschland nach der Machtübernahme Hitlers im wahrsten Sinne des Wortes zügig verlassen: Mit Hilfe einiger Gewerkschaftsfreunde flüchtete er - als zweiter Lokführer getarnt - am 1. April 1933 mit dem Nachtzug nach Kopenhagen. In Dänemark war der Jurist weiter im Untergrund für die Gewerkschaftsbewegung tätig, bewegte sich in jüdischen Kreisen und begegnete Lotte Friediger. Die Tochter von Moses Friediger, der als reitender Feldrabbiner aktiv am ersten Weltkrieg teilgenommen hatte und später Oberrabbiner in Kopenhagen wurde, erwiderte seine Gefühle: «Die Familie meiner Mutter fand das nicht so toll, dass ihre Tochter einen mittellosen Emigranten heiraten wollte, aber sie haben es am Ende doch akzeptiert und mein Großvater selbst wollte die Ehe schließen», erklärt Ruth Jacoby lächelnd. Wegen des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf Dänemark kam es jedoch nicht mehr zu der Hochzeit, die am 14. April nach jüdischem Brauch gefeiert werden sollte. Am 9. April 1940 stand der Bräutigam in der Haustür seiner Schwiegereltern und fragte: «Ich gehe, Lotte, kommst du mit?» Wenige Stunden später fuhren die unfreiwillig Unverheirateten die Küste entlang, versuchten erfolglos, Plätze für die letzte Fähre nach Schweden zu ergattern und setzten schließlich mit anderen Flüchtlingen in einem Fischerboot über. In Stockholm ließ sich das Paar von dem Juden Jakob Ettlinger trauen und Erich H. Jacoby bemühte sich um Einreisepapiere nach Amerika. Der ansässige Konsul konnte ihnen jedoch nur ein Visum für die Philippinen ausstellen, damals amerikanisches Protektorat. Ende 1940 machten sich Lotte und Erich H. Jacoby schließlich mit der Transsibirischen Eisenbahn auf den langen Weg durch die Sowjetunion nach Japan und dürften im Januar oder Februar 1941 in Manila angekommen sein. «Dort hatten sie es, glaube ich, ein dreiviertel Jahr sehr schön», mutmaßt ihre Tochter. «Bis Pearl Harbor. Danach begann die japanische Okkupation von Südostasien und die zwei lebten fünf Jahre unter japanischer Besatzung, bis sie 1945 von General MacArthur befreit wurden.»

Lotte und Erich H. Jacoby kamen im Mai 1945 mit amerikanischen Truppen nach Kalifornien. Sie wollten nach Europa zurück, doch gab es damals weder entsprechende Reisemöglichkeiten noch die finanziellen Mittel. Vor 1947 war es ihnen nicht möglich nach Dänemark zurückzufahren. »Meine Mutter wollte unbedingt ihre Eltern wieder sehen. Mein Großvater, der Rabbiner, war nach Theresienstadt deportiert worden. Er hatte zwar überlebt, kam aber sehr krank nach Hause und starb später an den Folgen der Lagerhaft. Aber meine Mutter hat ihn noch treffen können.» Sich in Dänemark niederzulassen war nach dem Krieg sehr schwierig und Erich H. Jacoby fand erst 1948 in Schweden Arbeit. Wie viele andere hatte auch er sich in den Jahren des Exils im Ausland einem ganz neuen Arbeitsgebiet zugewandt: Er engagierte sich nicht nur in der philippinischen Widerstandsbewegung der Bauern, sondern beschäftigte sich auch mit der dortigen Landwirtschaft und betrieb soziologische Studien. Dieses spezifische Wissen machte den ehemaligen deutschen Anwalt zu einer Art internationalen Agrarreformexperten und zu einem Spezialisten in Sachen Flurbereinigung. Seine Erfahrungen mit Land und Leuten schrieb er in einem Buch nieder, das die soziale Situation der Bauern in der dritten Welt thematisierte und auf das Fachleute aufmerksam wurden. Über diesen Weg kam Erich H. Jacoby schließlich zur UNO, die er lange Jahre in landwirtschaftlichen Entwicklungsfragen beriet. Seine Tochter Ruth trat ein halbes Jahrhundert später in gewisser Weise in seine Fußstapfen, indem sie ihre Diplomatenkarriere zielstrebig verfolgte und heute, neben zahlreichen anderen hochrangigen diplomatischen Tätigkeiten in internationalen Gremien, Mitglied in dem von Generalsekretär Kofi Annan im Februar 2006 ernannten «High Level Panel on UN System-Wide Coherence» ist. Auf ihr Fachgebiet angesprochen, erklärt die schwedische Botschafterin, die an der Universität Uppsala Wirtschaftswissenschaften, Philosophie und Geschichte studierte, jedoch bescheiden: «Ich bin Multilateralistin!» Verhandlungsgeschick, Sachverstand und höchste Kompetenz stellt Ruth Jacoby seit 1972 wechselweise im schwedischen Außenministerium und seinen internationalen Vertretungen unter Beweis. Stockholm, Washington und New York waren dabei nur einige ihrer Stationen.

Ihre gute Ausbildung habe bereits in Rom begonnen, wo Erich H. Jacoby ab 1952 für die UNO tätig war. «Die Entscheidung, mich dort auf eine deutsche Schule zu schicken, fiel meinen Eltern, wie ich später erst verstanden habe, nicht leicht.» Bis zu ihrem zwölften Lebensjahr besuchte die heutige Spezialistin für Entwicklungsfragen daher zunächst die amerikanische Schule in Rom. «Obwohl mein Vater 1956 schwedischer Staatsbürger geworden war, war er sehr, sehr deutsch. Damals auf der Flucht, hatte er den „Faust" in der Tasche. Er hatte zwar Englisch und Schwedisch und Dänisch gelernt, aber er sprach hauptsächlich Deutsch. Und ich glaube, er dachte, dass es schrecklich wäre, wenn sein einziges Kind nichts von der europäischen Geschichte, Kultur und Literatur mitbekäme.»

Ruth Jacoby, die 1949 in den Vereinigten Staaten zur Welt gekommen war, verließ die amerikanische Schule und besuchte die deutsche Schule in Rom. «Meine Eltern haben sich das sehr gut überlegt. Mein Vater war ja nie wieder nach Deutschland zurückgegangen. Er führte ein langes Gespräch mit Werner Ross, dem damaligen Rektor der Schule und späteren Leiter des Goethe-Instituts in München, ob er seine geliebte einzige Tochter auf eine deutsche Schule schicken könne.» Jacoby ließ sich von Ross und dessen humanistischen Prinzipien überzeugen. «Als 13-Jährige bin ich auf das deutsche Gymnasium gekommen und sprach kein Deutsch. Sechs Jahres später hatte ich das deutsche Abitur, konnte damit in Schweden studieren und mich außerdem besser mit meinem Vater unterhalten. Daneben hatte ich Goethe, Schiller und viele andere wichtige deutsche Köpfe gelesen.»

Erich H. Jacoby fühlte sich nicht nur der deutschen Kultur verpflichtet, er pflegte auch, gemeinsam mit seiner Frau Lotte, zeitlebens die jüdische. «Mein Vater stammt aus sehr angesehenen assimilierten deutschen Kreisen. Sehr bewusst Jude, aber völlig assimiliert. Überhaupt nicht orthodox, gar nicht religiös.» Angesprochen auf die Verwandtschaft legt Ruth Jacoby die Stirn in Falten und erinnert sich: «Seine Urgroßmutter war die Cousine von Heinrich Heine, auf eine Art sind wir auch mit Mendelssohns verwandt. Doch mein Vater fühlte sich Johann Georg Jacoby am nächsten. Er hatte 1848 als Abgeordneter von Königsberg im Frankfurter Parlament gesessen. Nach ihm ist auch die Jacobystraße benannt.» Die Mutter, Lotte Jacoby, die im Hause des Kopenhagener Oberrabbiners aufgewachsen war, hatte als 19-Jährige dem orthodoxen Judentum den Rücken gekehrt. «Meine Mutter und mein Vater erzogen mich hundertprozentig jüdisch, aber ohne die Lehre. Ich kann nicht hebräisch lesen, das habe ich meinen Eltern später einmal vorgeworfen. Aber wir haben Chanukka und Pessach gefeiert. Das Jüdische als Identität war sowohl kulturell als auch historisch sehr ausgeprägt.»

Als Sechzehnjährige wollte Ruth Jacoby die Ferien in einem Kibbuz in Israel verbringen. Doch ihre Eltern verboten die Reise. Sie lacht verschmitzt: «Mein Vater hatte wahnsinnige Angst, dass ich nicht mehr zurückkäme, also durfte ich da nicht hin. Stattdessen fuhr ich dann nach Frankreich und habe eben da Äpfel gepflückt.» Später habe sie das jüdische Leben überall in der Welt entdeckt. In den siebziger Jahren trampte die spätere Botschafterin durch Nordafrika, besuchte Algerien und Marokko. «Da gab es ganz alte jüdische Gemeinden, die dort seit Jahrhunderten gelebt hatten.» So, wie es sie auch im Iran und im Irak gegeben habe. Der «neue Antisemitismus», so Ruth Jacoby, sei in den letzten Jahren schlimm geworden und entspreche, gerade was den Islam anbelange, überhaupt nicht ihrer persönlichen Erfahrung: «Noch vor kurzem, als ich in New York war, habe ich gesehen wie zum Beispiel jüdische und nichtjüdische Iraner oft im gleichen Stadtteil wohnten. Brooklyn hat eine iranische Diaspora, alle haben sich dort wieder getroffen und in denselben koscheren Geschäften gekauft.» New York, schwärmt die Schwedische Botschafterin, sei gerade in dieser Hinsicht eine wunderbare Stadt. Doch auch in Europa sieht sie große Chancen für ein vielfältiges Miteinander und glaubt, dass Antisemitismus keine große Anhängerschaft mehr finde. «Dem, was auch von einem Teil einer neuen islamistischen Bewegung angefeuert wird, müsste sich Europa widersetzen können.» Und die rechten Parteien, die wieder salonfähig zu werden scheinen? «Ich weiß nicht», gibt Ruth Jacoby zu bedenken, «ob das antisemitisch im Sinne des Wortes ist. Die nehmen einfach etwas, was scheußlich und provokant ist. Und Antisemitismus provoziert natürlich sehr.» Sie selbst habe über antisemitische Tendenzen in ihrem persönlichen Umfeld nicht viel nachdenken müssen. «Ich bin ja sehr privilegiert und ich habe in dieser Hinsicht nie schlechte Erfahrungen gemacht.»

Ruth Jacoby ist, wie sie selbst sagt, in einem «klar antizionistischen Elternhaus» groß geworden. Ihr Vater sei dem Staat Israel, den er Anfang der 50er Jahre einmal besucht hatte, immer kritisch gegenüber eingestellt gewesen. Und auch mütterlicherseits habe es keine großen Sympathien für Israel gegeben, denn ein weltlicher Staat habe auch nicht der Vorstellung eines Oberrabbiners entsprochen, dessen Ansicht es gewesen sei: «Hebräisch ist Gottes Sprache. Die kann man nicht gebrauchen, um sich beim Frühstück zu unterhalten.» Auf die Frage, wie ihr eigenes Verhältnis zu Israel heute aussieht, antwortet Ruth Jacoby nur zögerlich. «Das ist eine sehr schwierige Frage. Wenn Sie mich vor zehn oder fünfzehn Jahren gefragt hätten, hätte ich gesagt: Ich bin Israel gegenüber ganz unvoreingenommen. Heute ist die Frage für mich schwieriger zu beantworten. Natürlich bin ich in manchen Dingen kritisch. Man hätte natürlich gerne, dass es ein integriertes Land wäre, in dem die Menschen wie Brüder miteinander lebten. Aber das scheint eine Utopie zu sein.»

Im September 2006 trat Ruth Jacoby als Botschafterin Schwedens in der Bundesrepublik Deutschland ein Amt an, das bereits von ihrem Vorgänger Carl Tham, der sich als Botschafter besonders im kulturellen Bereich engagiert hat, auf außerordentliche Weise ausgefüllt wurde. Auch für Ruth Jacoby steht der Kulturaustausch an prominenter Stelle, der Ort scheint ihr dafür prädestiniert: «Berlin ist eine kulturelle Hauptstadt in Europa, wenn nicht sogar die Kulturhauptstadt Europas. Das muss man wahrnehmen und vermitteln und verstehen. Vierundzwanzig Stunden am Tag reichen allerdings überhaupt nicht, wenn man alles in Schweden repräsentieren will und alles von Deutschland nach Hause bringen soll.» Doch die agile und stets gute Laune verbreitende Botschafterin lässt keinen Zweifel daran, dass sie diese Herausforderung annehmen wird. Kontakt zur jüdischen Gemeinde will sie schon deshalb aufnehmen, um mehr über ihre Familie väterlicherseits herauszufinden.

Als erste Frau, die das höchste diplomatische Amt für Schweden in Deutschland bekleidet, ist Ruth Jacoby auch ein Sinnbild für die schwedische Vorreiterrolle in Sachen Gleichstellung. Darauf ist die Botschafterin stolz, wenngleich sie zu Bedenken gibt, dass Schweden noch nicht alle selbst gesteckten Ziele erreicht habe: Es gäbe auch in ihrer Heimat noch immer zu wenig weibliche Führungskräfte, eine Segregation auf dem Arbeitsmarkt und ungerechtfertigte Gehaltsunterschiede zwischen Frauen und Männern. Doch ohne staatliche Unterstützung durch Angebote in der Kinderbetreuung sowie die familiäre Arbeitsteilung und Versorgung ihrer beiden 1976 und 1979 geborenen Söhne mit ihrem Mann Björn Meidal, wäre ihr, so Ruth Jacoby, der berufliche Aufstieg in die Führungsetagen verwehrt geblieben. Deshalb freut sich die schwedische Botschafterin, dass jetzt auch in Deutschland endlich eine Debatte über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Gang gekommen ist. «Dass die Diskussion um die Notwendigkeit von Kinderbetreuung gelinde gesagt zu einer sehr lebhaften Angelegenheit geworden ist, halte ich für ein gutes Zeichen.»

Corinna Waffender

«Jüdische Zeitung», April 2007