Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Bom! Bom! Bom! Bom!Über jüdische Comicwelten
«Lest mehr Comics!», rufe ich von Zeit zu Zeit meinen Freunden zu. Deren spontane Begeisterung hält sich dann oft in Grenzen. Verbinden die meisten von ihnen mit Comics doch vor allem altbekannte Klassiker: die mit den großohrigen Mäusen, den düsteren Superhelden und den streitbaren Galliern. Erschienen in Massenproduktion und in einfacher Paperback-Qualität, erhältlich vor allem am Zeitungskiosk. Meist ein Relikt aus Kindheitstagen und ein unerschütterlich im Gedächtnis eingegrabener Zitatfundus. Aber darüber hinaus? Dass es außerhalb einer allzeit florierenden Heftchen-Industrie, neben all den Fix und Foxis, erzählerische Eleganz und die unterschiedlichsten Bilderwelten zu entdecken gibt, beginnt hierzulande erst allmählich bekannt zu werden. Und dennoch gibt es auch in Deutschland längst eine kleine lebendige Comicszene: Mit einer Reihe fabelhafter Independent-Verlage wie Reprodukt und Avant. Mit Comic-Läden, in denen zwischen Kundschaft und Verkäufern so kenntnisreich und beherzt gefachsimpelt wird, wie man es sich in manch anderen Buchhandlungen wünschen würde. Mit Musenstuben und Galerien, in denen in bester «Support your local heroes»-Manier produziert und druckfrisch Handverlesenes verkauft wird. Und mit einem Angebot, das von Heftchen mit dem Charme des Schäbigen, Billigen ebenso lebt wie von in Druck und Koloration höchst aufwendig gestalteten Bänden. Comicleser sind Bücherliebhaber, soviel steht fest. Einer der jüngsten Erfolge des Genres war Marjane Satrapis «Persepolis» über eine Kindheit und Jugend im Iran: Nicht zuletzt, weil dieser Comic mit leichter Hand und scharfer Zunge viele kleine Lebensdetails aus einer Region offenbarte, die vor allem als problembeladen bekannt ist. Viel Platz für Punkrock hörende kleine iranische Mädchen blieb da nicht. Der musste erst vom Comic erstritten werden. Beinahe genau so erfolgreich wie die Printausgabe war die Verfilmung des Comics. Dass gerade der Film zu einem Verbündeten des Genres werden konnte, verwundert nicht, haben doch die Formen des Erzählens in Comic und Film manches gemeinsam. Noch nie gab es so viele Comic- Verfilmungen wie derzeit. Auch der an Judentum und Israel interessierte Leser wird auf dem Gebiet Comic reiche Beute machen: Man muss dafür nicht erst, wie die kürzlich in Berlin zu sehende Ausstellung «Mit Superman fing alles an - Jüdische Künstler prägen den Comic», in die Geschichte zurückgehen: Zu den Superman-Erfindern Jerry Siegel und Joe Shuster, oder zu den großen alten Männern Will Eisner und Art Spiegelman, die ihre Meriten längst erworben haben und deren Comics («Spirit» und «Maus») zu den einflussreichsten Bänden des Genres gehören. Ein Blick auf die letzten Jahre genügt, um eine Reihe an Comics zum Thema Nahost, Israel und/oder Judentum zu entdecken. Da findet man Comics wie Joe Saccos dreihundertseitigen Band «Palästina», der das Genre Comic-Reportage begründete und den Beweis dafür lieferte, dass sich auch Comics komplexer gesellschaftlicher Zustände annehmen können. Zu finden sind auch Gemeinschaftsarbeiten, wie etwa der deutsch-israelische Sammelband «Cargo - Comicreportagen aus Berlin und Tel Aviv», entstanden in der Kooperation der israelischen Comiczeichner-Truppe Actus Tragicus mit einigen Berliner Comiczeichnern. Nicht nur von den Menschen erzählen die Geschichten des Bandes, auch die Städte selbst werden immer wieder zu Protagonisten. Wenn in diesem Buch die Zeichner mit dem Stift in der Hand die Stadt erkunden, so wird auch in Sylvain Mazas' c h a r m a n t e m Band «Dieses Buch sollte mir gestatten, den Konflikt in Nahost zu lösen, mein Diplom zu kriegen und eine Frau zu finden» das Comic zum Notiz- und Gedankenheft des Autors in einem fremden Land. Mazas' Comic, entstanden nach einem dreimonatigen Libanonaufenthalt, ist, anstatt mit neuen Friedensanalysen aufzuwarten, gespickt mit irren Diagrammen und Clustern, die oben stehende Probleme in den Griff bekommen sollen. Da stehen Lebensverbesserungsmaßnahmen, wie «jeden Tag ein Glas Orangensaft trinken, Vitamine zu sich nehmen, schön sein, eine Frau finden» neben Plänen wie «Arabisch lernen, in den Libanon reisen, gute Beziehungen zwischen Ost und West schaffen, Konflikt in Nah-Ost lösen, die Welt verbessern, in Sicherheit leben». Im Zentrum dieser Folgerichtigkeiten und zugleich Ziel aller Maßnahmen: «Glücklich sein.» Dem Thema Judentum im ausdrücklichen Sinne widmet sich mit besonderem Witz und Talent der französische Comic-Zeichner Joann Sfar, der 1971 in Nizza geboren und mit sefardischen wie aschkenasischen Traditionen aufgewachsen, zu einem der produktivsten Künstler der Szene gehört. Seine «jüdischen» Arbeiten, etwa «Die kleine Welt des Golem» oder die imaginäre Biografie des jüdischen Malers Julius Pinkas alias «Pascin», sind hier mit Nachdruck zu empfehlen. Auch wenn sie dieses Lobspruchs eigentlich nicht mehr bedürfen: Hat doch gerade die Comic-Serie «Die Katze des Rabbiners», die inzwischen in die fünfte Folge geht, längst auch in Deutschland zu ihrer Leserschaft gefunden. Im Zentrum dieser Reihe stehen ein algerischer Rabbiner, seine schöne Tochter Zlabya und ihre rattenfreche Katze, die, nachdem sie den Papagei gefressen hat, zur Sprache gelangt ist. Ausgestattet mit dem neuen Vermögen, löchert sie ihren Besitzer mit kritischen Fragen zum Judentum und malträtiert ihn mit notorischem Widerspruch. Ihr Besitzer wünscht sich manches Mal eine miauende Katze zurück. Sfars Zeichenstil, der leichthändig Dahingekritzeltes mit detailreich gestalteten, opulent anmutenden Straßenszenarien kombiniert, zieht den Leser hinein in eine atmosphärisch dichte Welt mit einem großartigen Personal, in dem sich der Rabbiner des Rabbiners, Jeschiwa-Studenten, russische und afrikanische Juden auch mal im Swimmingpool über das Schicksal des jüdischen Volkes kabbeln. Aber auch der Räuberpistole «Klezmer», einem Musik-Comic aus dem Russland der Zarenzeit, sei hier eine Lanze gebrochen. Zwei abtrünnige Jeschiwa-Studenten, ein Zigeuner, der aus kommerziellen Gründen von der Band kurzerhand zum Erzähler originär jüdischer Geschichten erkoren wird, ein Mädchen, das der Enge des traditionellen Schtetls entflieht, und ein leicht reizbarer Baron - sie allen bilden eine zufällig zusammengewürfelte Klezmer-Band, ausgezogen, um den Osten zu erobern. Sie alle bilden, wie schon die rabbinische Katze und ihre Menschen, eine herrliche Bande Freidenker. Nicht vergessen werden dürfen die Musikszenen selbst, die Sfar mit großartiger, dadaistisch anmutender Lautmalerei in Szene setzt: «Yam Bam Bom Bam Yom Schilibilibiliyom». So hat man Klezmer noch nie gehört und gesehen! Auch wenn es bei Sfar meist ziemlich rabiat und lustig zugeht, werden die Figuren stets getragen «von dem Bewusstsein ihrer Zerbrechlichkeit», ihrer «sozialen und politischen Verwundbarkeit», so Sfar. Die Geschichten erhalten dadurch ihre Tiefe. In Sfars Comics glückt, was so äußerst selten zu gelingen scheint: Nämlich jüdische «Wissensvermittlung» von einem allzu steifen Korsett aus Ehrfurcht und Trauerflor zu befreien. Viel eher macht Sfar, quasi im Nebenbei, die Welt des religiösen Judentums, von Jeschiwot über Kashrut bis hin zu talmudischem Widerspruchsgeist, lebendig: Anstatt sie auszustellen und auf einem didaktischen Tablett zu präsentieren, bewegen sich die Figuren in dieser Welt. Religiösen Gebräuchen wird nicht zuletzt dadurch zu mehr Lebendigkeit verholfen, dass sie, wenn auch nie lieblos, stets mit einer gewissen Respektlosigkeit behandelt werden. Sei es aus der Perspektive der aufmüpfigen Katze oder aus der des zweifelnden Jeschiwa-Schülers, der sein Bestes tut, um ein schlechter Jude zu sein. Für sie alle gilt, ganz im Sinne jüdischer Streitkultur: «Widerspruch, ja!» «Besserwisserei und Missachtung, nein!» Solche Geschichten kann vielleicht nur einer erdenken, dem jüdische Tradition Lebenswirklichkeit und Quelle der Neugier ist: «Seit ich sprechen kann, erklärt man mir das jüdische Volk und ich habe immer noch nicht ganz verstanden, worum es eigentlich geht», so Sfar. |