Der Revolutionär im Schriftsteller

Im Rahmen der Berliner Jüdischen Kulturtage werden drei vielversprechende Ausstellungen eröffnet

 

 

Im Rahmen der diesjährigen Berliner Jüdischen Kulturtage, die am 13. September eröffnet werden, beleuchten gleich drei Ausstellungen äußerst interessante Themenfelder. In der Ausstellung «Die Jeckes» wird der Verflechtung von deutsch-jüdischer und israelischer Kultur und Gesellschaft nachgespürt. Als «Jeckes» wurden die deutschsprachigen Juden bezeichnet, die nach der Machtübernahme Hitlers nach Palästina flüchteten. Anfangs oft verlacht aufgrund ihrer «Intelligenzberufe » und scheel angeschaut, da sie oftmals nicht aus zionistischer Überzeugung nach Palästina kamen, bildeten ihre Erfahrungen aus Wirtschaft, Bildung und Kultur einen wichtigen Bestandteil für die Schaffung eines modernen jüdischen Staates.

Einem besonders in den letzten Jahren viel diskutierten Thema widmet sich die Ausstellung «Raub und Restitution», die ab dem 18. September im Jüdischen Museum zu sehen sein wird. Erst vor kurzem erklärten sich US-amerikanische Museen bereit, ihre Bestände zugänglich zu machen, um die Suche nach den von den Nationalsozialisten entwendeten Kunstgütern zu unterstützen. Neben der Darstellung der historischen Abläufe - gezeigt wird u.a., welche Rolle Museen, Bibliotheken und Kunsthändler spielten, die ihre Sammlungen mit dem bis heute nicht genau zu beziffernden Zuwachs an Kunstgütern erheblich erweiterten - werden die Wege einzelner Kunstgüter verfolgt.

Die dritte Ausstellung beschäftigt sich mit Leben und Werk von Manés Sperber (1905-1984). Vor drei Jahren jährte sich der hundertste Geburtstag des schwierig zu beschreibenden Psychologen und Schriftstellers, was das Jüdische Museum Wien zum Anlass dieser Ausstellung nahm, die nun in Berlin zu sehen ist.

Sein Freund Siegfried Lenz beschrieb Sperber einmal als «Revolutionär». Und diese Bezeichnung scheint eine der treffendsten zu sein, denn revolutionär wirkte Sperber in mehreren Bereichen: Erst innerhalb der Individualpsychologie, dann in der Kommunistischen Partei Deutschlands sowie in der Abkehr von ihr und seiner radikalen Kritik an Kommunismus und Stalinismus und schließlich als Kritiker der gegenwärtigen Gesellschaft.

Im ostgalizischen Zablotow 1905 geboren, wuchs Sperber in einer orthodoxen jüdischen Familie auf. Diese Herkunft prägte ihn zeit seines Lebens, auch als er sich von der orthodoxen Lebensweise längst entfernt hatte: «Ich bin ein Jude, weil ich in meiner Kindheit von einer alles umfassenden, alles durchdringenden Erziehung geformt worden bin.» Während des Ersten Weltkriegs floh die Familie nach Wien, in die Stadt, die «aus leuchtenden Kristallen erbaut sein musste, auf die sich die Nacht niemals herabzusenken wagte». Wien bedeutete für Sperber die Begegnung mit der deutschen Literatur und Kultur, sie war ihm Ort der Bildung. Bis zuletzt wird sie ihm geistige Heimat bleiben. Trotz der wenigen Jahre, die er in der Stadt verbrachte, wird ihm die Sehnsucht nach ihr begleiten - eine Sehnsucht, die ihn in seinem langjährigen Lebensort Paris den Jardin du Luxembourg aufsuchen lässt, da er ihn an den Wiener Augarten erinnert. Wien bedeutete aber auch die wichtige und prägende Begegnung mit Alfred Adler, dem Begründer der Individualpsychologie. Mit nur 16 Jahren wurde Sperber dessen Schüler. In Adlers Auftrag ging Sperber nach seiner Ausbildung zum Heilpädagogen 1927 nach Berlin und leitete dort mit Fritz Künkel das Alfred- Adler-Institut, der Berliner Sitz der Gesellschaft für Individualpsychologie. Nach Wien wurde Berlin zur zweiten wichtigen Station in Sperbers Leben. Hier trat er in die Kommunistische Partei Deutschlands ein, seine Beschäftigung galt der deutschen Arbeiterbewegung, sie bildete die Grundlage für den Entwurf einer marxistischen Individualpsychologie, die die Bedürfnisse der Individuen wahrnimmt. Diese Haltung und sein Engagement für die Kommunistische Partei führten zum Bruch mit Adler. Kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Sperber in der KPD-nahen Künstlerkolonie am Laubenheimer Platz verhaftet. Nach seiner Freilassung floh er über Prag und Wien nach Zagreb. 1934 ging er im Auftrag der Komintern nach Paris, in die Stadt, die mit Unterbrechung des schweizerischen Exils von 1942-1945 sein endgültiger Lebensort wurde. Nach seiner Ankunft in Paris 1934 arbeitete Sperber zunächst mit Arthur Koestler am Institut für Faschismusforschung. 1937 führten der Hitler-Stalin-Pakt sowie das Wissen um die stalinistischen Säuberungen zum Bruch Sperbers mit der Partei. Von nun an galt sein Kampf der Aufklärung um den stalinistischen Kommunismus und seiner Wirkungen, er wurde zum ständigen Kritiker der sozialistischen Staaten, trat für Verfolgte ein und setzte sich in zahlreichen Artikeln und Essays mit dem Phänomen von totalitären Bewegungen auseinander. Dabei machte er keinen Unterschied zwischen dem kommunistischen und dem nationalsozialistischen Terror. Seine Erfahrungen verarbeitete er in der Trilogie «Wie eine Träne im Ozean», die den Grundstein für seine Wahrnehmung als Schriftsteller legte. Sie wurde 1970 verfilmt und ist als dreiteilige Reihe im Begleitprogramm der Ausstellung zu sehen. Eine zweite Erinnerungsarbeit rückte nach Ende des Zweiten Weltkrieges ebenfalls in das Zentrum seiner Beschäftigung, sie galt der Erinnerung an den «Churban». Sperber verwendete bewusst die jiddische Bezeichnung anstelle des Wortes «Holocaust», was zeigt, wie sehr er an die hebräische Bibel und die jüdische osteuropäische Tradition gebunden blieb. Die Bezeichnung «Churban» birgt allerdings die Schwierigkeit, dass die nationalsozialistische Judenverfolgung undvernichtung den beiden Tempelzerstörungen zugeordnet, und dem Holocaust seine Einzigartigkeit abgesprochen wird. Die tiefe Verbundenheit zum Judentum war nach dem Holocaust für Sperber nicht mehr allein durch seine Herkunft gegeben, sondern durch seine Zugehörigkeit als ein «Erbe des Unglücks»: «Ich bin ein europäischer Jude, der jeden Augenblick dessen bewußt bleibt, ein Überlebender zu sein, und der nie die Jahre vergisst, in denen ein Jude zu sein, ein todeswürdiges Verbrechen gewesen ist.»

Nach seiner Flucht aus Berlin kehrte Sperber nach 27 Jahren erstmals zurück. Bei dieser Rückehr wirkte die Stadt «gespenstisch» auf ihn, «da keiner meiner Freunde mehr da war».


•   Die Jeckes. Die deutschsprachigen Juden in Israel und ihr Beitrag zum Aufbau des   jüdischen Staates. 14.9. bis 31.12.2008, Centrum Judaicum

  • Manés Sperber. Ketzer, Renegat, Humanist. 14.9. bis 19.10.2008, Literaturhaus Fasanenstraße
  • Raub und Restitution. 18.9.2008 bis 1.2.2009, Jüdisches Museum Berlin.


www.juedische-kulturtage.org

Ulrike Schneider

«Jüdische Zeitung», September 2008