Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Duette mit SeltenheitswertZwei Musikerinnen mischen den Klang von Harfe und Geige
Ich habe es etwas leichter gehabt», erklärt Julia Weissmann lachend. «An die Solo-Harfenistin erinnert man sich sofort. Aber bei den Ersten und Zweiten Geigen gibt es in großen Orchestern bis zu vierzig Gesichter... » So fiel der Violinistin Weissmann gleich Olga Shevelevich ein, als sie 2006 in Düsseldorf hörte, eine Kollegin aus ihrer Zeit beim Kirow-Theater in Leningrad sei eingetroffen. Wenig später gaben die beiden Musikerinnen wieder gemeinsam Konzerte, diesmal nicht im Orchestergraben, sondern als Duo der besonderen Art. Art heißt Kunst. Und die beginnt für die beiden Musikerinnen damit, dass sie zu ihren Auftritten zwei Instrumente zusammen klingen lassen, die nur selten ein Ensemble bilden. Es gibt in der Musikliteratur nur wenige Original-Kompositionen für Violine und Harfe. Weissmann und Shevelevich spielen also auch Stücke, bei denen die Violine normalerweise mit dem Piano, dem Cembalo oder der Gitarre ertönt. Während die eine zu den Konzerten ihre Geige mitbringt, muss die andere zunächst klären, ob für den Auftritt vor Ort eine Harfe bereit steht oder ob das sperrige und schon etwas altersschwache Instrument aus ihrer Wohnung im Parterre heran transportiert werden muss. Die ungleichen Instrumente sind für die Musikerinnen absolut gleichwertig. «Farblich passt die Harfe zur Violine noch besser als das Klavier», stellen sie übereinstimmend fest, «Spannung entsteht, wenn das eine Instrument das andere nicht nur begleitet.»
Jüdische Komponisten Begeistert haben die beiden Musikerinnen reagiert, als der Zentralrat der Juden sie in sein Kulturprogramm aufnahm: Jetzt können sie ohne großen Aufwand von jüdischen Gemeinden in ganz Deutschland eingeladen werden. Mit Göttingen, Oldenburg und Augsburg, Krefeld gastierten sie schon in unterschiedlichen Regionen der Republik. Selbstverständlich ist, dass sie für die Programme vor allem Werke von jüdischen oder jüdisch geprägten Komponisten anbieten: Felix Mendelssohn- Bartholdy, Darius Milhaud, Henryk Wieniawski, Fritz Kreisler, George Gershwin, Mario Castelnuovo-Tedesco oder Segiu Natra. Mit jeder Gemeinde wird abgestimmt, welche Klangfarbe der Abend mit Musik haben soll: klassisch, barock oder modern, eher leicht oder ernst, konzentriert auf jüdische Klänge oder aufbrechend in vielfältige Experimente. Die beiden durchaus lebensfrohen Musikerinnen setzen eher nicht auf oberflächliches Vergnügen. «Auch traurige und ernste Musik kann sehr schön sein», bemerkt Julia Weissmann. «Wir mögen Musik, die unter die Haut geht.» Bei den Vorbereitungen für ein Konzert suchen sie nach einer inneren Logik. So haben sie sich schon ausnahmslos Stücke gespielt, die Tieren gewidmet waren. Oder sie verknüpfen Musikbeispiele bestimmter Stile und Epochen. Oder sie machen das Thema «Fantasie» zu ihrem Leitfaden.
Spiel mit Kindern Das Duo der allein erziehenden Mütter wird manchmal verstärkt durch die eigenen Kinder. Schon fünfjährig hat der heute neun Jahre alte Alexander Andrushchenko begonnen, seiner Mutter Olga nachzueifern und noch in St. Petersburg wurde der junge Harfenist mit einem ersten Preis für Nachwuchs-Musiker ausgezeichnet. Auch Assia, Tochter von Julia, ist mit elf Jahren schon wie ihre Mutter eine hervorragende Violinistin. Die beiden Mütter bedauern, dass ihre Schulkinder hierzulande - anders als in Russland - keine Möglichkeit haben, sich schon in der Grundschule und den weiterführenden Schulen neben dem allgemein bildenden Unterricht an den Instrumenten ihrer Wahl ausbilden zu lassen. Wer erst nach dem Abitur eine Musikhochschule besuchen kann, beginnt seine professionelle Ausbildung zehn Jahre zu spät. So bleibt nur der Unterricht neben der Schule: Immerhin haben Sascha und Assia hervorragende Privatlehrerinnen. Aber Julia Weissmann sieht das mit gemischten Gefühlen: «Professionelle Musiker können ihren Kindern helfen, aber sie sollten vor allem ihre Eltern bleiben.» Gemeinsam ist Julia Weissmann und Olga Shevelevich, dass sie selbst nicht aus Musikerfamilien stammen. Zu hohen Erwartungsdruck kannten sie nicht. Beide hatten Eltern, die Musik schätzten und mit ihren Kindern regelmäßig Konzerte und Opern besuchten.
Gen Westen Mit sieben Jahren besuchte die 1964 geborene Julia bereits die Grundstufe der Musikschule. Ein Lehrer riet dem Kind mit dem ausgezeichneten Gehör, vom Klavier zur Geige zu wechseln. Zwei Jahre später wurde sie schon in die Begabten-Musikschule beim Leningrader Konservatorium aufgenommen. Die Prüfung bestand sie mit dem Vorspiel des Violinkonzerts von Charles de Briot. Später wechselte sie zum Tschaikowsky-Konservatorium nach Moskau und ergänzte die fünfjährige Ausbildung mit einem zweijährigen Meisterkurs zur «künstlerischer Reife». Die fünf Jahre jüngere Olga war gerade erst knapp vier Jahre alt, als den Eltern bereits auffiel, wie gern sie Musik hörte. Für die sechsjährige Olga war der Abschied ihrer ersten Klavier-Lehrerin schmerzhaft - aber sie entdeckte im gleichen Jahr ihre neue musikalische Leidenschaft: Vom Balkon im Kirow-Theater beobachtete sie fasziniert den großen Part der Harfenistin in Tschaikowskys «Dornröschen»- Ballett. «Für mich stand fest: Dieses ungewöhnliche Instrument will ich jetzt spielen lernen», erinnert sich Musikerin noch heute. Zwei Jahre später übte sie in der Musikschule auf dem großen Zupfinstrument, auf dessen Vorläufer schon König David gespielt haben soll. Von 1988 bis 1994 besuchte Olga das Rimski-Korsakoff-Konservatorium ihrer Heimatstadt. Gleichzeitig begann sie ihre Karriere als Solo-Harfenistin am dem weltberühmten Opern- und Ballett- Haus, das nun bald wieder Mariinski- Theater hieß. Von St. Petersburg aus konnte die Solistin in der Zeit bis 2005 bei Konzertreisen den Blick weiten. Mit dem Orchester reiste sie nach USA, Kanada, Mexiko, Japan, Israel, Frankreich. Julia Weissmann, die Ende der 80-er Jahre zunächst ein Jahr lang im gleichen Leningrader Orchester spielte, entschied sich schon in der Aufbruchstimmung nach dem Ende der Sowjetzeit, andere Länder kennen zu lernen. Sie reiste nach Genf in die Schweiz und blieb dort acht Jahre lang: Am Centre de Musique Ancienne de Genève erschloss sie sich den Klang der Barock-Violine. 1998 ging die Solo-Geigerin und Kammermusikerin, die auch in benachbarten Ländern auftrat, nach Deutschland. Die hochqualifizierte Ausbildung der Violinistin und die langjährige Solistenrolle der Harfenistin am Weltklasse-Theater haben sich für die Musikerinnen beruflich kaum ausgezahlt. Julia fand hier und da Anerkennung als Konzertmeisterin und konnte eine Dozentur an der Musikakademie Kassel übernehmen - aber immer nur mit befristetem Vertrag. Auch Olga standen 2006 nicht alle Konzertsäle offen. Zu groß ist die Konkurrenz unter den Orchestermusikern aus West- und Osteuropa. Und junge Musiker haben die besseren Startchancen. Das Musikerinnen aus Düsseldorf bleiben dennoch optimistisch: Mit der außergewöhnlichen Kombination ihrer Instrumente setzen sie auch als harmonisches Duo auf gute Resonanz beim Publikum. |