Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Der Gleichgültigkeit widerstehenDas Theater Görlitz spielt die Kammeroper «Die Weiße Rose»
«In meiner Brusttasche trage ich die Knospe einer Rose», schrieb Hans Scholl 1938 an seine Schwester Inge. «Ich brauche diese kleine Pflanze, weil das die andere Seite ist, weit entfernt von allem Soldatentum und doch kein Widerspruch zu dieser Haltung». Bereits kurz nach ihrer Uraufführung 1986 wurde die Kammeroper «Weiße Rose» des Dresdner Komponisten Udo Zimmermann zu einer der wichtigsten Nachkriegsopern überhaupt. Basierend auf einer gleichnamigen Jugendoper von 1967, schuf Zimmermann ein Stück gegen die Gleichgültigkeit. Sein Librettist Wolfgang Willaschek erzählt nicht von der Geschichte der Widerstandsgruppe Die Weiße Rose, sondern wie in einer Momentaufnahme von zwei Menschen in der Grenzsituation ihres Lebens, eine Stunde vor ihrem Tod im Gefängnis München-Stadelheim am 22. Februar 1943. Minute um Minute warten Hans und Sophie Scholl voller Angst auf die Vollstreckung ihres Todesurteils. Während Hans dabei eher nüchtern die weiteren Geschehnisse erwartet, flüchtet sich Sophie in Natur-Visionen. Beide werden sich der endgültigen Folgen ihres Handelns - dem Kampf um Freiheit - bewusst. Diesen September kommen die Szenen für zwei Sänger und 15 Musiker im Theater Görlitz zur Aufführung, und zwar im Rahmen des Festivals «Kunstverfolgen». Das spartenübergreifende Görlitzer Themenfestival bietet vom 16. September - 12. Oktober Raum zum Lernen, Erinnern, und (Wieder)Entdecken von einst verfolgter Kunst und verfolgten Künstlern, und stellt gleichzeitig die zeitgenössische Kunst in den Mittelpunkt. «Laut Udo Zimmermann ist seine Kammeroper ein Stück gegen die Gleichgültigkeit - unsere Inszenierung verfolgt genau diese Intention», sagt der Görlitzer Regisseur Sebastian Ritschel. «Gerade in Zeiten eines massiven Rechtsrutsches müssen wir erkennen, dass Gleichgültigkeit und Demokratieverdruss eine Gefahr für jedermann ist.» Zur Erinnerung: in Sachsen hält die NPD Sitze im Landtag und in Kreistagen. Ritschels Inszenierung zeigt die Menschen hinter dem Mythos Scholl. Jeder Einzelne, so die Botschaft, ist in der Lage, zu erkennen, Position zu beziehen und sein Handeln neu überdenken. Dies wird auch anhand der Biografien der Scholl-Geschwister mit all ihren Verwerfungen deutlich: Aus überzeugten Systemanhängern mit antijüdischen Ressentiments und elitärem Selbstverständnis wurden aktive Widerständler, die letzten Endes ihr Leben der Überzeugung wegen opferten. Ob es wohl gelingt, auch diese Überzeugungen selbst zum Ausdruck zu bringen? 16 Szenen, zusammengesetzt aus Tagebuchaufzeichnungen, Bibelzitaten und Zeitzeugenberichten, erlebt man die letzten Augenblicke im Leben der Geschwister. Der Wechsel aus bedrückender Stille und geradezu aufschreienden Instrumenten vermittelt die spannungsgeladene Atmosphäre, in der Sophie und Hans Scholl die letzten Minuten ihres Lebens ausstehen müssen. «Es gilt den Kampf jedes einzelnen von uns um unsere Zukunft, unsere Freiheit und Ehre in einem seiner sittlichen Verantwortung bewußten Staatswesen. » - Diese Worte aus dem letzten Flugblatt der Studentenvereinigung um die Geschwister Scholl sind 1943 nicht in den Fluren der Universität München verhallt, sondern beschäftigen die Menschen seit Jahrzehnten in einer Weise, die in der deutschen Geschichte ihresgleichen sucht. Und zwar in West- wie Ostdeutschland: die DDR widmete dem Geschwisterpaar beispielsweise 1961 eine Briefmarke. Das Theater Görlitz zeigt «Die Weiße Rose» im Theater hinterm Vorhang in der Ausstattung von Tamara Oswatitsch (Dramaturgie: Ronny Scholz. Die Rolle der Sophie Scholl wird von der Sopranistin Antje Kahn übernommen, den Hans Scholl singt der Bariton Christian Miedl, der sich letzten Jahr auch in der Titelrolle von Victor Ullmanns «Der Kaiser von Atlantis» in München einen Namen gemacht hat. Die Mitglieder der Neuen Lausitzer Philharmonie spielen unter der Leitung von Jan Altmann. |