Der Urknall am Rheinufer

Die Emanzipation der Juden vor 200 Jahren

 

Der Eintritt Napoleons in Düsseldorf.

Reproduktion: Heinrich Heine Institut

Im August 1808 wurde die Jüdische Gemeinde Düsseldorf «von der Wohlthätigen Verfügung benachrichtiget, daß die Judenschaft allmählich, mit den übrigen Unterthanen des Großherzogthums die nemlichen Rechte und Freyheiten genießen sollte. Mit gerührtem Herzen haben wir die Stimme des Dankes erhoben, denn die Wohlthat ist uns angediehen, um welche wir in Wehmuth Jahrhunderte vergebens angefleht haben. Wie lange unsere Urväter unter dem besonderen Schutze der ehemaligen Beherrscher die Staaten und die Residenz-Stadt bewohnten, wie lange sie die Lasten des Staates mitzutragen, und mit den Bürgern in gemeinsamen Verkehr gelebt haben, davon ist das Angedenken in ernsteren Zeiten verlohren».

Was aber war der Anlass für soviel Euphorie am Rhein? Was hatte die Gemeindevorsteher zu solch wohlwollenden Worten veranlasst, welche - dem Zeitgeist entsprechend - nicht frei von schwerem Pathos waren? Die Juden am Rhein waren zuerst von den Napoleonischen Reformen betroffen gewesen, die sich um 1800 auf Westdeutschland auswirkten. Die deutsche Judenemanzipation, damals sprach man von «bürgerlicher Verbesserung», nahm hier ihren Ausgangspunkt. Symbole für die neue Freiheit gab es reichlich. Im September 1797 hatte man unter großer Anteilnahme der Bevölkerung das Tor zur Bonner Judengasse niedergerissen, ähnliche Akte vollzogen sich in Koblenz. Auch der oft erwähnte Umzug des Joseph Isaak nach Köln 1798, der seit den spätmittelalterlichen Vertreibungen von 1424 nunmehr der erste Jude war, der sich in der Stadt niederlassen durfte, gehört in die Reihe populärer Anekdoten.

Napoleon, der Beschützer des neuen Rheinbundes, hatte sich für die neu zusammen gewürfelten Staaten viel auf die Tagesordnung geschrieben: die Abschaffung der Leibeigenschaft und des Lehenswesens, die Umkrempelung von Steuer-, Justiz- und Verwaltungssystemen, die Einführung der Gewerbefreiheit und - gewissermaßen ganz nebenbei - die Befreiung der Juden aus einem «drückenden Zustande». Ein ehrgeiziges Projekt für seine Beamten.

Die Juden im Rheinland waren zumeist einfache Landjuden, die im kleinstädtischen Milieu lebten, Viehhandel und Metzgereien betrieben und den Minjan in den kleinen Dörfern selbst am Freitag kaum zusammen bekamen. Leo Baeck hat einmal gesagt, die Frömmigkeit des rheinischen Judentums habe «seiner ganzen Anlage und Lebensverfassung gemäß, die stetige konservative Art, sie ist eine mehr ländliche Religiosität». Synagogen im Sinne repräsentativer Bauten gab es allenfalls in den größeren Städten, in der Regel traf man sich in einfachen Beträumen oder in der Privatwohnung des Ältesten. Über Jahrhunderte hatten die jüdischen Familien Sonderabgaben bezahlen müssen: Für ihre Schutzbriefe und Geleitkonzessionen waren horrende Summen aufzubringen, bei Begräbnissen oder Geburten war ein Goldgulden zu entrichten. Nicht selten forderten kleinere Amtsleute und lokale Autoritäten ihren zusätzlichen Tribut, so etwa die Zungen des Schlachtviehs. Freizügigkeit war ein Fremdwort, Handwerk und Landbesitz waren verboten, der Kauf von Immobilien untersagt und der Eintritt in die allmächtigen Zünfte verwehrt. Die kleinen jüdischen Gemeinden im Kurerzstift Köln, in den Herzogtümern Jülich, Kleve oder Berg hatten schwere Zeiten hinter sich. Damit war im Sommer 1808 endgültig Schluss.

Das rechte Rheinufer, von den französischen Truppen nach 1806 besetzt, wurde zu einem Modellstaat umgeformt, der in den vergangenen Jahren in der Geschichtswissenschaft zunehmend Interesse geweckt hat: das Großherzogtum Berg. Ein in seiner größten Ausdehnung vom Siegerland bis Ostfriesland reichender Landstreifen, der zum Labor der Moderne in Deutschland werden sollte - und zugleich zur Keimzelle der mitteleuropäischen Judenemanzipation.

Nachdem die französische Verwaltung die gröbsten Reformpakete geschnürt und durchgeboxt hatte, stand endgültig die Gleichstellung der Juden an. Der Kaiser hatte seinen Schwager, Joachim Murat, zum Großherzog an Rhein, Ruhr und Wupper erkoren und ihn mit der Betreuung des Satellitenstaates nach revolutionärem Vorbild betraut. Murats Finanzminister Jean Antoine Agar empfand es mittlerweile nicht mehr als «schicklich», «dergleichen aus finstern Jahrhunderten herkommenden Einrichtungen ferner bestehen zu lassen». Am 22. Juli 1808 war es endlich soweit: Auf einen Schlag wurden sämtliche Sonderabgaben, die bis dahin die Juden betroffen hatten, ersatzlos aufgekündigt. Der Innenminister Graf von Nesselrode-Reichenstein und Agar gaben an die Provinzialräte einen trockenen und leidenschaftslos formulierten Erlass heraus, der im Sommer 1808 bei den jüdischen Gemeinden als «Bergische Ordinanz» für Aufsehen und Freude sorgte: Die «jüdischen Unterthanen» seien, so heißt es dort, «allmählich in die nämlichen Rechte, und Freiheiten zu setzen, deren die übrigen Bewohner des Großherzogthums genießen, so benachrichtigen Wir Sie, Herr Provinzial-Rath, daß von nun an alle bisher von den Juden an die Domänen-Kasse entrichtete Abgaben als Tribut, Schutzgelder, Abgaben für Heiraten, und andere gänzlich cessieren, und von den Domänen Rentmeistern keine Anforderungen weiter an die in ihren Rentey Districten wohnenden jüdischen Familien, so wenig wegen rückständiger, als wegen laufender Abgaben jener Art gemacht werden sollen». Das hatte so keiner erwartet. Auf Druck der Franzosen war das jüdische Mittelalter mit einem Handstreich schneller beendet worden, als es bisher möglich schien. Ähnliches, aber weniger konsequent, vollzog sich im Königreich Westphalen, in dem Jerome, der Bruder des Kaisers, regierte. Hier und andernorts wurden die Befreiungen allerdings teilweise wieder zurückgenommen oder abgeschwächt. In Berg nicht. Hier galt der Code civil, der alle Bürger vor dem Gesetz gleichstellte. Hier beteiligten sich Juden an der aufsteigenden Industrialisierung, wie etwa die Familie Coppel in der Klingenstadt Solingen. Marktfreiheit und Gewerbereform ermöglichten den Weg vom Kramhändler zum Fabrikanten innerhalb zweier Generationen. Synagogen wurden errichtet, nun nicht mehr im Hinterhaus, sondern im Stadtzentrum. Eine enorme Integrationsleistung und Verbürgerlichung zeichnete die Juden in dieser fortschrittlichen Region aus. In keinem anderen Staat des Deutschen Bundes gab es eine derart fortschrittliche Judenpolitik.

In der großherzoglichen Hauptstadt ritt Napoleon am Morgen des 3. Novembers 1811 als Gast ein, als Gast und Eroberer zugleich, als Befreier und Modernisierer. Der 80-jährige Rabbiner Löb Aron Scheuer empfing den Kaiser auch als Freund der jüdischen Sache. Ein damals 14-jähriger Passant, der Knabe Harry Heine, beobachtete die rührige Szene aus der jubelnden Menge heraus und vermerkte später in seinen Erinnerungen: «mein Herz schlug den Generalmarsch ». Das war auch die Initialzündung für die frankophile Napoleonbegeisterung des rheinischen Dichters.

Doch das französische Zwischenspiel war schneller wieder verschwunden, als es gekommen war. Die Leipziger Völkerschlacht zwang die fortschrittlichen Ideengeber in ihr Heimatland zurück. Die Preußen, die das napoleonische Rechtssystem stillschweigend übernahmen, als sie 1815 die Macht an Rhein und Ruhr erlangten, beließen die französischen Regelungen im Großherzogtum so, wie sie sie vorgefunden hatten. Die Emanzipationsdebatten, die der Rheinische Provinziallandtag später in Düsseldorf führte, galten als «Luftzug aus dem Westen», als Impuls für die Emanzipationsgesetze in Preußen und ab 1871 für die juristischen Grundlagen in ganz Deutschland. Die bergische Initiative jedoch darf als Urknall der deutsch-jüdischen Gleichstellung gelten. Die Gemeinde in Essen sah sich zu der freudigen Mitteilung veranlasst, es würden sich «unsere Kinder und Kindes-Kinder stets an den 22ten Juli des Jahres 1808 erinnern». Sie empfanden dieses Datum als einen «für die jüdischen Nazion» ehrwürdigen und in allem Maße besonderen Tag.


Der Autor ist Stellvertretender Leiter der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf und Autor des Buches «Marginalisierung und Emanzipation. Jüdische Alltagskultur im Herzogtum Berg 1779-1847», Schmidt-Verlag 2007, 456 Seiten, 21 Euro.

Bastian Fleermann

«Jüdische Zeitung», September 2008