«…nur im Schützengraben nicht!»

Jacob Rosenthal über die «Judenzählung» im Ersten Weltkrieg

 

Auch unter den Juden im Deutschen Kaiserreich herrschte am Anfang des Ersten Weltkriegs große Euphorie. Foto: dpa

Bösartige Äußerungen von antisemitischer Seite machten mit der Fortdauer des Ersten Weltkrieges in Militärkreisen die Runde. «Überall grinst das Judengesicht, nur im Schützengraben nicht!», war ein für diese Zeit typischer, die Juden verunglimpfender und diffamierender Spottvers, der auch an den Stammtischen kursierte. Selbst ein «Heldentod» konnte die Antisemiten nicht vom Gegenteil überzeugen und ließ sie nicht von ihrem Vorurteil abrücken. Als die Nachricht vom Tod des an der Front gefallenen SPD-Reichstagsabgeordneten und politischen Hoffnungsträgers der Partei, Ludwig Frank, der bereits in der ersten Kriegswoche an der Westfront gefallen war, bekannt wurde, kommentierten sie in unüberbietbarem Zynismus: «Immer diese Juden. Selbst beim Sterben müssen sie sich noch vordrängeln!»

In einem Brief, den Frank wenige Tage vor seinem Abmarsch an die Front geschrieben hatte, heißt es mit leiser Selbstironie: «Ich stehe an der Front wie jeder andere, ich werde von allen mit Rücksicht behandelt. Aber ich weiß nicht, ob auch die französischen Kugeln meine parlamentarische Immunität achten». Auch Frank versprach sich von seinem Einsatz als Soldat an der Front die politische Gleichberechtigung aller Bürger in Deutschland und meinte: «Ich habe den sehnlichen Wunsch, den Krieg zu überleben und dann am Innenbau des Reiches mitzuschaffen. Aber jetzt ist für mich der einzig mögliche Platz in der Linie in Reih und Glied, und ich gehe wie alle anderen freudig und siegessicher». Der Name Ludwig Frank kann gleichsam als Symbol für die Haltung der deutschen Juden im Ersten Weltkrieg gelten: Obwohl europäischer Pazifist und sozialistischer Patriot, meldete sich Frank dennoch als Kriegsfreiwilliger.

Mit der Dauer des Krieges wurde der Burgfrieden in der deutschen Gesellschaft brüchig und der Antisemitismus zeigte wieder seine Fratze. Das Militär war dabei vollends zur Kaderschmiede der Judenfeindschaft geworden. Spott und Witze über die angebliche Untauglichkeit der Juden als Soldaten hatten geradezu sprichwörtlichen Charakter und wurden in Offizierskasinos und breiten Gesellschaftskreisen des Wilhelminischen Deutschlands zum Besten gegeben.

Fortgesetzte Klagen aus der Bevölkerung, zumeist anonym versandt, über «unverhältnismäßig viele wehrpflichtige Israeliten», die vom Wehrdienst befreit seien oder sich davor drückten, sowie über eine große Zahl im Heer stehender Juden, die es verstanden hätten, eine Verwendung außerhalb der Front in der Etappe und der Heimat als Beamten oder Schreiber zu finden, waren seit dem zweiten Kriegsjahr beim Kriegsministerium eingelaufen. Diesen Beschwerden sollte nun nachgegangen werden, um einer möglichen Bevorzugung von Juden entgegen zutreten. So geschah es dann auch.

Im Oktober 1916 wurde die «Judenzählung » durchgeführt, mit deren Hilfe das preußische Kriegsministerium den Anteil der Juden an der Front nachprüfen ließ. Die Begründung des Erlasses und sein provokanter Wortlaut waren außerordentlich beleidigend, weil die Beschuldigung exklusiv auf die Juden abzielte. Ausdrücke wie «unverhältnismäßig große Anzahl» vom Kriegdienst befreiter Juden oder Juden, die sich «unter allen möglichen Vorwänden drückten» und viele andere mehr, waren Formulierungen, die sich gemeinhin in der Agitationsliteratur der Völkischen fanden und wohl für ein antisemitisches Wahlplakat passend gewesen wären, doch es war die Sprache eines offiziellen staatlichen Erlasses, unterzeichnet von einem preußischen Minister. Damit war die Burgfriedenspolitik endgültig aufgekündigt, die Schonfrist für Juden in Deutschland zu Ende. Der Kampf gegen die «Hinterfrontjuden», gegen die Herren der «unabkömmlichen Konfession», die man nur «sehr vereinzelt im Kriege voranstürmen» sah, wie es wiederholt auf zigtausendfach verbreiteten Handzetteln des «Deutsch-Völkischen Schutz- und Trutzbundes» geheißen hatte, war eröffnet. Die jüdische Öffentlichkeit war erschrocken, man verstand den Erlass als beunruhigendes Vorzeichen, zumal sich keine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens davon distanziert hatte. Keine andere kriegführende Nation hielt es inmitten blutiger Gefechte für nötig, auf Grund unbewiesener Gerüchte eine Zählung der Soldaten einer loyalen Minderheit durchzuführen.

«Wie viel Personen jüdischen Stammes [!] stehen an der Front? Wie viel in den Etappen? Wie viel Juden sind reklamiert bzw. als unabkömmlich bezeichnet worden?» Mit diesen parlamentarischen Anfragen an den preußischen Kriegsminister wurde der Abgeordneter Ferdinand Werner, der im Jahre 1933 zum Fraktionsvorsitzenden der NSDAP im Reichstag avancieren sollte, im Juni 1916 zum eigentlichen Initiator der «Judenzählung» im Ersten Weltkrieg.

Am Stichtag der «Judenzählung», am 1. November 1916, kam es zum Teil zu massiven antisemitischen Umtrieben, indem z.B. jüdische Frontsoldaten für kurze Zeit von der Front entfernt wurden, nur aus dem Bestreben heraus, ihre Zahl möglichst niedrig zu halten und die Statistik zu schönen.

Über den Erlass die «Nachweisung über noch nicht zur Einstellung gelangte, auf Reklamation zurückgestellte Juden» betreffend kam es am 3. November 1916 im Reichstag zu einer erregten Debatte, in der liberale jüdische Abgeordnete Ludwig Haas, selbst Frontoffizier und Inhaber des Eisernen Kreuzes I. Klasse, in aller Deutlichkeit und Schärfe auf die diffamierenden Folgen der «Judenzählung » hinwies. Sein emotional vorgetragener Redebeitrag endete mit den Worten: «Ich habe eine Fülle von Briefen in diesen Tagen erhalten voller Klagen über den Erlass, und es sind Briefe darunter - die Tränen können einem ins Auge kommen. Es geht durch alle Briefe hindurch: Nun sind wir gezeichnet». Welche Briefe Ludwig Haas auch gemeint haben mag, vielleicht den des Vizefeldwebels Robert Ziegel, der im Schützengraben westlich Lille am 7. April 1915 sein persönliches Pessach erlebte und sinnierte: «An einem hellen Frühlingsmorgen drängten sich Passahgedanken und -gebete ins Herz und auf die Lippen. Am Ostersonntag endlich konnte ich auch über die von zu Hause erhaltenen Mazzen den Segen sprechen. Es mag vielleicht lächerlich sein, aber zuweilen möchte man eine Parallele ziehen zwischen dem Brot des Auszugs aus Ägypten und unserem Militärzwieback... »

Die Ergebnisse der Zählung wurden nicht veröffentlicht, so dass antisemitische Agitatoren weiterhin das Märchen von der «jüdischen Drückebergerei» verbreiten konnten, während die deutsche Jugend tapfer auf dem Schlachtfeld kämpfe. Tatsächlich lag der Prozentsatz der jüdischen Freiwilligen über dem Gesamtdurchschnitt der deutschen Bevölkerung. Die 12.000 gefallenen jüdischen Soldaten opferten also ihr Leben für ein Land, in dem sie von vielen als Fremdkörper betrachtet, gesellschaftlich ausgegrenzt und als Menschen minderen Ranges verachtet wurden.

Unteroffizier Hermann Horwitz, um ein Beispiel für die Diskriminierung von Juden im Heer anzuführen, hatte mit zwei anderen - christlichen - Kameraden seines Regiments die Prüfungen des Offizierkurses gut bestanden, wurde jedoch, im Gegensatz zu den beiden anderen Bewerbern nicht befördert, obwohl ihm von seinem Vorgesetzten persönliche Tapferkeit vor dem Feind und ausgezeichnete Leistungen als Kanonier testiert worden war. Horwitz besaß nämlich, wie es im Ablehnungsbescheid unverhohlen hieß, in «seinem Äußeren» Eigenschaften, «die der Volksmund „jüdisch"» nannte, in so «hohem und ausgeprägten Maße», dass sie «direkt lächerlich» wirkten. Einen mit einem derartigen «die Autorität schädigenden Gebrechen » behafteten Mann zur Beförderung zum Offizier vorzuschlagen, war «pflichtgemäß » unmöglich. Unteroffizier Hermann Horwitz fiel 1916 an der Front.

Die Hoffnungen der deutschen Juden, durch patriotisches Verhalten ihre gesellschaftliche Stellung festigen zu können, sollten sich jedoch nicht erfüllen. Mit der perfiden «Judenzählung » von 1916 wurden die deutschjüdischen Soldaten stigmatisiert und damit ein Prozess in Bewegung gesetzt, der diese Soldaten in Zukunft langsam, aber unaufhaltsam von ihren Kameraden trennen musste. Der bekannte Pädagoge Ernst Simon hat den Stimmungswandel bei den Juden so charakterisiert: «Aller Meinung ging dahin, dass wir daneben standen, besonders rubriziert und gezählt, aufgeschrieben und behandelt werden mussten. Der Traum von der Gemeinsamkeit war dahin, mit einem furchtbaren Schlage tat sich vor uns zum andern Male die tiefe, verschwundene Kluft auf».

Es war eine falsche, verhängnisvolle Weichenstellung, die gleichwohl bei einiger Vernunft hätte rückgängig gemacht werden können. Aber es fehlte an Vernunftbegabten. Und damit ging etwas zuende, was Golo Mann treffend so beschrieben hat: «Dies rheinische und schlesische und ostpreußische, dies badische, schwäbische, bayrische Judentum. Es war deutsch in seinen Tugenden, deutsch in seinen Untugenden, es war patriotisch [...]. Diese jüdischen Kriegsfreiwilligen von 1914 und 1917 - es gab nichts deutscheres». Anders ausgedrückt: dieses Judentum war deutsch bis auf die Knochen.

Jüdischerseits galt die «Judenzählung» als Beleg für die Unmöglichkeit, in die deutsche Gesellschaft integriert werden zu können. Alle Assimilationsbemühungen hatten sich als fruchtlos herausgestellt, die Emanzipation war gescheitert.

Rosenthals Buch liest und versteht sich als Versuch, die Ehre des Vaters und seiner jüdischen Kameraden wiederherzustellen, die zutiefst überzeugt waren, mit ihrer Pflichterfüllung gegenüber Kaiser und Vaterland die letzten Hindernisse auf ihrem Emanzipationsweg wegräumen zu können. Es ist einfühlsam und verständnisvoll mit humaner Diktion geschrieben. So führt er als ein Beispiel den orthodoxen deutsch-jüdischen Soldaten David Katz an, der als einer der wenigen seiner Kompanie die Gefahren des Krieges, sowohl feindliche Geschütze als auch ständige Anfeindungen seines Vorgesetzten, der ihn in den gefährlichen Situationen ins gegnerische Feuer schickte, überlebte. Als einen der geistigen Höhepunkte empfand Katz die Pessachnacht 1918, die er mit einem Kameraden in einem Geschützkrater verbrachte. Sie lasen die Haggada im Kerzenschein und verzehrten den von zuhause geschickten Proviant, während ringsum die feindlichen Granaten einschlugen. Nach seiner Heimkehr erzählte ihm sein Vetter, der aus französischer Gefangenschaft zurückgekehrt war, dass er von einem Juden angeschossen worden war, als er gefangen genommen wurde. Als er das Schma Jisroel rief, sei der französische Jude zu Tode erschrocken gewesen und habe sich immer wieder bei ihm entschuldigt.

Der Antisemitismus war integraler Teil der deutschen Gesellschaft vor dem Ersten Weltkrieg und blieb ein solcher auch in der Weimarer Republik - und danach sowieso. Die «Judenzählung», war weit mehr ein «taktloser Schnitzer» einiger hochrangiger, zweifellos antisemitischer Offiziere, wie behauptet wurde, sondern ein Symptom dafür, dass der Antisemitismus in Deutschland weiter virulent war, besonders in Zeiten einer nationalen Krise. Wäre die deutsche Geschichte später anders verlaufen - und bis zum 30. Januar 1933 bestand diese Alternative - dann hätte man sich an die «Judenzählung» nur mit Widerwillen als an eine der vielen «Risches»- Episoden aus der Wilhelminischen Epoche erinnert und sie dann vergessen.

Das Umschlagfoto zeigt Otto Rosenthal, den Vater des Autors, als Artillerieleutnant in Felduniform. Auf dem Kopf trägt er einen Stahlhelm, um den Hals einen Feldstecher, den er mit der rechten Hand festhält. Über der Brusttasche sind mehrere Militärauszeichnungen zu erkennen, oberhalb des Koppels das Eiserne Kreuz für Tapferkeit. Dieses Foto hing über dem Schreibtisch in der Wohnung der Familie Rosenthal in Nürnberg, bis es die Nazis in der Pogromnacht des 9. November 1938 zerschlugen. Jacob Rosenthal kannte seinen Vater nicht, der an einem verschleppten Leiden, das er sich in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges zugezogen hatte, im Februar 1924 starb. Da war der Autor noch keine drei Jahre alt. Die Mutter hat ihrem Sohn viel über den Vater erzählt, doch über die schändliche Erniedrigung der jüdischen Solden im Krieg, über die «Judenzählung», hat sie nie ein Wort verloren. Das hat der Sohn Jahrzehnte später dann, inzwischen israelischer Staatsbürger, auf anrührende Weise nachgeholt. Darum dieses Buch.

Jacob Rosenthal, Die Ehre des jüdischen Soldaten. Die Judenzählung im Ersten Weltkrieg und ihre Folgen. Campus Verlag 2007. 227 Seiten, 29,90 Euro.

Theodor Joseph

«Jüdische Zeitung», September 2008