Nichts mehr zu sagen und nichts zu beweinen

Auf den Spuren des fränkischen Landjudentums

 

Museumsleiterin Raja Nadler vor der Ermreuther Synagoge Foto: H.-R. Fechter

Die Milde liegt über den goldgelben Weinbergen Frankens des Spätsommers. Das warme Licht, die Stille des späten Vormittags, die Abgeschiedenheit verleihen dem einsamen Totenacker hier draußen, weit hinter den letzten Häusern von Rödelsee am Schwanberg, eine tiefe Friedlichkeit. Die Grabsteine sind verwittert oder schon versunken, vergänglich wie das irdische Leben auch, das soll so sein. Jedoch ist hier seit 65 Jahren niemand mehr bestattet worden. Es ist ein jüdischer Friedhof, eine stumme Erinnerung an eine untergegangene Kultur.

Erinnerung: In ein paar Wochen, um den 9. November herum, wird wohl kein Wort häufiger bemüht werden als dieses. Erinnerung an die Pogromnacht vor 70 Jahren, die quasi Auftakt war für ein einzigartiges, unvorstellbares Verbrechen, das mit irgendeiner biografischen Verästelung jeden Bürger dieses Landes irgendwie persönlich berührt: für den industriellen Massenmord an den europäischen Juden. In vielen deutschen Städten blüht, erstaunlich genug, seit Jahren wieder jüdisches Leben, auch in Franken; das neue Jüdische Kulturzentrum in Würzburg und das Gemeindezentrum der Israelitischen Kultusgemeinde in Bamberg geben davon eindrucksvoll Zeugnis.

Auf dem Land dagegen, wo wie in Franken seit dem Spätmittelalter Juden zur Dorfoder Kleinstadtgesellschaft gehörten, war der Abbruch der Tradition endgültig. Jüdische Geschichte endet dort spätestens zwischen 1938 und 1942. Wie geht man damit um? Wie funktioniert Erinnerung? «Unser Erinnerungssystem ist durch die NS-Zeit geprägt. Die Vorgeschichte gerät dabei ins Hintertreffen », klagte jüngst die mittelfränkische Bezirksheimatpflegerin Andrea Kluxen bei einer Tagung zum Thema «Juden in Franken», die vor zwei Jahren in Nürnberg stattfand. Die Ungeheuerlichkeit der Zeitgeschichte deckt hunderte von Jahren zu.

In teilweise blutigen Pogromen waren die Juden im Spätmittelalter aus vielen Territorien, etwa den baierischen Herzogtümern und den Reichsstädten, vertrieben worden. Aufnahme fanden sie unter den Fittichen des niederen Landadels, vor allem der Reichsritter. Im 17. und 18. Jahrhundert kam es überall in Franken zur Bildung großer Gemeinden, die manchmal ein Viertel, in Ausnahmefällen wie dem oberfränkischen Altenkunstadt mit über 60 Prozent sogar die Bevölkerungsmehrheit eines Dorfes ausmachen konnten. Es war die Zeit des Friedhofs- und Synagogenbaues, wohlgemerkt nur in Franken und Teilen Schwabens und der Oberpfalz: In Altbayern lebten Juden nur in Straubing, währenddessen allein Unterfranken 46 jüdische Friedhöfe und weit über 100 Synagogen vorweisen konnte.

Die misstrauische Ausgrenzung durch die christlichen Nachbarn indes, namentlich christlich motivierter Antijudaismus, Aberglaube und Wirtschaftsneid, blieben die Regel, und nicht selten ging die Stimmungsmache vom örtlichen Pfarrhaus aus. Briefe wie der von Pfarrer Johannes Mathias Groß aus Uehlfeld im Aischgrund an seinen Landesherrn anno 1719 waren jedenfalls keine Seltenheit: «Der hiesige Orth könnte ein gesegneter und glückseeliger Ort seyn, wann nicht dießes arge Geschmeiß der Juden solchen der gestald ruinierte, dass zuletzt dessen völliges Verderben durch dieselben zu besorgen seyn wird.» Erst im 19. Jahrhundert fielen zahlreiche Verbote, die Juden von Schutzherrn oder Staats wegen auferlegt waren, darunter die Zuzugsbeschränkungen in die Städte. Hatten 1852 noch rund 80 Prozent der fränkischen Juden auf dem Land gelebt, waren es 1915 nur noch etwa 20 Prozent. Viele jüdische Gemeinden hörten bereits lange vor dem Dritten Reich auf zu existieren.

Dort, wo die Juden lebten, taten sie es jetzt in nie gekannter Integration mit ihrer Umwelt: jüdische Bürger stellten Vereinsvorstände und Gemeinderäte, feierten bei den Dorffesten mit, gründeten Firmen und kämpften als Soldaten unter bayerischer oder reichsdeutscher Fahne. Hier wurde ein Jude zum Dorfbürgermeister gewählt, dort hielt der Ortsrabbiner die Festrede zum Sedanstag. Doch nun traten an die Stelle der alten Vorurteile die neuen, verhängnisvollen völkisch-rassischen Ressentiments. Die Folgen sind bekannt; sie machen aus jeder Erinnerung ein schmerzhaftes Gedenken und nötigen vielen Ortsgeschichten einen Standardsatz auf: «Die letzten Juden wurden 1938 misshandelt, beraubt und anschließend vertrieben oder ermordet.» Von wem?

Der jüdische Friedhof von Ermreuth in Oberfranken Foto: H.-R. Fechter

Im oberfränkischen Ermreuth versucht sich Raja Nadler mit dem schwierigen Spagat. In dem 800-Seelen-Dorf am Rande der Fränkischen Schweiz bestand bis in die 1930er Jahre eine kleine jüdische Gemeinde. Die Synagoge überstand wie fast überall in Franken als Gebäude die sogenannte Reichskristallnacht, wurde einige Jahrzehnte als Lagerraum genutzt und dient seit nunmehr zwölf Jahren als museale Gedenkstätte und, darauf legt Museumsleiterin Nadler besonderen Wert, ab und an auch als Raum für jüdische Gottesdienste. Die Wiederherstellung des einstmals geschändeten Gotteshauses samt Anbringung einer Gedenktafel für die 15 ermordeten Ermreuther Juden stieß damals auf landesweite Beachtung, während die Ermreuther selber vorsichtige Distanz halten. Zu den hochkarätigen Kulturveranstaltungen kommen sie nicht, sei es aus schlichtem Desinteresse oder aus einer Art später kollektiver Scham über das, was ihre Vorfahren einstmals ihren Nachbarn antaten - eine typische Haltung, die man auch anderswo erleben kann, bis hin zu einem kollektiven Schweigegelübde der noch lebenden Zeitzeugen.

Wenn Nadler Jugendgruppen zu Besuch hat, spürt sie oft etwas, was man mediale Holocaust-Übersättigung nennen könnte. Grundhaltung: Nein, nicht schon wieder. «Ich versuche, den Kindern nahezubringen, dass das böse war, aber ich will ihnen auch einen Blick auf die ganze Geschichte geben», sagt die promovierte Orientalistin. Auf der Empore der Synagoge lässt sie daher genauso gern in die ganz normale Vergangenheit der Gemeinde blicken, sie zeigt einen Druck mit einem hebräischen Gebet, mit dem die Ermreuther Juden nach 1806 um Gottes Gnade für den bayerischen König Maximilian I. und den ortsansässigen Adeligen Freiherr von Künsberg baten. Die Exponate reichen von einem ledernen Ehevertrag von 1676, einer Ketubba, bis zu einer Postkarte aus den frühen 1920er-Jahren, in der Kirche, Schloss und Synagoge einträchtig nebeneinander als Stolz des Dorfes abgebildet sind.

Gut 2.500 Besucher zählt das kleine Museum pro Jahr, kirchliche Gruppen sind darunter, Schulklassen und Landbäuerinnen. Der Erfolg ist vor allem Nadlers Erfolg, die sich mit Herzblut und Seele ihrer Sache verschrieben hat und nun mit stiller Beharrlichkeit ihr nächstes Projekt im Auge hat, den Ausbau des benachbarten Hauses zu einem jüdischen Alltagsmuseum. Ohne dieses Herzblut geht gar nichts. An vielen - nicht allen - Orten haben sich, vielfach ausgehend vom 50. Jahrestag der Pogromnacht von 1938, Initiativen gegründet, sie nennen sich «Freundeskreis » oder «Förderverein» und versuchen, die vorhandenen Spuren jüdischen Lebens zu bewahren, indem sie auf diese Spuren hinweisen - oder sie verschweigen. Denn was für die Rückführung einer als Feuerwehrhaus (Großlangheim) oder Holzlager (Georgensgmünd) genutzten Synagoge in einen Kulturraum wichtig ist, öffentliche Aufmerksamkeit, das kann für die Friedhöfe problematisch sein. In Ermreuth weist kein Schild dorthin, zu groß ist die Angst vor Provokateuren in Springerstiefeln oder jugendlichen Wichtigtuern, die, wie immer wieder geschehen, in Pretzfeld, in Georgensgmünd, in Rödelsee, ihre Hakenkreuz-Graffiti auf den Grabmälern hinterlassen. Aber auch mit den «Begegnungsstätten», ist das so eine Sache. «Die Frage, wem noch zu begegnen sei, löst oft verblüfftes Schweigen aus. Jedenfalls begegnen sich dort vor allem Nichtjuden», schreibt Rudolf Maria Bergmann in einem jüngst erschienenen Bildband über Frankens jüdische Synagogen und Friedhöfe.

Dann lieber nur ein Gedenkstein? Auch der erfordert bei dem schwierigsten Thema deutscher Geschichte mitunter langen Atem, nicht nur bei der zentralen Erinnerungsstätte in Berlin. In Mönchsroth bei Dinkelsbühl, wo seit dem 16. Jahrhundert Juden ansässig waren und bis zu einem Fünftel der Ortsbevölkerung ausmachten, mussten seit der Auffindung der Genisa, einer Sammlung von Kultusgegenständen, auf dem Dachboden der ehemaligen Synagoge 18 Jahre ins Land gehen, bis die Zeit für den Stein reif war. Im November 2006 wurde er im Beisein von Landesbischof Johannes Friedrich und des Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, Arno Hamburger, feierlich enthüllt.

Die Errichtung geht auf eine Initiative der evangelischen Kirchengemeinde zurück. Bei einem Erzählabend hatten Zeitzeugen von ihren Erinnerungen an die jüdischen Nachbarn und die Untaten unter dem Hakenkreuz berichtet. «Uns wurde teilweise unter Tränen erzählt, was damals passiert ist», sagt Pfarrer Gunther Reese. Um Gestaltung und Standort wurde lange gerungen. Vor allem ein kurzzeitiges Aufflackern rechter Umtriebe ließen den Gemeinderat zwischenzeitlich zurückschrecken. Der Besitzer der ehemaligen Synagoge, die als Getränkelager genutzt wird, fürchtete Anschläge.

Inzwischen wurde die Gedenkstele, die mit Platzgestaltung und Druck einer Begleitschrift rund 8.000 Euro kostete, gegenüber dem einstigen Gotteshaus verwirklicht. Finanziert wurde sie von Gemeinde, Kirche, Bezirk und privaten Sponsoren, gefertigt in einem Feuchtwanger Steinmetzbetrieb, der noch vor gut 70 Jahren den Jüdischen Friedhof in Schopfloch bediente. Die alten Schablonen für die hebräischen Buchstaben sind noch da. Die Stele trägt die Inschrift: »Zum Gedenken an die jüdischen Bürger Mönchsroths mit ihrer 1760 erbauten und bis 1938 genutzten Synagoge. Im Nationalsozialismus ihrer Heimat beraubt, verfolgt, ermordet.« Auch in Uffenheim wurde letztes Jahr ein Mahnmal eingeweiht, ebenfalls nach jahrzehntelangen Vorüberlegungen. «Jüdische Erinnerung zerfällt so wie die Steine auf den Friedhöfen.» Das dachte Michael Schneeberger aus Kitzingen, um dann als Co-Autor der bundesweit beachteten Dokumentation «Nichts mehr zu sagen und nichts zu beweinen. Ein jüdischer Friedhof in Deutschland» über den Friedhof Rödelsee das Gegenteil zu beweisen. Steine zerfallen, Gedanken bleiben.

Thomas Greif

«Jüdische Zeitung», September 2008