Das Pessach–Ei

Eine Erinnerung an das Chagiga-Opfer

Die Frage, ob ein hartgekochtes Ei auf die Seder-Schüssel gehört, kann man sowohl bejahen als auch verneinen. Diese Auskunft erscheint paradox und muss daher erläutert werden. Der Brauch, ein Ei am Pessachabend auf die Platte zu legen, wird im «Schulchan Aruch», dem für uns maßgeblichen Kodex, erwähnt (Orach Chajim 473; 4) und deshalb kann niemand etwas gegen das Ei im Kreis der symbolischen Speisen haben.Allerdings ergibt ein sorgfältiges Studium der Quellen, dass nicht unbedingt ein Ei auf die Seder-Schüssel kommen muß.

Im Babylonischen Talmud (Pessachim 114 b) ist von «zwei Gerichten» die Rede, und es gibt dort verschiedene Ansichten, welche gemeint sind. Nach der Auffassung von Raw Joseph nimmt man zwei Arten Fleisch; das eine Stück zur Erinnerung an das Pessachlamm, das andere zur Erinnerung an das meist damit verbundene Festopfer (Korban Chagiga). Der Brauch, ein Ei und einen gebratenen Knochen mit etwas Fleisch zu nehmen, hat sich eingebürgert, aber selbstverständlich - so heisst es im Kommentar «Mischna Berura» - kann jemand ein gebratenes und ein gekochtes Stück Fleisch auf die Sederplatte legen, um an die Opfer zu erinnern, die man zur Zeit des Tempels in Jerusalem gegessen hat.

Welche Bedeutung hat also das Pessach-Ei? Es soll uns das Chagiga-Opfer in Erinnerung bringen, das wir seit der Römerzeit nicht mehr bringen und essen können.

Es bedarf aber wohl der Erklärung, warum unsere Vorfahren für das symbolische Fleisch gerade ein Ei genommen haben. Verschiedene Deutungen sind vorgelegt worden, die nebeneinander stehen und einander ergänzen. Das Ei kann verschiedene Dinge symbolisieren; es gilt im Judentum unter anderem als ein Symbol für die Trauer und am Sederabend drückt das Ei in symbolischer Sprache unsere Trauer um den zerstörten Tempel aus: leider können wir jetzt weder Pessachopfer noch Festopfer bringen!

Das Ei drückt zugleich ein Gebet für die Erlösung aus. Hierbei spielt nicht nur das

Ei als Symbol für Geburt und Leben eine Rolle, sondern die aramäische Übersetzung des Wortes. In der aramäischen Umgangsprache hieß das Ei «Bei-a», was auch Bitte und Wohlwollen bedeuten kann: möge der Ewige uns bitte mit ausgestrecktem Arm erlösen! Auf den «ausgestreckten Arm» verweist der Armknochen, das andere der zwei Gerichte.

Bemerkenswert ist eine weitere Deutung der zwei Gerichte, die von Raw Scherira ben Chananja Gaon im 10. Jahrhundert vorgetragen worden ist. Dieser Gelehrte meinte, dass Armknochen und Ei Mosche Rabbenu und seinen Bruder Ahron symbolisieren, die Anführer und Wegweiser des jüdischen Volkes beim Auszug aus Ägypten. Es ist in der Tat merkwürdig, dass Mosche Rabbenu in der Pessach-Haggada nur einmal kurz erwähnt wird; die Passage, in der sein Name vorkommt, fehlt im Haggada-Text von Maimonides (siehe jedoch: Hilchot Chamez umatza, Kap. 7, Halacha 2). In der Tora sagt Gott zu Mosche Rabenu an einer Stelle: «entartet ist dein Volk, das du herausgeführt hast aus dem Lande Ägypten» (Ex. 32:7) - und wir reden in der Pessachnacht nicht über diesen Mann! Zur Lösung dieses Problems hat der Gaon von Wilna in seinem Kommentar zur Haggada folgende These entwickelt: am Sedertisch soll betont werden, dass wir die Befreiung aus der Knechtschaft Gott verdanken und nur ihm. Mosche Rabbenus Rolle kann man als ausserordentlich wichtig bezeichnen, jedoch war er letzten Endes nur ein Diener; seine Leistung darf keinesfalls überschätzt werden. Personenkult ist im Judentum unerwünscht, er grenzt nämlich an Götzendienst.

Aber Juden, die am Sedertisch sitzen, können Amrams Söhne nicht vergessen. So sind auf der Titelseite der illustrierten Darmstädter Haggada Mosche Rabbenu und Aharon Hakohen abgebildet; in der Haggada «Pe Jescharim» findet man vor dem Kiddusch ein Lobgedicht auf Mosche Rabbenu, das Rabbi Chawiw Toledano verfaßt hat. Wie bereits erwähnt, nach Raw Scherira Gaon erinnern uns Ei und Armknochen an die zwei großen Menschen, die beim Auszug aus Ägypten vorbildlich mitgewirkt haben: sie haben ihre Generation erzogen und sie sind auch unsere Lehrer.

Yizhak Ahren

 

Quelle:

E. Kitov
Seroa und Bejza
in: Das jüdische Jahr, Band 2
Zürich 1987

 

«Jüdische Zeitung», April 2007