«Ein Stück israelischer Alltag»

Regisseur Eran Riklis über seinen neuen Film «Lemon Tree»

 

Abu (Tarik Copty) und Salma (Hiam Abbass)   in ihrem Zitronenhain.          Foto: Arsenafilm

Herr Riklis, Israel zählt nicht gerade zu den großen Filmnationen der Welt...

Ja, das stimmt...

 

Wie war es für Sie, diesen großen Erfolg bei der diesjährigen Berlinale im Februar zu feiern, wo Ihr Film ja mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde?

Ich hatte ja schon mit «Die syrische Braut» internationale Erfolge, also hatte ich Erfahrungen mit weltweiten Präsentationen. Es war allerdings sehr aufregend, als wir «Lemon Tree» erstmals in Deutschland gezeigt haben. Man konnte das Publikum regelrecht fühlen und in gewisser Weise auch, dass dieser Film den Publikumspreis bekommen würde. Es gab sehr gute Reaktionen während der Vorführung, in allen Bereichen, ob bei den humoristischen Stellen, oder den dramatischen. Ich fühlte eine starke Verbindung zum Publikum und spürte, dass das Publikum diesen Film sofort verstand - rein intuitiv. Gerade wenn man «diese Art Filme macht», will man nicht als «diese Art Film» klassifiziert werden, sondern möglichst ein großes Publikum erreichen. Natürlich werden wir niemals so viel Publikum erreichen, wie amerikanische Filme, aber wir können wirklich mehr Leute erreichen, als wir manchmal erwarten.

 

Gab es einen persönlichen Hintergrund für die Geschichte, die sie im Film erzählen?

Nicht wirklich, außer, dass ich persönlich aus einer humanistischen Tradition komme, was meine Erziehung und meine Sicht auf die Dinge der Welt anbelangt. Ich versuche, meine Sicht auf Menschen, Dinge und Konflikte in meine Filme einzubauen und dabei nicht didaktisch zu sein. Ich versuche, nicht zu sagen, das ist so oder so. Ich versuche eine Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln zu erzählen und respektiere die Intelligenz meines Publikums, das selbst entscheiden kann, was es sieht und wie es das interpretieren will. Ich denke, es kommt aus einer entdeckenden Sicht auf die Dinge. Ich entdecke Dinge und Themen und komme zu einem Ergebnis, mit dem die Menschen sich verbunden fühlen können.

 

Aber ist diese Geschichte nicht auch ein Stück israelischer Alltag?

Total. Diese Geschichte ist inspiriert von vielen wahren Geschichten. Für mich ist es immer wichtig, die Balance zwischen der Realität und der poetischen Seite eines Films zu finden. Ich denke, wenn man die richtige Balance hinsichtlich der Glaubhaftigkeit findet, eine einfache Geschichte komplex und mehrschichtig erzählt, dann schafft man etwas wirklich Interessantes. Eine Schwarz-Weiß-Geschichte ist nicht wirklich interessant, aber eine auf Schwarz und Weiß basierende Geschichte mit allen möglichen Farben und Facetten zu versehen, kreiert eine wirklich interessante Erfahrung. Ich denke, wenn man tragische Momente mit komischen Momenten vermischt, alle Elemente zusammenfügt, öffnet sie das erst die Horizonte.

 

Eigentlich assoziieren wir mit dem Nahen Osten viel eher Olivenbäume, als Zitronen. Warum haben Sie die Zitrone in den Mittelpunkt gestellt?

Ich denke, ein Grund, warum ich den Zitronenbaum gewählt habe, war, dass Olivenbäume schon so oft als Symbol genutzt worden sind. Sie sind ein bisschen ein Klischee. Außerdem sind Zitronen bitter und süß zugleich, sie riechen großartig, aber man kann sie nicht essen. Sie haben etwas sehr erfrischendes und sie sind bissfest. Ich dachte, das passt besser zu meiner Geschichte. Olivenbäume sind schwer - diese hier sind etwas leichter. Ich denke, wenn man einen Film «Olive Tree» nennen würde, klingt das schon ein bisschen wie erledigt oder vorbei. Für mich ist «Lemon Tree» etwas aufregender und interessanter. Das war ein Ansatz des Films in allen Bereichen, etwas aus dem Konflikt im Nahen Osten zu nehmen, dem aber eine Wendung, eine andere Sicht zu geben.

 

Sie haben den Film mit jüdischen und arabischen Israelis realisiert. Gab es da eine Menge Diskussionen am Drehbuch oder während der Arbeit, darüber, wie man bestimmte Dinge sagt, oder zeigt?

Wir hatten Diskussionen, so wie man bei jedem Film oder bei jeder Arbeit Diskussionen hat. Ich denke, hier gab es eine gewisse Magie bei den Dreharbeiten, denn alle liebten das Drehbuch. Sie liebten die Idee des Films und das führte zu einem sehr positiven und kreativen Arbeitsprozess. Es gab keine großen Debatten, denn alle fühlten sich gut. Ich hatte einen Schweizer Kameramann und auch einige Deutsche im Team. Alle waren glücklich. Das war schon fast etwas langweilig [lacht].

 

Spielt jemand wie Hiam Abbas bei einer solchen Geschichte auch ein bisschen sich selbst?

Hiam ist eine faszinierende Kombination. Einerseits ist sie eine selbstbewusste Frau, die seit über 20 Jahren in Paris lebt. Aber eigentlich stammt sie aus einem kleinen arabischen Dorf in Israel. Ich denke, für sie war es sehr einfach, sich mit Selma zu identifizieren. Andererseits, und das ist der Grund, warum ich nach «Die syrische Braut» wieder mit Hiam gearbeitet habe, hat sie verschiedene Qualitäten. Sie ist nicht nur eine Frau mit einem palästinensischen Hintergrund. Sie gibt der Figur eine Komplexität, die faszinierend ist. Sie ist nicht die palästinensische Frau, die man erwartet. Plötzlich ist da sogar etwas Sexualität in der Luft, man glaubt an das Potential der Liebe zwischen ihr und dem Anwalt. Sie spielt wirklich eine Frau, wie man sie nicht erwartet.

 

Wo waren die Schauplätze für den Film? Gab es so etwas wie einen Hauptdrehort? Wo war der? Hauptsächlich haben wir 20 Minuten weg von Tel Aviv, in der Nähe der richtigen Grenze zu den Palästinensern gedreht. Die Landschaft ist also real, aber es ist natürlich ein Film. Wir mussten ein arabisches Haus finden und ein israelisches Haus und wir brauchten Zitronenbäume in deren Mitte. So haben wir das gemacht, was in allen Filmen gemacht wird, die Landschaft ein bisschen manipuliert...

 

Und die Mauer?

Die Mauer gibt es natürlich vielerorts. Die Mauer im Film haben wir aber auch nachgebaut. Wir haben also auch noch eine Mauer gebaut. Wie schrecklich! Aber wir haben sie hinterher auch wieder zerstört [lacht]. Eigentlich gibt es in Israel keine Probleme bei Dreharbeiten. Selbst wenn man manchmal keine Unterstützung bekommt, weil jemandem das Skript nicht gefällt... Unser Film wurde vom Israelischen Filmfonds unterstützt und vom israelischen Fernsehen. Es war also alles recht einfach.

 

Stellen Sie bei den Diskussionen nach den Filmaufführungen in Israel, Europa oder Amerika Unterschiede fest?

Es ist recht interessant, denn eigentlich sehen die Leute den Film überall auf die gleiche Art. Das ist faszinierend, denn wenn man nach Indien, Taiwan oder Brasilien geht, also an so unterschiedliche Plätze und die Leute dort auf die selbe Art denken, wie in Europa oder Israel. Natürlich gibt es immer eine Verbindung zwischen der eigenen lokalen Kultur und der im Film. Ich habe beispielsweise in Taiwan die Leute gefragt, wie sie eine Verbindung zu dieser palästinensischen Frau herstellen können und sie sagten, dass sie es wegen der japanischen Invasion und Okkupation, die sie erlebt haben und aufgrund des Konfliktes mit China sehr gut nachvollziehen können. Das ist interessant. Eigentlich ist es umso globaler je lokaler ein Film ist.

 

Wenn Sie einen Film über die Lösung des Konflikts im Nahen Osten drehen müssten, wie würde das Drehbuch aussehen?

Hm... [lacht]. Dieses Drehbuch habe ich noch nicht fertig. Eigentlich bin ich ganz glücklich mit dem, was ich tue. «Lemon Tree» beispielsweise bietet keine Lösung an, aber ich denke, der Film hilft den Leuten nachzudenken und zu sehen, wie absurd die Situation ist. Ich finde es gut, wenn die Menschen nachdenken, ehe sie etwas tun oder sagen. Ich denke, ein Film kann nicht wirklich Lösungen anbieten, außer ich wache morgens plötzlich auf und habe die Lösungen für alle Probleme in der Welt, aber das ist eher unwahrscheinlich. Ich will neue Möglichkeiten des Nachdenkens anbieten und ich denke, das ist wirklich schon eine Menge. Ich denke nicht, dass ich mit einer Lösung aller Probleme kommen muss [lacht].

 

Dafür werden ja andere bezahlt...

Ja, und die machen nichts.

 

Wie muss man sich die derzeitige Filmszene in Israel vorstellen? Was passiert dort momentan? Wir bekommen davon hier nicht so viel mit, denn unsere Blickwinkel gehen eher in andere Richtungen.

Es ist ziemlich beeindruckend, was da gerade passiert. Es gibt viele sehr gute Filme, die auch weltweit gezeigt werden. Auch die Beziehungen zum israelischen Filmpublikum werden besser. Man könnte fast sagen, es ist eine neue Welle des israelischen Kinos, und ich hoffe wirklich, dass wir geschickt genug sind, diese Welle fortzuführen und ein Teil des neuen interessanten Kinos in der Welt zu werden.

 

Ist es einfacher, das Leben in Israel auszuhalten, wenn man Filmemacher ist, also immer zur Hälfte in einer Fiktion?

Ja, ich denke schon [lacht]. Aber ich lebe in Tel Aviv und diese Stadt ist einerseits ein bisschen wie eine Blase und andererseits nur 20 Minuten weg von den großen Problemen. Ich denke man muss stark und flexibel sein, um ein normales Leben in Israel zu führen. Es gibt eine Menge Druck, und das nicht nur wegen der Sicherheit. Es ist ein sehr intensiver und energetischer Fleck, aber auch ein sehr schöner Fleck mit einer spannenden Zukunft. Ich mag es. Ich muss davor nicht wegrennen. Es hilft natürlich, als Filmemacher immer in der Welt unterwegs zu sein, immer mal abzuhauen. Das hilft ein bisschen.

 

Sie haben sicher schon wieder Pläne für einen neuen Film. Woran arbeiten Sie derzeit?

Ich hoffe, in einigen Monaten mit den Dreharbeiten zu einem Film anzufangen, der «Human Resources» heißen wird. Es geht da nicht um Palästinenser, sondern um einen Typen, der die Leiche einer Russin, die in Jerusalem gestorben ist, nach Russland bringen muss. Es ist wie eine Reise in das Leben und in den Tod. Eine schöne Geschichte.

Das Gespräch führte Claudia Frenzel

 


Zum Film

«Der Nahe Osten unterliegt ständiger Veränderung, aber eigentlich auch wieder nicht», sagt Regisseur Eran Riklis zu seinem aktuellem Film «Lemon Tree» (Etz Limon). In regelmäßigen Abständen verwende man, so der Regisseur, Schlagworte wie Hoffnung, Optimismus, Pessimismus, Durchbruch, neue Horizonte, ein neuer Tag, die Zukunft, die Vergangenheit, um die Lage dieser Krisensituation zu beschreiben. «Bäume verfolgen die Handlungen der Menschheit als stumme Zeugen. Wobei die meisten bei dieser Gegend eher an Olivenbäume denken. Diese Geschichte aber handelt von Zitronenbäumen, die zum nationalen Sicherheitsrisiko werden.»

Riklis neuester Film erzählt die Geschichte von Salma Zidane (Hiam Abbas), einer palästinensischenWitwe, die seit vielen Jahren den Zitronenhain ihrer Familie in der Westbank in unmittelbarer Nähe zur israelischen Grenze bewirtschaftet. Die Ernte der erfrischenden, sauren Früchte sichert das Überleben der stillen und isoliert lebenden Frau. Zumindest bis zu dem Tag, als prominente Nachbarn auf der israelischen Seite von Salmas Plantage einziehen. Kein geringerer als der israelische Verteidigungsminister Navon und seine Frau Mira bringen Salmas bescheidene Idylle ins Wanken. Plötzlich stellen ausgerechnet Salmas Zitronenbäume ein Sicherheitsrisiko für Israel dar und sollen abgeholzt werden.

Die sonst so duldsame Salma sieht sich gezwungen, gemeinsam mit einem jungen palästinensischen Anwalt um ihr Recht zu kämpfen. Dabei muss sie nicht nur den Widerstand der israelischen Nachbarn, sondern auch den ihrer eigenen palästinensischen Dorfgemeinde auf sich nehmen. Salmas Widerstand geht bis zum Obersten Gerichtshof Israels und ihre Entschlossenheit weckt ausgerechnet die Sympathie ihrer Nachbarin Mira, der Frau des Verteidigungsministers.

Riklis gelingt es, eine sinnlich und kunstvoll verdichtete Parabel auf die politische Situation im Nahen Osten zu zeichnen. Die Zitrone wird zum Symbol und Auslöser eines Konflikts. Die beiden ungleichen Frauen, die einfache Palästinenserin Salma und die privilegierte israelische Politikergattin Mira, stehen im Mittelpunkt von Riklis' Drama. Ihre Schicksale erzählen mit viel Situationswitz von ihrer Einsamkeit, aber auch ihrer Stärke. Riklis zeichnet damit ein Bild von einem Konflikt, der bis ins Private reicht, und bei dem mitunter Absurditäten über die Vernunft siegen.

Eran Riklis' neuester Film wurde bereits zur diesjährigen Berlinale vom Publikum gefeiert und mit dem Panorama-Pubikumspreis ausgezeichnet. Im Oktober läuft der Film regulär in den deutschen Kinos an.

 

 

Zur Person

Eran Riklis            Foto: Arsenafilm

Eran Riklis zählt zu den führenden Filmemachern Israels. Er wurde 1954 in Jerusalem geboren und wuchs in Israel, den USA und Brasilien auf. Er studierte an der Beaconsfield National Film School in England und schloss 1984 mit seinem Film «On a Clear Day You Can See Damascus», seinem ersten Spielfilm, ab. Erste internationale Erfolge erzielte der heute in Tel Aviv lebende Regisseur bereits mit seinem zweiten Film «Cup Final» (1991), der auch innerhalb des Internationalen Forums der Berlinale 1992 gezeigt wurde. Seinen endgültigen internationalen Durchbruch erlebte Riklis 2004 mit dem Film «Die syrische Braut». Riklis hat bei zahlreichen erfolgreichen TV-Serien und - Filmen, Werbefilmen sowie verschiedenen Dokumentationen und Kurzfilmen Regie geführt.

 

 


 

 

«Jüdische Zeitung», Oktober 2008