Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Wenn nicht sein kann, was nicht sein darfSoll Vilnius 2009 «Kulturhauptstadt Europas» werden oder nicht?
Seit der Unabhängigkeit der drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen gehört der Umgang mit der eigenen Geschichte zur Zeit des Holocaust zu den umstrittensten politischen Themen. Alle drei Völker betrachten sich als Opfer zweier totalitärer Regime, der deutschen Nationalsozialisten wie der sowjet- russischen Kommunisten, wobei letzteren der Genozid an der wissenschaftlich- technischen, politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Oberschicht ent- schieden massiver vorgeworfen wird, als der Völkermord der Nazis, geschweige denn die Vernichtung der Juden. Die offizielle Politik behandelt die Nazi-Herrschaft und die Zeit als Teilstaaten der UdSSR adäquat, Hakenkreuze werden mit den sowjetischen Hammern und Sicheln gleichgestellt und sind verboten. Antisowjetische «Partisanen » werden indes als Helden gefeiert: In der Öffentlichkeit herrscht die Meinung vor, die Deportation der nationalen Eliten zu Sowjetzeiten sei ausschließlich von «jüdischen Bolschewisten» initiiert und durchgeführt worden, was dazu führt, den neuen wie auch den alten Antisemitismus als staatstragende Ideologie Nazideutschlands zu verdrängen. 95 Prozent der 250.000 litauischen Juden wurden während des Holocaust ermordet - im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung so viele wie in keinem anderen europäischen Land. Noch vor dem Einmarsch der deutschen Truppen wurden bei Pogromen unter dem Kommando von Algirdas Klimaitis hunderte jüdische Gemeinden ausgelöscht und tausende ihrer Mitglieder ermordet. Ein Drittel der Einwohner der Hauptstadt Vilnius, mit seinen damals über 80 Synagogen und von Napoleon «Jerusalem des Nordens» genannt, waren Juden. Yitzhak Arad, Fania Brantsovsky, Rachel Margolis und Sara Ginaite-Rubinson sind allesamt über 80 Jahre alt. Diese vier Namen stehen weltweit exemplarisch für den jüdisch-litauischen Widerstandskampf. Doch seit Beginn des Jahres steht einer der vier Partisanen aus der Gruppe, Yitzhak Arad, unter Verdacht: Der heute in Israel lebende soll 1944 am Massaker gegen die Bevölkerung des litauischen Dorfes Koniuchy an der Grenze zu Polen beteiligt gewesen sein. Auch die Teilnahme an Partisaneneinsätzen gegen litauische Kollaborateure und mit den NSBesatzern kooperierende Dorfmilizen, werden als Verbrechen hingestellt. Die Generalstaatsanwaltschaft ermittelt, ob Arad Täter oder, wie die drei Frauen, nur Zeuge war. Zweifellos war Arad in Koniuchy dabei, das schildert er selbst in einem seiner Bücher. Seiner Partisanengruppe wurde befohlen, eine «Strafaktion» gegen jene Bewohner des Dorfes zu vollziehen, die, von der Wehrmacht bewaffnet, Partisanen erschossen hatten. Arad streitet allerdings ab, an der Tötung von unbeteiligten Zivilisten beteiligt gewesen zu sein. Die beiden überregionalen litauischen Zeitungen «Respublica» und «Lietuvos Aidas», letztgenannte muss der rechten Presselandschaft mit starker antisemitischer Ausrichtung zugeordnet werden, haben die Untersuchungen begrüßt und zu deren Aufnahme beigetragen. In der öffentlichen Meinung Litauens gelten inzwischen alle vier als Täter, nicht nur Arad. Aus dem Ausland hagelt es hingegen Proteste zu den Verdächtigungen gegenüber Arad, der unter anderem Vorstandsmitglied und zwanzig Jahre lang Direktor der Jerusalemer Gedenkstätte Jad Vaschem war. Den litauischen Behörden werden in Israel, den USA, aber auch in Deutschland antisemitische Absichten unterstellt, um Volkes Stimme zu folgen, die immer offener antisemitisch klingt. Wohl um die Wogen der internationalen Empörung zu glätten, sicherte der litauische Präsident Valdas Adamkus Anfang August 2008 dem Simon-Wiesenthal-Zentrum zu, die Ermittlungen einzustellen und ließ von seiner Pressestelle erklären, die Fälle seien geschlossen. Das Zentrum wirft Litauens Regierung seit langem vor, nichts gegen alte litauische Nazis zu unternehmen. Erst kürzlich war der damalige NS-Sicherheitspolizist Algimantas Dailide begnadigt worden, der im Prozess keinerlei Reue gezeigt hatte. Das Wiesenthal-Zentrum führt ihn indes auf der Liste der zehn meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher. Algimantas Dailide, ebenfalls auf der Liste der meistgesuchten Kriegsverbrecher ganz weit oben, wurde zwar von den USA an Litauen ausgeliefert und dort wegen Mitwirkung an der Vernichtung der litauischen Juden verurteilt, musste aber seine Haftstrafe nicht antreten und lebt heute völlig unbehelligt in Deutschland. Auch der Direktor von Jad Vaschem, Avner Schalev, erklärte in einem Brief an Ministerpräsident Gediminas Kirkilas seine zunehmende Besorgnis über den wachsenden Antisemitismus und «das schädliche Phänomen eines historischen Revisionismus und der Verdrehungen geschichtlicher Zusammenhänge in Ihrem Land», wie wir in unserer letzten Ausgabe bereits meldeten und forderte, die «falschgeleiteten Nachprüfungen» gegen Arad und die drei Jüdinnen einzustellen. Die Familien der vier Partisanen und ihre Unterstützer im Kampf um ihre «Rehabilitierung » sehen in den präsidialen Worten allerdings nur ein politisches Lippenbekenntnis und befürchten, dass die Justiz weiter ermitteln werde. Dies bestätigte inzwischen auch Litauens Generalstaatsanwalt Rimvydas Valentukevicius und erklärte, dass er sich von niemandem, auch nicht vom Präsidenten, in die Arbeit hineinpfuschen lasse, sondern die Ermittlungen, allerdings aus dieser Gruppe nur gegen Arad, fortgesetzt würden. Auch andere Partisanen, neben den drei Frauen, stünden im Fadenkreuz der Ermittler, allesamt ausschließlich Juden. Litauens Außenminister Jaroslavas Neverovicas erklärte, wenn Anklage erhoben worden sei, müsse man eben ermitteln. Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinden Litauens, Simonas Alperavicius, hingegen vertraut dem Präsidenten und hofft, dass dessen «Worten auch Taten folgen». Obwohl an seinem Gemeindehaus erst zum Unabhängigkeitstag im März dieses Jahres litauischen Neonazis und Naziskinheads vorbeimarschierten und im August 2008 das Gebäude mit Hakenkreuzen und der Aufschrift «Juden raus» in deutscher Sprache besprüht wurde, erinnert Alperavicius immer wieder gern an das Aufblühen jüdischen Lebens seit der Unabhängigkeit Litauens Anfang der 1990ger Jahre. Seitdem hoffe er, dass sich das Land auch offiziell seiner Mitschuld an der Ausrottung des jüdischen Lebens stelle, muss aber zugleich konstatieren: «Der Antisemitismus erstarkt und manifestiert sich immer direkter.» Die heute in Kanada lebende Sara Ginaite- Rubinson, beklagt, dass es seitens der litauischen Regierung immer wieder abgelehnt werde, gegen Naziverbrecher vorzugehen, dies sei verjährt. «Es ist befremdlich, dass es aber nicht zu spät geworden ist, das litauische Justizsystem zu benutzen, um diejenigen in Misskredit zu bringen, die gegen die Nazis gekämpft haben, schreibt sie. Der «Hauptverdächtige» Arad, heute Armeegeneral i. R. in Israel, hat dazu gegenüber der BBC erklärt, er wolle «nicht Teil dieses Spiels sein», das darauf abziele, Geschichte zu verfälschen, die er als Mitglied einer vom litauischen Präsidenten kurz nach der Unabhängigkeit berufenen Historikerkommission eindeutig aufgearbeitet hatte. Solche Kommissionen arbeiteten auch in Lettland und Estland. Die noch heute in Vilnius als Bibliothekarin des Jüdischen Institutes an der hauptstädtischen Universität lebende Fania Brantsovsky wurde hingegen bereits vernommen. «Lietuvos Aidas» hatte sogar eine Anklage gegen sie gefordert, denn, so das Blatt im Juni 2008, für die Morde an Litauern im 2. Weltkrieg seien die Juden verantwortlich, schließlich sei Adolf Eichmann ein «hundertprozentiger Jude» gewesen, ebenso übrigens wie Lenin und Putin. Von den litauischen Behörden wurden der Brantsovsky als Beweismaterial die Memoiren der «Mitverdächtigen» Rachel Margolis vorgelegt, die, heute in den USA als Biologie- Professorin und Publizistin lebend, vor Jahren das Jüdische Museum in Vilnius gegründet hatte. Daraufhin stellte der US-Botschafter in Litauen, John A. Cloud, Brantsovsky eine Ehrenurkunde aus. Die Fraktion der Linkspartei im Bundestag hat sich nunmehr von deutscher Seite den Vorgängen zugewandt. In einer Anfrage an die Bundesregierung fordern die Linken, das Vorgehen der litauischen Behörden gegen die jüdischen Partisanen international zu thematisieren, die Geächteten offiziell von deutscher Seite zu ehren und stellen in diesem Zusammenhang die Frage, ob das Kabinett von Angela Merkel sich veranlasst sieht, die Entscheidung, den Titel «Kulturhauptstadt Europas» im kommenden Jahr an Vilnius zu verleihen, zu überdenken. Auch US-amerikanische Historiker und Kongressabgeordnete hatten dies gefordert. Von den Litauern hat während des 2. Weltkriegs kaum jemand den Nazis Widerstand geleistet - außer den jüdischen Partisanen. Rachile Kostanian, die Leiterin des historischen Forschungsbereichs am Jüdischen Museum Vilnius, beklagt das fehlende öffentliche Interesse an der Aufarbeitung der eigenen Shoa, da sich dieser Teil der litauischen Geschichte nicht in das Bild der nationalen Identitätsbildung des modernen EU-Mitgliedes Litauen einflechten lasse. «Wenn sich Juden finden ließen, die man der Kriegsverbrechen gegen Litauer bezichtigen könnte, könne man die Schande überdecken, sich als Litauer selbst für die eigenen Kriegsverbrechen verantwortlich fühlen zu müssen», meint dazu Efraim Zuroff vom Simon-Wiesenthal-Zentrum. |