Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Blauäugig und farbenblindPaul Newman ist tot
Am Ende sitzen die zwei sympathischen Ganoven irgendwo in Bolivien fest, es wird keinen Ausweg geben, das Gebäude ist umstellt, beide sind verletzt und am Ende ihrer Kräfte. Dennoch ist ihnen Aufgeben keine Option, mit gezogenen Waffen stürmen sie aus der Bank, das Bild friert ein und wird zu einer Fotografie in Sepia, nur die Tonspur läuft weiter, Schüsse sind zu hören. Langsam vergrößert die Kamera ihren Blickwinkel und verliert die beiden Verbrecher aus den Augen. Der Film ist aus. Bis zur letzten Sekunde haben die beiden ihren Optimismus nicht verloren, auch wenn der Traum von Frauen, Geld und Australien längst ausgeträumt ist. Es ist die Illusion - der Stoff, aus dem die Filme sind -, die die beiden bis hierher getragen hat und die jetzt verhindert, dass der Tod der beiden gezeigt wird. Wer weiß, vielleicht haben sie es doch noch einmal geschafft. Als Paul Newman 1969 an der Seite von Robert Redford in George Roy Hills Reformwestern «Butch Cassidy and the Sundance Kid» in den Kinos zu sehen ist, ist er kein Unbekannter mehr. Spätestens seit der Rolle des Brick in «Die Katze auf dem heißen Blechdach » (1958) sind er und seine stahlblauen Augen dem Publikum als Charakterdarsteller wohl bekannt. Der Film bricht, obwohl im Vergleich zur Vorlage von Tennessee Williams um den Aspekt der Homosexualität entschärft, mit amerikanischen Tabus: Alkoholismus und Ehebruch, Unfruchtbarkeit und Raffgier bedrohen gleichermaßen die heile Welt der Kleinbürger. Der Film ist für sechs Oscars nominiert, bekommen wird er keinen einzigen. Als Sohn eines jüdischen Geschäftsmannes wird Paul Newman am 26. Januar 1925 in Cleveland, Ohio geboren. Seine Mutter ist Katholikin, schließt sich, als Paul fünf Jahre alt ist, der Bewegung «Christian Science» an. Newman selbst fühlt sich als Jude, dies sei, so sagt er einmal, einfach die «größere Herausforderung». Bereits als Kind sammelt er erste schauspielerische Erfahrungen in einem Theater; nach der Schulzeit lässt er sich 1943 zum Militärdienst einziehen. Eigentlich will er Pilot bei der USNavy werden. Ausgerechnet seine blauen Augen, Vollendung seines markant männlichen Auftretens, werden dies verhindern: Paul Newman ist farbenblind. Also dient er als Funker an Bord eines Torpedobombers im Pazifischen Ozean. Nach Kriegsende beendet eine Verletzung seine Karriere als Sportler. Also wird Newman Schauspieler, zieht nach Illinois und heiratet Jacqueline Witte, die ebenfalls Schauspielerin ist. Nach dem Tod des Vaters übernimmt er das Sportbekleidungsgeschäft der Familie, verkauft es, um die Yale School of Drama besuchen zu können. Es folgen einige kleinere Rollen für das Fernsehen, 1953 tritt er erstmals am Broadway auf. In New York werden nun auch die Studios auf Newman aufmerksam, die Warner Brothers nehmen ihn unter Vertrag. Die ersten Filmarbeiten haben wenig Erfolg, er spielt wieder am Broadway. Der Durchbruch gelingt Newman mit seinem dritten Film, «Die Hölle ist in mir» (1956). Endlich kann er beweisen, dass er das Zeug zum Star hat, wozu damals zumindest noch mehr nötig war, als nur gut auszusehen. 1958 heiratet Paul Newman dann Joanne Woodward, nachdem er sich 1956 von seiner ersten Frau hatte scheiden lassen. Die zweite Ehe wird über 50 Jahre halten. Bereits 1960 führt Paul Newman dann den Kampf um Israel - Als Hagana-Kämpfer Ari Ben Canaan in Otto Premingers «Exodus». Der Film wird gerade in Amerika zum Erfolg, seine historischen Aussagen sind hier bis heute Teil des Narratives um die israelische Staatsgründung, und Newman ist endgültig eine feste Größe im Filmgeschäft, wird mit Alfred Hitchcock 1966 «Der zerrissene Vorhang» drehen, unter George Roy Hill in «Der Clou» (1973) erneut an der Seite seines Freundes Robert Redford stehen, ehe er dann von Martin Scorsese in «Die Farbe des Geldes» endlich so in Szene gesetzt wird, dass er dafür 1987 endlich mit einem «richtigen» Oscar, dem für die beste Hauptrolle, ausgezeichnet wird. Zu guter Letzt zollt ihm auch die Academy den Respekt, der ihm von der Seite des Publikums, vor allem der weiblichen, längst sicher war. Der Wunsch der Verehrerinnen, einmal in die echten Augen schauen zu dürfen, hat ihn irgendwann dazu gebracht, nur noch mit Sonnenbrille in der Öffentlichkeit aufzutreten. Dabei hatte er es anfangs nicht leicht gehabt, an die Spitze der Stars vorzustoßen. James Dean und Marlon Brando sind diejenigen, die die ganz großen Auftritte bekommen, da brachten auch die blauen Augen nichts. Doch Newman hat Zeit, der eine große Konkurrent wird bald sterben und der andere fett, Newman dagegen wird immer besser. Das zeigen seine Auftritte in seinen späten Filmen. Nun oft als diabolischer Fiesling auftretend, zuerst in Joel und Ethan Coens «The Hudsucker Proxy» (1994) als Sidney J. Mussburger noch mit ironischer Farbe, dann in Sam Mendes' «Road to Perdition» als überväterlicher Gangsterboss nur noch kalt, distanziert und großartig. Inzwischen ist das Blau in seinen Augen nahezu vollständig ergraut. Conrad Hall, der Kameramann, der Newman bereits als Butch Cassidy durch die neugewonnene Bewegungsfreiheit der Kamera den Raum für sein Spiel geben konnte, inszeniert ihn nun als unnahbare, alternde Ikone, in deren Augen beim Todesurteil über den geliebten angenommenen Sohn, um den ungeliebten leiblichen zu retten sich das Leid eines Vaters widerspiegelt, der selbst einen Sohn verloren hatte, diesen Schmerz mit der Öffentlichkeit jedoch nur bedingt teilen möchte. Unnahbar war Newman jedoch nie. Immer wieder legt er soziales und politisches Engagement an den Tag. Er ist ein leidenschaftlicher Koch, gründet mit «Newman's Own» eine eigene Lebensmittelkette, die über 250 Millionen Dollar erwirtschaftet. Mit dem Geld finanziert er soziale Projekte, wie etwa ein Ferienlager für krebskranke Kinder und Kinder mit lebensbedrohlichen Blutkrankheiten. Auch politisch ist Newman seit den 1960er- Jahren tätig, in der Bürgerrechtsbewegung etwa. Er unterstützt Abrüstungskampagnen während des Kalten Krieges und nutzt seine Popularität, um Spendengelder zu sammeln. Das bringt ihm auf Richard Nixons berüchtigter «Feindesliste» immerhin Rang 19 ein. Newman wird dies als eine seiner wichtigsten Auszeichnungen beschreiben. Nach «Road to Perdition» wird Paul Newman lediglich noch in drei Fernsehproduktionen zu sehen sein, am Ende werden die immer grauer werdenden Augen dem Kinobesucher gleichsam unsichtbar. In dem Zeichentrickfilm «Cars» ist nur noch Newmans Stimme zu hören, der Autonarr setzt sich und seinem Hobby, dem Rennfahren, im Jahr 2006 noch ein augenzwinkerndes Denkmal, dann wird es still um Paul Newman. Am Anfang von «Butch Cassidy and the Sundance Kid» wird unmissverständlich gesagt, dass die beiden Gauner tot sind, dann fängt ein Filmprojektor an zu rattern und die Geschichte der beiden wird erzählt. Das Ende ist der Anfang. Das ist das Privileg von Filmschauspielern. Am 26. September ist Paul Newman im Alter von 83 Jahren nach langem Verwirrspiel um seine Krebserkrankung in Westport/Connecticut gestorben. |