Die Sünden ihrer Väter

Manchmal ganz nahe an Hitlers Stammbaum – Auf der Suche nach deutschen Konvertiten in Israel

 

Rabbiner Aharon Schear Jaschuv an der Stadtmauer der Altstadt von Jerusalem. Foto: Gali Tibbon

Vor zwei Jahren las ich eine seltsame kleine Geschichte in einem merkwürdigen amerikanischen Magazin für orthodoxe Juden. Darin wurde behauptet, dass ein Nachkomme Adolf Hitlers zum Judentum konvertiert sei und nun in Israel lebe. Seit Jahren hatte ich in jüdischen Kreisen Gerüchte von «den Büßern» gehört - Kinder von Nazis, die zu Juden wurden, um die Sünden ihrer Väter abzubüßen. Konnte das wahr sein? Ich grub weiter und fand heraus, dass tatsächlich ein Mann mit familiärer Verbindung zu Hitler als orthodoxer Jude in Israel lebt. In der englischsprachigen Welt nahezu unbemerkt, wurde er vor sieben Jahren in einer israelischen Boulevardzeitung vorgestellt. Dann verschwand er wieder von der Bildfläche. Ich reiste also nach Israel, um ihn zu treffen. Ich tauchte in die bizarre Subkultur der jüdischen Nazi- Nachkommenschaft ein.

 

Der Sohn eines Nazis

Ich gehe durch die Straßen der Jerusalemer Altstadt, auf dem Weg zu Aaron Shear-Yashuv. Er ist der Sohn eines Nazis, er selbst war als Rabbiner beim israelischen Militär tätig. Heute lebt er in einem Appartement im jüdischen Viertel nahe der Klagemauer. Ich gehe durch eine der goldenen Gassen; orthodoxe jüdische Männer in langen schwarzen Mänteln und runden Pelzhüten eilen an mir vorbei. Er öffnet die Tür und sieht aus wie alle Rabbiner, die ich bisher getroffen habe: schwarzer Anzug, Bart, fragendes Schulterzucken. Er führt mich in sein Arbeitszimmer, weist mir einen Stuhl zu und sagt mit starkem deutschen Akzent: «Mein Vater war bei der Waffen-SS.»

Geboren wurde er 1940 im Ruhrgebiet. Während des Kriegs diente sein Vater in Hitlers Elitetruppe an der Ostfront. Was war die Aufgabe seines Vaters bei der Waffen- SS? «Ich weiß es nicht», sagt er ruhig. «Als ich erwachsen wurde, versuchte ich zu fragen, aber es gab kaum Antworten.»

Er war vier, als er das erste Mal seinen Vater traf. «Ich kann mich an nichts mehr erinnern », sagt er. Über seinen Vater möchte er scheinbar nicht reden. Seinen Übertritt beschreibt er nicht aus psychologischer Sicht, sondern aus theologischer und historischer. «Während meines Theologiestudiums an der Universität wurde mir klar, dass ich nie Pfarrer sein könnte», sagt er. «Ich kam zu dem Schluss, dass Christentum ein Unglaube ist. Eins seiner wichtigsten Dogmen ist, dass Gott zum Menschen wird und wenn Gott zum Menschen werden kann, dann kann ein Mensch auch zu Gott werden». Er macht eine Pause. «Hitler wurde zu einer Art Gott».

Wäre er denn auch Jude geworden, wenn es den Holocaust nie gegeben hätte, auch wenn seine Familie Gegner der Nazis gewesen wäre? Er schaut verblüfft. «O ja.» Ich versuche das Gespräch erneut auf seinen Vater zu lenken, was ihn verärgert. «Nun, Sie sehen, dass er ein Vater ist, aber ideologisch gab es da keinerlei Vergleich. Meine Überzeugung gab mir Geborgenheit und ich schlug den richtigen Weg ein. Seitdem hat alles andere keine Bedeutung mehr für mich.»

Langsam bildeten sich aus dem Dunst des theologischen Denkens Fragmente der Geschichte heraus. Sein Vater war «schockiert und wütend», als er anfing, in Amerika das Judentum zu studieren. «Für ihn war es der Weltuntergang. Sein Sohn verlässt Deutschland, um an einem jüdischen Rabbinerseminar zu studieren! Er sagte, dass ich verrückt sei und gab mich als Sohn auf.» Als er nach Israel umzog, erzählten seine Eltern den Nachbarn, dass ihr Sohn immer noch in Amerika sei. Jahre später arrangierte seine Schwester ein Treffen mit seinen Eltern an einem Bahnhof in Düsseldorf. Shear-Yashuv reiste mit einem jüdischen Freund an. Sein Vater schaute mit prüfendem Blick aus dem Zug, sah den jüdischen Freund und weigerte sich auszusteigen.

Heute glaubt er, dass Deutschland verdammt ist. «Menschen heiraten dort nicht, und wenn sie es tun, dann haben sie ein einzelnes Kind», sagt er. «Aber die Türken und andere Ausländer haben viele Kinder. Somit ist es nur eine Frage der Zeit, bis Deutschland nicht mehr länger deutsch ist.» Warum wird dies seiner Meinung nach geschehen? «Ich denke, dass es eine Bestrafung für den Holocaust ist», sagt er nüchtern. «Deutschland wird zweifellos die Bühne der Geschichte verlassen.» Im Gegensatz dazu werden die Juden niemals aussterben. Das ist die Ironie der Geschichte, die er mag. «Alle großen Kulturen haben die Geschichtsbühne verlassen », sagt er. «Die Römer, die Griechen, die Ägypter, die Babylonier. Aber diese kleinen Menschen, die der Welt so viel gegeben haben, werden es nicht tun.» Er kichert. «Das ist doch was.»

 

Beitritt zur Opfergemeinschaft

Ich gehe durch die Altstadt und denke über die Begegnung mit diesem seltsamen, freundlichen Mann nach und bin mir sicher, dass bei seiner Geschichte etwas fehlt. Vor einem Rabbiner zu stehen, dessen Vater bei der SS war und zu hören, dass er ein Jude wurde, weil er die Dreifaltigkeit bezweifelte, scheint mir absurd. Ich rufe Dan Bar-On an. Der ist Professor für Psychologie an der Ben-Gurion-Universität und weltweit geachteter Experte, was die Psychologie von Täterkindern angeht. Bar-On ist schonungslos: «Das Motiv der Konvertiten ist der Beitritt zur Opfergemeinschaft. Wenn du zum Teil der Opfergemeinschaft wirst, bist du von der Last befreit, ein Teil der Tätergemeinschaft zu sein.» Er interviewte Shear-Yashuv für sein Buch «Legacy of Silence ». «Für mich», sagt Dan Bar-On, «ist Shear-Yashuv jemand, der vor der Vergangenheit flieht.»

Ein paar Tage später nehme ich einen schäbigen Bus zur Gedenkstätte Yad Vashem. Auf dem Berg außerhalb Jerusalems herrscht absolute Stille. In der Mitte befindet sich ein Mausoleum aus Glas. Ich bin hier, um eine Frau zu treffen, die im Bildungszentrum der Gedenkstätte arbeitet. Sie sagte mir am Telefon, dass sie in München geboren ist und Konvertitin ist. Ich treffe sie in einem extravaganten Terrassencafé, aus der Wüste weht spürbar der Wind herüber. Sie ist gute 30 und ihr Kopf bedeckt. Ihr Gesicht erscheint mir typisch Deutsch, ihr Verhalten, ihre empathischen Bewegungen und die schnell hochsteigende Stimme jedoch jüdisch.

Ich soll ihren Namen nicht erwähnen, sagte sie - außer Shear-Yashuv weigern sich alle Konvertiten, genannt zu werden. Sie erzählt mir, dass ihre Großeltern keine Verbrecher waren, sondern zu den Zuschauern, den stillen Antisemiten gehörten. Ihre Familie hat, so nennt sie es, «eine klassische deutsche Geschichte». Sie ballt die Fäuste. Es gebe keine Juden in dieser Geschichte, auch keine Nazis. Wütend imitiert sie ihre Familie: «Nein, nein, es gab keine Nazis, wir sind keine Nazis. Wir kannten keine Juden, wir kannten nichts». Wie hat sie das empfunden? Sie macht eine Pause und sagt: «Ich war verärgert.»

Ihr Lieblingswort für Deutschland ist «verärgert». Sie war «verärgert», als neulich eine Synagoge in München eröffnete. «Die Menschen sagten: „Nun haben wir den Kreis geschlossen, jetzt ist alles wieder in Ordnung"», sagt sie. Es sei so, als wäre nichts passiert. «Aber vor dem Holocaust lebten 11.000 Juden in München. Wo sind die jetzt?» Auch über den Wohlstand der Deutschen ist sie «verärgert». «Alles ist so sauber», sagt sie, «alles ist so ... nett. Und hier?», sie blickt raus auf die Berge, «das Leben ist manchmal so schwer.»

Warum ist sie Jüdin geworden? «Weil ich darüber verärgert war, wie die Geschichte festgelegt wurde», sagt sie. Sie erzählt mir eine Geschichte aus dem Midrasch, dem jüdischen Kommentar religiöser Texte. Da werde erklärt, dass es Nichtjuden gebe, die mit jüdischen Seelen geboren werden. Sie gehören zum jüdischen Volk und werden sich ihm vermutlich anschließen. «Das ist nur eine Frage der Zeit», sagt sie ernst. «Ehe du lernst, sollst du konvertieren.» Auch Shear-Yashuv hat das gesagt.

Ich frage sie, ob sie glaubt, dass Nazikinder konvertieren, um für die Schuld ihrer Eltern zu büßen. Das verärgert sie. «Da stimmt etwas nicht, wenn man das nur tut, um sich von der deutschen Altlast zu befreien», sagt sie. «In meinen Augen ist das nicht ehrlich. Ist man nicht mehr die Tochter eines Wehrmachtssoldaten, wenn man jüdisch ist? Nein, das ist keine Lösung. Man wird davon nicht befreit.» Warum ist sie dann hier? «Um hier zu leben, zu arbeiten, die Brücke zwischen zwei Welten zu sein.» Sie wiederholt das Wort «Brücke» und nennt es «aufregend». Sie redet über ihr «Motivationspaket» und nennt den «Diskurs über den Holocaust» in Deutschland «kompliziert». Der sei emotionslos, etwas werde nicht ausgesprochen. Exakt nach einer Stunde schaut sie auf ihre Uhr und sagt: «Ich muss jetzt gehen.»

 

Halbe Antworten

Erneut rufe ich Dan Bar-On an. Ich merke, dass mir die Konvertiten nur halbe Antworten geben. Sie sprechen über die Verachtung der Dreifaltigkeit und die schrecklichen Dinge, die die Deutschen Juden angetan haben, aber es scheint, dass sie über einen Völkermord reden, der nicht existiert, nicht mal in ihrer Erinnerung. Ich werde das Gefühl nicht los, dass es um etwas anderes geht.

Ich erzählte Bar-On, dass sie alle wie besessen über die Dreifaltigkeit sprachen. Aber ist Ungläubigkeit wirklich ein Grund dafür, eine Religion gegen eine andere einzutauschen, die immer noch davon ausgeht, dass auf Gottes Willen hin Büsche sprechen und sich Wellen teilen? «Genau das habe ich Ihnen bereits gesagt, nur anders ausgedrückt», sagt der Professor. «Sie wollen der Opfergemeinschaft beitreten. Vielleicht haben sie ihren eigenen Weg, sich das zu erklären.»

Später am selben Tag treffe ich einen jungen Mann. Er rennt zu einem Kebabstand mitten in Westjerusalem. Er ist 24, gutaussehend, leicht reizbar und sagt mir, dass er Deutschland hasst. «In Deutschland interessiert mich keiner», faucht er: «Ich scheiße drauf». Er beschreibt einen verwirrten Jugendlichen, der von der Schule geschmissen wurde, zur Armee ging, obwohl er diese ablehnte. Nach einer Weile möchte er, dass wir in den Unabhängigkeitspark gehen. An einer Cola schlürfend erzählt er mir, wie wundervoll es in Israel ist.

Er ist in einer kleinen Industriestadt in Westdeutschland aufgewachsen. Eine schreckliche Wut durchsickert seine Sätze. Als ich ihn frage, warum er konvertiert ist, starrt er auf die mageren Bäume, versteckt seine Arme zwischen den Knien, wie ein halbwüchsiger Junge und sagt: «Ich hasse diese Frage. Ich weiß es nicht.» Er beruhigt sich und sagt, dass für ihn in Deutschland etwas nicht in Ordnung gewesen sei - schon immer: «Ich habe ständig nach einem Platz gesucht. Ich hasse den Katholizismus, ich habe ihn seit meinem 14. Lebensjahr gehasst. » Was im Judentum zähle, sei die Tat. «Im Katholizismus reicht der Glaube.»

 

Eine Mauer der Stille

«Ich finde nicht, dass meine Familie so ist wie „die Deutschen"», sagt er. «Ich frage nicht: „Opa, hast du jemanden getötet?" Meine Oma sagt: „Vor dem Krieg hatten wir als Kinder eine wundervolle Zeit unter den Nazis. Sie schickten uns nach Kroatien, nach Schweden, und wir hatten Jugendlager. Wie konnten wir nicht dankbar sein für das, was sie uns gaben?" Der Holocaust war nur ein Thema im Geschichtsunterricht. „Man ging zweimal die Woche zum Unterricht, sie erzählten dir was, und du schliefst ein."»

Er erzählt mir noch eine der Anekdoten von seiner Großmutter über den Nationalsozialismus. «Sie kann sich an die „Reichskristallnacht" erinnern», sagt er. «Sie war 13. Sie erinnert sich an die jüdischen Geschäfte, die abbrannten. Das war ein großer Verlust, weil man immer zu den Juden gehen und sich was kaufen konnte, und wenn man das Geld nicht parat hatte, konnte man es das nächste Mal bringen.»

Und das ist seine Familie. Er hat sie nie nach dem Krieg gefragt - ich muss einen Konvertiten treffen, der das gemacht hat. Bar-On meint, dass Konvertiten mit ihren Eltern fast nie über den Krieg sprechen. Er nennt es die «doppelte Mauer»: beide, der Elternteil und das Kind, errichten eine Mauer der Stille; selbst wenn einer versucht, diese zu brechen, behält der andere sie gut in Form.

Dieser Mann gestand seinen Eltern an einem Weihnachtstag, dass er konvertieren würde. Er erhielt Morddrohungen von Neonazis, sagt er. Seine Heimatstadt ist voll von denen. Warum sind sie Neonazis? «Fragen Sie die, und nicht mich», antwortet er. Ist er wegen des Holocausts Jude geworden? «Die Leute fragen mich das ständig», sagt er «und wenn ich nein sage, glauben sie es mir nicht.» Glaubt er das wirklich? «Vielleicht.» Er seufzt und schaut durch die Bäume. «Vielleicht was der Krieg aus Deutschland gemacht hat...» Er macht eine Pause und sagt dann: «Ich fühle, wie ich zu einem Eisblock erstarre, wenn ich zurückgehe. Ich muss mich anstrengen, um wieder zu schmelzen.» Ich rufe Dan Bar-On ein letztes Mal an. Sie sagen alle, dass sie jetzt glücklich sind, erzähle ich ihm. Ist das wahr? Die Konversion gebe ihnen vielleicht eine «Illusion des Friedens», sagt er. «Aber es ist nicht der richtige Weg, die Elternrolle zu übernehmen. Ich denke, dass es ein Weglaufen ist. Um in der Lage zu sein, sich richtig durch die Vergangenheit zu arbeiten, muss man versuchen zu verstehen, wie es sein kann, dass der eigene Vater ein Massenmörder war. Man muss daran denken, dass man - wenn man zu dieser Zeit gelebt hätte - wahrscheinlich ebenso in der Lage gewesen wäre, solche Taten zu begehen."

Sagt er mir, dass sie sich immer noch fragen, was sie im Nazideutschland mit den Juden, zu denen sie geworden sind, gemacht hätten? «In Israel zu sein, heißt, es von sich so weit wie möglich fern zu halten», antwortet er. «Ich bin nicht sicher, in welchem Ausmaß sie in der israelischen Gesellschaft wirklich akzeptiert werden. Ich denke, sie bemühen sich, aber ich beneide sie nicht.»

Soweit ich das beurteilen kann, wissen die Konvertiten voneinander, treffen sich aber nicht. Im Judentum ist es eine Sünde, mit dem Finger auf einen Konvertiten zu zeigen. Und warum würden sie das tun? Sie sind nicht hier, um Deutsche zu sein; sie sind hier, um Juden zu sein.

Ich kehre an den Stadtrand zurück, um eine Künstlerin zu treffen. Dieser Konvertitin ist Mitglied einer Organisation, die sich für die Rechte der Palästinenser einsetzt. Eine unglaublich schöne Frau öffnet die Tür und ich sage «Hallo». «O nein», sagt sie. «Sie sind nicht hier, um sich mit mir zu unterhalten. Sie sind hier, um mit meiner Freundin zu sprechen.» Die Frau, die ich interviewen möchte, ist klein und sportlich, mit kurzem Haar; sie sagt, sie ist 42. Sie spricht sehr, sehr schnell. Die Wörter sprudeln aus ihr heraus.

Ich setze mich, es gibt Kaffee und Kuchen. Ich erzähle, dass ich viele Konvertiten interviewt habe. «Sind sie alle irre?», fragt sie mich und lacht. Was meint sie? «Nun ja», sagt sie, «ich traf einige, die mich überraschten. Einige von ihnen waren schockierend unintelligent. Ich habe mich sogar gewundert, wie sie die intellektuelle Unabhängigkeit haben konnten, diese Entscheidung zu treffen - besonders die Leute, die sich entschieden ultraorthodox zu werden, die sich also dafür entschieden, ihre Freiheit wegzuwerfen.» Sie zuckt mit den Schultern. «Das ist ein Kainsmal der Konvertiten», sagt sie.

 

Die Illusion von Gut und Böse

Sie schlürft ihren Kaffee und sagt, dass sie glaubt, dass Parallelen bestehen, zwischen der Art, wie manche Juden auf Palästinenser und der Art, wie manche Deutsche auf Nazis zugehen. Sie hat ihre Oma nie nach dem Krieg gefragt, dazu liebte sie sie zu sehr. «Ich war besorgt, dass ich durch Dinge, die ich gar nicht wissen wollte, verletzt werde». «Manchmal merke ich, dass viele Israelis auf diese Weise leben. Es ist besser, keine Fragen zu stellen und dadurch nicht verletzt zu werden. Dann muss man sich auch keine Sorgen um sich, seine Familie und seine Nation machen. Und so kann man in der Illusion leben, zu wissen, wer gut und wer böse ist.»

Sie war acht, als sie das erste Mal von einem Juden hörte. «Ein Nachbarsjunge nannte einen anderen „blöder Jude". Ich fragte meine Mutter: Was ist ein Jude? Ist das etwas Schlimmes?»

Als sie vom Holocaust hörte, wurde ihr buchstäblich übel. «Ich war schockiert, was die Deutschen den Juden angetan haben », sagt sie. «Mir wurde richtig schlecht. Und mir wurde noch schlechter angesichts meines eigenen Deutschseins.» Es ist merkwürdig, so etwas bei einem Kaffee in einem sauberen und ordentlichen Appartement im Nahen Osten zu hören. «Ich wollte nicht deutsch sein», sagt meine Gesprächspartnerin. «Und, weil mir das früh bewusst wurde, wurde es so normal wie das Zähneputzen.»

 

Fertig mit Israel

Und warum ist sie konvertiert? Sie verzieht ihr Gesicht. «Das ist irrational. Wir sprechen hier über Religion.» Sie erzählt, dass sie mit 25 nach Israel auswanderte, um zu konvertieren. Und heute schimpft sie selbst über ihre damalige Unreife. Sie war vom Rassismus in Israel geschockt. Ihr gegenüber? «Gegenüber den Arabern», antwortet sie. «Es war so, als würde man mir befehlen, Araber zu hassen, um ein guter Jude zu sein.» Sie stand an den Checkpoints der Westbank und beobachtete das Verhalten der israelischen Soldaten gegenüber den Palästinensern.

«Es kostet mich viel Überwindung, hierher zu kommen und solche Sachen zu sagen », meint sie. Warum sagt sie diese dann? «Weil es widersprüchlich wäre, so viel Kritik an den Deutschen zu übersetzen, die viel zu feige waren, etwas zu sagen, als noch die Möglichkeit dazu bestand, und dann hierher zu kommen, und nicht für Gerechtigkeit zu stehen.»

Sie ist fertig mit Israel. Sie sagt, es ist ein dreifacher Angriff wegen ihres Andersseins - deutsch, links, lesbisch. Ein Seelenklempner sage über sie, dass sie hergekommen sei, um vergeblich vor ihrer eigenen Geschichte zu fliehen, sage ich ihr. «Glauben Sie nicht, dass ich nicht selber darüber nachgedacht habe», antwortet sie. «Ich wollte mich an eine Geschichte binden, die ich nicht als beschämend erkannt habe. Jetzt frage ich mich, ob ich bleiben soll. Ich bin mehr oder weniger sicher, dass ich es nicht tun werde. Manchmal fühle ich mich, als wäre ich hierfür nicht geschaffen, dass ich nicht stark genug bin für dieses Land.» Sie fährt mit den Händen durch ihre Haare und schüttelt den Kopf. «Manchmal fühle ich mich, als wäre schon mein Dasein hier falsch. Aber ich kann jetzt nicht mit persönlichen Angriffen leben. Ich halte es nicht aus.»

 

Der «jüdische Hitler»

Später an diesem Tag treffe ich den Mann, mit dem das alles angefangen hatte, weswegen ich nach Israel gekommen war, dem «jüdischen Hitler». Er ist Professor an der Fakultät für Jüdische Studien an einer der Universitäten. Ich rief ihn an und zu meinem Erstaunen ging er ans Telefon. Was sollte ich nur fragen? «Sind Sie ein Hitler?» Ich erzählte ihm, dass ich einen Artikel über Deutsche, die zum Judentum konvertiert sind, schreibe und er sagte, dass ich sofort rüber kommen könne. Also ging ich direkt ums Eck zu einem Appartement, fast noch dort, wo die Künstlerin lebt. Ein schmutziger, weißer Block mit struppigem Gebüsch davor.

Ich steige die Treppe hoch und eine Frau mit Kopftuch, wie bei allen verheirateten orthodoxen jüdischen Frauen, öffnete die Tür. Sie sagt nichts, deutet mir durch eine Geste an, mich an den Tisch zu setzen, in einem Raum voller Bücher. Und dann kommt er rein. Ist das mein jüdischer Hitler? Er ist unglaublich groß und schlank, bekleidet mit einem blendend gelben T-Shirt, spricht er munter eine seltsame Mischung aus Deutsch, Englisch und Hebräisch. Er hält zwei Blätter in den Händen. Eins ist ein Stammbaum, das andere ein Ausdruck mit der Darstellung des Lebens von Alois Hitler Junior, Adolf Hitlers Halbbruder.

«Ich werde Ihnen die ganze Geschichte erzählen», sagt er, «mit der Voraussetzung, dass sie meinen Namen nicht abdrucken». Er legt das erste Blatt vor mir auf den Tisch, deutet auf Namen und beginnt mit einer seltsamen, fast schleierhaften Beschreibung vom Leben als Deutscher zu reden, die bereits mehr als ein Jahrhundert tot sind. Am Ende jedes Aufsatzes über ein langes, beendetes Leben, schlägt er mit dem Finger auf den Tisch und fragt: «Okay?» Mir wird erst klar, was er macht, als ich dem Baum bis zu einem Namen, den ich kenne, nach unten folge: Alois Hitler.

Alois Hitler hatte zwei Söhne, die bis ins hohe Alter lebten - Adolf (der Adolf) und Alois Hitler. Der Halbbruder des «Führers» zeugte einen außerehelichen Sohn namens Hans. «Ok?», fragt mein Gegenüber. «Hans heiratete meine Großmutter Erna, nachdem sie sich von meinem Großvater hatte scheiden lassen.»

Er betont sofort, dass er diesen Zweig seiner Familie hasst. Er wird unruhig. «In mir fließt weder deren Blut noch habe ich die DNS von Hitler und seiner Familie», drängt er. «Ich wurde nicht von dieser Familie sozialisiert. » Er hat Hans nur einmalig getroffen. Die Hitlers kamen zum Teetrinken, als er zwölf Jahre alt war. «Hans war ein netter Mann», sagt er. «Keine Leidenschaften, keine Brutalität.» Doch Erna fand es aufregend, in den Clan einzuheiraten und blieb bis zu ihrem Lebensende ein Nazi. «Ich kannte sie nicht», sagt er über seine Oma. «Sie war kein Teil unserer Familie.»

Der Professor erklärt, dass seine Mutter alle Beziehungen zu den Hitlers abgebrochen hatte. Als Teenager wurde sie geschlagen, da sie sich weigerte, zu den nationalsozialistischen Jugendveranstaltungen zu gehen und als sie den Professor zur Welt brachte - ein uneheliches Kind, das aus einer Affäre mit einem verheirateten Mann resultierte - haben ihre Mutter und ihr Stiefvater sie abgelehnt. Er wurde in einer Reihe gemieteter Zimmer großgezogen, während die Hitlers im Wohlstand lebten. Nach dem Krieg wechselte seine Großmutter den Namen, aber ihre Gesinnung blieb.

Er beginnt mir zu erzählen, was mit seiner Mutter während des Krieges geschah. Sie arbeitete als Schreibkraft für die Wehrmacht in Polen, und sie sah tote Juden an den Straßenlaternen hängen. «Sie war ein Mädchen in Zeiten des Krieges», sagt er, «aber ich war ihr immer dankbar, dass sie mir die Wahrheit erzählte. Wir sprachen offen miteinander.» Seine Stimme erhebt sich und er imitiert sie mit einem heftigen Jammern: «Wir wussten von nichts. Wir haben nur unsere Pflicht erfüllt.» Und er schlägt auf den Tisch: «Meine Großeltern haben nie kapiert, was sie getan hatten», sagt er. «Meine Mutter hatte es verstanden.» Als sie nach dem Sieg der Alliierten nach Hause kam, wurde sie zum Nazi gemacht und die Kommunisten beschlagnahmten ihre Wohnung. «Sie wurde eine der deutschen Frauen, die nach der Bombardierung aufräumten. » Er stapft in die Küche, kommt zurück, und schiebt mir zwei Silberlöffel zu. «Das ist alles, was meine Mutter aus dem Krieg nach Hause mitgebracht hatte. Ich behalte sie ihr zu Ehren.»

 

Lange Reise zum Judentum

Der Weg der Vergangenheitsbewältigung führt für manche Deutsche an die Klagemauer in Jerusalem. Foto: dpa

Es war eine brutale Kindheit: seinen Vater sah er kaum und seine Mutter schlug ihn - ein Mal so schlimm, dass sie drei Tage lang nicht zur Arbeit gehen konnte, weil ihre Finger zu geschwollen zum Schreiben waren. «Sie war eine Kämpferin», sagt er. War sie religiös? Er kichert etwas verstört. «Sie hatte ihre eigene Religion».

Seine Mutter war allein. «Keiner half dem anderen in diesen Zeiten», sagt er. Sein Vater hatte eine andere, eine richtige Familie: «Ich sah meinen Vater sehr selten und in der Zeit, in der ich ihn sah, war ich so stolz, einen Vater zu haben, dass keine Zeit blieb, ihn zu fragen, was er im Krieg gemacht hat. Er starb, als ich 19 war. Ich habe ihn nie fragen können, was er gemacht hat.» Aber er weiß, dass sein Vater Major bei der Wehrmacht war.

Seine Reise zum Judentum war lang. «Es kam kein plötzliches Licht vom Himmel.» Als er noch Teenager war, traf er ein Mädchen, die sich für das Judentum interessierte, und er las «Mein Kampf». «Ich schämte mich, als ich es las», sagt er. «Wie konnten die Menschen so dumm sein, eine Person zu wählen, die solche Dinge schrieb? Es ist furchtbar.» Er blinzelt mich an. «Ich denke nicht, dass sie wirklich verstehen können, wie entsetzlich das ist, wenn sie es nicht auf Deutsch lesen. Ich habe es weggelegt, aber ich behalte es hier.» Hat er es je zu Ende gelesen? Er starrt mich zum ersten und letzten Mal an. «Nein.»

Als er in Deutschland wehrpflichtig wurde, entschied er sich einen theologischen Abschluss zu machen, weil er von einem ironischen Relikt der Nazis profitieren wollte: Hitler versprach dem Papst im Jahr 1933, dass er Priester nicht einziehen werde. Das Gesetz wurde nie aufgehoben. «Ich bin Pazifist », sagt er. «Man stellt nur eine Armee auf, wenn man sie braucht.» Für einen Teil seines Studiums musste er sechs Wochen in Israel verbringen, das war in den frühen 70er Jahren. «Ich fühlte mich heimisch. Ich habe nicht mehr im Konflikt gelebt. Ich musste die ältere Generation nicht ablehnen. Und ich dachte, dass ich zum ersten Mal eine Nation getroffen habe, die an diesem Punkt der Geschichte - heute ist es problematischer - noch gute Gründe hatte, stolz auf sich zu sein.»

Wir gehen zum Rauchen auf den Balkon. Er genießt seine Zigarette in vollen Zügen. Ich kann erkennen, dass er ein leidenschaftlicher Genießer ist. Er hat nicht die Schwere der anderen Konvertiten, die alle eine unsichtbare Last zu tragen scheinen. Ist dies so, weil er mit seiner Mutter über das alles gesprochen hatte? Ich fasse mir ein Herz und frage: Wäre er auch ohne Holocaust Jude geworden? «Ich denke nicht», sagt er. «Die scharfe Trennung zwischen der Generation, die die Verbrechen beging und der Generation, die danach zur Welt kam, würde es nicht geben. Nicht-Deutsche können es nicht nachvollziehen, dass eine ganze Generation unsere Lehrer unter die Lupe nahm und sie fragte: «Wo waren Sie vor 20 Jahren?»

Und dann, zu meiner Überraschung, nennt er seinen eigenen Sohn - seinen israelischen Sohn - einen Faschisten. «Als ich meinen eigenen Sohn, letzte Woche, sprechen hörte - saß ich folgendermaßen da», und er macht den Hitlergruß. «Zwei meiner Söhne sind Chauvinisten und einer von ihnen ist zum Teil Rassist. Ich kann das faschistische Gerede nicht hören. Ich ertrage das nicht.» Mit reiner Verachtung sprächen sie über die Palästinenser. «Jedesmal, wenn ich das höre, ist das einmal zu viel. Wenn der Holocaust und das «Dritte Reich» mich auf irgendeine Art geprägt haben, dann so, dass ich vollständig Demokrat geworden bin. Ich glaube, dass jede Demokratie sich selbst bewähren muss, indem sie die Rechte der Minderheiten bewahrt.» Ich verbrachte drei Stunden mit diesem Mann und fragte beharrlich nach dem Warum - warum er konvertierte? Warum? Er stiert aus seiner grauen Vorortstraße zum Herzen des jüdischen Staates hinüber, pafft an seiner Zigarette und fängt an, über die Bilder des Holocausts zu sprechen, die in seinen Gedanken verweilen. «Ich sehe den Soldaten, der das Kind niedertrampelt, und es am Ende tötet, und ich spüre diese Aggression. Ich erinnere mich auch an das Gefühl des Kindes. Ich erinnere mich an beides. Ich kann mir vorstellen, wie mein Vater oder Großvater dort steht.»

Und als er das sagte, entspannten sich seine Schultern. Er gab mir meine Antwort. «Und alles, was ich sagen kann, Tanya», sagt er aus seiner kleinen Rauchwolke heraus, «seitdem ich nach Israel kam, ist das Gefühl nicht mehr da.»

 

Tanya Gold


Die Originalversion dieses Artikels erschien in der britischen Tageszeitung «The Guardian» im August 2008.

 

Übersetzt von Maria Utschitel

 


Zur Person

Dan Bar-On Foto: privat

Als Dan Bar-On Mitte der achtziger Jahre als erster israelischer Wissenschaftler begann, die moralischen und psychologischen Nachwirkungen des Holocausts auf die Kinder von NS-Tätern zu erforschen, stieß er in Deutschland auf ein Vakuum. Die 1989 in seinem Buch «Die Last des Schweigens. Gespräche mit Kindern von NS-Tätern» präsentierten Lebensgeschichten dokumentierten aufschlussreich nationalsozialistisch geprägtes Familienleben und das Ringen der Folgegenerationen, mit der belasteten Erbschaft umzugehen. Bar-Ons Arbeit gilt immer noch als beispielgebend und aktuell für die zahlreichen Konfliktgruppen und Gesellschaften, die sich nach Kriegen um den Aufbau von Verständigung und zivilgesellschaftliche Werten bemühen. Dan Bar-On wurde 1938 in Haifa als Sohn deutsch-jüdischer Holocaustüberlebender geboren. Über 25 Jahre lang lebte und arbeitete er im Kibbuz Revivim. Er studierte zunächst Landwirtschaft und dann Psychologie. In den 1970er Jahren interviewte er die Kinder von Holocaustüberlebenden in Israel. 1985 reiste er nach Deutschland und sprach mit den Kindern von Nazi-Tätern, woraus das Buch «Die Last des Schweigens» entstand. Im Jahr 1992 initiierte er den Gesprächkreis «Reflektieren und Vetrauen» zwischen Täterund Opferkindern des Holocausts, dem auch der Sohn von Adolf Hitlers Sekretär, Martin Bormann junior, angehörte. Bar-On veröffentlichte mehrere Bücher zum Thema Dialog in Konfliktsituationen und arbeitete für Verständigung im israelisch-palästinensischen Konflikt. Gemeinsam mit dem palästinensischen Soziologen Sami Adwan gründete und leitete er ab 1998 das Institut «PRIME», das Friedensforschungsinstitut im Nahen Osten mit Sitz in Beit Dschala in den Besetzten Gebieten. Bis zum Jahr 2007 war er Professor für Psychologie an der Ben- Gurion-Universität in Beerscheba. Zudem hatte er in den Jahren 1998 und 2002/2003 den Lehrstuhl für Holocaust- und Völkermordstudien am Stockton College in New Jersey inne, wo er auch 1999 den Ehrendoktortitel verliehen bekam. Von 2006 bis 2008 das «Dan Bar-On Dialogue-Training - Geschichtenerzählen im Konflikt», um Mediatoren im Bereich der interkulturellen Dialogarbeit in verschiedenen Teilen der Welt auszubilden. Für sein Engagement für Frieden und Verständigung wurden ihm unter anderem das Bundesverdienstkreuz (2001) und der Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis (2003) verliehen. Am 4. September 2008 starb Dan Bar-On im Alter von 69 Jahren infolge einer schweren Krebserkrankung in Tel Aviv. Er hinterlässt seine Frau, vier Kinder und vier Enkelkinder. ed

 

 

«Jüdische Zeitung», Oktober 2008