Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Zu «Note: Ungenügend», JZ 09/2008Die Medien profitieren
Spricht man von Ausländerfeindlichkeit, setzt dies eine klare Abgrenzung des Begriffes «Ausländer » vom Begriff des «Inländers» voraus. Einer der Schlachtrufe der rechten Szene «Deutschland den Deutschen - Ausländer raus» ist ein schönes Beispiel. Wer sind denn «die Deutschen», denen das Land gehören soll? Ein türkischstämmiger Nachfahre von Gastarbeitern, in der dritten Generation in Deutschland lebend mit deutschem Pass? Ich vermute, dass eine solche Person nicht Deutscher im Sinne des o.g. Ausrufes ist. Das auslösende Moment für Xenophobie kann man am besten durch Beobachtungen im Alltag ergründen. Während Amerikaner, Briten oder Skandinavier gerne gesehene Gäste sind und in der Regel keinen beruflichen oder sonstigen Diskriminierungen ausgesetzt sind, werden afrikanische und asiatische Menschen durch die Straßen ostdeutscher Städte gejagt und im beruflichen Fortkommen diskriminiert. Daraus lässt sich ableiten, dass die deutsche Xenophobie am Äußerlichen hängt. Das mutet vertraut an, sind doch Begriffe wie «jüdisches Aussehen» oder «jüdische Hakennase» durchaus bekannte Beschreibungen aus dem 19. Jahrhundert. Die deutsche Xenophobie beruht auf drei Ängsten. Erstens: Die Angst vor Kriminalität. Bilder von ausländischen Jugendlichen, die deutsche Rentner in U-Bahnen fast zu Tode prügeln verunsichern vor allem ältere Menschen. Zweitens: Angst vor dem Verfall des Bildungssystems und kultureller Verfremdung. Ein hoher Ausländeranteil an Schulen wirkt abschreckend und mindert in den Augen vieler Eltern die Chancen ihrer Kinder auf eine anständige Ausbildung. Viele sehen das deutsche Kulturgut in Gefahr, obwohl die Wenigsten eine Vorstellung haben, was deutsches Kulturgut ist. Drittens: Angst vor der Globalisierung. Diese wird auf die Ausländer projiziert, da die Gefahr der Globalisierung auch aus «dem Ausland» kommt. Bevor man die Frage stellt, wer den nun nichts gegen die Xenophobie in Deutschland unternimmt, muss man sich umgekehrt fragen, wer den von der vorherrschenden Xenophobie profitiert. An erster Stelle sind hier die Medien zu nennen. Hetzjagden in deutschen Städten, kriminelle Ausländer etc. eignen sich hervorragend als Cover Stories. Es kommt hierbei weniger auf saubere journalistische Berichterstattung als vielmehr auf besonders reißerische Darstellung an. Damit tragen die Medien auch die Hauptschuld an der steigenden Angst vor «kriminellen Ausländern», gerade bei älteren Menschen. Als weitere Profiteure sind rechte Parteien zu nennen, die aufgrund steigender Wählergunst endlich auch an politische Pfründe herankommen, zumindest in Ostdeutschland. Auch wirtschaftliche Interessen spielen eine Rolle. Zu nennen wäre hier zum Beispiel das Thema Raubkunst. Je xenophobischer die Gesellschaft ist, desto leichter lässt sich die Verweigerung der Herausgabe enteigneter Kunstgegenstände vertreten. Auch die Politik profitiert in hohem Maße von der latenten Xenophobie der Gesellschaft. Es ist leichter, ein Symptom zu bedauern als die Ursachen zu heilen. Die skizzierten Ängste, auf denen die deutsche Xenophobie ruht, sind direkt auf ein Versagen der deutschen Politik zurückzuführen. Bevor man eigene Fehler eingesteht, sucht man lieber die Verantwortung bei anderen. Lieber Sonntagsreden statt Ursachenbeseitigung. Beachtenswert ist die Tatsache, dass kulturell gefestigte Nationen, wie zum Beispiel das osmanische Reich auf dem Höhepunkt seiner Blüte oder Preußen unter Friedrich dem Großen eine hohe Toleranz gegenüber Minderheiten oder Andersgläubigen gezeigt haben. Je weniger kulturelles Selbstvertrauen eine Nation hat, umso höher ist ihre Anfälligkeit für Xenophobie und vice versa. Der allgemeine kulturelle und moralische Verfall der Deutschen im 20. Jahrhundert führt daher zwangsläufig zu einer stärkeren Akzeptanz von Xenophobie in der Gesellschaft. Hier, im kulturellen Selbstvertrauen, liegt meines Erachtens der einzige erfolgversprechende Ansatzpunkt für die Beseitigung der Xenophobie. Das Problem ist, dass einmal verlorengegangene Kultur nicht einfach reproduziert werden kann. Sie muss wieder aufgebaut werden. Die deutsche Politik hat dies noch nicht erkannt. |