«Sozial und national» in Bayern

 

Bayern, präziser Deggendorf in Niederbayern, im Spätsommer 2008, Wahlkampf. «Sozial geht nur national» grüßt vom Plakat der NPD aus drei Meter (Sicherheits-)Höhe herunter. Jeder «anständige» Mensch müsste sich doch eigentlich bei diesem Anblick die Augen reiben und fragen, ob er seinen Augen noch trauen darf. «National» und «sozial» - gab es da nicht 'mal eine für überwunden geglaubte Ideologie, die diese Schlagworte in ihrer offiziellen Bezeichnung trug(?). Muss wohl in einer anderen Welt oder in «grauer Vorzeit» gewesen sein. Oder etwa doch nicht? Gab es da nicht doch Bezüge zu Bayern?

Ach ja richtig: die antisemitische «Thulegesellschaft » (1918), die DAP (1919), die NSDAP (1920), die SA (1921), die SS (1925) entstanden alle in Bayern. Ein paar Jahre später wurde das oberbayerische KZ Dachau dann zum dienstältesten KZ (1933-1945 in Betrieb) des Deutschen Reiches und des von Deutschen besetzten Europas. Hier wurde unter anderem auch das Personal von Auschwitz und einer Reihe weiterer Todeslager geschult. Und, aus Bayern stammten bzw. bayerischer Abstammung waren ferner so zweifelhafte Persönlichkeiten wie Hitler (nennt in «Mein Kampf» Niederbayerisch den Dialekt seiner Jugendzeit), Göring, Himmler, Frank, Mengele, Dietl, Dietrich, Dirlewanger, Epp, Feder, Forster, Gürtner, Jodl, Röhm, Sauckel, Strasser, Streicher u.v.m. Wieder einige Jahre später, nach der sog. großen Zäsur («Stunde Null»), gab es sehr bald schon wieder braunes Aufflackern in weißblauen Landen: es erblickten an der Isar die REP's (1983) und die DVU (1987) das Licht einer nur zu einem kleinen Teil ungläubig staunenden, ansonsten gleichgültigen und schweigenden Welt. Darum also. Jetzt kann man verstehen, warum sich 2008 keiner mehr in Bayern aufregt, wenn erneut «National» und «sozial » von weiß-rot-schwarzen Plakaten herabprangt. «Anständige» Menschen Bayerns, so es Euch gibt - wo bleibt Ihr? Noch hat sich keiner von Euch offiziell über diese Plakate beschwert.

Robert Schlickewitz, Deggendorf/Niederbayern

«Jüdische Zeitung», Oktober 2008