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«Wie eine Orange auf dem Sederteller…»Susannah Heschels feministischer Zugang zu PessachSusannah Heschel ist eine begehrte Rednerin, hat etliche Bücher herausgebracht und dem Feminismus und der Frauenforschung im Judentum neue Akzente gesetzt. Die Tochter des berühmten Rabbiners und Theologen Abraham Joshua Heschel und der Konzertpianistin Sylvia Straus lehrt als Associate Professor of Jewish Studies im Department of Religion des Dartmouth College in New Hampshire, USA; die von ihr herausgegebene Aufsatzsammlung «On Being a Jewish Feminist: A Reader» ist ein Standardwerk in den USA. Sie hat immer wieder neue Formen der Liturgie gefordert, für Einschnitte im Leben, die Frauen ganz besonders berühren. Eines der Rituale, die sie mit etabliert hat, ist die Orange auf dem Sederteller. «Anfang der 1980er Jahre lud mich die Hillel Foundation zu einer Podiumsdiskussion am Oberlin College ein. Auf dem Campus stieß ich auf eine Haggada, die von einigen Studenten in Oberlin verfasst worden war, um ihre feministischen Anliegen zum Ausdruck zu bringen. Sie regten unter anderem an, eine Brotrinde mit auf den Sederteller zu legen: als Ritual, um Solidarität mit jüdischen Lesben zu zeigen («Das Judentum bietet Lesben soviel Raum wie der Sederteller für ein Stückchen Brot», war ihre Haltung). Beim nächsten Pessach legte ich eine Orange auf den Sederteller unserer Familie. Während des ersten Abschnitts des Sederabends bat ich alle Anwesenden, eine Orangenspalte zu nehmen, eine Bracha über die Frucht zu sagen und sie als bewusstes Zeichen der Solidarität mit jüdischen Schwulen und Lesben und mit anderen Randgruppen in unserer jüdischen Gemeinschaft zu essen.» «Brot auf dem Sederteller macht Pessach zunichte - dadurch wird alles zu Chometz. Und diese Symbolik bringt mit sich, dass Lesben Grenzen überschreiten und das Judentum verletzten», schrieb Susannah Heschel im April 2001. «Ich fühlte, dass die Orange ein anderes Bild vermittelt: dass es quasi für alle Juden Früchte bringt, wenn Lesben und Schwule ihren aktiven Beitrag zum jüdischen Leben leisten. Und darüber hinaus waren in jedem Orangenspalt Kerne, die man ausspucken musste - und diese Geste stand für unsere Ablehnung der Homophobie, die so viele Juden vergiftet.» Und weiter: «Wenn ich Vorträge halte, erwähne ich meinen Brauch häufig als eines der vielen neuen feministischen Rituale, die sich in den letzten 20 Jahren durchgesetzt haben. Dabei begegne ich dann aber typisch patriarchalischen Umgangsweisen: mein Verständnis von der Orange und meine Absicht, Schwule und Lesben zu bestärken, wurde schlichtweg verändert. Nun ist die Rede davon, dass es ein Mann war, der nach einem Vortrag von mir aufstand und voller Zorn sagte, dass eine Frau ebenso wenig auf die Bima gehört wie eine Orange auf den Sederteller [...]. Meine eigene Idee, die Worte einer Frau, werden nun einem Mann zugeschrieben, und der Rückhalt für Schwule und Lesben kommt dabei gar nicht mehr vor. Und ist das nicht genau das, was seit Jahrhunderten immer wieder mit den Gedanken und Anschauungen von Frauen passiert?» Zu den neuen Ritualen, von denen Susannah Heschel spricht, gehört auch Miriams Becher neben dem Becher von Elija. Der «Kos Miriam» wird mit Verweis auf die «Mayim Chajim» von Miriams Quelle zur Zeit des Exodus (Babylonischer Talmud, Ta'anit 9a) nicht mit Wein, sondern mit Wasser gefüllt. Dieser Brauch entstand innerhalb einer Rosch Chodesch-Gruppe in Boston in den späten 1980er Jahren. Nachdem Sedermahl bei dem erst an den Propheten Elija erinnert wird, der für die Hoffnung auf messianische Erlösung steht, wird dann der Becher für die Prophetin Miriam, Moses' Schwester, erhoben: als Symbol der Hoffnung und der Erneuerung zu unserer Zeit. Dazu wird auch Ex 15:20-21 mit Miriams Lied rezitiert: «Da nahm Miriam, die Prophetin, Aarons Schwester, eine Pauke in ihre Hand, und alle Frauen folgten ihr nach mit Pauken im Reigen. Und Miriam sang ihnen vor: Lasst uns dem Herrn singen, denn er hat eine herrliche Tat getan; Ross und Mann hat er ins Meer gestürzt.» In Heschels Familie hat sich ein weiterer Brauch entwickelt, der von der engen Verbundenheit ihrer Eltern mit Martin Luther King und der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung zeugt. An den Sederabenden sang man gemeinsam die hebräische Version von «We Shall Overcome»: «Anu nitgaber, anu nitgaber/ Anu nitgaber b'vo hayom /Ani ma'amin, b'emunah shleima /She'anu nitgaber hayom.» |