Feinde in der Fremde

Israelisch-palästinensische Begegnungen in Berlin

 

Wasserstatue "Molecule Man" von Jonathan Borofsky vor dem Berliner Fernsehturm. Foto: dpa

Tausende Israelis und zehntausende Palästinenser leben im Identitätsgetümmel von Berlin. Hier sind sie Juden, Muslime, Israelis, Palästinenser, Christen, Araber, Weltbürger, Deutsche. Ilan Weiss, Koordinator und Initiator des Israel-Stammtisches «Fugger 20» in Berlin-Schöneberg, schätzt die Zahl der jüdischen Israelis in Berlin auf 6.000. Eine offizielle Zahl der hier lebenden Palästinenser gibt es nicht. Von der Ausländerbehörde oder dem Bundesamt für Statistik werden sie nicht geführt, gelten vor dem deutschen Gesetz entweder als Libanesen, Israelis, Jordanier, Ungeklärte oder Staatenlose.

Welche Kontakte gibt es fernab der politischen Bühnen der Regierungen, Parteien und Stiftungen? Eine Chance, mit Palästinensern ins Gespräch zu kommen, sieht Ilan Weiss nicht: «Diejenigen, die hier sind, sind sehr extremistisch. Die meisten Emigranten werden im Ausland extremer. Das gilt auch für Israelis.» Die Recherche der Reporter der «Jüdischen Zeitung » ergab ein differenzierteres Bild. Wir trafen junge Menschen, am Anfang und in der Mitte ihres (Berufs-)Lebens, und befragten sie zu ihren Begegnungen mit dem «Anderen». Sechs Kurzporträts von Menschen, die nicht repräsentativ, aber beispielgebend sind.

 

Yesha Karmeli,

34, Heilpraktiker:

Für mich gibt es zwei Konflikte. Der eine ist, als Fremder in Berlin und in Deutschland zu leben, mit dem Wunsch, zurück nach Israel zu gehen. Eine Sehnsucht, die das jüdische Volk in sich trägt, oder nicht? Der Andere ist, dass es bei jedem Deutschen so ein «Aahh» als Reaktion gibt, wenn ich sage, dass ich Israeli bin. In meiner Tätigkeit als Heilpraktiker kommen viele Menschen zu mir. Ich versuche, im Rahmen meiner Möglichkeiten zur Wurzel der Beschwerden vorzudringen. Es tauchen immer wieder die Themen Zweiter Weltkrieg, Holocaust, Nationalsozialismus auf. In Berlin hatte ich sehr schöne Begegnungen mit Palästinensern. Einmal wartete ich auf meine Frau, eine Deutsche. Ich wollte etwas trinken und ging in einen arabischen Laden. Ich nahm etwas aus dem Kühlschrank, merkte plötzlich, dass ich kein Geld dabei hatte und wollte es zurückstellen. Der Besitzer, ein Palästinenser, fragte mich, wo ich herkomme. Als ich ihm sagte, dass ich Israeli bin, antwortete er:«Wir sind Brüder, nimm, was Du willst!» Er steckte mir einfach Sachen in beide Hände und meinte «Ist gut!» Das war ein schönes Gefühl. Auf der anderen Seite gibt es natürlich immer den Konflikt. Ich war selbst beim Militär. Und diese Spannung ist irgendwie im Blut. Man weiß nicht, was hinter der Freundlichkeit des anderen steckt. Der Hass kann ganz plötzlich hochkommen, und möglicherweise hat man ein Messer im Rücken. Dieser Konflikt ist ein unglaublich schmerzliches Thema. Wie die Deutschen mit ihrem Schuldgefühl erlauben sich die Israelis in ihrer Opferrolle viel zu viele Dinge, die für andere schmerzlich sind. Sie denken, sie hätten die innere Berechtigung, wie ein kleines Kind zurückzuschlagen.

 

Wafaa Khattab,

26, Stadtführerin:

Ich bezeichne mich selbst als «palästinensische Deutsche», obwohl ich seit meiner Geburt hier lebe. Meine Eltern sind noch in Palästina geboren, im Libanon aufgewachsen. Sie flüchteten 1977 während des Bürgerkrieges hierher. Nach dem Abitur habe ich eine Ausbildung zur pharmazeutisch- kaufmännischen Angestellten absolviert und bekam zwei Söhne. Heute arbeite ich im Berliner Kreuzberg-Museum als Stadtführerin. Es ist mir wichtig, vor allem die weitverbreiteten Stereotype über den Islam zu entkräften und die Besucher ein wenig zum Nachdenken anzuregen. Ich zeige den Besuchern auch die Stolpersteine und erzähle die jüdische Geschichte des alten Kreuzbergs. Immer wieder kommen Jugendliche aus Israel oder aus den USA zu den Führungen. Auf den ersten Blick mag es ein ungewöhnlicher Anblick sein, wenn eine junge Frau palästinensischer Herkunft Juden aus Israel und der ganzen Welt durch Kreuzberg führt. Kontakt mit Israelis hat vor allem mein Mann, ebenfalls palästinensischer Herkunft, der für eine israelische Firma arbeitet. Arbeit ist Arbeit. Politisch sehe ich den Konflikt natürlich kritisch, allerdings fällt es mir schwer, ein ausgewogenes Bild der tatsächlichen Situation zu bekommen. Die deutschen Medien berichten sehr pro-israelisch und die arabischen sehr anti-israelisch.

 

Idith Choref,

34, Neurobiologin:

Ich bin in Jerusalem aufgewachsen, studierte in Tel Aviv. Seit einem halben Jahr arbeite ich als Post-Doktorandin am Bernstein-Zentrum für Neurobiologie. Ich habe hier schon einige Palästinenser kennengelernt. Es fällt mir hier leichter zu reden. Der Konflikt sitzt nicht direkt im Nacken. Ich bin ziemlich links eingestellt. Die palästinensischen Bekannten verstehen dies ziemlich schnell. Sie haben ein Problem mit meiner Regierung, nicht mit mir. Ich fühle mich gut hier, weil Gleichheit herrscht. In Israel gibt es keine Gleichheit zwischen israelischen Arabern, Palästinensern und jüdischen Israelis. Das ist einer der Gründe, warum ich dort nicht auf lange Sicht leben möchte. Ich möchte meine Kinder nicht dort aufziehen. Ich glaube nun mal an Demokratie. Sogar wenn wir den israelisch- palästinensischen Konflikt lösen, gibt es immer noch schwere innerisraelische Probleme. Die Gesellschaft wird immer gewalttätiger. Ich zähle aufgrund meiner politischen Ansichten zu einer Minderheit. Die Mehrheit wird immer misstrauischer gegenüber der anderen Seite. Der Konflikt ist hier zwar nicht mein Alltag, aber er ist ein Teil von mir. Seine Entwicklung wird meine Entscheidung beeinflussen, ob ich nach Israel zurückgehen werde. Meine Kontakte und Bekanntschaften zu Palästinensern in Berlin will ich ausweiten. Ich bin neugierig darauf, was sie denken und fühlen. Das ist zwar komisch, da ich eigentlich mehr Deutsche kennenlernen sollte. Aber zur gleichen Zeit teile ich mehr mit Palästinensern als mit Deutschen und hatte niemals die Chance, sie richtig kennenzulernen.

 

Khaled Sharif,

32, Politikwissenschaftler:

Ich wurde im Libanon geboren, kam 1988 nach Deutschland. Als Kind hatte ich null Kontakt mit Israelis. Ein Freund, mit dem ich Musik machte, war aber Jude polnischer Abstammung. Aber das war nicht relevant. Es hat mich aber immer gestört, dass ich nicht einfach zu meiner Familie nach Israel fahren konnte. Als Palästinenser wird man an jeder Grenze daran erinnert, dass man ein Heimatloser ist. Auf der Wanderschaft als Zimmermannsgeselle in Südamerika war ich immer der erste Palästinenser, den die Israelis kennengelernt haben. Von zehn Israelis konnte ich mit sieben nichts anfangen. Doch bei dreien war ich immer sehr erstaunt über ihre offene Haltung und ihre Ablehnung der Besatzung. Bis dahin war mein Bild, dass die gern alle Palästinenser umbringen würden. Dann merkte ich, da kann man noch was machen. Durch die Kontakte kam mein Entschluss, zu studieren, mich mit Israelis argumentativ auseinanderzusetzen. Ich studierte Internationale Beziehungen in England. Ich sagte mir, entweder ich gehe kämpfen oder ich gehe Bücher kaufen. Die «große Entscheidung» in meinem Leben kam Anfang 2001, nach Ausbruch der Zweiten Intifada, wo ich mich ernsthaft fragte, ob es an der Zeit sei, zu kämpfen, gerade nach der Enttäuschung des Oslo-Friedensprozesses. Mit meiner Rückkehr nach Berlin veränderte sich meine Beziehung zu Juden und Israelis. Mittlerweile habe ich einige israelische und jüdische Freunde hier. Ich suche hier im Rahmen des Arbeitskreises Nahost und privat gezielt Diskussionen mit jüdischen Israelis. Außerdem will ich eine Plattform aus palästinensischen und israelischen Friedensaktivisten schaffen. Für die Zukunft wünsche ich mir, eines Tages mit Frau und Kindern in ein Land zwischen dem Jordanfluss und dem Mittelmeer zurückzukehren, in dem alle Menschen gleich behandelt werden.

 

Lior Ur, 33,

Programmierer:

Ich bin seit drei Jahren hier. Für mich ist Berlin eine der fortschrittlichsten und tolerantesten Städte der Welt. Der Prozess meiner Politisierung begann schon in Israel. Es war einer der Gründe, warum ich Israel verließ. Ich kam hierher, um neu anzufangen; ohne alte Muster. Auf vielen Ebenen habe ich dies erreicht. Neulich war ich in einem Deutschkurs. Einer sagte, er sei aus Gaza. In der Pause ging ich zu ihm hin, um mit ihm zu reden. Auch wenn ich mich nicht mehr als israelischer Bürger sehe, so habe ich doch immer noch meine Geschichte und Vergangenheit in Israel. Ich ging einfach auf ihn zu und stellte mich vor. Ich bin wahrscheinlich kein gutes Beispiel für meine Generation. Die meisten meiner israelischen Freunde haben eine andere Einstellung. Viele von uns wuchsen mit der Idee «Entweder wir oder sie!» auf. Wenn der Hass erst einmal so stark ist, dann ist es unmöglich, einen Mittelweg zu finden. Das wird natürlich durch den Armeedienst verstärkt. Die Tatsache, dass ich in einer Kampfeinheit im Libanon und in den Besetzten Gebieten war und schlimme Sachen gesehen habe, beeinflusst mein Leben. Ich war der mit dem Gewehr in der Hand. Ich weiß wie es aussieht und wie es sich anfühlt. Deswegen kann ich ehrlich sagen, es könnte anders sein. Ich denke, die gesamte Idee der militärischen Besatzung ist ungerecht und nicht hilfreich für alle Menschen, die dort leben. In Deutschland werde ich natürlich immer wieder mit dem Thema Holocaust konfrontiert. Doch ich versuche im Kontakt mit Deutschen das Thema zu vermeiden. Ich will Leute als Leute zu sehen. Ich denke nicht, dass sie die Schuld ihrer Väter tragen. Aber es ist natürlich irgendwo da.

 

Sami Mura,

26, Architekt:

Für palästinensische Studenten ist es derzeit fast unmöglich, ein Visum fürs Studium hier zu bekommen. Ich bin als DAAD-Stipendiat regelmäßig in Europa, arbeitete über mehrere Monate an Gemeinschaftsprojekten an der Universität der Künste und der Technischen Universität in Berlin. Ich war an der wissenschaftlichen Publikation über die Städteplanung Jerusalems, «City of Collision», «Stadt des Zusammenpralls», beteiligt und schreibe derzeit an meiner Magisterarbeit über die Verbesserung der Infrastruktur in palästinensischen Flüchtlingslagern. Als ich nach Berlin kam, war ich über die Menschen hier schockiert. Manchmal werde ich wütend über die Kommentare: «Wie? Du bist Palästinenser, aber du isst Schweinefleisch? Du bist Moslem, aber du bist nicht religiös?» Immer wenn ich sage, dass ich christlicher Palästinenser bin, Bier trinke und Schweinefleisch esse, verstehen sie die Welt nicht mehr. Das macht mich manchmal ärgerlich. Es gibt nicht nur einen Strom, nicht nur eine Identität. Es ist nicht so, dass eine Person alle repräsentiert. Es gibt Vielfalt und es gibt andere Menschen. Seit dem Städteplanungsprojekt rede ich mehr über Palästina. Ich habe viele Präsentationen gemacht, vor allem hier in Berlin. In meiner Heimatstadt Bethlehem habe ich dazu nicht so viele Möglichkeiten. Ich habe in Berlin viele Israelis getroffen, vor allem auf Parties. Man fühlt sich hier freier, Menschen zu treffen. Ich denke, dass ich mutiger geworden bin. Ich war davor immer ängstlich und angespannt. Wenn ich wieder zu Hause bin, fahre ich aber nur ungern ins israelische Gebiet. Dort fühle ich mich unsicher und denke ständig daran, kontrolliert oder verhaftet zu werden.

Aufgezeichnet von Friederike Neubert, Philipp Holtmann und Eik Dödtmann

«Jüdische Zeitung», Oktober 2008