Von Angesicht zu Angesicht

Israelinnen und Palästinenserinnen trafen sich auf einem Bauernhof in Deutschland zum Dialog und gingen als Menschen auseinander

 

«Weißt Du was die Nakba ist?» Diese Frage steht von Anfang an im Raum, sobald eine Palästinenserin auf eine Israeli trifft. Meistens wissen sie es nicht, denn in der Schule lernen sie, dass 1948 ein gutes Jahr war. Das Jahr, in dem die Juden endlich ihren eigenen Staat bekamen, der sie vor Verfolgung und Ermordung schützen sollte. «Für uns war es kein gutes Jahr» so Rana aus Nablus, «Was Ihr gewonnen habt, wurde uns genommen: ein eigener Staat.» Jetzt sitzen sie da - gemeinsam an einem Tisch, in einem Dorf in Deutschland, und Wafaa aus Ramallah ergreift das Wort: «Auch wenn wir in der Okkupation leben, müssen wir mit der anderen Seite kommunizieren. Es sind die kleinen Veränderungen, die die großen bewirken.» Rivka, die Kunst an der Bezalel Akademie in Jerusalem studiert, nickt zustimmend: «Ja, dem Schweigen in der Bevölkerung entgegenwirken.» Nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu: «Bevor ich hierher kam, habe ich mich eigentlich nicht mit dem Konflikt beschäftigt.»

Diese Szenen im Jugendhof Bessunger Forst bei Darmstadt spielen sich so regelmäßig ab.

Ausgehend vom Krieg auf dem Balkan, gründeten die Schwestern Helga und Wilfriede Dieter vor 14 Jahren die Aktion «Ferien vom Krieg». Sie ermöglichen Kindern und Jugendlichen aus krisengeschüttelten Regionen an Dialogseminaren und Freizeiten teilzunehmen. Unter dem Motto «Breaking Barriers», «Grenzen überwinden », trafen sich Ende August 36 junge Frauen, im Alter von Anfang, Mitte zwanzig, aus Israel und aus dem Westjordanland zu einem zweiwöchigen Dialogseminar. In der intensiven Arbeit miteinander offenbart sich oft erst das Ausmaß der Unwissenheit über den Nachbarn. Für die Dieters eine Bestätigung ihres Begegnungskonzeptes. Jedoch stehen etablierte Friedensaktivisten und Organisationen wie die UNO dem Projekt sehr kritisch gegenüber. Es sei zu früh, und Vorgänge auf einem solchen Dialogseminar seien nicht unter Kontrolle zu halten, würde die Gewalt im Nahen Osten erneut eskalieren, so die Argumentation. «Wir stehen mit unserem Projekt recht alleine da und sind auf private Spenden angewiesen. Aber wer einmal miterlebt hat, wie eine Palästinenserin lachend den Satz einer Jüdin zu Ende führt, erkennt, dass es nicht zu früh ist, um das Miteinandersprechen zu lernen,» meint Helga Dieter. Die Entwicklung, die die jungen Frauen innerhalb der zwei Wochen im Dialogseminar durchlaufen, ist in der Tat erstaunlich. Sie lernen nicht nur miteinander zu sprechen, sondern auch miteinander zu streiten.

Dabei stehen sich zunächst nicht nur junge Frauen gegenüber, sondern eine «Soldatin am Checkpoint» und eine «Selbstmordattentäterin ». So ist die gegenseitige Wahrnehmung: im Angesicht des «Feindes». Yael aus Tel Aviv: «Zu Beginn haben wir uns noch nicht einmal „Guten Morgen" gesagt.» Jeder Tag des Seminars beginnt mit einem «Eins-zu-Eins»-Gespräch zwischen einer Israelin und einer Palästinenserin, ohne Themenvorgabe. Worüber sich die beiden unterhalten, bleibt ihr Geheimnis. Danach erarbeiten kleine Gruppen von jeweils sechs Frauen beider Nationen unter der Anleitung von Teamerinnen Theaterprojekte und machen Ausflüge. Doch vor allem diskutieren sie und erzählen sich ihre persönlichen Narrative. «Es geht zunächst nicht um Politik, sondern um Emotionen», so Helga Dieter. «Die Mädchen sollen sich erst einmal öffnen. Sobald sie ihre Biographien und die ihrer Familien erzählen, wird es irgendwann immer politisch.»

Sie führen einen Kampf der Worte, einen Wettstreit der Euphemismen. Aus einem Terroristen wird ein Freiheitskämpfer und der Mauerbau der israelischen Regierung wird zur Verteidigungsstrategie. «Verteidigungswall, das ist doch zynisch. Sie wollen uns einfach nur noch mehr Land wegnehmen», ereifert sich Rana. Und Rivka erinnert sich, dass Israel seine Existenz auch der Hilfe so genannter Freiheitskämpfer verdankt. Die aus Haifa stammende Keren, verheiratet und religiös, blickt unsicher zu Boden. Sie ist eine der Stilleren. Aber dann spricht sie aus, was ihr auf der Seele liegt, leise und bedacht. Sie hätte vorher wirklich nichts gewusst und sei entsetzt darüber, was ihre Regierung dem palästinensischen Volk antäte, aber sie könne trotzdem nicht die Selbstmordattentäter verstehen, die Unschuldige umbrächten. Sie ist nun ein wenig verlegen. Für sie war es ein großer Schritt, ihren Ehemann und die Familie zu überzeugen, auf das Seminar zu fahren. Die Stimmung unter den Israelinnen sei ein Drahtseilakt, so die Organisatorinnen, sie changiere zwischen Offenheit für die Belange des Anderen und Rechtfertigung der eigenen Situation. Während die Palästinenserinnen als geschlossene Gruppe kommen und sich innerhalb der zwei Wochen individualisieren, ist es bei den Israelinnen genau entgegengesetzt. Außerdem zeigt sich, dass der aggressivste und emotionalste Streit immer innerhalb der eigenen Gruppe stattfindet. Diese Auseinandersetzung ist laut den Dieters notwendig, denn es scheint, dass insbesondere die Jüdinnen mit der bisher sehr israelischen Lesart des Konfliktes gegen Ende des Seminars eine große Bereitschaft zeigen, sich zu informieren.

Wie schwierig das Unterfangen des Dialogseminars für alle Teilnehmerinnen ist, offenbart sich ihnen später in den Heimatländern. Viele der Palästinenserinnen müssen im Familienund Freundeskreis den Verdacht bekämpfen, sie seien zum «Feind» übergelaufen. Doch ebenfalls auf israelischer Seite wird von den Angehörigen nicht mit Kritik gespart, denn immerhin treffen auch sie sich mit dem Gegner und das auch noch in Deutschland. Es liegt in der Natur der Sache, dass ein auf deutschem Boden stattfindendes Seminar die jungen Israelinnen in eine äußerst komplexe Situation bringt.

Allen Widrigkeiten zum Trotz erleben die Frauen und die Organisatorinnen die Dialogseminare als eine gewaltige Veränderung für ihr Leben. Aus einer früheren Gruppe sind im letzten Jahr drei Israelinnen auf eine Hochzeit nach Ramallah gefahren. Andere waren derart politisiert, dass sie einen Olivenbaum im Gedenken an die Unterdrückung der Palästinenser gepflanzt haben. Auch die jungen Frauen aus Palästina spüren die Annäherung: «Am Anfang waren unsere politischen Forderungen an die Israelis noch utopisch», so Rana, «doch sobald wir eine gemeinsame Ebene gefunden haben, wurden wir realistisch. Auch uns ist klar, dass nicht alle Flüchtlinge zurückkehren können.» Und dann fügt sie ernst und voller Überzeugung hinzu: «Ich hätte mir vorher niemals vorstellen können meine Unsicherheit und Schwäche den Besatzern zu zeigen. Aber nun finde ich es wichtig.»

Karola Kallweit

«Jüdische Zeitung», Oktober 2008