Schöne Tage in Berlin

Die jüdische Hauptstadtgemeinschaft ist aus den Sommerferien zurück - und lässt Erfreuliches von sich hören

 

Curtain cup und der Club Guy & Roni bei den  Jüdischen Kulturtagen 2008.                          Foto: Jüdische Kulturtage

Das ist ein schöner Tag für Berlin! », erklärte der Staatssekretär für Kulturelle Angelegenheiten, André Schmitz, anlässlich der Wiedereröffnung des Jüdischen Friedhofes an der Großen Hamburger Strasse im ehemaligen jüdischen Viertel rund um den Hackeschen Markt in Berlin-Mitte. Der Begräbnisplatz war 1672 eingeweiht worden, ein Jahr nachdem 50 aus Wien vertriebene jüdische Familien per Dekret des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm I., «des Großen», in der Stadt ansässig geworden waren. Die Schätzungen über die Anzahl der dort Bestatteten gehen weit auseinander und liegen zwischen neuen Angaben von etwa 3.000 Gräbern bis zu historischen Zahlen von etwa 12.000. Das bekannteste Grab des Friedhofs war das des Philosophen Moses Mendelssohn (1729 - 1786), das noch heute als Gedenkstein dort zu besuchen ist - denn der Friedhof ist nun Mitte September neu gestaltet und im Rahmen einer Feierstunde unter Mitwirkung von Rabbiner Yitshak Ehrenberg und Kantor Isaac Sheffer der Öffentlichkeit übergeben worden. Das Areal, das nur etwa die Hälfte der ursprünglichen Friedhofsfläche ausmacht, wurde dazu neu eingefriedet, eine die Gräberfelder trennende Mauer durch einen transparenten Zaun ersetzt, Wege wurden erneuert und die Flächen der Gräberfelder mit Efeu bepflanzt. Am Eingang wurde ein Wasserbecken zum rituellen Händewaschen installiert, eine Gebets- und eine Informationstafel angebracht. In der Nacht unseres Redaktionsschlusses ist diese Tafel und damit der wiedereröffnete Friedhof, von bislang Unbekannten geschändet worden.

Nach der Schließung als Begräbnisplatz 1827 diente der Friedhof dem benachbarten jüdischen Altenheim als Parkanlage und der jüdischen Knabenschule zur Anlage eines Schulgartens sowie für den Naturkundeunterricht. 1943 zerstörten ihn die Nazis, legten auf dem Gelände einen Splittergraben an, wozu sie viele der Grabsteine verwandten. In den letzten Kriegswochen wurden hier fast 2.500 nichtjüdische Kriegsopfer, aber auch Wehrmachtssoldaten und SS-Männer, in 16 Massengräbern beigesetzt - natürlich gab es daraufhin innerhalb der Jüdischen Gemeinde eine längere Diskussion zum weiteren Umgang mit diesen Gräbern. Seit den 1970ger Jahren diente der Friedhof als parkähnliche Anlage, auch nach der jetzigen Wiedereröffnung sind keine Begräbnisse geplant. Etwa um 1885, bei einer ersten Umgestaltung des Friedhofes, wurden 20 der ältesten Grabsteine in der südlichen Umfassungsmauer eingelassen und überstanden so den Zerstörungswahn der Nazis. 1988 auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee restauriert sind sie noch heute dort, sollen aber in einem nächsten Schritt an ihren historischen Platz an der Großen Hamburger Strasse zurückkehren.

 

Geld auch für Weißensee

Doch Schmitz konnte nicht nur dafür seine Unterstützung offerieren, sondern vorbehaltlich einer mit Sicherheit zu erwartenden Entscheidung des Haushaltsausschusses, eine Millionen Euro für die Rekonstruktion der Friedhofsmauer in Weißensee aus Mitteln des Abgeordnetenhauses ankündigen, die der Senat um eine weitere Millionen aufstocken werde.

Lala Süsskind, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, zeigte sich begeistert über das Engagement des Senats. «Ich freue mich sehr, dass wir nicht nur über das Heute, über die Lebendigen sprechen, sondern dass es in dieser Stadt ein großes Bemühen gibt, unserer jüdischen Toten würdevoll zu gedenken.» Zugleich verwies sie neben der historischen Bedeutung des Friedhofes vor allem auf seine Nähe zum benachbarten Jüdischen Gymnasium hin: «Hier wächst eine neue Generation mit Blick auf die Alten heran. Sie wird uns viele Denkanstösse geben, spannende Auseinandersetzungen, wird uns weiterbringen, auch weil viele der Eltern aus der ehemaligen Sowjetunion stammen. Ohne die russischsprachige Zuwanderung hätten wir es nicht geschafft», erklärte Süsskind uns abschließend. Ihr Stellvertreter und Kultusdezernent, Benno Bleiberg, fasste die große Bedeutung des Friedhofes in einem Satz zusammen: «In der Großen Hamburger Straße wurden die besten, aber auch die schlimmsten Zeiten für die Jüdische Gemeinde Berlins zementiert.»

Ortswechsel: Zurück zum Friedhof Berlin- Weißensee. Hier wird am 23. Oktober um 12.30 Uhr eine Gedenkfeier am Erbbegräbnis der Familie des Berliner Unternehmers und Königlich Preußischen Kommerzienrates Julius Berger stattfinden, die sein Urenkel, Manuel Biedermann, initiiert hat. Die Grabstätte wurde zwischen 1928 und 1929 auf Feld B VI als neoklassizistisches Mausoleum gebaut, gestaltet in der Form eines griechischen Tempels, trägt den Familiennamen und das Unternehmenslogo über dem Eingang und wird derzeit auf Initiative des Nachfahren restauriert.

Julius Berger, geboren 1862, hatte 1905 die Julius Berger Tiefbau AG gegründet, den Vorläufer der heutigen Bilfinger Berger AG, die folgerichtig auch die Steinarbeiten bei der Rekonstruktion des Familiengrabes unterstützt. Julius Bergers Unternehmen expandierte schnell und baute unter anderem zwischen 1906 und 1911 den S-Bahnhof Berlin-Grunewald um. Als Industrievertreter und Sachverständiger nahm Berger 1919 an den Friedensverhandlungen in Versailles teil. 1933 musste er seinen Vorstandsposten aufgeben, trotzdem interpretierten die Angestellten und Arbeiter das Firmenlogo der Julius Berger Tiefbau AG, IBTAG, als «Jüdischer Betrieb Trotz Adolfs Gesetzen». 1942 wird Julius Berger vom Gleis 17 eben jenes Bahnhofes Grunewald mit seiner Frau Flora deportiert und verhungert 1943 in Theresienstadt. Erst 1966 kommt sein Nachlassverfahren zum Abschluss.

Das Mausoleum ist die einzig leere Begräbnisstätte des ganzen Friedhofes. Für Biedermann ist sie trotzdem so etwas wie der Schlüssel zu seiner Familiengeschichte. Nach dem Tod seiner Mutter verriet der Familienanwalt ihm seine Geschichte. Seither sammelt er alles, was es über seine Familie noch zu sammeln gibt. Dabei kam er auch mit dem Firmenhistoriker der Bilfinger Berger AG in Kontakt. «Es geht mir nicht ums Erben, sondern um die Geschichte », so Biedermann. Nun will er das Grab vollständig rekonstruieren, der 54-jährige Tischlermeister hat dazu befreundete Handwerker gefunden, die nachgestaltet haben, wie der Bau einst aussah. Für einige Baumaßnahmen und Umfeldgestaltungen fehlt Biedermann noch das Geld, daher würde er sich freuen, viele Interessenten und Unterstützer am 23. Oktober auf dem Friedhof Weißensee begrüßen und für das Projekt interessieren zu können. Detailliertere Informationen finden sich auf der Internetseite www.berger-reloaded.de.

 

Glatt Koscheres Downtown

Ein schöner Abend verspricht der 1. November zu werden, wenige Tage vor dem Erscheinen der November-Ausgabe unserer Zeitung: Tallana Gabriel lädt ab 20 Uhr in die Konstanzer Strasse 54 zur (Wieder)eröffnung ihres «Gabriel's No. 2» mit gut 20 Plätzen. Neben glatt koscheren Speisen und Weinen wird ihr Team hier zukünftig den eiligen Besucher und schnellen Kunden bedienen, denn alles, was im «Gabriel's No. 2» auf der Karte steht, kann auch mit nach Hause genommen werden, um den familiären Abendstress ein wenig zu entspannen oder dem jüdischen Single Zeit für Wichtigeres zu geben, als selbst kochen zu müssen. Natürlich sind die Back-Spezialitäten von Joseph Martin mit dabei, der im «Le Notre» in Tel Aviv zu einem Gehimtipp avanciert war.

Zur Eröffnung gibt es vor allem eine hoffentlich tolle Partystimmung, zu der jeder Gast natürlich durch sein Kommen beitragen kann. Den Abend wird Tallana übrigens selbst umrahmen. Immerhin hat die junge Frau in New York unweit der legendären Tin Pan Alley, dem angesagtesten Viertel der New Yorker Musikszene zwischen der 5th. Avenue und dem Broadway, Jazzgesang und zeitgenössische Musik studiert. Tallana wird den Gästen ihres Eröffnungsabends Musik aus ihrer CD «Gifted» sowie von den großen Komponisten der Äre der Tin Pan Alley präsentieren: George Gershwin, Duke Ellington, Irving Berlin oder Cole Porter.

Wer übrigens an diesem Sonnabendabend im «Gabriel's No. 2» nach der «Jüdischen Zeitung » fragt, bekommt nicht nur diese für ein Vierteljahr kostenfrei nach Hause, sondern auch noch Tallana's «Gifted» dazu.

Ein schöner Tag war es für die knapp 70-jährige Leonie, die seit mehreren Jahren in Berlin lebt, als sie zum ersten Mal eine eMail von ihrem Sohn erhalten kann, der als international tätiger Geschäftsmann die meiste Zeit des Jahres rund um den Globus unterwegs ist. «Das ich das in meinem Alter überhaupt noch lernen kann», kichert sie mir im Gespräch in den Räumen der Integrathek in der Passauer Strasse 4 entgegen, wo wir uns auf einen russischen Tee verabredet hatten. Nein, ihren Familiennamen wolle sie mir nicht verraten, sie will nicht, dass die Gleichaltrigen sie auslachen, von denen viele schon seit Jahren den Umgang mit Computern beherrschen. Gelernt hat Leonie das «emilen» - und sie spricht es aus wie den alten deutschen Vornamen - im Computerzimmer der Integrathek, wo Leiterin Eleonora Schachnikova seit mehreren Jahren erfolgreiche Computerkurse auf unterschiedlichstem Niveau anbietet, von Einführungskursen in Word und Excel zur Vorbereitung auf Bewerbungen oder das Berufsleben bis zu Angeboten für Senioren wie Leonie. Für viele ältere Menschen, deren Familien in Westeuropa verstreut sind, in Israel, den USA oder den GUS-Staaten leben, ist das größte Problem die Vereinsamung. Dem versucht die Integrathek durch unterschiedliche Angebote zu begegnen.

Mit den Computerkursen wird jetzt allerdings Schluss sein, «wenn nicht ein Wunder geschieht», so Schachnikova. Die vor zehn Jahren angeschafften Computer sind alt und nicht mehr in der Lage, die neuen schnelleren und speicherschluckenden Programme zu verarbeiten. Eine Computerspende wäre hilfreich und würde nicht nur die Fortführung der Kurse sichern, sondern auch den Arbeitsplatz einer Computerdozentin und eines Technikers, die ansonsten zum Jahresende werden gehen müssen. Auf meine Nachfrage bestätigt Schachnikova zwar, dass die Jüdische Gemeinde erst kürzlich Computer von der DeutschenTelekom erhalten habe, diese Spende sei jedoch projektbezogen an die «Heinz Galinski Schule» gegangen. Nun hofft sie zu den Hohen Feiertagen auf einen großzügigen Spender aus dem Kreis jüdischer Unternehmer, der gebrauchte PCs und Laptops gegen Spndenquittung übereignen würde.

 

Schana Towa den Senioren

Zentralpräsidentin Charlotte Knobloch            gratuliert dem Jubilar Isaak Behar.                 Foto: Aekady Schafirov

Wir hoffen sehr, es war ein schöner Tag für ihn! Am 14. September lud der Herausgeber und Verleger unserer Zeitung, Nicholas R. Werner, zum 85. Geburtstag des Gemeindeältesten Isaak Behar in die Räume des renommierten Touro College Berlin, einer jüdischen Privatuniversität. Weine aus dem Hause WIV Wein International AG des Senators a.D. Elmar Pieroth, ein Fingerfood-Buffet der Savoy-Hotels, koscher angerichtet vom Restaurant «Gabriel's» sowie die Combo des Landespolizeiorchesters Brandenburg umrahmten den Abend für die Familie und zahlreiche Gäste aus der Berliner Politik, der Polizei und der Bundeswehr, der Schulen und natürlich der jüdischen Gemeinschaft. Die Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, ließ es sich nicht nehmen, eigens für diesen Abend nach Berlin zu kommen, um die Laudation auf das Leben Behars und die Bedeutung seiner Vortragstätigkeit vor Uniformierten und Jugendlichen zu halten. Sie schloß mit den Worten: «Ohne Sie, lieber Herr Behar, und Ihr warmes Herz, wäre unsere Gemeinschaft ein ganzes Stück ärmer!» Anschließend dankte Berlins Polizeipräsident Dieter Glietsch für die mehr als 20-jährige Arbeit Behars im Rahmen der Fortbildung der Polzei und ernannte den Jubilar zum Polizeidirektor ehrenhalber. Im Grußwort unseres Verlegers, das aus Krankheitsgründen von seinem Büroleiter verlesen wurde, macht Nicholas R. Werner die Bedeutung des sensiblen Umgangs mit historischen Tatsachen und ihrer Wiedergabe in den Medien deutlich und bat Behar, sich weiter einzumischen - ob nun in die Entwicklung seiner Gemeinde, die Diskussionen um eine Hitlerfigur im Berliner Wachsfigurenkabinett oder die Neuauflage seines Machwerkes «Mein Kampf». Wolfgang Schneiderhan, Generalinspekteur der Bundeswehr, schrieb in seinem Glückwunschschreiben: «Ich fühle mich reich, weil ich Sie kennen darf!» Israels Botschafter Yoram Ben-Zeev gratulierte brieflich mit den Worten: «Es ist für Sie jedes Mal ein Kraftakt, das Grauen der Shoa zu vermitteln. Ich fürchte, dass Sie die Wertschätzung dessen nicht immer erfahren.»

Am gleichen Tag luden das Seniorenzentrum der Jüdischen Gemeinde - das Hermann Strauß Pflegeheim und das Jeanette Wolff Heim - zum Sommerfest in den gemeinsamen Garten der Einrichtungen in die Herbartstrasse. Nette Gespräche, nette Leute, eine gemütliche Atmosphäre bei Musik, Kaffee, selbstgebackenem Kuchen und vor allem strahlendem Sonnenschein versprach die Einladung und machten das Fest tatsächlich zu einem Erlebnis und wiederum einem schönen Tag für alle, die daran teilnahmen. Im Dezember werden wir uns ausführlich im Hermann Strauß Pflegeheim kundig machen, ein Jahr nach der Eröffnung.

 

Auf ein Neues: Sommer 2009

Nicht zuletzt eröffneten am zweiten Septemberwochenende auch die diesjährigen Jüdischen Kulturtage, die sich programmatisch dem 60. Jahrestag der Staatsgründung Israels verschrieben hatten. Standing Ovations einer tobenden, um Zugaben ringenden Menge beim Konzert des charismatischen israelischen Weltmusikstar Idan Raichel, der seine Großmutter und deren Zwillingsschwester, gebürtige Berlinerinnen, die extra aus Israel angereist waren, zum Konzert begrüßte, ein Fest für die Berliner in der Fasanenstraße, bei dem tausende Hauptstädter einen schönen Tel Aviv-Tag mitten in Berlin erlebten, die ausverkauften Konzerte mit Esther Ofarim, der Grande Dame des israelischen Chansons, dem Jerusalem Chamber Music Festival mit Elena Bashkirova am Flügel oder auch die Performance der humorgespickten Choreographien von Curtain up und dem Club Guy & Roni, sorgten bei mehr als 23.000 Besuchern inklusive der 5.000 Menschen, die zur Langen Nacht der Synagogen kamen, für schöne, zuweilen unvergessliche Tage. So auch, als mit Kantorin Mimi Sheffer erstmals eine Frau die Hawdala-Zeremonie zum Ausgang des Schabbats zelebrierte, der das feierliche Eröffnungskonzert folgte. Die Kulturtage werden über den Festivalzeitraum an sich wirken: Drei Expositionen, «Die Jeckes», zu Manés Sperber und «Raub und Restitution», zogen schon während der Festespiele viele interessierte Besucher in ihren Bann und sind auch über die Jüdischen Kulturtage hinaus zu sehen. Am Monatswechsel August/September 2009 werden die nächsten Kulturtage zu erleben sein.

Die jüdische Gemeinschaft der Hauptstadt ist aus ihren Sommerferien zurück. Der erste Monat danach, der letzte des alten Jahres war erlebnisreich, kulturvoll, jubiläumsgeladen, erinnernd und besinnend. Nun wird der Alltag einziehen. Dafür unser herzliches Schana Towa 5769!

Lutz Lorenz

«Jüdische Zeitung», Oktober 2008