Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Die vergessenen Kinder des befreiten EuropaJüdische DP-Camps in der amerikanischen Besatzungszone
Die Geschichte des Nationalsozialismus in Deutschland ist weitgehend bekannt, die meisten der Verbrechen deutscher Faschisten und Rassisten und ihrer Helfer aufgeklärt, das Schicksal der Toten oft genauestens dokumentiert. Anders sieht die Forschungslage bei jenen aus, die überlebten. Eine Gruppe von Überlebenden, die dabei fast vollständig übersehen wurde, sind Kinder und Jugendliche. Allein im Osten Europas waren es rund 25.000. Und wie ging es nach dem Krieg weiter? Und vor allem: Wie erging es eben jenen Kindern? Die Kinder des befreiten Europa. Oft waren sie heimatlos, abgemagert, vernarbt, ängstlich, beraubt, verbittert, Zeugen schrecklicher Verbrechen. Viele von ihnen waren durch Flucht oder Vertreibung von ihren Eltern getrennt worden, und hatten in Wäldern und Verstecken überlebt. Einige waren von Partisanengruppen aufgenommen worden und so dem ihnen zugedachten Schicksal entgangen. Jim G. Tobias und Nicola Schlichting gehen in einer im letzten Jahr erschienen Studie der Frage ihres Schicksals nach. Die bisher mangelhafte Erforschung der Aspekte des jüdischen Neubeginns im Land der Täter und der Lebenswirklichkeit der Kinder in den Lagern für die so genannten Displaced Persons (DPs), liefert den Autoren Anlass für ihre Studie. Mit der Rekonstruktion der Geschichte jener, die durch den Krieg und dessen Folgen fern ihrer Heimat gestrandet waren, begann die Forschung erst in den späten achtziger Jahren. Selbst in den städtischen und Gemeindarchiven hätten sich, so die Verfasser der Studie, kaum Informationen finden lassen. Beauftragt durch das Nürnberger Institut für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts werteten sie Quellen aus amerikanischen und israelischen Archiven aus und zeichneten so das Bild von den überlebenden jüdischen Kindern in den Heimen in Oberbayern. Beispielhaft werden Aufbau, Organisation und Alltag in der zum Auffanglager für jüdische Waisen umfunktionierten Pionierkaserne in Rosenheim, in der amerikanischen Besatzungszone dargestellt. Die Beschreibung der Lager der Region wird dabei in die Entwicklungsgeschichte der DP-Camps eingebettet. Nach der Befreiung der Konzentrationslager mussten zunächst nur wenige Kinder versorgt werden, da ihre Arbeitskraft von den Nationalsozialisten nicht ausgenutzt werden konnte und sie meist direkt nach der Ankunft in den Gaskammern ermordetet worden waren. Die jüdischen Kinder in der amerikanischen Zone wurden vorerst zusammen mit Überlebenden der Todesmärsche und Gefangenen des Konzentrationslagers Dachau im ehemaligen Zwangsarbeitslager Föhrenwald untergebracht. Aufgrund des besonderen Schicksals der Juden wurden ihnen von den Amerikanern eigene Siedlungen und Unterkünfte gestellt. So entstand das erste jüdische Kinderheim im Januar 1946 in Strüth bei Ansbach. Durch anhaltende antisemitische Ausschreitungen in Osteuropa kamen in den ersten beiden Jahren nach dem Krieg massenhaft weitere «unbegleitete Kinder» auf abenteuerlichem und gefährlichem Weg in die US-Zone. Auf diesen Zustrom reagierte die amerikanische Besatzungsmacht mit dem Entschluss, weitere Lager und Heime einzurichten. Darunter das «Transient Children's Center» in Rosenheim nahe des Chiemsees, das in dieser Studie - beispielhaft detailliert - beschrieben wird. Das Heim war ursprünglich nur als Durchgangslager gedacht. Die Kinder sollten nach kurzem Aufenthalt und der ersten Versorgung auf andere Lager verteilt werden. Dennoch blieben einige unter ihnen für mehrere Monate. Durch die speziell für die jüdischen Kinder und Jugendliche eingerichteten Lager war es für viele überlebende Mütter und Väter leichter, ihre verlorenen Kinder wieder zu finden. In einigen Fällen, so berichtet die Studie, war die Traumatisierung und Entfremdung der Kinder durch die lange Trennung allerdings so stark, dass psychologische Hilfe von Nöten war. Relativ schnell wurde mit der Erziehung und Bildung der jungen Menschen begonnen. Das sollte sich jedoch nicht nur durch den Mangel an Tischen, Stühlen, Büchern, Tafeln, Stiften und Pädagogen als sehr schwierig erweisen, sondern auch durch die psychische Verfassung der Kinder, die teilweise kaum soziale Verantwortung oder gefestigte moralische Vorstellungen kannten. Nur wenige hatten je eine Schule besucht, geschweige denn einen Beruf erlernt. Aber auch eben wegen der psychischen Situation der Kinder wurden Erziehung und Bildung als sehr wichtig angesehen. Mit vielen Zitaten und der Auswertung von persönlichen Berichten der Lehrenden zeichnen die Autoren Situationen in einigen Unterrichtssituationen nach und vermitteln damit tiefe Einblicke in die Lebenswelt dieser Menschen. Miriam Warburg beschrieb ihre Erfahrungen im Unterricht wie folgt: «Ich habe viele Stunden in meinem Leben unterrichtet, keine war so anstrengend und keine so befriedigend wie die, die ich heute gab. Die Kinder sehnten sich nach Wissen. Sie waren verzweifelt, als die Stunde zu Ende war und sie wollten mehr und mehr lernen.» Grundlegend sollte den Kindern Lesen und Schreiben beigebracht werden. Alle weiteren Unterweisungen, sowie die beruflichen Ausbildungen, orientierten sich an einem späteren Leben in Israel. Die Kinder und Jugendlichen sollten sowohl praktisch als auch theoretisch auf dieses Leben vorbereitet werden. Denn viele sahen in der Auswanderung nach Palästina die einzig mögliche Zukunft. Verschiedene jüdische Hilfsorganisationen organisierten und unterstützten die legale Alija und kümmerten sich um Visa für die Kinder. Einige Gruppen versuchten schon vor 1948 das Heilige Land zu erreichen und so die Einreisebeschränkungen auf illegalem Weg zu umgehen. In der Frage der religiösen Erziehung machten sich in dem als sehr friedlich und problemlos beschriebenen Alltag Konflikte zwischen traditionellen und den säkularen zionistischen Gruppierungen bemerkbar. Zwar wurden in einigen Heimen koschere Küchen und religiöse Schulen eingerichtet. Dennoch waren die religiösen Juden weitgehend in der Minderheit. Neben der schulischen Ausbildung standen den jungen Menschen aber auch einige Möglichkeiten für Freizeitaktivitäten zur Verfügung. Besonderer Beliebtheit erfreuten sich die Wettkämpfe zwischen den verschiedenen Lagern und Heimen im Fußball oder Tischtennis, die durch die Heimleitungen organisiert wurden. Das Lager in Rosenheim bestand nur acht Monate, bis April 1947. Danach wurde es als allgemeines DP-Lager und Ausbildungszentrum weitergeführt. Nach der Proklamierung des Staates Israel durch David Ben Gurion wurden die meisten der Lager in der amerikanischen Besatzungszone Ende der vierziger Jahre aufgegeben. Nur das Camp Föhrenwald bestand bis 1957. Die letzten DPs verließen es am 28. Februar des Jahres.Information: Jim G. Tobias / Nicola Schlichting
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