Die Angst vor der dunklen Vergangenheit

Bombenanschlag auf Universitätsprofessor Sternhell. Rechtsextremer jüdischer Untergrund vermutet

 

Der Jerusalemer Faschismusforscher Seew Sternhell. Foto: Archiv

Der israelische Faschismusforscher Seew Sternhell wurde bei einem Bombenattentat Ende September leicht verletzt. Erst in diesem Jahr hatte er für sein Lebenswerk den jedes Jahr an bedeutende Persönlichkeiten vergebenen «Israel-Preis» erhalten. Sternhell ist in Israel als scharfer Kritiker der rechtsextremen jüdischen Siedlerbewegung bekannt und spricht sich für die Räumung der Siedlungen im Westjordanland aus. Hinter dem Attentat auf den Wissenschaftler steht offensichtlich eine militante jüdische Untergrundgruppe mit der Bezeichnung «Armee der staatlichen Befreier». Der Anschlag löste eine einhellige Verurteilung durch das gesamte politische Spektrum Israels aus und weckte Erinnerungen an politische Attentate der Vergangenheit, allen voran an den Mord an Ministerpräsident Jitzhak Rabin. Aktuell ist eine Zunahme der Gewalt, die von rechtsextremen jüdischen Siedlern zu beobachten.

Der 73-jährige Professor Seew Sternhell trat in der Nacht vom 25. zum 26. September wie jeden Tag gegen ein Uhr aus der Tür seines Hauses in Jerusalem, um das Tor seines Grundstückes abzuschließen. In dem Augenblick explodierte eine Rohrbombe. Sternhell erlitt leichte Verletzungen am Bein. Er wurde sofort in ein Krankenhaus in Jerusalem eingeliefert. Kurz nach dem Anschlag auf den prominenten Geisteswissenschaftler wurde offenkundig, dass es sich um eine politisch motivierte Tat handelte. Israels Polizeiminister Avi Dichter sprach am Folgetag von einem «nationalistischen Terroranschlag, der vermutlich von Juden begangen wurde».

 

Aufruf zu religiösem Staat

In der Nachbarschaft des Professors wurden Flugblätter gefunden, auf denen ein Kopfgeld von umgerechnet 200.000 Euro für den Mord an Aktivisten der Menschenrechtsorganisation «Frieden Jetzt!» ausgesetzt wird. «Die Zeit des Königreiches von Judäa ist gekommen», schreiben die Autoren des Flugblattes und fordern darin einen jüdischen Staat mit religiöser Gesetzgebung im Westjordanland. «Der Staat Israel ist unser Feind geworden - Es ist Zeit, in Judäa und Samaria einen religiösen Staat zu errichten!». Judäa und Samaria ist die biblische Bezeichnung des Westjordanlandes, das Israel seit dem Sechs-Tage-Krieg 1967 besetzt hält. Jüdische Siedler und nationalreligiöse Kreise in Israel gebrauchen diesen Begriff. Nach dem Attentat stellten die Behörden den Vorsitzenden von «Frieden Jetzt!», Jariv Oppenheimer, unter Polizeischutz. Oppenheimer und Sternhell hatten in der Vergangenheit wiederholt anonyme Drohbriefe und -anrufe erhalten. Sternhell selbst ist kein Mitglied von «Frieden Jetzt!». Er äußert sich jedoch regelmäßig in der liberalen israelischen Presse mit kritischen Artikeln über die Siedlerbewegung.

Als Sternhell, Politologe an der Hebräischen Universität in Jerusalem, jüngst mit dem «Israel-Preis» ausgezeichnet werden sollte, gingen seine Gegner bis zum Obersten Gerichtshof, um die Preisverleihung zu verhindern. Sternhell habe in einem Artikel palästinensische Terrorangriffe auf jüdische Siedler gerechtfertigt, begründeten sie ihren Einspruch. In einem am 11. Mai 2001 in der Zeitung «Haaretz» veröffentlichten Text hatte Sternhell geschrieben, wenn die Palästinenser auch nur ein bisschen Verstand hätten, würden sie ihren Kampf auf die Siedlungen beschränken und keine Terroranschläge westlich der Grünen Linie, bis 1967 die Grenze zwischen Israel und dem bis dahin unter jordanischer Herrschaft befindlichen Westjordanland, verüben. Jüdisch- nationalistische Kreise begriffen diese Aussage als Aufruf zum «Mord an den Brüdern ». Bereits am 5. April 1988 sprach sich Sternhell in der mittlerweile eingestellten, Tageszeitung «Davar» scharf gegen die Siedlerbewegung aus: «Nur wer bereit ist, mit Panzern nach Ofra (eine radikale jüdische Siedlung zwischen Jerusalem und Nablus - d. Red.) zu fahren, kann die faschistische Erosion, die die israelische Demokratie bedroht, aufhalten.» Seitdem ist der Professors für die Siedler ein rotes Tuch.

Dabei hält der renommierte Wissenschaftler, der als Experte für faschistische Ideologien in Westeuropa zu Beginn des 20. Jahrhunderts gilt, an der Idee des Zionismus fest. Sternhell, der 1935 in Galizien geboren wurde und den Holocaust im von Deutschland besetzten Polen überlebte, bezeichnet sich als «alten zionistischen Linken». Der 1951 von Frankreich nach Israel eingewanderte Politologe sieht, so seine Stellungnahme anlässlich der «Israel- Preis»-Verleihung im März 2008, Israel vor dem Hintergrund der Erfahrungen seiner Jugend als «Rückkehr zur Menschlichkeit».

Das reichte den Attentätern vom September scheinbar nicht aus. Im ersten Interview nach dem Anschlag fand Sternhell eine harte Einschätzung für das Geschehene: «Das sind die Entwicklungen, die zum Kollaps einer sehr zerbrechlichen Demokratie führen, wie es damals in Europa geschah. Sollte es nicht der Akt eines Geistesgestörten gewesen sein, sondern eine politisch motivierte Tat, dann ist das der Beginn der Zersetzung der Demokratie », sagte Sternhell von seinem Krankenbett aus gegenüber der größten israelischen Tageszeitung «Jediot Acharonot». «Der Vorfall illustriert die Zerbrechlichkeit der israelischen Demokratie und die dringende Notwendigkeit, sie zu schützen», so Sternhell in dem Interview. Von dem Anschlag zeigte sich Sternhell in seiner persönlichen Meinung nicht beeinflusst: «Mich kann man nicht einschüchtern.»

 

«Sternhell: Das sind die Entwicklungen, die zum Kollaps einer sehr zerbrechlichen Demokratie führen, wie es damals in Europa geschah.»

 

Anstieg der Gewalt

Auf einer Zeremonie anlässlich der jüdischen Neujahrsfeiern sagte die designierte Ministerpräsidentin Tzipi Livni, dass der Vorfall «nicht tolerierbar» sei und «nicht schöngefärbt » werden könne. Chaim Oron, Vorsitzender der linksliberalen Meretz-Partei, fand schärfere Worte: «Dieser aggressive Akt ist das Resultat des herrschenden Nichts-Böses- Sehen-Wollen im Hinblick auf die steigende Gewalt der extremen Rechten gegen Soldaten und jeden, der nicht ihrer Meinung ist.» Verteidigungsminister Ehud Barak (Arbeitspartei) warnte in diesem Zusammenhang: «Wir kehren zurück in die dunkle Ära der Rohrbomben, die auf Menschen gerichtet sind, in diesem Fall gegen eine außergewöhnliche Person, die nie gezögert hat, ihre Meinung kundzutun.» Barak forderte den Inlandsgeheimdienst und die Polizei umgehend auf, die Straftäter schnell ausfindig zu machen und mit einer harten Gefängnisstrafe zu belegen. Die israelische Polizei bildete bereits ein Sonderkommando.

In den vergangenen Monaten war ein Anstieg der Gewalt jüdischer Siedler in den Besetzten Gebieten auszumachen. Nach einem palästinensischen Messerangriff auf ein jüdisches Kind im Westjordanland übten die als besonders radikal bekannten Siedler aus Jitzhar am 13. September Selbstjustiz im palästinensischen Dorf Asira el-Kibliyeh und verletzten dabei dutzende Menschen schwer. Der noch amtierende Ministerpräsident sprach von einem «Pogrom» an der palästinensischen Bevölkerung und löste damit eine heftige Debatte über die Wortwahl aus. Zuvor kam es am Jad-Ja'ir-Siedlungsaußenposten zu einem Übergriff von Siedlern gegen israelische Soldaten - ein weiteres Zeichen für das Sinken der Hemmschwelle. Als Reaktion darauf sprach die israelische Armee- Kommandatur nun ein Verbot für jüdische Pilger aus, an das Grab des biblischen Erzvaters Josef am Rande der Stadt Nablus im Westjordanland zu gelangen.

Der aktuelle Anschlag auf den linken Professor weckte schmerzhafte Erinnerungen an die Ermordung des ehemaligen Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin während einer Friedensdemonstration 1995 und die Zeit der rassistischen Bewegung «Kach» in den 1980ern und 1990ern. Aus deren Reihen stammte auch Baruch Goldstein, der am 25. Februar 1994 während des Freitagsgebetes der Muslime in der Ibrahim-Moschee von Hebron ein Blutbad anrichtete und dabei 29 Menschen erschoss. Die Nachfolgeorganisation der 1988 verbotenen «Kach»-Bewegung, die «Jüdische Front», distanzierte sich einen Tag nach dem Sternhell-Attentat von der Tat mit dem Hinweis, dass eine Verletzung von Juden ihren Prinzipien widerspräche.

Arik Aschkenasi, Jerusalem

«Jüdische Zeitung», Oktober 2008