Die «kaum Gläubigen»

Jüdisches auf Sizilien ist rar und kaum noch zu finden

 

Die Mikwe unter dem Hotel Alla Giudecca vor der Rekonstruktion. Foto: Hotel Alla Giudecca

Griechen und Römer, Araber und Normannen, Spanier und Engländer - alle wollten Sizilien, diese fruchtbare, schöne und taktisch interessant gelegene Insel im Mittelmeer. Sizilianisch aber war und ist sie immer geblieben. Die Herrscher feierten Erfolge über- und gegeneinander, Helden erschienen und verschwanden wieder, sie alle hinterließen Spuren und werden in allen gängigen Touristenführern erwähnt.

Nur eine Gruppe wird nirgendwo genannt: die sizilianischen Juden. Im Laufe von mehr als 1.500 Jahren verbriefter Geschichte waren die Juden die einzig dauerhafte Gemeinschaft auf der Mittelmeerinsel, dem südlichsten Zipfel Italiens. Sie kamen mit den Römern, vielleicht sogar früher und lebten bis 1492 auf Sizilien. Als die spanischen Monarchen Ferdinand und Isabel die Kontrolle über Sizilien übernahmen, mussten die Juden wählen: entweder zum Christentum überzutreten oder die Insel zu verlassen. Dieselbe Wahl, die auch die Juden in Spanien, sie Sephardim, treffen mussten.

Wie viele Juden seinerzeit Sizilien verlassen haben, ist nicht eindeutig belegt, neueste Schätzungen italienischer Universitäten und an der Cambridge in England gehen heute davon aus, dass etwa drei Viertel der rund 40.000 sizilianischen Juden vor der katholischen Macht der spanischen Krone geflohen sind. Der Rest entschied, sich taufen zu lassen. Viele von denen, die gegangen sind, haben sich erst später im Exil taufen lassen und kehrten als Christen aus Neapel, Griechenland, Rom oder der Türkei zurück, wohin sie geflohen waren. Als Ferdinand und Isabel auch die Macht über Neapel gewannen, wurden die Juden auch von dort vertrieben.

Eine nennenswerte jüdische Reimmigration fand niemals statt und auch heute leben nicht viele Juden auf Sizilien. Doch die letzten Jahre brachten einige Veränderungen in der Demographie ganz Süditaliens. Nach gut fünfhundert Jahren der Abwesenheit erblüht das jüdische Leben erneut in Kalabrien und Sizilien auf. An den Universitäten der beiden Regionen beschäftigt man sich heute intensiv mit jüdischer Geschichte, Präsenz und jüdischer Kultur und publiziert daraus resultierend kontinuierlich wissenschaftliche Reporte.

Ich mache Urlaub auf Sizilien, fahre mit dem Boot herum, trinke in einem der berühmten Straßencafés einen Cappuccino und höre, mehr zufällig, von einer ganz privaten Entdeckung, einem Zufall, der einen der spektakulärsten archäologischen Funde im wahrsten Sinne des Wortes «ans Licht» brachte. Bei Sizilien wurde das älteste jüdische Ritualbad Europas gefunden. Es befindet sich unter dem Hotel «Alla Giudecca» auf Ortigia, einer kleinen Insel, nur wenige hundert Meter vor der Ostküste Siziliens entfernt, die das historische Zentrum des mittelalterlichen Syrakus bildete. Das Bad wurde im 7. Jahrhundert während der byzantinischen Periode der Insel gebaut. Außer einem Wissenschaftler, der am Ende des 18. Jahrhunderts bereits über diese Mikwe berichtet hatte, hatte man sie seit der Vertreibung der Juden aus Sizilien vergessen - bis heute. Vom Artemisbrunnen oder dem Apollontempel auf Ortiga, von den Mauern rund um die Insel, die sie bis ins 19. Jahrhundert zu einer wahren Festung machten, hatte ich schon gehört - aber sollte es dort tatsächlich eine Mikwe geben? So mache ich mich auf den Weg, das kurze Stück von Sizilien mit einem ständig hektisch mit einer Hand herumfuchtelnden süditalienischen Taxifahrer über eine der drei Brücken herüber nach Ortigia, der legendären Kalksteininsel.

«Ich habe ein altes Gebäude gekauft und in ein Hotel umgebaut. Dann haben die Arbeiter etwas gesehen, das wie ein zugemauerter Eingang an einer der Wände aussah», erzählt mir eine noch heute aufgeregte Amalia Daniele, die Besitzerin des Hotels, die diese Geschichte wohl schon tausend Mal in den letzten Jahren erzählt hat. «Natürlich wollten wir das sofort erkunden und als die Wand abgerissen wurde, entdeckten wir, dass hinter ihr eine tieferführende Außentreppe versteckt war. Mit viel Mühe schafften wir es, die 52 Stufen herunter zu steigen und kamen schließlich in einen großen Raum mit drei Becken in der Mitte. Wir hatten das Gefühl, als würden wir im Badesaal eines Königs stehen; es war beängstigend und gespenstisch zugleich.»

Amalia Daniele und ihre Arbeiter begriffen sofort, dass sie etwas Sonderbares gefunden hatte. Aber was? Sie hatte keine Ahnung, dass einstmals Juden in Syrakus gelebt hatten und schon gar nicht von jüdischen Bädern gehört. «Ich fragte meinen Mann, ob er das gewusst hätte und als er in einigen Büchern gegraben und sich eine Zeit lang Gedanken gemacht hatte, begriff er, dass es wohl eine Mikwe sein müsste.» Um sicher zu gehen kontaktierte Amalia Daniele einen Rabbiner in Rom. «Nun begann es, wie ein Schneeball an zu rollen.» Jüdische und nichtjüdische Forscher kamen in Scharen nach Syrakus und es dauerte nicht lange bis allen klar wurde, dass Amalia Danieles Fund eine einzigartige Entdeckung ist, sowohl archäologisch als auch historisch. Alte «Mikvot» wurden vorher in England und Deutschland entdeckt, aber keine war älter als die in Syrakus.

Dass die Mikwe noch heute in so einem gutem Zustand ist, während die Synagoge, die sich wahrscheinlich nebenan oder sogar darüber befand, nicht erhalten blieb, ist nicht ungewöhnlich. Alte Gebäude verschwinden oder werden abgerissen. In der jüdischen Geschichte wurden Synagogen oft zerstört, während eine Mikwe meist bewahrt blieb, da sie sich fast immer an einem anderen Ort befand, oft unterirdisch und ihre Anlage außerhalb der Gemeinde nicht selten geheim gehalten wurde. In Jerusalem fand man eine «Mikvot», die im Geheimen während der römischen Belagerung gebaut und nicht verwüstet wurden, als die Stadt 70 Jahre nach Christus zerstört wurde.

«Es gibt eine hebräische Inschrift auf dem Gebäude nebenan, das vielleicht einmal eine Synagoge gewesen sein könnte», erzählt mir Amalia Daniele, «aber dies wurde uns noch nicht endgültig bestätigt, falls es überhaupt der Fall sein sollte».

Außer dieser Mikwe unter dem Hotel «Alla Giudecca», die von Amalia Daniele renoviert, restauriert und für Touristen zugänglich gemacht worden ist, gibt es keine besonderen jüdischen Sehenswürdigkeiten mehr auf Sizilien. Ein paar Straßenschilder nur, die besagen, dass es einst Straßen mit jüdischen Bewohnern, vielleicht sogar ganze jüdische Viertel, waren, wie etwa die «Via Giudecca», die Judenstrasse. Es gibt Gegenden namens «Giudecca», ein Name, der im Mittelalter für die jüdische Viertel Italiens stand. Es blieben keine Synagogen, aber es gibt dennoch einige Grabsteine in einer Katakombe mit hebräischen Inschriften.

Wissenswertes finde ich ausschließlich in den Archiven. In den Briefen von Papst Gregor I., genannt «der Große», geboren um 540 nach Christi und gestorben etwa 605, an den Bischof von Sizilien, etwa aus der Zeit der Jahrhundertwende, erfahre ich Gregors An- und Absicht, dass Juden zu Christen werden müssen, aber dass die Taufe freiwillig sein soll, «um wertvoll zu bleiben» - eine Meinung, die sehr lange von der katholischen Kirche vertreten wurde. In den Aufzeichnungen der spanischen Inquisition aus dem 16. Jahrhundert und auch noch in späteren Kirchendokumenten kann ich auch die klerikale Begeisterung für die Judenverfolgung nachlesen, bei der diese «kaum gläubigen», oft neu getauften Juden, verhört, gefoltert und verurteilt wurden.

Am Ende des 19. Jahrhunderts wurde in einer Synagoge in Kairo eine so genannte «geniza », ein sakraler Abstellraum, freigelegt. Was war besonders an dieser «geniza»? Vielleicht, dass jemand hier nicht nur religiöse Texte eingelagert und gesichert hatte, die die Juden sonst hätten verraten und der sicheren Vernichtung preisgeben können, sondern auch zivile und legale Dokumente, Briefe, Tagebucheinträge, geschäftliche Vereinbarungen, Eheverträge und so weiter, die dort im Laufe von mehr als tausend Jahren gesammelt wurden. Das meiste davon wurde an die University of Cambridge gebracht, wo es noch immer, bis heute, erforscht wird. Viele Dokumente aus der Kairower «geniza» befassen sich mit den Juden auf Sizilien, deren 1.500 Jahre alte Geschichte fast vergessen ist.

Nur nicht bei Amalia Daniele und ihrem Hotel «Alla Giudecca» auf der Insel Ortigia. Vielleicht ist das ja ein Neuanfang. Nur hinfahren muß man schon selbst - denn auf der wunderschön gestalteten Website des Hotels findet sich der Hinweis, dass die Mikwe bewusst aus der virtuellen Tour herausgelassen wurde. Außerdem sollte man sich die Erzählungen von Amalia Daniele nicht entgehen lassen, die an manchen Sommerabenden auf der Terrasse fast so klingen, als habe sie die ganze Welt gefunden: jeden Abend ein bisschen anders.

Sonia Schlossman

«Jüdische Zeitung», Oktober 2008