Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Israel blickt gelassen in den finanziellen AbgrundDie US-Immobilienkrise zeigt (noch) keine gravierenden Auswirkungen in Tel Aviv
Henry, Emmanuel und Mayer Lehman hatten ihren Gemischtwarenladen geschlossen und, um mehr Geld zu verdienen, auf Baumwolle umgesattelt. Dann kamen die Söhne des fränkischen Viehhändlers Abraham Lehman auf eine noch bessere Idee: Sie wollten Gewinne mit der Finanzierung von Geschäften machen und gründeten 1850 in Montgomery, Alabama, die Lehman Brothers Inc., ihre Investmentbank. Lange Zeit ging alles gut. Nach dem Bürgerkrieg von 1861-1865 zog die Bank aus dem milden Süden der USA in den geschäftstüchtigeren Osten, nach New York. Die jüdische Familienbank hielt sich an die 120 Jahre auf dem Finanzmarkt, bis 1984, als sie von American Express aufgekauft wurde. Zehn Jahre später, inzwischen war die Traveler Group der Eigner, wurde das Investmentbanking wieder aus dem Geldhaus ausgegliedert und unter dem alten Namen Lehman Brothers an der Börse notiert. Bis zum bitteren Ende am 15. September 2008. Die Pleite der fünftgrößten Investmentbank der USA läutete das Finale der vermutlich größten Finanzkrise aller Zeiten ein. Am gleichen Tag war auch Merrill Lynch finanziell am Ende, wurde aber von der Bank of America geschluckt. Der Versicherungsriese AIG musste am nächsten Tag verstaatlicht und von der US-amerikanischen Notenbank verdaut werden. Am 26. September, bei Redaktionsschluss dieser Zeitung, krachte die größte Sparkasse der Staaten, die Washington Mutual zusammen. Ein CNN-Reporter bezeichnete das Ereignis als den «größten Crash der Weltgeschichte». Zu diesem Zeitpunkt herrschte in der Legislative und Exekutive der Vereinigten Staaten blankes Chaos. Präsident Bushs Idee, mit einem 700-Milliarden-Fond alle faulen Kredite der Geldinstitute aufzukaufen und den Finanzmarkt wieder in den Griff zu kriegen, wurde zwischen den Wahlkämpfern der Republikaner und Demokraten zerpflückt und vom Ausland, das Bush zum Mitmachen aufgefordert hatte, boykottiert. Völlig offen war und ist, wie die amerikanischen Steuerzahler eine solche Staatsverschuldung ausgleichen und gleichzeitig die Wirtschaft vor einer tiefen Rezession bewahren sollen. Dabei hatte der Zusammenbruch der Finanzmärkte mit einem von den Banken angefachten unseriösen Konsumverhalten der Häusle-Besitzer angefangen. Die «Subprime»- Krise, hierzulande auch US-Immobilienkrise genannt, rührt zu einem beträchtlichen Teil daher, dass den Amerikanern Wohnungskredite en masse aufgeschwatzt wurden, mit denen sie, zumeist ohne Eigenkapital, ihre oft nicht eben stabilen Eigenheime finanzierten. Andere ließen sich auch auf Billig-Buden Kredite auszahlen, um über ihre Verhältnisse hinaus zu konsumieren. Die Hütten verfielen, ihr Verkaufs- und Beleihungswert stieg mit den billigen Baukrediten, dann konnten die Eigenheimbesitzer die Raten nicht mehr zahlen. So gingen nicht nur immer mehr Banken leer aus, sondern insbesondere die Investmentfonds, mit denen Anleger von den rapide gestiegenen und nun verfaulten Immobilienpreisen profitieren wollten. Soweit ein gewiss sehr vereinfachter Erklärungsansatz. Fakt ist, dass in den reichen Ländern der Erde selbst zahlreiche Bankaufseher eingestehen mussten, dass sie die Abläufe nicht verstanden, die Risiken nicht gesehen, die Renditen falsch eingeschätzt hatten. Investmentbanken sind nur ein Beispiel für eine Geldbranche, in der Spekulation auf fallende und steigende Notierungen den Profit bringt. Fairer Handel verkommt zu Pokern wie im Casino. Pokerfaces zeigen die Finanzminister vieler Länder, die nicht durch tiefe Sorgenfalten dazu beitragen wollen, dass die Katastrophenstimmung von der Wall Street und aus Washington ins eigene Land schwappt. Die Deutsche Bank erteilte Israels Banken fürsorglich gute Noten. Obgleich der Tel Aviv-25, der Aktienindex der 25 wichtigsten börsennotierten Unternehmen, im September von gut 1.100 Punkten in rasanter Talfahrt auf unter 900 rutschte, bezeichnete die Deutsche Bank das israelische Bankwesen als «stabil und zahlungsfähig». Die Frankfurter Banker verwiesen auf die Versicherung der Bank of Israel, die Kreditinstitute des Landes würden «angemessene Maßnahmen für die effektive Handhabung ihrer Vermögenswerte und Risiken» ergreifen. Die Deutsche Bank versichert, «dass die Qualität der Kreditbestände in israelischen Banken sich in der gegenwärtigen Periode verbessert hat, sowohl aufgrund der verbesserten Kreditkontrolle als auch des steigenden bankfremden Kredits, wo die Schuldpapiere geringerer Güte nun konzentriert sind. Problematische Verschuldungsgrade haben sich in der ersten Jahreshälfte weiter verringert. Die Banken haben einen hohen Grad an spezifischen Vorkehrungen aufrecht erhalten, so dass die Deckungsgrade einen Überschuss von 80 Prozent erreicht haben - doppelt so viel wie die vor der letzten Baisse».
Lehman goes Israel Der Name der Lehman-Brüder-Bank taucht allerdings in enger Verbindung mit dem wichtigsten israelischen Unternehmen auf, der Teva Pharmaceutical, dem Marktführer für Generika-Arzneimittel: Man produziert preisgünstige Kopien von einstmals teuer entwickelten Tabletten und Tropfen. Im Tel Aviv-25-Index liegt der Pharma- Sektor mit 30 Prozent vor den Banken mit 18 Prozent und der Chemie-Branche mit 12 Prozent. Teva-Chef Eyal Deshek erklärte in diesen Tagen der israelischen Zeitung «Globes», er mache sich keine Sorgen wegen der Lehman-Pleite. Diese sei sehr bedauerlich, schließlich sei man befreundet und habe jahrelang zusammen gearbeitet: «Die Bank hat Teva über Jahre beraten, da gibt es gegenseitige Loyalität, was das Führungspersonal wie das Unternehmen betrifft. Ich will sehr vorsichtig sein und nicht sagen, dass es überhaupt keine Auswirkungen gibt, aber sie werden marginal sein.» Immerhin hat Teva in diesem Jahr drei große Geschäfte gemacht und jedes Mal bei der Vorbereitung die Spezialisten von Lehman als Berater angeheuert. Mit angeblich rund 8,8 Milliarden Dollar schlug die Übernahme des US-amerikanischen Pharmakonzerns Barr Pharmaceuticals Inc. samt dessen Schuldentilgung zu Buche. Harvey Kruger, Vorstandsvize bei Teva, zerstreute jetzt Sorgen, der noch nicht bis zum Schluss abgewickelte Deal könnte durch die Verbindung mit Lehman Schaden nehmen: «Es gab keine Zwischenfinanzierung durch Lehman Brothers, nicht aufgrund von Hellseherei, sondern weil wir woanders bessere Konditionen gefunden haben.» Die Liquiditätsspritze kam nach Medienberichten aus israelischen Banken, ebenso wie bei der Übernahme von Photon Dynamics durch Orbotech, eine weitere Transaktion von bescheidenen 290 Millionen Dollar, die mit Lehman-Beratung von dem israelischen Elektrotechnik-Spezialisten für den amerikanischen Entwickler von Testsystemen für LC-Displays gezahlt wurden. Kopfschmerzen bereitet den Managern von Teva allerdings, dass ihre Generika noch nicht in allen deutschen Apotheken zu kaufen sind. Spekuliert wird zur Zeit über einen bevorstehenden Kauf der deutschen Firma Stada, die hierzulande etwa den Marktanteil hat, an dem sich Teva gern noch gesundstoßen möchte. |