Klein aber fein

In Oslo treffen zwei Verfolgtengruppen ungewöhnlich aufeinander

 

Jüdisches Museum Oslo.                                Foto: Jüdisches Museum Oslo

Wenn man in unserer Hauptstadt zwischen den grünen Hügeln der Oslomarka und dem Oslofjord auf den Vorplatz des Bahnhofes tritt, hat man fast ganz Oslo vor Augen. Die Hauptverkehrsstrasse der Metropole schlängelt sich von hier hinab und an der anderen Seite wieder hinauf, am Ende das Königsschloss, Wohn- und Amtssitz von S.M. König Harald V. und I.M. Königin Sonja, an jedem Freitag auch Tagungsort des Staatsrates unter Führung des Königs. Weltweit bekannt wurde das Osloer Schloss, dessen Außenfassade dem Buckingham Palace in London sehr ähnlich ist, im Jahr 2001 durch die Hochzeit des norwegischen Kronprinzenpaares Haakon und Mette-Marit. Rechts und links der Magistrale findet der ausländische Besucher wie der Norweger alles, was zu einer Hauptstadt gehört, Ministerien, Museen, die Universität oder das «Storting», unser Parlament.

Nur ein jüdisches Museum gab es hier bislang nicht. In Norwegens drittgrößter Stadt Trondheim gibt es ein solches bereits seit Jahren. Anfang September hat Kronprinz Haakon nun auch in der Hauptstadt ein jüdisches Museum eröffnet, die zweite bedeutende Erinnerungsstätte neben dem schon einige Jahre existierenden Holocaustzentrum Oslos. Seit drei Jahren gibt es Pläne für die Eröffnung des Museums und werden alte Einrichtungsgegenstände gesucht. Anlässlich des 200. Geburtstages von Henrik Wergeland in diesem Jahr wurde das Vorhaben mit einem viertägigen Programm Wirklichkeit: Aus Schweden kam die Klezmer-Band «Sabbath Hela Veckan», aus Dänemark war «Channe Nussbaum & Klezmerfobia» zu Gast und aus Norwegen selbst «Urban Tunnells Klezmerband » und das «Etana Klezmerorkester». Joachim Kjelsaas Kwetzinsky und Yaron Kohlberg am Klavier sowie der Violinist Ole Bohn interprätierten in der Norwegischen Musikakademie einen Abend mit Werken von Issay Dobrowen, der von 1927 bis 1931 Chefdirigent des Oslo Philharmonic Orchestra und zugleich der bekannteste jüdisch-norwegische Komponist war. «Det Norske Teatret» präsentierte einen Abend «Fabrik - die Legende von Moritz Rabinowitz» und im neuen Jüdischen Museum selbst gab es einen Abend mit jüdischer Küche zu erleben.

Der norwegische Jude Wergeland, Dichter, vor allem aber Kämpfer für die Menschenrechte und Rechte der Juden, stritt für verbriefte Zuzugsrechte für Juden in das Königreich. Er selbst hat die Festschreibung in ein Gesetz nicht mehr erlebt: Erst 1851, sechs Jahre nach seinem Tod, wurden entsprechende Regelungen in der norwegischen Verfassung festgeschrieben. Folgerichtig ist Wergeland auch die erste Ausstellung des neueröffneten Museums gewidmet, eine zweite beschreibt die Rolle der norwegischen Juden bei der Unabhängigkeitserklärung des Landes 1905 von Schweden.

Synagoge in der Callmeyers Strasse 15: das  neue Jüdische Museum Oslo.                          Foto:Jüdisches Museum Oslo

Das heutige Museumsgebäude in der Callmeyers Strasse 15, von dessen Innenräumen vor 1942 keinerlei photographische Zeugnisse mehr existieren, wurde 1921 als zweite von zwei Synagogen Oslos eingeweiht, die erste bereits ein Jahr zuvor. 1917 hatten sich zwei jüdische Gemeinden unterschiedlicher religiöser Ausrichtung gegründet, die «Den Israelitiske Menighet» und die «Det Mosaiske Trossamfund ». Etwa 1.300 Juden lebten damals in der Stadt. Gottesdienstes wurden hier nach traditionellem Ritus durch den aus Litauen stammenden und später dort auch ermordeten Rabbiner Itzchak Lewithan abgehalten, den die Gemeinde allerdings schon 1930 kündigte. Etwa 200 Männer und gut 100 Frauen konnten das Gotteshaus jeweils durch separate Eingänge betreten, bis die Nazi-Besatzer die Einrichtungen der 1939 vereinigten Gemeinden im Jahre 1942 schlossen.

771 Menschen, etwa die Hälfte aller zu Beginn der 1940er Jahre in Norwegen lebenden Juden, wurden von der norwegischen Staatspolizei selbst verhaftet, den deutschen Besatzern übergeben und nach Auschwitz deportiert, darunter auch die acht jüdischen Familien, die in den Nebengebäuden der Synagoge wohnten. Den anderen gelang die Flucht, zumeist in das neutrale Schweden oder nach England, wo beispielsweise der spätere jüdische norwegische Ministerpräsident, Josef Benkow, in die britischen Streitkräfte eintrat. Nur 34 norwegische Juden überlebten die Shoa, zu wenige, um wieder zwei Synagogen zu betreiben. So waren in der Synagoge Callmeyer Strasse 15 unter anderem eine Koran-Schule, ein kurdischer Club und ein Musikstudio untergebracht, nachdem die kleine jüdische Gemeinde das Haus 1981 verkauft hatte.

Das neue Museum werde bewahren, forschen und vermitteln, Zeugnis ablegen von der jüdischen Migration und vom Leben der norwegischen Juden als Teil der modernen norwegischen Gesellschaft, war zur Eröffnung zu erfahren. Denn schließlich, «wir sind die älteste Immigrantengruppe in Norwegen», erklärte Rolf Kirscher, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Oslo, gegenüber der norwegischen Tageszeitung «Aftenposten».

Ironie der Verfolgungsgeschichte - oder Fanal für Toleranz: Im Vorderhaus des Jüdischen Museums Oslo befindet sich die einzige Homosexuellen- Sauna der Stadt. Das Museum, das noch nicht über die offiziellen oder touristischen Internetseiten Oslos zu finden ist, hat jeden Dienstag von 10 Uhr bis 15 Uhr, am Donnerstag von 15 Uhr bis 20 Uhr und an den Sonntagen von 11 Uhr bis 16 Uhr geöffnet.

 

Über aktuelle Veranstaltungen informiert die Website www.jodiskmuseumoslo.no

Thomas Bartholdsen und Lutz Lorenz

«Jüdische Zeitung», Oktober 2008