Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Religion im US-WahlkampfZum Beziehungsgeflecht von Rassen, Religionen und Politik
Аuch der US-amerikanische Kirchenhistoriker Mark Noll ist kein «Prophet im eigenen Lande». Daher kann er die Entscheidung der Gläubigen bei der Präsidentschaftswahl im November nicht vorhersagen. Klar ist nur, dass Religion in den letzten 30 Jahren ein entscheidender Faktor für den Wahlausgang geworden ist. «1976 wurde Jimmy Carter gleichermaßen dafür gepriesen und gescholten, dass er öffentlich darüber sprach, ein wiedergeborener Christ zu sein. In den 1980er Jahren basierte Ronald Reagans Popularität darauf, dass er mit seinem öffentlichen Glauben zwei unterschiedliche Blöcke ansprach, die weißen, evangelikalen Protestanten und die Römisch-Katholischen, die vorher meist demokratisch wählten», weiß Noll, der selbst der evangelikalen Glaubensrichtung in den USA anhängt. Reagan gilt als der erste Präsident, der öffentlich demonstrierte Religiosität gezielt für seine Politik einsetzte. So unterbrach der vormalige Hollywood- Schauspieler seine Vorträge und forderte das Auditorium zum stillen Gebet auf. Er war der erste Präsident, der Reden wieder mit einem «God bless America!» beendete. Seitdem gehört der medienwirksam zelebrierte Glaube zum festen Bestandteil jedes US-amerikanischen Wahlkampfrummels, eine Art christlich-konservative Gegenbewegung nach der liberal-säkularisierten Phase der 68er-Zeit. So verdankte George W. Bush seine Wahlsiege in den Jahren 2000 und 2004 auch der überwältigenden Unterstützung der weißen Evangelikalen, die ihm sein Bekenntnis zu Jesus Christus und den daraus resultierenden Sieg über die Drogen nur zu gerne glaubten. 90 Prozent aller Amerikaner sind Mitglied einer Religionsgemeinschaft, 40 Prozent gehen jeden Sonntag in die Kirche. Fast die Hälfte aller Amerikaner zählen sich zu den Protestanten, rund ein Viertel zu den Römisch-Katholischen, je zwei Prozent sind Juden und Mormonen, je elf Prozent gehören anderen Glaubensrichtungen an oder bezeichnen sich als säkulare Nichtgläubige. Schätzungsweise gerade einmal zwei Millionen Amerikaner sind Moslems. Obwohl Staat und Kirche in «Gods own country» strikt getrennt sind, wagt es heute kaum ein Spitzenpolitiker, sich nicht öffentlich als tiefgläubiger Mensch zu präsentieren. Neben wirtschaftlichen und außenpolitischen stehen vor allem religiöse Fragen im Zentrum eines jeden US-Wahlkampfes. Wer auf sie keine überzeugenden Antworten weiß, der fällt bei den Wählern durch. «Will man die Politik der Präsidenten skizzieren, dann türmen sich immer die religiösen Fragestellungen im öffentlichen amerikanischen Leben auf: die Kontroversen über die Abtreibung, die Homosexuellen-Ehe, die Evolutionslehre an öffentlichen Schulen, der Auftritt von Predigern bei öffentlichen Anlässen oder der Aushang der zehn Gebote in Regierungsgebäuden», weiß Kirchenhistoriker Noll. Die Frage ist nur, ob der Präsidentschaftskandidat der richtigen Kirche angehört und ob er die Gläubigen der meisten anderen Denominationen hinter sich bringen kann. Der Glaube wird daher nicht nur demonstriert, sonder vor allem von dem gegnerischen Wahlkampfteam analysiert, seziert, strapaziert und propagandisiert. Trotz seines zweiten, muslimischen Vornamens Hussein ist Barack Obama kein Muslim, sondern seit 20 Jahren Mitglied der Trinity United Church of Christ in Chicago, einer liberalen Kirche, deren Dachverband UCC etwa Partnerkirche der Evangelischen Kirche im Rheinland ist. Pastor Jeremiah Wright, der die Obamas getraut und deren Kinder getauft hat, soll HIV für eine Verschwörung der US-Regierung gegen die Schwarzen halten und «Gott verfluche Amerika!» gepredigt haben. Kaum verwunderlich, dass ein entsprechendes Video an die Öffentlichkeit gelangte. Obama distanzierte sich demonstrativ gläubig von seinem Gemeindepastor und versucht nun mit seiner Beschwörung «universeller» Werte wie den Menschenrechten oder der Forderung nach der Einführung einer allgemeinen Krankenversicherung möglichst alle Amerikaner anzusprechen. Obama fordert aber bislang auch den Schutz gleichgeschlechtlicher Partnerschaften und tritt für die freie Wahl zur Abtreibung ein. Sein Gegenspieler John McCain ist hingegen strikt für ein Abtreibungsverbot. Der 72-Jährige und seine Familie gehören einer Baptistenkirche in North Phoenix, Arizona an. Sein Großvater war episkopaler Pastor, beim Wahlkampf setzt McCain allerdings mehr auf seine patriotisch-militärischen Vorfahren. Sein Großvater und Vater waren Kriegshelden, er selbst ist ein hoch dekorierter Jagdbomberpilot der United States Navy aus dem Vietnamkrieg. Sein Glauben an Gott hat ihn die mehrjährige Kriegsgefangenschaft beim Viet-Kong überleben lassen, wie immer wieder öffentlich kolportiert wird. Doch gerade der Republikaner McCain gilt vielen weißen Evangelikalen, die seinen Vorgänger noch emphatisch ins Weiße Haus gewählt haben, als untragbar, seitdem er vor acht Jahren ihre Glaubensgeschwister als «agents of intolerance » beschimpft hatte. Jetzt taucht, wen wundert es, im Internet ein Video des evangelikalen Predigers und McCain-Unterstützers Rod Parsley auf, in dem er die USA zur Zerstörung der «falschen» Religion, des Islam, aufruft. Außerdem will der Pastor der World Harvest Church in Columbus, Ohio, einer der evangelikalen Mega-Kirchen in den USA, Ehebruch unter Strafe stellen. Der texanische Kirchengründer und McCain-Freund John Hagee wiederum soll die katholische Kirche als «große Hure» bezeichnet haben. Noch ärger dürfte die Republikaner die Verstimmung bei den amerikanischen Juden treffen. Denn McCains Vizekandidatin Sarah Palin ist seit 2006 Mitglied der freikirchlichen Wassila Bible Church, in der antijüdisch gepredigt worden sein soll. Der dortige Pastor David Brickner, Gründer der Gruppe «Juden für Jesus», soll die Attentate gegen Israelis als Strafgericht Gottes gegen diejenigen Juden bezeichnet haben, die sich nicht zu Jesus Christus bekennen wollen. Insofern schlagen die religiös-politischen Meldungen in den USNachrichten und der Blogosphäre fast täglich hohe Wellen. Die Umfragewerte schlagen Purzelbaum. Denn anders als bei früheren Wahlen scheinen die religiösen Lager im Jahre 2008 besonders wechselwählerisch zu sein. Ein Großteil der rund 30 Millionen Evangelikalen in den USA hat sich bisher genau so wenig festgelegt wie etwa viele Römisch-Katholische. Der evangelikale Kirchenhistoriker Mark Noll meint indes, dass die Wählerentscheidung weniger vom tagespolitisch-religiösen Auf und Ab bestimmt werde, als vielmehr durch das Rücksichtnehmen auf die Grundfesten des amerikanischen Selbstverständnisses. So sei das Grundtrauma der amerikanischen Nation bis heute der Bürgerkrieg zwischen 1861 und 1865, der Sieg der Nord- über die Südstaaten. Die «Feuertaufe» des Krieges, aus der die Vereinigten Staaten als erwähltes Land Gottes, eben jenes «Gods own country», hervorgegangen sind, ist für die Verlierer bis heute eine zwiespältige Angelegenheit. Washington ist weit weg, so wenig Zentralregierung wie nötig, so viel lokale Eigenständigkeit wie möglich, ist daher besonders in den Südstaaten bis heute die oberste Wahl-Devise. Die Abschaffung der Sklaverei nach dem Bürgerkrieg bedeutete nicht das Ende der Rassenfrage. Im 19. Jahrhundert erstarkte eine eigenständige schwarze Gemeinschaft, die bis heute wahlbestimmend sein kann: «Die afrikanischen Amerikaner waren aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen, niemand kümmerte sich zunächst um ihr privates religiöses Leben. Aber 100 Jahre nach dem Bürgerkrieg wurden die schwarzen Kirchen ein sehr wichtiger Faktor für die Nation », weiß Noll. Der Kampf gegen die Rassentrennung seit der Mitte des 20. Jahrhunderts war, so Noll, für die gesamte US-Nation auch ein religiöses Erlebnis. Eine aktive schwarze Religion setzte sich gegen eine eher passive weiße Religion durch. Ein schwarzer Präsident ist daher auch für viele streng gläubige Weiße bis heute undenkbar. Die Legalisierung der Abtreibung 1973 hatte wiederum Folgen für die Religionslandschaft der USA: «Die Entscheidung führte dazu, dass konservative Protestanten und konservative Römisch-Katholische sich demonstrativ öffentlich zusammentaten. Das ist seitdem eine Kooperation, die in früheren Jahren in den USA undenkbar war», sagt Noll. Früher ließen sich die Glaubensgemeinschaften leicht den Parteien zuordnen: Protestanten wählten Republikaner, Katholiken und Juden die Demokraten. Heute ist eine klare Einteilung der religiösen Wählerlager kaum noch möglich. «Römisch-Katholische, die immer zuverlässige Wähler der Demokraten waren, kann man nun in fifty-fifty einteilen, je aktiver sie in ihren Kirchen sind, umso lieber wählen sie die Republikaner. Die bekennenden Säkularen, die keiner Religion angehören, haben sich von einer gespaltenen Position zu starken Unterstützern der Demokraten gewandelt», analysiert der Theologe Noll, und stellt weiter fest: «Geht man nach religiösen und moralischen Gesichtspunkten, gibt es zwei demographische Gruppen in der amerikanischen Gesellschaft, die sehr eng beieinander liegen, die Evangelikalen und die Protestanten der schwarzen Kirchen: Beide Gruppen beschwören einen starken Glauben an Gott, an die Bibel, an Jesus Christus und den Weg der Erlösung, sie sind völlig identisch. Aber in ihrer Politik sind die afrikanisch-amerikanischen Protestanten die stärksten Unterstützer der demokratischen Partei im Land, während die evangelikalen Protestanten zu stärksten Unterstützern der Republikanischen Partei wurden.» Ob das bei der diesjährigen Wahl allerdings auch so bleiben wird, ist sich Noll nicht sicher. Für den künftigen Wahlsieger komme es vor allem darauf an, die speziell US-amerikanische Seele im komplizierten Beziehungsgeflecht von Rasse, Religion und Politik richtig anzusprechen. Auf eine bestimmte Konfession sollte sich der amerikanische Präsidentschaftskandidat, will er gewinnen, dabei aber besser nicht festlegen, rät Noll. |