«Ed-Jew-Cation» für ein neues Lebensgefühl

In Stuttgart wurde eine jüdische Grundschule eröffnet

 

Landesrabbiner und Schuldirektor Netanel       Wurmser mit Schülern der Grundschule.         Foto: IRGW

Mit einem dumpfen Surren öffnet sich die unscheinbare Pforte in der Firnhaberstraße 9 und gibt den Blick frei auf einen hellen Innenhof. Der Hof wird seinerseits von einem sachlichen Neubau bestimmt, dessen auffälligstes Merkmal ein klassizistisches Säulenportal ist, durch das man in das Gebäude gelangt. Es handelt sich um die Synagoge der Baden-Württembergischen Landeshauptstadt. Im Inneren gilt die Aufmerksamkeit zunächst einem alten, steinernen Denkmal, dass an jene Stuttgarter Juden erinnern soll, die im Ersten Weltkrieg für «Volk und Vaterland» ihr Leben ließen. Also ein Ort der Einkehr und des Erinnerns?

«Rumps» - Gepolter, schrilles Gelächter und Kinderstimmen reißen das Gemüt des Besuchers aus den trägen Gedanken. Seit dem 8. September ist die Stuttgarter Synagoge nicht bloß religiöses Zentrum, sondern beherbergt auch die neue jüdische Grundschule. Es ist seit 1949 die erste in Baden-Württemberg und ihre Eröffnung wurde dementsprechend gefeiert. Selbst Ministerpräsident Günther Oettinger war anwesend. Ob aus aufrichtigem Interesse oder als Reaktion auf die andauernden Nachwehen seiner Trauerrede auf Hans Filbinger im letzten Jahr, das sei dahingestellt. Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch wünschte den Kindern, dass sie «ein neues Lebensgefühl nach Hause tragen.»

Neben dem Zuspruch der Politprominenz gab das Land dem Projekt mit 485.000 Euro auch die entscheidende Starthilfe. Damit gilt die neue jüdische Grundschule als öffentliche Einrichtung und steht auch Nichtjuden offen. Dieses Angebot wurde laut Arno Fern, Vorstandsmitglied der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW), auch von einigen Eltern in Anspruch genommen. Ziel sei es, traditionelle jüdische Werte zu vermitteln. Hierzu finden sich die 25 Schüler und Schülerinnen pro Woche zu vier Stunden Religionsunterricht ein. Außerdem steht Hebräisch auf dem Lehrplan. Der übrige Unterricht entspricht dem anderer staatlicher Schulen. Als Ganztagesschule bietet das Projekt der IRGW zudem ein fortschrittliches Betreuungskonzept. Hinsichtlich der religiösen (Aus-) Bildung möchte man sich weder liberal noch orthodox positionieren. Die Kinder sollen schließlich unbefangen bleiben in ihrer Meinung. Im Flyer der IRGW heißt es dazu: «Aufgabe der IRGW ist die religiöse, kulturelle und soziale Betreuung unserer Gemeindemitglieder nach Maßgabe der jüdischen Überlieferung». Die Ausrichtung des Württemberger Rabbinats ist allerdings dezidiert orthodox.

Den Schulalltag bewältigen sechs Lehrkräfte, davon zwei Nichtjuden. Mittags essen die Kinder in der großzügigen Kantine der Synagogengemeinde. Neben den klassischen Elementen der Schulbildung steht den Schülern auch ein Computerraum zur Verfügung, in dem sie unter Beaufsichtigung das Internet benutzen können. Im selben Gebäude ist zudem ein großer Kindergarten untergebracht. So bietet die Einrichtung bis zur vierten Grundschulklasse ein lückenloses Betreuungsangebot.

Neben der Weiterführung einer jüdisch geprägten Bildungstradition reagiert die IRGW mit ihrem neuen Projekt auch auf eine andere, brandaktuelle Entwicklung: die Zuwanderung. Noch 1991 zählte die Württembergische jüdische Gemeinschaft gerade mal 700 Mitglieder. Nach dem Fall des «Eisernen Vorhangs» und dem Zustrom der sogenannten Kontingentflüchtlinge stieg die Mitgliederzahl bis zum heutigen Tag auf etwa 3.300, und es gibt inzwischen Zweigstellen in Ulm, Heidenheim, Heilbronn, Reutlingen und Weingarten. Damit stammen weit über drei Viertel der Gemeindemitglieder aus Russland und anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Ein demographischer Wandel, der nicht unbeachtet bleiben kann. Jedes Schild in der Stuttgarter Synagoge hängt folgerichtig in einer deutschen und einer russischen Version aus. Auch die neue Grundschule soll ihren Beitrag zur Integration leisten, indem sie die Kinder bei ihrem Weg in und zwischen den beiden Kulturen unterstützt. Der Unterricht findet zwar einschränkungslos auf Deutsch statt, doch die Beratungsprogramme für Eltern werden auch auf Russisch angeboten. Die Grundschule solle auch «Leistungsträger für die jüdische Gemeinschaft weltweit» hervorbringen, meint Netanel Wurmse. Ob diese Initiative sich aber auf eine weiterführende Schule ausweiten lässt, das vermag der orthodoxe Landesrabbiner und Schuldirektor nicht zu sagen. Noch fehlen die nötigen Erfahrungen mit diesem Pilotprogramm. Die Neueröffnung wurde jedenfalls seitens der Politik und der Bürger sehr positiv aufgenommen. Auch die befürchteten Drohungen aus deutsch-rechtsextremen Kreisen blieben bislang aus. Trotzdem bestehen die Fenster zur Straßenseite aus Sicherheitsglas. Lieber vorsorgen als bereuen.

Max Holtmann

«Jüdische Zeitung», Oktober 2008