Gustav Knut und Heinz Rühmann. Foto: dpa

Außer Späßen nichts gewesen?

Von den Karrieren deutscher Kulturträger in der NS-Zeit – und danach

Rühmann, Heinz. Auf der Gottbegnadeten-Liste der Schauspieler, die für die Filmproduktion benötigt werden. „Systemerhaltender Komödiant"». Dies findet man unter dem Stichwort «Rühmann» und weiter erfährt man, dass laut Speer Hitler sich alle seine Filme angesehen hat und begeistert gewesen sein soll. In seinem Tagebuch hat Josef Goebbels unter dem 6.11.1936, das war gut ein Jahr nach den Nürnberger Rassegesetzen, notiert: «Rühmann klagt uns sein Eheleid mit einer Jüdin». Zwei Jahre später, 1938, ließ Rühmann sich von seiner Ehefrau Maria, geb. Bernheim scheiden und heiratete im Jahr darauf Hertha Feiler. Dies sind biographische Informationen, die wir dem Kulturlexikon zum Dritten Reich entnehmen können, das Ernst Klee jetzt - längst überfällig - ans Licht der Öffentlichkeit gebracht hat. Was nicht erwähnt wird, ist die Tatsache, dass Rühmann, aus Sorge um seine Karriere, die er mit einer Jüdin an seiner Seite, glaubte nicht fortsetzen zu können, eine elegante Lösung für die Trennung von seiner Frau fand - er verkuppelte sie höchst persönlich. Rühmann wurde folgerichtig von der «Judenliste» gestrichen und seine Karriere gedieh prächtig. Welch eine Ironie, dass die nächste Gattin, Hertha Feiler, nach der Rassenarithmetik der Nazis «Vierteljüdin» war. Er wollte durchkommen, ohne anzuecken, steckte jedoch zu tief in der Quadratur des Kreises der nationalsozialistischen Ideologie.

Weiter erfahren wir unter dem Eintrag «Rühmann», dass dieser im Film «Paradies» einer der Interpreten des Songs «Das wird doch einen Seemann nicht erschüttern» war, in dem die Zeilen vorkommen «Und wenn die ganze Erde bebt / und die Welt sich aus den Angeln hebt: / Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern» und diese Zeilen als nicht anders als Durchhalteparolen zu verstehen sind. Goebbels hatte für solche Metaphern ein sicheres Gespür. Den Film selbst hielt er nicht für besonders gelungen, doch für das Lied hatte er nur Lob übrig: «Aber für den Krieg gut zu gebrauchen». Kaum vorstellbar, dass einem intelligenten Schauspieler wie Rühmann der tiefe und beabsichtigte Sinn, den das Lied transportierte, entgangen sein könnte.

Dem Vernehmen nach gehörte das Mitglied des NS-Kampfbundes Rühmann zum «engeren Kreis» um Goebbels. Von Hitler erhielt der Staatsschauspieler Rühmann eine steuerfreie Dotation in Höhe von 40.000 Mark. Vielleicht hat er von diesem Geld seine zum Schnäppchenpreis erworbene Villa am Kleinen Wannsee finanziert, die einen jüdischen Vorbesitzer hatte. Er ist erstaunlich, wie wenig Rühmanns Verstrickung in die NS-Kulturpolitik mit allen Verwerfungen nach 1945 zum Gegenstand der öffentlichen Vergangenheitsdebatte geworden ist. Er selbst hat darüber nicht sprechen wollen, fühlte sich, was sein Wirken in der NS-Zeit betraf, ganz und gar nicht «betroffen». Auch Klee verliert darüber kein weiteres Wort.

Rühmann hat seine Mitwirkung in systemstabilisierenden Filmen während der NS-Zeit und seine Rolle als Werbeträger des Regimes nicht geschadet, im Gegenteil, er war der Deutschen allerliebster Schauspieler: 1966 erhielt der das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik, 1972 das Filmband in Gold für langjähriges und hervorragendes Wirken im deutschen Film, zwölf mal war er Bambi-Preisträger.

Doch es ging auch anders: Wie Rühmann war auch der nuschelnde Hans Moser mit einer Jüdin verheiratet. Er konnte in der NS-Zeit nur mit einer Sonderbewilligung von Goebbels spielen. Moser, auch er auf der «Gottbegnadeten-Liste» geführt, schrieb Hitler im Oktober 1938 einen persönlichen Brief: «Ich bitte Sie [...] inständigst, meiner Gattin die für Juden geltenden Sonderbestimmungen gnadenweise zu erlassen». Moser schloss seinen Brief mit «Heil mein Führer!» Klee erzählt diese Geschichte nicht zuende: Mosers Frau blieb unangetastet. Ebenso geschah es mit Frau Marianne Zoff, Theo Lingens «nichtarische» Gattin. Zwischen 1933 und 1945 spielte Lingen in sage und schreibe 96 Filmen - mit Sonderbewilligung von Josef Goebbels.

Die so genannten Gottbegnadeten-Listen stammen aus dem Reichspropagandaministerium und versammeln Goebbels und Hitlers wichtigste Künstler aus den Sparten: Literatur, bildende Kunst, Musiker und Schauspieler. Die «Gottbegnadeten» bedienten die NS-Kulturpropaganda und wurden dafür vom Staat verwöhnt und umworben. Angesichts solcher Privilegien erscheint der Titel von Ilse Werners Erinnerungen in einem ganz anderen Licht: «So wird's nie wieder sein...»

Wussten diese gehätschelten und getätschelten Künstler nicht, worauf sie sich einließen? Sie, die von den Nazi-Größen hofierten Schauspieler, Regisseure, Künstler, die gebraucht wurden, nachdem man die jüdischen Kollegen längst aus dem Land gejagt hatte? Viele dieser gottbegnadeten Mimen haben den «Führer» geradezu herbeigesehnt als dieser noch eine unbekannte Größe war. Wie etwa Werner Kraus, unter den Nazis zum Reichskultursenator avanciert, der seine antijüdischen Affekte schon lange vor der Inmachtsetzung Hitlers in den 1920er Jahren unter Beweis gestellt und gegen die «Judenwirtschaft» auf den Bühnen gehetzt hat. Oder die Staatsschauspieler Gustav Knuth, Dieter Borsche, Paul Hörbiger und all die anderen, die ihre patriotische Pflicht im Rahmen der Truppenbetreuung erfüllten, als sie in Konzentrationslagern und Städten, die Standorte von Ghettos und Mordstätten waren, aufspielten und die SS-Wachmannschaften zum Lachen brachten und bei Laune hielten. Dass sie nicht im Sanatorium auftraten, daran erinnerte sie der süßliche Geruch verbrannten Menschenfleischs, der auch ihnen in die Nase stieg.

Die Kulturabende fanden innerhalb des Lagers statt, der Besuch war für das KZ-Personal Dienst und wurden beispielsweise so angekündigt: «Am Montag, den 15. Februar 1943, 20 Uhr, findet im kleinen Saal des Kameradschaftsheimes der Waffen-SS ein Abend statt unter dem Motto „Goethe - ernst und heiter"». In Auschwitz.

Ein Beispiel: Im März 1942 spielt Maria Hinze am Stadttheater Lublin, an dessen Stadtrand sich das Vernichtungslager Majdanek befand, und wird bei ihrer Rückfahrt unfreiwillig Zeugin einer Deportation. Sie reagiert mit einem hysterischen Schreianfall und wird von dem mit ihr im Wagen sitzenden Intendanten Aribert Grimmer geohrfeigt. Sie solle sich zusammenreißen und sehen, wie diese Menschen mit Würde in den Tod gingen.

Auch Grimmer konnte auf eine beachtenswerte Karriere verweisen: Er war 1941 beteiligt an dem Hetzfilm «Ohm Krüger» und gastierte regelmäßig in Chelm, Radzyn, Zamosc und weitere Orte, allesamt Mordstätten. Seine Laufbahn führte ihn unbeschadet in die Filmstudios der ostzonalen DEFA, wo er als wandlungsfähiger Mime in sozialistischen Belehrungsfilmen seine Schauspielkunst darbot.

Die «Soldaten der Kunst» - wie es Staatsschauspieler Matthias Wiemann, ein Beispiel für viele, auf dem Kongress der Reichsfilmkammer 1937 pathetisch formulierte -, die ihren Filmbeitrag zur Judenverfolgung geleistet hatten, stellten sich nach 1945 als Opfer von Goebbels oder gar als verdeckte Widerstandskämpfer dar. Gustav Gründgens - in erster Ehe mit Erika Mann verheiratet und von Schwiegervater Thomas Mann, man höre die feingeistige Wortschöpfung, «Ab-Gründgens» genannt - verklärte im Entnazifizierungsverfahren sogar die Staatsschauspielerin und Ministergattin Emmy Göring in einem theatralischen Auftritt vor der Spruchkammer zur Mutter Courage der rassisch Verfolgten.

Welch eine Bigotterie: Der Filmkomponist Wolfgang Zeller komponierte 1940 die Musik zum «Jud Süß»-Film und 1947 zum ostzonalen DEFA-Fim «Ehe im Schatten» über den mit einer «Jüdin» verheirateten Schauspieler Joachim Gottschalk. Über Gottschalk erfährt man im Lexikon, dass er seiner jüdischen Ehefrau wegen von Goebbels diffamiert wurde. «Pfui Deibel, wenn man sich vorstellt», empörte sich der hinkende Doktor, «dass dieser Mann tagsüber im deutschen Film dicke Gelder einschiebt und sich nachts mit seiner Judenkalle ins Bett legt». Das Ehepaar beging zusammen mit dem gemeinsamen Sohn im November 1941 in Berlin Selbstmord, was sein Intendant Eugen Klöpfer mit der zynischen Bemerkung kommentierte, dies sei eine Verzweiflungstat «infolge des schlechten Einflusses seiner jüdischen Frau» gewesen.

Man stutzt und wundert sich bei der Lektüre von Klees „Kulturlexikon» allerdings, dass es einen Eintrag «Beethoven» gibt, der bekanntlich 1827 gestorben ist. Hier wird ein recht willkürlicher Zusammenhang zwischen Beethovens «Egmont»-Vertonung und der Premiere des Hassfilms «Der ewige Jude» im Berliner Ufa-Palast am 28. November 1940 hergestellt. Ähnliche Konstrukte finden sich unter den Stichworten «Bizet», «Chopin» oder «Bruckner» und weiterer Kinder des 18. und 19. Jahrhunderts. Dabei verkündet Klee im Vorwort, dass in der Regel nur Personen bis zum Geburtsjahr 1924 aufgeführt seien. Überhaupt gibt das Ordnungsprinzip einige Rätsel auf: Was hat der Rennfahrer Rudolf Caracciola oder die Sportfliegerin Elly Beinhorn in einem Kulturlexikon zu suchen? Noch absurder der Namenseintrag «Friedrich Boger» («Boger-Schaukel»), SS-Oberscharführer, Exzesstäter, tausendfacher Mörder in Auschwitz. Nach Klee gehören auch die Mordgehilfen zur «Kultur» der NS-Zeit! Klee selbst hat das verdienstvolle «Personenlexikon zum Dritten Reich» erarbeitet, wohin sonst als in dieses verdienstvolle Werk gehört das Personal des Judenmords?

Wenige Seiten weiter finden sich auf der einen Seite aufgeführt Alexander Graf Brockdorff-Rantzau, Verbandsgeschäftsführer des radikal antisemitischen und antidemokratischen «Alldeutschen Verbandes», und auf der anderen Seite der jüdische Schriftsteller Max Brod aus Prag, der das Werk Franz Kafkas vor der Vernichtung bewahrte. Und was ist mit dem englischen Dramatiker William Shakespeare und seinem Bezug zum Dritten Reich? Die Systematik folgt einem gewissen Eklektizismus und will sich dem Leser nicht erschließen.

Eigener Aussage nach, hat Klee die «Vordenker der NS-Ideologie», und zwar Personen, die für die NS-Kultur wichtig waren, aufgenommen. Es ist ein wohlfeiles Unterfangen, zu kritisieren, warum dieser oder jener Vorreiter des modernen Antisemitismus, der den Nazis den Weg zu ihrem eliminatorischen Verbrechen geebnet hat, nicht erwähnt wurde. Gewiss, die Liste ist lang, Sie reicht von Ernst Moritz Arndt bis Eugen Zimmermann. Und all die Anderen. Doch wer Dühring erwähnt und Treitschke oder Stoecker, darf Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagners Schwiegersohn nicht verschweigen, schon gar nicht Wilhelm Marr, den eigentlichen «Schöpfer» des Wortes «Antisemitismus» im Jahre 1879. Otto Glagau? Hartwig von Hundt-Radowsky? Auch fehlt, unverzeihlich, Arthur Dinter, der im aufkommenden rassistischen Antisemitismus eine bedeutende Rolle spielte, dessen Roman «Die Sünde wider das Blut» aus dem Jahre 1917, der erste «Rassenroman», - vorsichtig geschätzt - anderthalb Millionen Leser fand. Ermutigt durch diesen Erfolg wurde dieser Roman, in dem kein rassisch-völkisch-antisemitisches Vorurteil ausgelassen wurde, zum ersten Band einer Trilogie, die den Namen «Die Sünden der Zeit» erhielt. Dieser völkische Bestsellerautor mit der NSDAP-Parteinummer «5», Gauleiter von Thüringen, Begründer der «Deutschen Volkskirche», der sich zum Ziel gesetzt hatte, die christlichen Lehrer zu «entjuden», wurde im Entnazifizierungsverfahren lediglich zu einer Strafe von 1.000 Reichsmark verurteilt. Auch wenn das Gericht in ihm einen der geistigen Väter der Nürnberger Gesetze erblickte, berücksichtige es dessen Außenseiterposition.

Und was ist mit Wilhelm Raabe («Der Hungerpastor») oder Gustav Freytag («Soll und Haben»), in deren Bildungsromanen Juden die Rolle des Wucherers, des Strebers, des herzlosen Ausbeuters spielen, Juden, die einen «fremden Jargon» sprechen, also «mauscheln»? Ihre Werke gehörten zur Pflichtlektüre von Generationen und perpetuierten die Judenfeindschaft. In diese Reihe gehört auch Wilhelm Busch, der Pessimismus und Humanismus verbindende geistreiche, witzige Dichter und Zeichner, der die Schwächen des Philistertums erkannte und schonungslos karikierte, doch den die Menschenliebe verließ, wenn die Sprache auf die Juden kam. Mit seinen satirischen Zeichnungen und Dichtungen erzielte Busch große Wirkung, seine komisch-grotesken Typen wurden Allgemeinbesitz. Das «Fremde», das «Unheimliche» des Juden, das Busch so wirkungsvoll darstellen konnte, fand in der Romanliteratur wie in der Karikatur zahlreiche Nachahmer. Buschs «gutmütige» Karikatur des «Schmulchen Schievelbeiners» war eine rassistische Verzerrung, wie sie dem populären Humoristen bei keiner seiner «deutschstämmigen» Typen in den Sinn gekommen wäre. Durch ihre weite Verbreitung beeinflusste sie das Judenbild vieler Deutscher.

Dass ein solches Lexikon schon in den 1950er, 60er Jahren hätte erscheinen sollen und können, dürfen wir dem Herausgeber nicht anlasten. Man hätte, wäre dies geschehen, so manchen Leinwandstar gewiss mit anderen Augen gesehen. Die meisten Schauspielerinnen und Schauspieler, die mit großer Inbrunst der neuen Zeit im großdeutschen Film ihre Kunst angedient hatten, nachdem die jüdischen Kolleginnen und Kollegen außer Landes getrieben waren und sie ihre braune Tünche mittels «Persilschein» abgewaschen hatten, setzten nach 1945 ihre Karriere unangefochten fort und heimsten Filmpreise oder andere Auszeichnungen ein, als wäre nichts gewesen. In den 1950er Jahren sah man beliebte Stars und Sternchen, die ihr zweifelhaftes Können in Förster- und Liebesfilmen darboten. Sie dienten nun dem neuen Zeitgeist.

Klees Lexikon ist trotz der genannten Mängel eine sprudelnde Quelle, eine Fundgrube von Informationen über menschliche Abgründe, über schändliches menschliches Verhalten, über Unanständigkeiten und Ambivalenz. Man lese einmal unter den Stichworten Gerhart Hauptmann oder Johannes Heesters! Und doch gab es auch, wenn auch selten, Anstand und Aufrichtigkeit in dieser Zeit. Das, was Ernst Klee als lexikalische Ernte einfährt, lässt den Leser mitunter in der einen wie der anderen Richtung staunen.

Theodor Joseph

Information:

Ernst Klee:
Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945
S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2007, 717 Seiten
29,90 Euro.

 

«Jüdische Zeitung», April 2007