Liebe für den Mitmenschen und harte Arbeit

Die Jüdische Gemeinde Konstanz als Erneuerungsmodell

 

Vier Vorstandsmitglieder werben für das         Konstanzer Kulturprogramm.                         Foto: Rau/Südkurier

Die Jüdische Gemeinde Konstanz: eine junge und mit etwa 120 Mitgliedern eine noch relativ kleine Gemeinde. Ihr Ziel ist die Erneuerung des jüdischen Lebens im ostalemannischen Gebiet. Sie erstreckt sich über die Stadt und den Landkreis Konstanz sowie über die angrenzenden altbadischen Gebiete, die nicht unter die Zuständigkeit der Israelitischen Kultusgemeinde Lörrach fallen. Noch nennt sie sich formell „Gemeinde in Gründung", doch die Untergliederung der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden (IRG)überzeugt bereits durch großen persönlichen Einsatz und vielfältige Angebote; sie ist eine lebendige Alternative zur Israelitischen Kultusgemeinde Konstanz. Die Vorsitzende Minia Koneck ist auch Delegierte beim Oberrat der IRG. Das Ergebnis der Vorstandswahlen im Juli spiegelt auch die Zusammensetzung der Gemeinde wider: Die Altersspanne des Vorstands reicht von 26 bis 64 Jahre, drei Mitglieder sprechen fließend Russisch, zwei Hebräisch. Unter den Gründungsmitgliedern ist auch die Sängerin und Gesangspädagogin Ruth Frenk, die sich seit Jahren im Vorstand der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Bodensee- Region engagiert.

«Was ich mit besonderer Freude miterlebe, ist, dass das Leitmotiv der Vorstands- und Gemeindearbeit das Interesse am Mitmenschen ist», meint Guni Kadmon im Namen der Gemeindemitglieder. «Die Gemeinde versteht sich als mehr als nur eine einheitliche Kultusgemeinde. Sie ist ein Ort, in dem sich jeder Jude und jede Jüdin - nicht nur aus religiösen Gründen - willkommen und als Mensch akzeptiert ist; ein Ort, an dem sich jeder Jude und jede Jüdin Hilfe und Unterstützung gewiss ist. Zu diesem Zweck wurde unter anderem ein Sozialdienst gegründet.» Die Gottesdienste, die nicht selten von gut einem Drittel der Gemeindemitglieder besucht werden, werden im traditionell orthodoxen Stil abgehalten. Um denjenigen Gottesdienstbesuchern, deren Verbindung zum aktiven Judentum früher eher gering war, das Verständnis zu erleichtern, werden freitagnachmittags zweisprachige Schi'urim über das Judentum gehalten; die Predigt wird ebenfalls ins Russische übersetzt. Als Vorbeter fungiert seit einem Jahr Fabian Samuel aus Zürich. «Dies ist für mich eine spannende und beglückende Aufgabe», sagt er, «verbunden mit viel pädagogischer Arbeit. Auf kleinem Raum finden sich bei uns Mitglieder aus unterschiedlichsten Herkunftsorten.»

Der diesjährige Europäische Tag der Jüdischen Kultur stand bei der Jüdischen Gemeinde Kostanz ganz im Zeichen der Musik: «Wir sind uns sicher, dass wir mit diesem Angebot viele Menschen in Konstanz interessieren und vielleicht auch für die jüdische Kultur begeistern können», sagte die Vorsitzende Minia Joneck vorab. Auf dem Programm standen unter anderem eine Einführung zur Synagoge und zum Ritus, «Denn mein Haus wird ein Bethaus genannt für alle Völker», ein Vortrag mit Ruth Frenk zum Thema «Jüdische Musik - von Kantor bis Klezmer» samt Hörbeispielen und praktischen Anwendungen sowie ein Konzert mit der Berliner Kantorin Jalda Rebling, das mit Unterstützung des Zentralrats der Juden in Deutschland zu Stande kam. Kultur, das ist auch ein Mittel zur Integration, und Integration ist wichtiges Ziel der Konstanzer Jüdischen Gemeinde. An erster Stelle steht die innereIntegration zwischen den altansässigen und zugewanderten Juden; nicht weniger wichtig ist die Unterstützung der Integration der Zugewanderten sowohl in die jüdische Gemeinschaft als auch in das allgemeine Gesellschaftsleben. «Beitragsfreier Deutschunterricht wird an zwei Orten beiderseits des Bodensees gehalten, integrative Veranstaltungen werden angeboten, kulturelle Initiativen der Zugewanderten werden gefördert und Ausflüge werden organisiert. Einige interkulturelle Netzwerke und Kooperationen mit staatlichen und kommunalen sozialen und Migrationsdienststellen wurden bereits gegründet und andere sind geplant», heißt es im aktuellen Jahresbericht. Eine Bilanz, die sich sehen lassen kann. «Um die Integrationsarbeit dem steigenden Bedarf anzupassen, hoffen wir sie mithilfe öffentlicher Fördermittel zukünftig ausweiten zu können.» Die stetig ansteigenden Mitgliederzahlen haben mit dazu geführt, dass die Gemeinde ihre bisherigen Räume in der Oberen Laube aufgeben muss und nun ein neues Domizil sucht. «Möglichst in zentraler Lage in Konstanz», so Minia Joneck.

Hartmut Bomhoff

«Jüdische Zeitung», Oktober 2008