Jüdisches Leben am Rhein. «Ledor Vador» in Oberwesel

 

Barbara Fuchs, Victor Sanovec, Klaus und       Dorotea Dürsch (DIF).                 Foto: privat

Barbara Fuchs und Victor Sanovec sind in Oberwesel am Mittelrhein zu Hause, quasi auf dem Lande. Die nächsten jüdischen Gemeinden sind weit, und jüdisches Leben ist in dieser Gegend vielerorts nur noch Geschichte. Dabei lohnt es sich, die erhaltenen Synagogenräume in Oberwesel mit Leben zu füllen und zu zeigen, dass Judentum in Deutschland wieder eine Zukunft hat. An einen Minjan ist dabei aber nicht zu denken. Was bleibt, ist die Kultur. Was tun? Die beiden holen sich von Fall zu Fall engagierte Partner ins Boot.

Am Europäischen Tag der Jüdischen Kultur am 7. September wurde der Deutsch- Israelische Freundeskreis Ingelheim (DIF) zum Partner von VICTORAT Oberwesel. Der Freundeskreis Ingelheim hat sich durch seine langjährige Arbeit vor Ort Anerkennung und Ansehen verschafft. VICTORAT ist eine Initiative von Victor Sanovec, mit der er seit 2003 auf das jüdische Leben am Rhein aufmerksam macht. Beiden gemeinsam ist ihr Interesse am Judentum, an Israel und am Dialog. Den attraktiven Auftakt der Veranstaltung bildete eine Schiffstour am Rhein von Ingelheim aus nach Oberwesel. Der Deutsch- Israelische Freundeskreis feierte dabei auf dem Deck in Anwesenheit politischer Prominenz der Stadt Ingelheim und des Landkreises Mainz-Bingen sein 25jähriges Bestehen. Anwesend waren neben dem Gründer des Freundeskreises, Herrn Hans-Georg Meyer, auch Vertreter der befreundeten Deutsch- Israelischen Gesellschaften aus Frankfurt, Mainz und Wiesbaden.

Bei dem Fest auf dem Schiff ging es nicht nur um den Rückblick auf die verdienstvolle Tätigkeit des DIF Ingelheim, sondern auch um den 60. Geburtstag des Staates Israel. Bei der Rückfahrt von Oberwesel nach Ingelheim wurde unter dem diesjährigen Motto des Europäischen Tags der Jüdischen Kultur, «Musik», für den aktuellen Bezug zum heutigen Israel gesorgt. Anstatt die Gäste mit besinnlicher, aber inflationärer Klezmermusik zu unterhalten, überraschte der DJ Sugar Ray mit seiner Auswahl brandneuer Musik aus Israels Diskotheken, die er auch mit entsprechendem Elan und entsprechender Lautstärke präsentierte. Der Funke sprang schnell über.

Vorher war es eher leise geworden bei der Besichtigung des Denkmals der Oberweseler Bürger für Ihre jüdischen Nachbarn und beim Besuch der Ausstellung «Ledor Vador» in der Synagoge. Nach dem Thema «Kontingentflüchtlinge - wieder Juden am Rhein» im Jahr 2003, «Dr. Alfred Gottschalk, ein amerikanischer Rabbiner aus Oberwesel» zum Europäischen Tag der Jüdischen Kultur 2007 und Bildern aus Israel 2007/2008 steht das jüdische Leben erneut im Mittelpunkt.«Ledor Vador» handelt von der Pluralität des jüdischen Lebens, in dem sowohl die Geschichte als auch die Gegenwart immer ihren Platz haben. Der Umfang der Ausstellung von Victor Sanovec ist durch die Größe der zur Verfügung stehenden Räume und dadurch begrenzt, dass es dort keine authentischen Gegenstände selbst zu sehen gibt, sondern nur ihre Abbildungen. Diese sind auf Papierbahnen kaschiert und vermitteln damit selbst den Eindruck eines Ausschnittes der Wirklichkeit. Der kleine Raum und die überschaubare Menge an Exponaten fördern die Konzentration auf den Zweck der Ausstellung: Sie stellt eine Gelegenheit zum Dialog dar, die von den Besuchern auch leidenschaftlich wahrgenommen wurde. Durch ihre ungewöhnliche lebendige Zusammensetzung von ausgelassenem Fest und Kontemplation geriet der Tag am Rhein zu einer Veranstaltung, die den Teilnehmern Anregungen lieferte und sicher in guter Erinnerung bleiben wird. Die Ausstellung «Ledor Vador» ist in den Räumen der Synagoge in 55430 Oberwesel nach Vereinbarung unter 0170 180 36 85 noch bis zum 31. Dezember 2008 zu besichtigen.

 

«Jüdische Zeitung», Oktober 2008