Zeichen der Zuversicht und der Hoffnung

Synagogeneinweihungen in Krefeld und Bielefeld

 

Feierlicher Einzug mit den Torarollen in die      neue Synagoge der Jüdischen                        Kultusgemeinde Bielefeldt.              Foto: dpa

Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Jürgen Rüttgers, konnte im vergangenen Monat gleich an zwei Synagogeneröffnungen in seinem Bundesland teilnehmen, erst in Krefeld, dann in Bielefeld. In Krefeld warnte Rüttgers am 14. September vor neuen Tendenzen des Antisemitismus: «Den Reichtum an Möglichkeiten durch jüdisches Leben in Nordrhein-Westfalen lassen wir uns nicht von den Anhängern totalitärer, menschenverachtender Ideologien kaputtmachen. Diese Möglichkeiten dürfen nicht kaputtgeschrieben werden von geistigen Brandstiftern. Sie dürfen nicht zertreten werden. Sie dürfen nicht zerbombt werden im Namen einer Religion.» Vor allem dürften die Möglichkeiten nicht brüchig werden, «weil wir zurückweichen vor Extremisten und Terroristen. Angst verhindert Offenheit. Und Hass lässt der Zukunft keinen Raum.»

Die Geschichte der Krefelder Juden sei eine wechselvolle Geschichte gewesen, so Rüttgers. Die Einweihung der neuen Synagoge sei ein Zeichen für die Gesellschaft: «Wir sind dankbar für das, was uns die Jüdischen Gemeinden unseres Landes und hier in Krefeld geben: dass Vertrauen geschenkt wird. Der heutige Tag macht klar: Das, was die Nazis wollten, ist gescheitert. Jüdisches Leben ist da. Es ist ein Zeichen der Zuversicht und der Hoffnung.» Rüttgers würdigte das Engagement auch jener jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die in den vergangenen Jahrzehnten nach Nordrhein-Westfalen gekommen seien: «Sie haben Gewohntes aufgegeben. Sie mussten es aufgeben zugunsten einer Fremde, von der sie aber nicht wussten, ob sie jemals Zuhause, Heimat würde. Hier ist nun der Raum für den mitgebrachten, vertrauten Glauben. Und hier ist auch Raum, sich in das Neue einzufinden.»

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Krefelds, Johann Schwarz, beklagte, dass kein deutscher Politiker der Nachkriegszeit die verjagten Juden je mit Nachdruck um ihre Rückkehr gebeten habe. Jüdische Religiosität und Kultur überlebe in Deutschland heute nur durch die Zuwanderung aus dem ehemaligen Ostblock. Etwa 1.100 Mitglieder hat die jüdische Gemeinde zwischen Kleve und der Stadtgrenze zu Düsseldorf, die meisten wohnen in Krefeld selbst; 97 Prozent von ihnen kommen aus der ehemaligen Sowjetunion.

Ein altes               Gemeindemitglied in Krefeld.            Foto: dpa

Rüttgers verwies in der neuen Krefelder Synagoge auf die Innenausstattung, insbesondere auf das» wunderbare Ahorn-Holz der Türen, der Stühle und der Tische. Denn so, wie die Jahre diesem Holz einen warmen, weichen Ton geben werden, so werden Sie, meine Damen und Herren, diese Synagoge zu einem Ort machen, der Geborgenheit vermittelt.» Ob wohl auch die neue Bielefelder Synagoge, an deren Einweihung der Ministerpräsident eine Woche später teilnahm, zu einem Ort der Geborgenheit werden kann? Die Bielefelder Kultusgemeinde ist zerstritten. Nachdem der Vorstand mit Irith Michelsohn und Paul Yuval Adam abgewählt worden war, wurde diese Wahl angefochten, so dass es zu keiner Amtsübergabe kam; eine abschließende Entscheidung des Schiedsgerichtes des Zentralrats der Juden steht in dieser Angelegenheit noch aus. In den letzten Wochen war auch wiederholt die Frage laut geworden, ob die Kultusgemeinde mit ihren gut 250 Mitgliedern das Gebäude, das zuvor als evangelische Kirche gedient hatte, überhaupt mit Leben füllen und auch finanziell halten könne. Der Festtagsstimmung tat all dies bei der Einweihung aber keinen Abbruch.

Bei dem feierlichen Zug von den bisherigen Gemeinderäumen hin zur neuen Synagoge trugen Rabbinerin Gesa Ederberg, Rabbiner Andreas Nachama (beide aus Berlin) und Rabbiner Tom Kucera (München) die geschmückten Torarollen, begleitet von Mitgliedern der Kultusgemeinde. Die Mittel für den neuen Toraschrein hatten evangelische, katholische und freikirchliche Christen gespendet. Der ehemalige Landesrabbiner von Werstfalen- Lippe, Rabbiner Henry G. Brandt, erinnerte an die Ereignisse am 9. November 1938, als in Deutschland die Synagogen brannten. Auch an der Turnerstraße in Bielefeld. «Wer hätte damals geglaubt, dass heute wieder in Bielefeld eine Synagoge eingeweiht wird?» Ein Aspekt, auf den Ministerpräsident Rüttgers auch in seiner Rede zu sprechen kam: Er erinnerte an ein Foto aus dem Jahr 1938. Dieses Foto, das in diesem Jahr von manchen Medien veröffentlicht worden sei, habe die brennende Synagoge von Bielefeld gezeigt. «Mich hat dieses Bild bedrückt. Auch zornig gemacht.» Vor diesem Hintergrund sei die Einweihung der neuen Synagoge «ein wunderbarer Tag für Bielefeld, für Nordrhein-Westfalen und für ganz Deutschland: «Jüdisches Leben ist da. Das macht mich glücklich.»

Hartmut Bomhoff

«Jüdische Zeitung», Oktober 2008