Verdeckte Helfer

Das Sorgentelefon «Dowerija» im Großraum Stuttgart

 

An zwei Tagen in der Woche heißt sie Mascha. Mascha - das ist ein Pseudonym und auch ein Schild. Ein Schild, gedacht um eine gewisse Distanz zu schaffen, die paradoxerweise zu jenem Vertrauen führt, dass ihren Job erst möglich macht. Mascha arbeitet für das Sorgentelefon «Dowerija», das sich seit 2003 an alle russischsprachigen Immigranten im Großraum Stuttgart wendet. Ihr wahrer Name solle später nicht erscheinen, bittet sie mich. Auch Fotos oder ein persönlicher Besuch waren nicht erwünscht. Die Anonymität der Mitarbeiter ist bei «Dowerija» oberstes Gebot.

Doch ein wenig verrät Mascha während des telefonischen Interviews auch über sich selbst. Sie ist 63 Jahre alt. Vor acht Jahren verließ sie ihre Heimat Moskau, wo die obszönen Auswüchse des Turbo-Kapitalismus einigen wenigen unvorstellbaren Reichtum beschert haben, das Gros der russischen Bevölkerung hingegen immer tiefer in die post-sowjetische Armut treiben. In der «Schwaben-Metropole» tief im reichen Südwesten Deutschlands versprach sie sich ein würdigeres Leben. Ein Wirtschaftsflüchtling also, den die Globalisierung ins Exil getrieben hat. Ihre Zahl steigt und das bringt Probleme mit sich, neben gesellschaftlichen vor allem auch persönliche. An dieser Stelle setzten vor fünf Jahren Dieter Albert, Geschäftsführer des Evangelischen Migrationsdienstes in Württemberg (EMDW), und Birgit Dinzinger, Fachleiterin Migration im Diakonischen Werk Württembergs, ihr Projekt an. In enger Zusammenarbeit mit der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) entstand jenes Telefon des «Vertrauens», denn genau das bedeutet «Dowerija» übersetzt. Es sollte eine schnelle und unbürokratische Hilfestellung für Immigranten aus der ehemaligen Sowjetunion sein.

Kritiker könnten den Initiatoren vorwerfen, dass es hinsichtlich des Integrationsprozesses kontraproduktiv sei, alle Angebote auf Russisch zu machen. Gerade aber die Muttersprache bildet einen wichtigen Baustein im Projektkonzept. Möchte man etwas erreichen, sollte man die Leute dort abholen, wo sie stehen, so die Losung. Über 28.000 Anrufe zählt die Einrichtung seit ihrer Gründung im Juli 2003 bis heute. Doch die Zahl ist irreführend, denn das Hauptaugenmerk liegt bei den sogenannten «Stammkunden». Menschen also, die das Telefon «Dowerija» wieder und wieder in Anspruch nehmen. Frauen bilden dabei mit etwa 70 Prozent die überwältigende Mehrheit der Anrufer. Männern fällt es nach wie vor schwer, über den eigenen Schatten zu springen und Probleme anzusprechen. Besonders ältere Menschen jenseits der 50 haben Schwierigkeiten, sich an eine neue Umgebung anzupassen. Es sind fast immer dieselben trüben Geschichten vom Nichtangekommensein in der neuen Heimat, samt Vereinsamung, Alkoholsucht und häuslicher Gewalt. Nicht immer in dieser Reihenfolge, aber eben doch überwiegend. Mascha hatte bei ihrer Ankunft schon vieles erkannt, was andere Zuwanderer oft erfolglos zu ignorieren versuchen.

«Sprache ist nun mal der Schlüssel zu Kultur und Gesellschaft», sagt sie mit starkem Akzent, aber perfekter deutscher Grammatik. Als sie ankam, tat sie zwei Jahre nichts anderes, als sich eisern die Sprache zu erschließen. Eine Arbeitsstelle in einem Stuttgarter Hotel war schließlich der Lohn ihrer Mühen. Seit vier Jahren ist sie nun ehrenamtlich beim Sorgentelefon tätig. Ihre Hauptaufgabe sei es, einfach zuzuhören, sagt sie. Sich die Probleme von der Seele zu reden sei für viele schon der halbe Weg zu deren Lösung. Die meisten der Anrufer sind zudem in den totalitären Staatsgefügen des Warschauer Paktes aufgewachsen und kennen sich mit ihren Freiheiten und Pflichten in einem demokratischen Rechtsstaat kaum aus. So ist Seelsorge nur ein Teilbereich der Arbeit des zehnköpfigen Teams, bestehend aus neun Frauen und einem Mann. Oft klären sie über juristische Zusammenhänge auf, beraten bei anstehenden Behördengängen oder leiten die Hilfesuchenden an entsprechende Stellen weiter. Obwohl die Seelsorger allesamt ehrenamtlich tätig sind, kostet auch diese Hilfe Geld. Zwar wird das Projekt von gleich drei konfessionellen Einrichtungen - IRGW, EMDW, Diakonisches Werk - getragen, doch ohne die Zuwendungen aus dem Europäischen Flüchtlingsfonds hätte man von der Realisierung wohl absehen müssen. Ein gutes Beispiel dafür, dass aus Brüssel nicht bloß Hiobsbotschaften kommen.

 

Kontakt: Telefon Dowerija,

Tel.: 0800 / 6446444.

Telefonzeiten: dienstags 17:00 - 20:00 Uhr, donnerstags 18:00 - 21:00 Uhr, sonntags 16:00 - 20:00 Uhr.

Max Holtmann

«Jüdische Zeitung», Oktober 2008