Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Ein Zuhause, das mein Nachbar nicht anerkennt und respektiert, ist kein Zuhause»Zu Hannah Arendts Schriften über Judentum und Zionismus
Bei der Person von Hannah Arendt sehen sich manche Leser vor Probleme gestellt. Während sie in Nordamerika wie auch in Deutschland längst ein mit Straßennamen, Instituten und Briefmarken etablierter Name ist, werden ihre Ansichten und Thesen höchst ambivalent bewertet. Ihre unbestrittene Stellung als politische Philosophin basiert auf ihrem massiven Werk über die Ursprünge des Totalitarismus, das sie in den frühen 50er ahren bekannt gemacht hatte, sowie auf ihrem «The Human Condition», das in den 60er Jahren zur Pflichtlektüre an amerikanischen Universitäten wurde. «Eichmann in Jerusalem», 1963 erschienen, wurde dagegen heftigst debattiert, die Autorin persönlich attackiert und in Israel selbst bis zur hebräischen Übersetzung im Jahr 2000 praktisch totgeschwiegen. Dennoch ist bis heute wenigen voll bewusst, welche zentrale Rolle spezifisch jüdische Themen in Arendts Oeuvre eingenommen und wie diese ihre Gesamtthematik bestimmt haben. Lange erwartet sind hierzu nun das Gros ihrer «Jüdischen Schriften» in einem Band vereint erschienen. Zu den bisher unveröffentlichten Aufsätzen oder Fragmenten zählen hier vor allem ein Buchfragment über Antisemitismus und ihr Aufsatz «Die Krise des Zionismus» (1943); es sind gerade diese jüdischen Aufsätze, die vieles in ihrem bereits bekannten Werk anders beleuchten und verständlicher machen. Was viele an Arendt stört und verstört, ist, dass sie sowohl dezidierte jüdische Nationalistin als auch scharfe Kritikerin jüdischer Politik und Gesellschaftlichkeit ist - eine Spannung, die in ihrem Werk deutlich zum Ausdruck kommt. So unterscheidet Arendt bekanntlich zwischen drei Formen jüdischer Existenz: der des Paria, des bewussten Paria und der des Parvenüs. Der Paria lebt in einer «Gesellschaft außerhalb der Gesellschaft», «von der formalen Gesellschaft ausgeschlossen» und nicht daran interessiert, in sie aufgenommen zu werden und eine andere Identität anzunehmen. Parias sind deklassiert, ohne Ausbeuter und Ausgebeutete, doch ihre Stellung ist unfreiwillig parasitisch. Hier steht Arendt mit Max Weber gegen den unter deutschen Zionisten damals populären Werner Sombart: Auch für Arendt waren Juden keine treibende, sondern eine parasitäre Kraft im Kapitalismus, von der «ursprünglichen Akkumulation » blieben sie ausgeschlossen, ihr Kapital wurde regelmäßig konfisziert. Dagegen steht Arendts Parvenü: er versucht, der Ausgrenzung dadurch zu entkommen, indem er den Klassenlosigkeitsanspruch des jüdischen Volkes infrage stellt, sich vom Volk absondert und zu assimilieren sucht. Bereits 1932 störte es Arendt, dass eine Gruppe reicher Juden eine Privatschule für ihre Kinder einrichten wollte, die andere jüdische Kinder ausschloss. Daraus, und aus ihrer Romantisierung des Paria, erklärt sich auch ihr bis zum Eichmann-Buch sichtbares Problem mit dem Gros jüdischer Führergestalten, seien es die Rothschilds, die jüdischen Notabeln oder gar Leo Baeck, jener «Repräsentant der gebildeten Spießer». Die Polarität von Parvenü und Paria, von elitärem Habitus und (revolutionärer) Volksbewegung zeigt sich so auch in ihrer zwiespältigen Bewertung von Theodor Herzl: Zwar tat Herzl etwas «erstaunlich neues», revolutionäres, im jüdischen Leben: er wollte die jüdische Frage erstmalig politisch lösen. Andererseits war sein Zionismus ein bürgerlich-jüdischer Zionismus von Intellektuellen, der sich bekanntlich vor allem auf Großmächte-Diplomatie stützte. Dem stellt sie nun die Position Bernard Lazares gegenüber, der Zionismus betreiben wollte auf der Basis einer breiten revolutionären Bewegung, im Gegensatz wiederum zu Herzls Zionismus, von Arendt (und Lazare) als reaktionärer Honoratioren-Zionismus bezeichnet, der die jüdischen Massen Osteuropas bevormunden wollte und gegen jede Art von Revolution im jüdischen Leben gerichtet war. Arendt meint, Herzls politische Strategie war vielleicht verständlich im unmittelbaren Kontext der Dreyfus-Affäre, als sich die ganze Welt gegen die Juden zu verschwören schien, eine Zeit, in der Herzl den Antisemitismus als ein ewiges Naturphänomen betrachten konnte, dem jeder Nichtjude genetisch verfallen wäre und das nur mit der Gründung eines jüdischen Staates eingedämmt werden könnte. Mit Lazare verstand sie Antisemitismus anders: dass Judenhass nicht isoliert gesehen werden kann, sondern nur im gesellschaftlichen Zusammenhang, in dem Juden selbst nicht von der Umwelt isoliert, sondern aktiv an den bestehenden Umständen beteiligt sind. Dies wird vor allem auch im Totalitarismus-Buch offenbar, in dem sie Juden aus vorgestellter Opfer-Passivität reißt und ihnen «agency», Selbstbestimmtheit, zurückgibt. Gerade weil sie den Antisemitismus gesellschaftlich verortet, strebt sie auch eine jüdische «Heimstatt» in Palästina an, nicht einen «pseudo-souveränen jüdischen Staat». Eine Heimstatt, in der sich Juden auf die eigene Kraft der jüdischen Massen besinnen und sich mit den unterdrückten Völkern des Nahen Ostens verbinden würden. Einiges an dieser Haltung, nicht unbedingt freilich die Ideen selbst, fand sich im Kreis um den Brith Schalom in Palästina, zumeist intellektuelle Einwanderer aus Deutschland, die einen binationalen Staat befürworteten. Ohne Bernard Lazare sind ihre Gedanken über jüdische Politik kaum denkbar, und vor allem die zentrale Dichotomie von Paria und Parvenü hatte sie ja von Lazare übernommen. Es ist eine schneidend scharfe Dichotomie: «Alle gerühmten jüdischen Eigenschaften - das jüdische Herz, Menschlichkeit, Humor, unparteiische Intelligenz sind Paria-Eigenschaften. Alle jüdischen Schwächen: Taktlosigkeit, politische Dummheit, Minderwertigkeitsgefühle und Geldgier sind Eigenschaften der Aufsteiger. Doch die Geschichte hat beiden, den Parias und den Parvenüs, den Status der Rechtlosigkeit aufgezwungen. Diesen Gedanken der Rechtlosigkeit des Paria hat Arendt in ihrem bedrückenden Aufsatz «Wir Flüchtlinge» (1943) auf die jüdischen Flüchtlinge aus Nazi-Europa übertragen, und er findet sich sodann im Totalitarismus- Buch wieder, wo sie über Staatenlosigkeit und das Recht, Rechte zu haben, spricht. Hier wird sichtbar, dass die jüdische Erfahrung im Gegensatz gerade auch zu Herzl für Arendt keine enge tribalistische, sondern eine universalistische Erfahrung ist, durch die universelle Menschenrechte eingefordert werden - eine Sichtweise, die heute in Debatten von und über Juden allzu oft verloren gegangen ist. Gegen den Parvenü stellt Arendt also den «bewussten Paria»: Moses Mendelssohn als erster, der für die Gesamtheit des Volkes die Emanzipation bringen wollte, Martin Buber, der Juden durch eine «Jüdische Bindung» vereinen wollte - und noch deutlicher Jossel Rosensaft, der charismatische Sprecher im Displaced-Persons-Lager Bergen-Belsen, der für eine Führung ohne Privilegien steht und Probleme autonom, ohne Hilfe von außen, zu lösen sucht. Das Volk ist also mobilisierbar wenn «einer aus dem Volk», wie Achad Ha'am, es anspricht und führt. Parallelen zu zeitgenössischen Vorstellungen sind unverkennbar: «Klasse an sich» und «Klasse für sich» in der Unterscheidung von Parias und bewussten Parias, bewusste Parias auch als eine Synthese aus israelitischen Propheten nach Max Weber und organischen Intellektuellen nach Gramsci. In ihrer prophetischen, moralischen Kraft freilich überwinden nach Arendt diese bewussten Parias auch den Tribalismus zugunsten universeller Werte und stellen sich dadurch ins Abseits: «Diejenigen, die am meisten für die geistige Würde ihres Volkes getan haben, die die Größe hatten, die Grenzen des Nationalen zu überschreiten und die Stränge ihres jüdischen Geistes in das europäische Leben einzuflechten, wurden kaum noch flüchtig anerkannt.» Vor allem mit ihrer scharfen Kritik an Ben-Gurion und der Nähe zum Brith Schalom hat sich auch Arendt jüdischerseits früh ins Abseits gestellt: sie attackierte einen Nationalismus, der sich parvenühaft an große Mächte klammert, und prophetisch warnte sie, Israel entwickle sich zu einer «bewaffneten und introvertierten Gesellschaft», in der sich politisches Denken um Militärstrategie zentrieren würde; die Vertreibung der arabischen Bevölkerung würde dauerhafte innere Gefährdung bringen, denn «ein Zuhause, das mein Nachbar nicht anerkennt und respektiert, ist kein Zuhause». Diese politisch unkorrekten Ansichten, die freilich damals noch in gemäßigten jüdischen Zeitschriften erscheinen konnten, bestehen heute unverändert, was Arendts «Jewish Writings» so besonders wertvoll macht.
Hannah Arendt, The Jewish Writings. Hrsg. von Jerome Kohn und Ron H. Feldman. Schocken Books 2007. 640 Seiten, 35 US-Dollar. |